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Vom brüchigen Frieden
zum offenen Krieg Bereits Mitte Januar standen die Friedensverhandlungen zwischen der Guerillagruppe FARC und der kolumbianischen Regierung auf der Kippe. Erst im letzten Moment wurde die Frist für die entmilitarisierte Zone verlängert. Es wurde ein Fahrplan vereinbart, nach dem Präsident Pastrana am 10. April über die Fortsetzung der Gespräche mit den FARC entscheiden sollte. Doch bereits am 20. Februar brach er die Verhandlungen abrupt ab und befahl die militärische Besetzung der Entspannungszone im kolumbianischen Amazonasgebiet. Auslöser war die Entführung eines Flugzeuges und eines Politikers - mutmaßlich durch die FARC. Die Entscheidung fällte Pastrana im Einvernehmen mit der US-Regierung und den kolumbianischen Streitkräften. Die internationale Gemeinschaft, auch die europäischen Regierungen, die den Verhandlungsprozess begleiteten, wurden nicht informiert. Bereits kurz nach Verkündung des Abbruchs der Verhandlungen im Fernsehen begannen die Bombardierungen. Angeblich werden nur Guerilla-Stützpunkte und -Infrastruktur getroffen, Kollateralschäden aber nicht ausgeschlossen. Sechs Wochen sollen die Bombardierungen dauern, außerdem halten sich 3800 Paramilitärs bereit, ihre Schmutzarbeit in der Region durchzuziehen. Die Entscheidung zum offenen Krieg hat nicht nur enorme Auswirkungen für Kolumbien, sondern auch die gesamte Andenregion. Bruno Rütsche zieht eine Bilanz des von Beginn an brüchigen Friedensprozesses. Die Aufnahme von Verhandlungen zwischen der kolumbianischen Regierung und der größten Guerillagruppe des Landes FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia, Bewaffnete Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens) erfolgte aufgrund des Drucks der Zivilgesellschaft auf die Präsidentschaftskandidaten bei den Wahlen von 1998 und schweren Niederlagen der Armee bei Auseinandersetzungen mit den FARC. Mit der Initiative zu Verhandlungen gewannen sowohl die Regierung wie auch die Guerilla. Andrés Pastrana, Kandidat der Konservativen Partei, hatte Friedensverhandlungen zu seinem zentralen Wahlversprechen gemacht. Diese wurden politische Priorität seiner Amtszeit (1998 – 2002). Er verknüpfte sein politisches Schicksal direkt mit dem Friedensprozess, was ihm – abgesehen von den USA - bei der internationalen Staatengemeinschaft beträchtliches Prestige verschaffte. Eine zweite Karte setzte Pastrana auf eine neoliberale Wirtschaftspolitik. Diese führte zu einer beschleunigten Verarmung großer Teile der Bevölkerung. Der wirtschaftliche und soziale Niedergang hatte unzählige Proteste gegen Pastrana zur Folge, die oft mit Brutalität niedergeschlagen und kriminalisiert wurden. Verhandlungen inmitten des Krieges Die Verhandlungsinitiative zwischen Regierung und FARC hatte von Beginn an große Widerstände und Hindernisse. Während der Friedensgespräche kam es nicht zu einem Abflauen, sondern einer Zunahme von Kampfhandlungen. Als Voraussetzung für die Aufnahme von Gesprächen war kein beidseitiger Waffenstillstand vereinbart worden, was im Rückblick als wesentlicher Aspekt für das Scheitern des Prozesses gesehen wird. Die Verschärfung des bewaffneten Konfliktes hatte mit der paramilitärischen Offensive wie auch mit der Umsetzung des Plan Colombia zu tun, aber auch damit, dass die FARC durch militärische Aktionen ihre Stärke demonstrieren und ihre Verhandlungsposition festigen wollten. Die Bevölkerung erwartete zu Recht von Friedensgesprächen eine Verminderung der Kriegshandlungen und eine Verbesserung ihrer Situation. Aber das Gegenteil trat ein: Die Massaker der Paramilitärs überboten sich in Grausamkeit, die systematische Vertreibung der Landbevölkerung ging unvermindert weiter, die Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen nahmen zu und die sozialen Bewegungen wurden mit großer Härte unterdrückt und zum Schweigen gebracht. (vgl. ila 252 – Kolumbien: Krieg gegen die soziale Bewegung) Die soziale Situation In seiner Amtszeit setzte Pastrana mit großer Härte die Bedingungen von IWF und Weltbank durch, was zu einer dramatischen Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation und einer rasanten Verarmung des ohnehin schmalen Mittelstandes führte. Zehntausende von kleinen und mittelgroßen Betrieben gingen in Konkurs, das Heer der Beschäftigten des informellen Sektors wuchs, die Sozialleistungen wurden abgebaut und die kleine verbleibende Schicht festangestellter ArbeiterInnen und Angestellten musste den Abbau hart erkämpfter Sozialleistungen hinnehmen. Dazu kam der Verfall des Kaffeepreises und insgesamt der Agrarprodukte, was Tausende von Bauern in den Ruin – und nicht selten in den Drogenanbau – trieb. Paramilitarismus Parallel zur offiziellen Verhandlungsaufnahme am 7. Januar 1999 führten die Paramilitärs eine beispiellose Offensive gegen die Zivilbevölkerung durch und ermordeten in einer Woche 200 Menschen. Wenige Tage später erklärten die FARC die Verhandlungen für eingestellt und verlangten von der Regierung konkrete Maßnahmen zur Bekämpfung der Paramilitärs. Die FARC legten einen Bericht vor, in dem sie Verantwortliche des Paramilitarismus benennen und deren Verbindungen mit der Armee aufzeigen. Die Paramilitärs verzeichneten in den letzten vier Jahren einen gewaltigen Aufschwung. Ihr Kampf richtet sich vorwiegend gegen die wehrlose, unbewaffnete ländliche Bevölkerung, GewerkschafterInnen und Basisbewegungen. Ihre militärischen Verbände – koordiniert in den sogen. Vereinigten Selbstverteidigungsgruppen Kolumbiens, AUC – können auf wachsende politische, finanzielle und logistische Unterstützung zählen. Ihre Verbindungen zur Armee sind nach wie vor intakt und zur Genüge erwiesen. Bis heute hat die Regierung im besten Fall Scheingefechte gegen die paramilitärischen Verbände geführt, jedoch keinerlei Strategie zu deren Bekämpfung entwickelt noch ernsthafte Bemühungen unternommen, die Verbindungen zwischen Armee und Paramilitärs zu kappen. Plan Colombia Die Armeeführung hat die Einrichtung einer entmilitarisierten Zone als Entspannungsgebiet für die Verhandlungen als Gesichts- und Prestigeverlust interpretiert und nur widerwillig hingenommen. Bereits zu Beginn kam es beim Abzug der Soldaten zu einem drei Monate langen Tauziehen über den Verbleib von Armeeeinheiten. Die Armeeführung hat wiederholt Kontrollbestimmungen für die Entspannungszone gefordert und sich mehrmals einer Verlängerung widersetzt. Bereits während der Januar-Krise machte sie klar, dass sie für den Einmarsch in die Entspannungszone bereit sei und ließ 23 000 Soldaten aufmarschieren. In der mit modernster Technologie ausgestatteten Militärbasis Tres Esquinas in Süd-Kolumbien sind 13 000 Soldaten von Sondereinheiten stationiert. Mediale Kriegstreiberei Wichtig ist, die Rolle der Medien in dem gegenwärtigen Konflikt auszuleuchten. Sie haben wesentlich zur Verschärfung des Krieges, zur Verdrehung von Tatsachen und zur Krise des Friedensprozesses beigetragen. Während dem Chef der Paramilitärs, Carlos Castaño, in Fernseh-, Presse- und Radiointerviews eine breite Tribüne geboten wurde, verübten die paramilitärischen Gruppen ein Massaker nach dem anderen, worüber die Medien meist summarisch berichteten, jedoch dafür nicht die Führung der Paramilitärs verantwortlich machten. Die bestialischen Aktionen der Paramilitärs wurden und werden als Antwort auf die Gewalt der Guerilla dargestellt und damit zwar nicht explizit gut geheißen, aber doch legitimiert. Die Opfer – mehrheitlich bäuerliche Bevölkerung – werden zu Tätern, denn ihnen wird der Stempel der vermeintlichen Kollaboration mit der Guerilla aufgedrückt. Vor einer neuen Eskalation des Krieges Im Januar konnte der Friedensprozess noch einmal gerettet werden, was vor allem auf die Intervention des UN-Beauftragten LeMoyne und die „Gruppe der Freunde“ zurückzuführen ist, die den Prozess begleiteten und der auch die Regierungen Frankreichs, Spaniens, Italiens, Schwedens und Norwegens angehörten. Letztlich ging es auch bei diesem Prozess darum, inwieweit die militärische Logik durch eine politische überwunden werden kann. In den drei Verhandlungsjahren dominierte klar die militärische Linie und bestimmte den Verlauf. Ein Wille zu politischen Reformen auf Seiten der Regierung und ein Abrücken von militärischen Strategien auf Seiten der Guerilla war nicht auszumachen. |