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aus Rente & Rendite / ila 251

Plan Colombia und regionale Geostrategie
Analyse des ecuadorianischen Oberst a.D. Jorge Brito
von Jorge Brito

Siehe auch unten: 
Unser Schrei wird zu hören sein: 
Hier klicken ! Grenzcamp goes Plan Colombia (März 2002)

Am 21. Januar 2000 stürmten demonstrierende Indígenas, unterstützt von anderen Teilen der Volksbewegung und einigen Militärs, den Regierungspalast in Quito, erklärten den verhassten Präsidenten Jamil Mahuad für abgesetzt und bildeten eine revolutionäre Junta. Nach wenigen Stunden hatte das Establishment die Lage wieder unter Kontrolle. Die oberste Militärführung setzte den bis dahin amtierenden Vizepräsidenten Gustavo Noboa als neuen Präsidenten ein. Der Status quo war wiederhergestellt und die Verelendung der Bevölkerung ging weiter. Die Militärs, die den Indígena-Aufstand unterstützt hatten, wurden zunächst festgenommen, danach aus der Armee entlassen. Einer von ihnen war Oberst Jorge Brito. Heute ist der geschasste Militär Mitglied des Beratungsausschusses der zivilen Überwachungsgruppe des Plan Colombia in Ecuador. Jorge Brito versteht etwas von militärischer Strategie, war er doch zeitweilig Dozent für sowjetische Militärstrategie an der berüchtigten School of the Americas. Dazu meint er rückblickend: „Wir waren Teil der School of the Americas, aber die School of the Americas ist kein Teil von uns geworden.“ Im folgenden, im Juli 2001 geschriebenen Beitrag analysiert Brito die Militärstrategie der USA, die Rolle, die dem Plan Colombia dabei zufällt und was dies alles für Ecuador bedeutet.

Es ist wiederholt gesagt worden, dass der Plan Colombia ein Kriegsplan ist. Warum? Die USA haben auf der ganzen Welt viele und speziell wirtschaftliche Interessen. Der Hauptanteil ihrer Investitionen liegt mit ca. 540 Milliarden US-Dollar in Europa. Das macht ungefähr 55 Prozent der Gesamtinvestitionen aus. An zweiter Stelle folgt Lateinamerika mit 223 Milliarden US-Dollar Direktinvestitionen, d.h. insgesamt 19 Prozent. In den übrigen Teilen der Welt liegen die Investitionen niedriger.Auf Basis dieser großen – vor allem wirtschaftlichen – Interessen teilen die USA die Welt in strategische Regionen auf und betrachten sie als globalen „Kriegsschauplatz“. Es handelt sich um einen Kriegsschauplatz, auf dem zum Schutz ihrer Interessen alle militärischen Kräfte zum Einsatz kommen.

Mit dem Oberkommando in Nordamerika, teilen die USA die Welt dergestalt in Kommandobereiche auf: das Kommando Süd, zuständig für Zentral- und Südamerika und die Karibik, das Pazifik-Kommando, das Kommando Europa und das AtlantikKommando. Den anderen Gebieten werden je nach Intensität der jeweiligen Konflikte die entsprechenden militärischen Kräfte zugewiesen. Nichts von dem, was in der Welt geschieht und von den Großmächten ausgeht, d.h. die politischen, wirtschaftlichen, sozialen und militärischen Projekte, ist ein isolierter Tatbestand. Alles ist das Ergebnis einer großen globalen Strategie, in der die Großmächte und Hegemoniekräfte ihre Interessen zu wahren versuchen.

Es gibt zwei wichtige Ereignisse aus dem Jahr 1982, die die Grundlage der US-Strategie bilden und schließlich zu dem wurden, was heute Plan Colombia heißt. Von April bis Juni 1982 gab es einen Krieg um die Falkland-Inseln. Großbritannien erhob sein Haupt und verurteilte Argentinien dafür, dass es als unbedeutendes Drittweltland gewagt hatte, eine Weltmacht anzugreifen. Die USA als Mitglied der OAS und Unterzeichnerin des Interamerikanischen Abkommens über Gegenseitige Hilfe (TIAR) verbündeten sich nicht mit dem lateinamerikanischen Land und kümmerten sich auch nicht um die Erfüllung des TIAR. Im Gegenteil schlugen sie sich auf die Seite Englands, lieferten Logistik und Aufklärungsmaterial und brachen damit das Abkommen mit den lateinamerikanischen Ländern. Dies ist für die spätere strategische Analyse ein entscheidender Sachverhalt, da es sich um einen tiefen Einschnitt in die interamerikanischen Beziehungen der USA handelt. 

Ein weiterer Umstand, der gravierende, kritische Auswirkungen, in diesem Fall auf die internationale Finanzwelt, hatte, war das einseitige Moratorium des Schuldendienstes, das der mexicanische Präsident José López Portillo im September 1982 erklärte. Beide Tatsachen zusammen wurden zu einer wahren Bedrohung für die Wirtschafts- und Finanzkontrolle und die politische und militärische Hegemonie der Großmächte. Im Juni, Juli und August 1982 verfügten die USA daher übereilt die Schaffung einer Eliteinstanz namens „Interamerikanischer Dialog“. Der Hauptzweck dieser Neugründung bestand darin, unter Berücksichtigung der formalen Demokratie eine groß angelegte Strategie zur Umstrukturierung der lateinamerikanischen Streitkräfte zu entwickeln, denn die nationale Sicherheitsdoktrin, als Teil des Kalten Krieges von den USA selbst entwickelt, erwies sich immer mehr als Bumerang in Bezug auf die eigenen Interessen.

Im Rahmen dieser Strategie tauchte sodann ein Projekt auf, das man als machiavellistisch bezeichnen kann: Mit dem Ziel, die Funktion der lateinamerikanischen Streitkräfte neu zu definieren, ihren Auftrag umzustrukturieren und so schnell wie möglich die größte Bedrohung der US-amerikanischen Interessen, d.h. die Nationalstaaten, abzubauen, stellte Ronald Reagan, damals Präsident der USA, vor dem britischen Oberhaus das Projekt „Demokratie“ vor.

Gegen die katholische Kirche und die Drogen

Die USA begannen diesen Prozess 1982 und stellten 1986 sogar fest, dass es zwei Strukturen in den lateinamerikanischen Nationalstaaten gab, die eine besondere Bedrohung für die Hegemonieansprüche der USA und der anderen Großmächte darstellten. Es handelte sich hierbei zum einen um die katholische Kirche, die zersplittert und an die neue Strategie angepasst werden musste. Die einzige Möglichkeit, „Kreuz und Schwert“ der Nationalstaaten zu besiegen, sei die Unterminierung der katholischen Kirche des Kontinents durch die Verbreitung anderer Religionen und Gruppen, die die lokalen Gesellschaften unterliefen. Die katholische Kirche in Lateinamerika vertritt eine Philosophie der Verteidigung der Armen, während die in den USA entstandenen Religionen, besonders die evangelikalen, sich eher an der Philosophie des Wirtschaftskapitalismus ausrichten, in der einzig und allein das (erfolgreiche, d.S.) Individuum zählt.

Andererseits mussten auch die Streitkräfte zersplittert werden. Zu diesem Zweck richteten die USA ihre strategischen Bemühungen auf dem Kontinent auf die Drogenbekämpfung. Die Ideologen des „Demokratie“-Projekts waren der Ansicht, dass der Erfolg der einheimischen Streitkräfte im Antidrogenkampf ihnen die politische Unterstützung der Bevölkerung sichern könnte. Daher sollte man ihnen nur bestimmte Aufgaben übertragen, um zu verhindern, dass diese Strategie sich politisch zugunsten der Streitkräfte der Region auswirkt. Außerdem beinhaltete diese von der Reagan-Regierung 1986 vorgelegte Strategie den beschleunigten Abbau der lateinamerikanischen Streitkräfte auf 50 Prozent, sowie die Forderung, dass jedes Land, das beim IWF einen Darlehensantrag einreicht, sein eigenes Programm zum Abbau der Streitkräfte vorzulegen hat.

Das dritte Ziel bestand darin, in den lateinamerikanischen Ländern den sozialen und ideologischen Bedarf dafür zu schaffen, dass die lateinamerikanischen Streitkräfte eine supranationale Militärstruktur bildeten, deren Sonderaufgabe der Erhalt der formalen Demokratie und der Eingriff in „Friedensprozesse“ bei Konflikten größeren Ausmaßes wäre. 1990 stellte der „Interamerikanische Dialog“ ein Dokument namens „Manual Bush“ (Bush-Handbuch) fertig. Hier wird die spezifische Strategie zum Abbau der lateinamerikanischen Streitkräfte sowie eine These vorgestellt, der zufolge sie direkt von diesem Zeitpunkt an am Antidrogenkampf der USA teilnehmen sollen. Aufbauend auf diesem machiavellistischen Konzept der internationalen Politik schlägt dieses Dokument vor, dass Grenzkonflikte und interne Konflikte der Länder geschürt werden müssten, damit in der Gesellschaft das Bedürfnis nach einer multinationalen Einsatztruppe wüchse und gleichzeitig bewiesen würde, dass die Aufgaben der lateinamerikanischen Streitkräfte am besten auf diese Art von Einsätzen zu beschränken wären.

Wenn wir in der Zeit zurückgehen und einen Blick in die Vergangenheit werfen, war der Konflikt am Alto Cenepa zwischen Ecuador und Peru ein Beispiel für die Umsetzung dieser Strategie. Der Konflikt begann im Dezember 1994 und endete am 25. Februar 1995. Und wie ging er zu Ende? Mit dem Eingriff einer supranationalen Militäreinheit, die aus den vier Garanten des Protokolls von Rio, darunter auch die USA, sowie aus Delegierten der beiden am Konflikt beteiligten Länder zusammengesetzt war. Diese Einheit namens MOMEP (Misión de Observadores Militares Ecuador-Perú) und eine Person, die sowohl in der MOMEP als auch bei der Lösung des Konflikts eine entscheidende Rolle gespielt hat, waren 1982 wichtige Vorreiter dieser nordamerikanischen Strategie.

Bei der Person handelt es sich um den Botschafter Luigi Enaudi, der nach dem Falkland-Krieg, als ihm die mangelnde Unterstützung der USA für Argentinien vorgeworfen wurde, erklärt hatte, dass die Beziehung der USA zu den lateinamerikanischen Staaten „mythologisch“ sei. Mit anderen Worten ist seit dieser Zeit klar, dass die Interessen der USA den Vorrang vor jeglicher Allianz haben und dass diese Interessen auch kein Abkommen der USA mit Lateinamerika respektieren würden.

Luigi Enaudi trat 1992 wieder auf den Plan. Nach den jüngsten Ereignissen unter dem amtierenden venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez sagte er, dass „von der politischen Entwicklung in Venezuela die Zukunft der Region abhängt“. Schließlich wurde Luigi Enaudi als hoher Vertreter der Garanten im ecuadorianisch-peruanischen Friedensprozess ernannt. Die Strategie, die wir heute unter dem Namen Plan Colombia kennen, hat ihren Ursprung also schon vor langer Zeit genommen. Es geht dabei darum, die ecuadorianischen Streitkräfte in den Antidrogenkampf zu verwickeln, und es geht um die neue US-Strategie für die Region. Es muss jedoch ein Geschehen erwähnt werden, das am 21. Januar 2000 stattfand und bei dem sich zum ersten Mal auf diesem Kontinent spontan die Streitkräfte Ecuadors, speziell das Heer, mit den Indígena-Organisationen und dem Volk zusammenschlossen, um die Regierung des Präsidenten Jamil Mahuad zu stürzen. Dieses Ereignis war 1988 in einem Bericht des so genannten „Interamerikanischen Dialogs“ vorweggenommen worden. Dort heißt es wortwörtlich, dass die größte Bedrohung, die in Lateinamerika entstehen kann, von einem möglichen Zusammenschluss ziviler und militärischer Kräfte in einem der Länder des Kontinents zur Verteidigung nationaler Interessen ausgeht.

Warum lenken seit dem Juli 2000 nicht nur die USA und die anderen Länder der Region, sondern sogar Europa ihr Augenmerk auf Ecuador? Dies erklärt sich mit der geografischen Sonderlage des Landes, das im konkreten Fall mit dem US-Stützpunkt in Manta den USA optimale geostrategische Bedingungen bietet, um den Plan Colombia durchzusetzen. Ich komme jetzt zu der kolumbianischen Situation und speziell zur strategischen Position der aufständischen Organisationen, dem komplexen Problem des Drogenhandels und den einzelnen Phasen des Plan Colombia, und anschließend zur Analyse der regionalen Problematik.

Plan Colombia

Als Hauptakteure des Konflikts in Kolumbien können die zahlreichen Einheiten der FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia) genannt werden. Sie haben in fast allen Teilen des Landes Einfluß. Außerdem steht fest, dass Kolumbien derzeit Hauptproduzent, Hauptverarbeiter und größter Drogenlieferant sowohl für die USA als auch für die restliche Welt ist. Festzuhalten ist dabei auch, dass die EinwohnerInnen der USA zwar nur vier Prozent der Weltbevölkerung ausmachen, dennoch aber 50 Prozent der Weltproduktion an Kokain und Heroin konsumieren. Im Grenzgebiet zwischen Ecuador und Kolumbien, das sich über 586 Kilometer entlang der ecuadorianischen Nordgrenze erstreckt, vor allem jedoch in den Provinzen Carchi und Sucumbios, sind die Auswirkungen des Konflikts schon in ihrer ganzen Härte spürbar. Dort halten sich zahlreiche Gruppen bzw. Kolonnen der verschiedenen kolumbianischen Guerrillabewegungen auf.

Es wird von der Militarisierung des internen Konflikts Kolumbiens und der Grenzgebiete gesprochen, und diese Aussage ist zutreffend. Zur Zeit befinden sich an der ecuadorianisch-kolumbianischen Grenze viele bewaffnete Akteure, die in diesen Konflikt verwickelt sind: Die normalen und paramilitärischen Streitkräfte Kolumbiens, die Guerillagruppen FARC, ELN und EPL, bewaffnete Drogenhändlergruppen, kriminelle Banden, Geheimdienste mehrerer Länder, darunter die CIA und auch die US-Bundespolizei FBI und die Drogenpolizei DEA usw. Das bedeutet, dass die Anzahl der an diesem Konflikt beteiligten Akteure so groß und ihre Zusammensetzung so heterogen ist und die Interessen, die auf dem Spiel stehen, so zahlreich sind, dass der Norden Ecuadors, die Provinzen Esmeraldas, Carchi und Sucumbios, angesichts der möglichen zukünftigen Entwicklung alle Augen auf sich ziehen.

Die Laufzeit des Plan Colombia beträgt sechs Jahre. Derzeit wird die erste Phase umgesetzt, und das ist der Krieg im Süden der kolumbianischen Provinz Putumayo, dessen Auswirkungen sich auf Ecuador ausweiten. Ein Teil des Oberkommandos der ecuadorianischen Streitkräfte hat sich auf diese Strategie eingelassen. Ich möchte betonen, dass es sich nicht um die gesamten Streitkräfte handelt, denn die Strategie gehorcht einer politischen Entscheidung der derzeitigen Regierung. Durch die angeordnete Verschiebung des strategischen Schwerpunkts, wie wir ihn in militärischen Kreisen nennen, wurden nicht nur ungefähr 10000 ecuadorianische Soldaten an die Nordgrenze verlegt, sondern Ecuador in den Konflikt verwickelt.

Warum diese Verlagerung? Es geht um die Vorbereitung eines großen Strategiemanövers, das unter dem Namen „Hammer und Amboss“ läuft. Dabei sind die regulären kolumbianischen Streitkräfte der Hammer und die an die Nordgrenze verlegten ecuadorianischen Soldaten der strategische Amboss. Durch groß angelegte politische Machenschaften werden die Bedingungen für die Eskalation der Gewalt künstlich geschaffen. Und warum? Um diese enorme Militärpräsenz zu rechtfertigen. Die US-Nachrichtendienste, die daran interessiert sind, dass sich der Konflikt zuspitzt und die Partizipation Ecuadors zunimmt, tun das Ihrige, um ihn anzuheizen. Außerdem geschehen sehr merkwürdige Dinge wie gerade gestern, am 4. Juli 2001: Bei einem Angriff auf ein Polizeiquartier wurden zwei Polizisten ermordet. Was soll das bewirken? Die Stimmung in den Sicherheitskräften und im Land wird angeheizt, so dass die Bereitschaft wächst, an einem Plan und Konflikt teilzunehmen, der das Land gar nichts angeht. 

Welche Rolle spielen die Drogen in der US-Strategie

Die US-Militäreinheit, die für das Konzept der Drogenbekämpfung in ganz Zentral- und Südamerika zuständig ist, ist das sog. Kommando Süd. Es bekam am 1. Januar 1996 den strategischen Auftrag, den militärischen Kampf gegen die Drogen aufzunehmen. Wollen die USA den Drogen wirklich den Garaus machen? Sie wollen es nicht. Und warum wollen sie es nicht? Der Grund ist folgender: 1982 ordnete der Direktor der CIA eine Untersuchung über die Verquickung des nordamerikanischen Finanzsystems mit der Geldwäsche schmutziger Drogengelder in den USA an. In dem entsprechenden Geheimbericht steht, dass das US-amerikanische Finanzsystem jährlich um die 220 bis 250 Milliarden Dollar wäscht.

Man muss sich also fragen: Wer ist der größte Nutznießer der Drogenindustrie? Es sind die USA selbst. Dennoch richtet sich der Vorwurf gegen die Produzentenländer und die Kokabauern. Sie sollen dafür verantwortlich sein, dass es in den Vereinigten Staaten 40 Millionen Abhängige gibt, obwohl es sich um ein strukturelles Problem der US-Gesellschaft handelt. Um ihre Präsenz speziell in der Andenregion zu rechtfertigen, haben die USA gemeinsame Streitkräfte für das Hilfsprogramm im Antidrogenkampf geschaffen. Es wurden Trainingsprogramme aufgelegt, nachrichtendienstliche Unterstützung, Kommunikations- und logistische Hilfe gewährt. Im Rahmen dieser Strategie werden mit den einzelnen Ländern gemeinsame Übungen veranstaltet. Außerdem haben die USA in Mittel- und Südamerika mehrere Einrichtungen zur taktischen und nachrichtendienstlichen Analyse geschaffen. Dennoch muss man sich fragen, ob all diese Überwachungseinrichtungen in der Region nur zur Beschaffung von Informationen über Drogen eingerichtet wurden, oder ob sie nicht doch für etwas gebraucht werden. Inzwischen weiß man, dass die Strategen des Pentagon Szenarien für das Jahr 2040 entwerfen. Die am stärksten wachsende strategische Gefahr für die nordamerikanischen Hegemonieansprüche ist ihnen zufolge die Volksrepublik China. China mit seinen ca. 1,2 Milliarden EinwohnerInnen verfügt über einen riesigen Markt. So schrieb schon Richard Nixon 1980 in seinem Buch „Der wahre Krieg“, dass „die Zukunft der Erde von der Haltung abhängen wird, die China der westlichen Welt gegenüber einnimmt“.

Die Pentagon-Strategien sehen demnach diese Szenarien für die Jahre 2030 und 2040 vor. Bei dem Kampf der Großmächte um Märkte und Rohstoffe, die in Lateinamerika, wo es sogar noch unerforschte Regionen gibt, ausreichend vorhanden sind, werden die USA gezwungenermaßen mit China in Konflikt geraten, und dieser Konflikt kann nuklear geführt werden. Dies ist der Grund dafür, dass Bush auf dem strategischen Raketenabwehrschild besteht.

Die Rolle des US-Stützpunkts Manta in Ecuador

Beim Kampf gegen die Drogen sind verschiedene Akteure vor allem der betroffenen Länder beteiligt: Ecuador, Peru, Brasilien, Venezuela und Panama. Diese Länder haben Truppen und Grenzschutzeinheiten abkommandiert, um das Zielland Kolumbien abzuschotten. Und dann sind da die USA, die die finanziellen und militärischen Mittel für die Durchführung dieser Strategie liefern.

Welche Rolle spielt der US-Stützpunkt im ecuadorianischen Manta bei dieser Strategie? Er liegt am Meer, verfügt über einen Hafen, der auch für große Schiffe die besten technischen Voraussetzungen und die notwendigen Kapazitäten für den Empfang von Truppen der US-Seestreitkräfte bietet, die schon jetzt dort eintreffen. Wenn, wie die ecuadorianische Regierung behauptet, der Stützpunkt einzig und allein für elektronische Nachrichtendienste im Kampf gegen Drogen und Drogenhändler da ist, muss man sich fragen, warum 80 Millionen Dollar für seinen Ausbau ausgegeben wurden und warum derzeit die Landepiste mit einer zusätzlichen Betonschicht verstärkt wird. In dem Betriebsabkommen zwischen den Regierungen Ecuadors und den USA steht nämlich, dass dort Flugzeuge des Typs Galaxy, C-130 und C-140 landen können. Diese Flugzeuge sind für schnelle Truppeneinsätze konzipiert. Sie können 300 Mann in voller Bewaffnung und mit voller Ausrüstung transportieren oder eine entsprechende Anzahl von Hubschraubern, Panzern, sowie schnelle Eingriffstruppen, die insgesamt aus 15 000 bis 20 000 Mann bestehen. 

Im letzten Dokument, das von der Andean Regional Initiative vorgelegt wurde, steht in Bezug auf die Streitkräfte der hiesigen Region, dass das State Department der Ansicht ist, dass sie aufgrund der schadhaften und veralteten Waffen nicht in der Lage sind, einen solchen Konflikt, wie den in Kolumbien, zu bekämpfen. Diese These wird vorgebracht, damit die US-Administration irgendwann im Laufe der sechs Jahre, die für die Durchführung des Plan Colombia vorgesehen sind, sagen kann: „Nun, da die dortigen Streitkräfte es nicht können, müssen wir eben eingreifen.“ Und wie soll das geschehen? Im Rahmen einer militärischen Koalition.

Das Zielland ist Kolumbien. Die Streitkräfte und die Nationalgarde der Nachbarländer sind angerückt, um Kolumbien strategisch einzukreisen. Über den Stützpunkt Manta und die elektronischen und aufklärungstechnischen Einrichtungen der USA ist es gelungen, eine umfangreiche Datenbank einzurichten. Bei Beginn der militärischen Großeinsätze, die nach dem Oktober 2001 und der Fertigstellung der verstärkten Landepiste in Manta geplant sind, werden diese gesammelten Aufklärungsdaten in Realzeit an den Militärstützpunkt „Tres Esquinas“ in Kolumbien übermittelt. Dort stehen drei so genannte „Antidrogen“-Bataillone mit Hubschraubern und Spitzentechnologie bereit, um direkt gegen die aufständischen Kämpfer vorzugehen. Damit sich mit Beginn des militärischen Einsatzes zeitlich gesehen kein Konflikt à la Vietnam entwickelt, kommt die gesamte verfügbare Technologie, speziell die Satelliten- und Aufklärungstechnologie, zum Einsatz. Die einzigen Nutznießer dieser groß angelegten Strategie sind die USA, die mit dem Plan Colombia und der damit verbundenen Überwachung der Region gleichzeitig ihre Kontrolle über alle natürlichen Ressourcen vom Orinoco-Becken zum Guayas-Becken und vom Amazonasbecken bis zum Río de la Plata konsolidieren.

Neben den militärstrategischen gibt es auch weitergehende politische und wirtschaftliche Interessen. Es geht darum, die erwähnte Öffnung der Märkte zu beschleunigen und das Wirtschaftsprojekt ALCA voranzutreiben. Diese Freihandelszone lässt die Grenzen verschwinden und verschafft Zugang zu einem Markt, der zwar wegen der wirtschaftlichen Lage der Länder verarmt ist, aber immerhin 700 Millionen potentielle VerbraucherInnen umfasst. Auf politischer Ebene beobachten die USA besorgt das mögliche Entstehen regionaler Entwicklungen, die in nicht zu ferner Zukunft zu politischen Bündnissen zwischen Cuba, Venezuela, Ecuador und Brasilien führen könnten. Die USA müssen daher ein entsprechendes Konfliktpotential schaffen, um über Jahrzehnte hinweg das Entstehen eines regionalen Projekts zu verhindern, das eine angemessene Antwort auf die US-amerikanischen Hegemonieansprüche geben könnte. 

Unser Schrei wird zu hören sein
Grenzcamp goes Plan Colombia

Trotz all der schlechten Nachrichten gibt es auch Erfreuliches zu berichten. Es regt sich Widerstand. 32 ecuadorianische Organisationen – u.a. von Indígenas, Menschenrechts- und Umwelt-AktivistInnen, Frauen und StudentInnen – und 24 Organisationen aus mehreren Ländern Lateinamerikas, aus Kanada, Spanien, Frankreich, Schweden und Deutschland (The VOICE und die Karawane für die Rechte der Flüchtlinge und MigrantInnen) mobilisieren für das „Permanente Internationale Camp für Soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte“ Anfang März 2002 in Ecuador. Im Folgenden Auszüge aus dem Aufruf für das Camp.

Liebe compañeros und compañeras,

Aus Quito, Ecuador schicken wir, ein Zusammenschluss aus Einzelpersonen, Organisationen und Bewegungen, solidarische Grüsse und laden euch zum „Permanenten Internationalen Camp für Soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte“ ein, um einen Raum zu schaffen für gemeinsame Aktionen verschiedenster Personen und Organisationen, die eine Welt wollen, in der Platz für alle ist. Die Auswirkungen des Plan Colombia sind schon jetzt in der Region zu spüren: 

Militarisierung, Eskalation der Gewalt, Besprühung von Feldern mit Herbiziden, die nicht nur Kokapflanzen zerstören, sondern auch die Gesundheit der dort lebenden Menschen gefährden und deren Vertreibung forcieren. Das wahre Interesse des kapitalistischen Globalisierungsprojektes ist es, die Rohstoffe des Amazonas (Süßwasser, genetische Vielfalt, Erdöl) zu kontrollieren. Deshalb ist der Aufbau von strategischen Militärstützpunkten in Südamerika von großer Bedeutung. So wurde hinter dem Rücken des Parlaments und der Bevölkerung Ecuadors der US-Militärstützpunkt Manta eingerichtet, durch den Ecuador eine Schlüsselrolle für den Plan Colombia einnimmt.

Das Projekt des FTAA (Free Trade Agreement of the Americas) ist lediglich das ökonomische Gesicht dieser Strategie. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit wird die Errichtung der größten Freihandelszone der Welt verhandelt. Durch das FTAA soll der uneingeschränkte Zugang der multinationalen Konzerne zu den Rohstoffen unserer Region konsolidiert werden. Ecuadors Vorbereitung darauf spricht eine deutliche Sprache: Erhöhung der Mehrwertsteuer, Privatisierung des Sozialsystems, von Strom, Telefon, Wasser und die Dollarisierung. Letztere führte in Ecuador im Jahr 2000 zu einer Inflation von 91 Prozent, der höchsten des Kontinents. Die Verteilung des Reichtums ist ungleicher als je zuvor. 80 Prozent der Bevölkerung lebt in Armut.

Die andere Seite der Armut ist die Migration; mehr als 15 Prozent der Bevölkerung ist ausgewandert, hauptsächlich in die USA und nach Spanien. Die MigrantInnen arbeiten mehrheitlich als „Illegale“ unter unmenschlichen Bedingungen. 

Mit dem Fall der Berliner Mauer wurde das Ende der Geschichtsschreibung verkündet, es sei kein Platz mehr für Utopien. Doch weltweit zeigt ein breites Panorama an Organisationen und Bewegungen, dass der Widerstand weitergeht. 

Zum Camp:
Das Permanente Internationale Camp für Soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte versteht sich als Teil des globalen Widerstands gegen das kapitalistische Globalisierungsprojekt, von dem Plan Colombia und die Freihandelzone FTAA Ausdruck sind. Es orientiert sich an der Idee der Grenzcamps, die in den letzten Jahren in Europa und Mexico stattgefunden haben. Neben der inhaltlichen Auseinandersetzung in Workshops wird ein Schwerpunkt auf direkte Aktionen gelegt. Das Camp findet in der ersten Märzwoche 2002 in Ecuador (Quito und Grenzregion) statt. Internationale Präsenz von AktivistInnen ist willkommen, um Austausch, globale Vernetzung und nicht zuletzt Medienresonanz und damit verbesserte Sicherheit gewährleisten zu können. 

Kontakt:  campamento@ecuanex.net.ec ,   www.camp-ecuador.de.vu

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