aus Sao Paulo / ila 247
Die Hauptstraße
Die Avenida Paulista als Spiegel der Entwicklung der Stadt
von Gisele Beiguelman
São Paulo ist eine atypische Metropole – weder ist sie politische Hauptstadt, noch geht sie zurück auf
eine präeuropäische Besiedlung wie Mexico Ciudad – und trotzdem ist sie die einzige südamerikanische Megastadt. Emblematisch für die Stadt, die sie beherrscht, ist die Avenida Paulista, ein Boulevard voller Risse, Widersprüche, Brüche
und Unterbrechungen.
Es sind nicht gerade viele Leute, die mitbekommen, wie die Avenida Paulista morgens um sieben ist. Abgesehen von Schlafenden, die sich zu rekeln beginnen, Straßenfegern und Nachtwächtern, deren Schlüsselbunde auf dem Nachhauseweg klimpern, ist eine der lebhaftesten Straßen Südamerikas um diese Zeit noch fast verlassen. An Wochentagen ist es bis acht Uhr sehr ruhig. Dann geht der Rush der miniberockten Sekretärinnen und smart angezogenen Yuppies auf die Büros und Banken los und bis etwa halb zehn dominieren sie die Metrostationen und Parkplätze. Die Avenida Paulista ist für São Paulo, die Stadt mit den vielfältigen Gesichtern, eins der wichtigsten Zentren und ist gleichsam emblematisch für deren urbane Transformationsprozesse.
Mittags bietet die Straße ein kaleidoskopartiges Panorama. Hunderte von jungen Männern verkaufen handgemachte Utensilien zum Marihuanarauchen sowie Räucherstäbchen, billigen Schmuck, Gürtel und Taschen. Eine der größten Schulen ist gleich nebenan und um diese Zeit belagern Tausende von SchülerInnen die Straße (sie sind die Privilegierten, denn 60 Prozent der Kinder, die älter als zehn sind, müssen in dieser Stadt arbeiten, um ihre Familien mit durchzubringen). Im gleichen Gebäude sind vier Radio- und Fernsehsender, drei Kinos und eine JournalistInnenschule untergebracht. Geschäftsleute und Büroangestellte sind um die Mittagessenszeit alle auf der Straße, manche von ihnen sind auch unterwegs zu einer Kunstausstellung in einem der fünf von Banken und Großunternehmen unterhaltenen Kulturzentren. Ein paar schließlich suchen Schutz vor der Hitze in einer angenehm aufgemachten Buchhandlung im Gebäude des Industrieverbands.
Am Abend wie auch an den Wochenenden verändert sich die Straße völlig. Die Paulista zeigt sich dann als Vergnügungszentrum mit siebzehn Kinosälen und einem Spielkasino. Die kleinen Kneipen, wo man billige Snacks und Bier bekommt, sind dann voll. Den ganzen Tag lang laufen Arbeitslose, Kinder in Lumpen und sogar ein paar MigrantInnen aus Westeuropa herum und bitten um Geld. Die klare soziale Hierarchie, die seit Jahrhunderten eingeübt ist, kann auf eine räumliche Trennung verzichten, wie die Soziologin Raquel Rolnik in einer Studie über den städtischen politischen Raum beschrieb. Es wäre allerdings ein Fehler, die Avenida Paulista als Miniaturausgabe von São Paulo oder seine Metapher zu betrachten. Megastädte lassen sich nicht einfach in Schubladen stecken. Vielmehr ist die Paulista eins der mächtigsten und dynamischsten Bilder von São Paulos Widersprüchen und Paradoxien, nicht nur weil auf ihr Lateinamerikas wichtigste Finanzinstitutionen konzentriert sind und auch nicht nur wegen ihrer privilegierten geographischen Lage, sondern wegen ihrer symbolischen Dichte.
Ein zerschredderter Wirrwarr
São Paulo scheint vergangenheitslos. Es wirkt wie eine Stadt aus Sand, in ständigem Wandel begriffen. Überall lauert Erosion und die Ruinen unterstreichen die Willkür des Immobilienmarkts nur noch mehr. Denkmäler verweisen auf bedeutungslose Orte. Sie haben keinerlei Funktion als Markierungspunkt, ja sie werden nicht einmal respektiert als Symbole für historische Ereignisse. Ihr künstlerischer Wert ist gering, sie werden verlassen und nur mehr von Graffitisprayern besucht. Und doch liegt in dieser Nichtanerkennung so etwas wie der Wunsch, gegen die Gesetzmäßigkeit der Geschichte aufzubegehren.
Die Stadt besteht aus Unterbrechungen, sie fällt auseinander, ist von Flüssen zerschnitten, die aus Viadukten das bestimmende Element der urbanen Landschaft gemacht haben. Auf sandigem, sehr unebenem Gelände gruben die Flüsse tiefe Täler und schufen unzusammenhängende Landstücke. In São Paulo ist Diskontinuität das einzig verlässliche Merkmal von Kontinuität. Die städtische Geschichte ist auch eine von Barrieren, von der Schwierigkeit sich fortzubewegen. São Paulo ist unüberschaubar, die Topographie konspiriert gegen jegliche menschliche Besiedlung. Die Stadt ist ein einziges Netzwerk von Löchern zwischen Hügeln, von Ecken, die unterirdische Galerien verbinden, und Brücken über längst unsichtbar gewordene Flüsse. Eine Sequenz von Intervallen, ein zerschredderter Wirrwarr, der die Verlegenheit der Natur angesichts des Betons verbirgt und umgekehrt.
Ein Stadtplan von São Paulo sieht aus wie eine Steppdecke aus aufs Geratewohl zugeschnittenen Stoffresten. Die Straßen stoßen aufeinander und zerschmettern dabei alles, was ihnen in den Weg kommt. Tunnel und Passagen wachsen unkontrolliert und verwischen territoriale Einschnitte. In diesen leeren Flecken leben zwei Millionen Menschen unter unmenschlichen Bedingungen in sogenannten Favelas (Gruppen von illegalen, grob zusammengebauten Behausungen ohne sanitäre Infrastruktur auf privatem oder öffentlichem Grund), weitere 600 000 in Slums (Gemeinschaftswohnungen, in denen Leute mit niedrigerem Einkommen mit mehr als vier Familien auf einem Raum leben, der für eine ausreicht).
Favelas und Slums wie auch die steigende Anzahl von wohnungslosen Menschen verweisen alle auf die zunehmend prekäre Wohnsituation in der Stadt. Indessen spiegelt die Etablierung unterschiedlicher Verarmungsebenen das Ausmaß politischer Gewalt, die in der brasilianischen Gesellschaft vorherrscht.
Das zeigt sich ganz explizit in städtischen Zentren wie São Paulo, wo BewohnerInnen von Favelas in den 70er Jahren ein Prozent ausmachten und heute 20 Prozent. Es ist unglaublich, aber nach Angaben der Stadtverwaltung lebt heute mehr als die Hälfte der offiziellen Einwohnerschaft São Paulos auf illegal besetztem Grund und 26 Prozent der Wohnhäuser haben keinen Strom- und Abwasseranschluss. Seit dem 19. Jahrhundert ist São Paulo mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten und in verschiedene Richtungen gewachsen. Die Stadt ist in 96 Distrikte aufgeteilt und 1509 km² groß, ihre mittlere Bevölkerungsdichte beträgt 6521 EinwohnerInnen pro km², verteilt auf 1700 Viertel und 50 000 Straßen.
In den 30er Jahren schrieb der Anthropologe Claude Lévi-Strauss in „Traurige Tropen“, es sei unmöglich, sich die Stadt auf der Basis eines Stadtplans vorzustellen: „Man müsste täglich einen neuen erstellen.“ Ein prominenter Architekt wie Paolo Mendes de Rocha, der sein ganzes Leben in São Paulo gelebt und gebaut hat, wirft seine Hände in die Luft, wenn er gebeten wird, etwas zu der Stadt zu sagen: „Unmöglich, dieses Chaos zu schildern!“ Lévi-Strauss zeichnete eine Situation auf, die seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert existiert hatte, genauer gesagt in dem Jahrzehnt zwischen 1870 und 1880. Diese Periode wurde von der Geschichtsschreibung als die „zweite Gründung von São Paulo“ bezeichnet. Der Terminus blieb über die Jahre hinweg erhalten, mehr wegen seiner konzeptionellen Exaktheit als auf Grund rhetorischer Bedeutung. In jenem Zeitraum definierten die drei Wirtschaftsfaktoren Kaffee, Eisenbahnen und Immigration die Landschaft São Paulos neu. Damals wurden allmählich die Aspekte sichtbar, die die Stadt heute kennzeichnen – Bewegung, Geschwindigkeit und Agglomeration –, zuvor aber geschichtlich bedeutungslos waren.
Um eine Vorstellung von der Bedeutung der drei Wirtschaftsfaktoren zu bekommen, sollte man wissen, dass die Stadt zwischen ihrer Gründung im Jahre 1554 und der Einweihung der Eisenbahn São Paulos 1867 nur unwesentlich gewachsen war. Aus den hundert EinwohnerInnen 1554 waren 1872 gerade mal 31 000 geworden. Mit den Endstationen der São- Paulo-Eisenbahn Santos – Jundiaí bestimmte die Stadt den gesamten Prozess der räumlichen Besiedlung neu. Die Eisenbahn überwand das Haupthindernis für die Integration São Paulos in die koloniale Ökonomie: die Barriere der Serra do Mar, den Gebirgskamm zum Ozean hin. Die Linie Santos – Jundiaí verband die Stadt, bis dahin durch Flüsse und Gebirgszüge isoliert, mit der Küste. Damit war die Integration einer der ganz wenigen größeren Städte Lateinamerikas, die nicht an der Küste liegen, in die atlantischen Handelsrouten möglich. Ebenso brachte sie über die Gleisführung die Verkehrsanbindung der Tamanduateífluss-Bucht an das städtische Umland voran.
Bis zum Bau der Eisenbahn beschränkte sich die räumliche Ausdehnung der Stadt auf den Pátio do Colégio, die Hügel zwischen dem Anhangabaú- und dem Tamanduateí-Tal. Mit dem Eisenbahnbetrieb änderte sich das Leben der Stadt gewaltig. Das vergessene alte Kolonialstädtchen wurde in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts zu einem der wichtigsten Zentren des Landes. (vgl. Beitrag „Das Laboratorium“)
„Dort droben essen sie ... hier unten arbeiten wir!
“Bei aller territorialen Ausdehnung ist bemerkenswert, dass die Besiedlung der Ostseite der Stadt den Tamanduateí-Fluss, der heute kanalisiert unter der Avenida do Estado durchfließt, in eine Art flüssige Mauer verwandelt hat. Damit wird die Stadt sozial entsprechend ihrer Topographie gespalten: die oberen Schichten wohnen auf den höhergelegenen Flächen um die Avenida Paulista herum, die unteren auf den Ebenen in Brás und Mooca. „Dort droben essen sie... hier unten arbeiten wir“, wie die BewohnerInnen von Brás sagen. Dieses topographische Kriterium galt bis mindestens vor 30 Jahren, als der Bau der U-Bahn im städtischen Osten einige näher am Zentrum gelegene Zonen aufwertete und in einen neuen Immobilienmarkt für die begüterten Mittelschichten verwandelte. Geographisch gesehen ist die Ostzone (haha – die Übers.) ein flaches, aus zwei Sümpfen (des Tamanuateí-Flusses im Westen und des Tietê-Flusses im Norden) herausgeschnittenes und überflutungsgefährdetes Gelände. Das in nächster Nähe gelegene Brás ist in der ersten Jahrhunderthälfte dramatisch gewachsen. Hier lebten rund 70 % der Arbeitskräfte in der Textilindustrie, die bis in die 40er Jahre der wichtigste Industriesektor des Staats war.
Trotz des Wachstums machten häufige Überschwemmungen der Zona Leste zu schaffen. Das ist auch heute noch so, was die schizophrene Art deutlich macht, in der dieses Viertel entstanden ist. Diese Art desintegrierter Integration setzt sich bis heute fort. Unbegrenztes Wachstum fand bis zum zweiten Weltkrieg statt. Von da an nahm die EinwohnerInnenzahl ab. Viele Faktoren trugen dazu bei: Neue Stadtautobahnen führten zu neuen Industriegebieten entlang der Anchieta- und Anhangabera-Straße; technologische Neuerungen und veränderte Unternehmensführung zogen ab dem Zweiten Weltkrieg fundamentale Veränderungen in der Textilproduktion nach sich. Seither sind die für Brás charakteristischen Textilgiganten verschwunden.
Zudem förderte die Wirtschaftspolitik in den 50er Jahren die Produktion von Grundstoffen und gehobenen Konsumgütern (Fahrzeuge, Machinenbau, Chemie, Elektrogeräte). Ein massiver Zustrom von Investitionen in außerhalb der Stadt gelegene Gebiete gab dem Staat São Paulo ein anderes Industrieprofil. In den Außenbezirken der Stadt wuchs die Bevölkerung allein in den 60er Jahren um 65 Prozent, während sie im Zentrum abnahm. Darin spiegelt sich die Vertreibung der einkommensschwachen Schichten in die Außenbezirke mit niedrigeren Mieten. Armut, Prostitution und politischer Aufruhr rücken immer weiter nach Osten in Gegenden, die 50 km vom Stadtzentrum entfernt liegen. Das Bevölkerungswachstum betrug dort in den letzten zehn Jahren im Durchschnitt elf Prozent, während sie in der alten Zona Leste, sechs km vom Zentrum entfernt, um 4,5 Prozent abnahm. So entstand eine neue Peripherie, die trotz miserabler Infrastruktur und mangelnder städtischer Grundversorgung MigrantInnen anzieht.
Nachtleben? Nachttod!
Die Militärdiktatur initiierte seit 1964 mehrere Stadtplanungsprojekte. Zwischen dem alten Industriezentrum (in Stadtzentrumsnähe) und den neuen Außenbezirken entstanden nach der Vollendung des U-Bahnbaus Mittelklasseviertel, da gleichzeitig auch neue Schnellstraßen und Viadukte ein vertikales Wachstum unterstützten und den Immobilienmarkt belebten.
Ein weiterer Faktor, der zu diesen Veränderungen im Zuge der U-Bahn führte, ist mehr politischer Natur. Für den U-Bahnbau wurden 26 Hektar enteignet und mehr als 900 Gebäude abgerissen. Zum Plan für die Umsiedlung gehörten neue Wohnungen, Schulen, Kirchen und Tagesstätten für die unteren Schichten.
Dieser Umsiedlungsplan für die Menschen aus den abgerissenen Häusern wurde jedoch lediglich zwischen 1986 und 1987, in der letzten Amtszeit des Bürgermeisters Janio Quadros, vorangetrieben. Er führte zum Bau zahlloser identischer, grauenhafter Häuserblöcke entlang der U-Bahnlinie Brás-Belenzinho. Die versprochenen Tagesstätten, Schulen und Kirchen blieben auf dem Papier. „Nachtleben?“, schnauft Mendes da Rocha auf die Frage hin, was die Leute nach der Arbeit tun, „Nachttod wäre ein besserer Ausdruck.“ Folglich wurde aus diesem Teil der Stadt ein riesiges Loch in der Landschaft und ein Beispiel für die enge Beziehung zwischen großen Vertragsunternehmern, großen öffentlichen Dienstleistungsunternehmen und Politikern.
So war es seit 1900 immer, als das Land in die republikanische Ära eintrat, allerdings mit unterschiedlichen Akteuren. Von der Jahrhundertwende bis zum Zweiten Weltkrieg fanden sich Kaffeepflanzer und britische öffentliche Unternehmen und Banken zum „Joint venture“ zusammen, so etwa bei der São-Paulo-Eisenbahn und der Lloyds Bank. Vom Zweiten Weltkrieg bis in die 80er Jahre bildete eine Kombination aus multinationalen Unternehmen und (meist nordamerikanischen) Finanzinstitutionen, in Allianz mit aufsteigenden Politikern, die zum Teil eng mit der Militärdiktatur (zwischen 1964 und Anfang der 80er Jahre an der Macht) liiert waren, das Machtkartell in der Stadt. Von 1920 bis 1950 verdoppelte sich die industrielle Produktion, pro Jahrzehnt wuchs das Einkommen um 4,5 Prozent. Seit den 80er Jahren ist die Produktion in einigen Sektoren um 40 Prozent gefallen. Die Militärs legten Wert auf Stadtplanung als zentralisiertes Machtmittel, um von der Illegitimität ihrer Herrschaft abzulenken. „Entpolitisierte Experten wurden eingestellt“, sagt der Geograph Andreas Novy (vgl. Buchbesprechung in dieser Ausgabe). „Die ,kranke' Stadt wurde behandelt wie eine Maschine, die repariert werden muss, so wie ein kranker Mensch von der Medizin behandelt wird.“ Dieser Ansatz schlug natürlich fehl, insbesondere weil die Experten keinerlei Maßnahmen ergreifen durften, die das Regime in Frage gestellt hätten.
Seither hängen die Veränderungen wesentlich zusammen mit der Globalisierung und transnationalen Ökonomien. Die Stadt hat ihre traditionelle räumliche Organisation komplett verloren. Einerseits entstanden neue Baugebiete, wo noch vor ein paar Jahren nichts war. Andererseits sind illegale Besetzungen enorm gewachsen und haben die Stadtgrenzen verschoben. Die so genannten „Fallschirmspringer“ strömen nur so vom Landesinneren in die Stadt um neue Slums zu bilden und Arbeit zu suchen. Die strengen sozialen Grenzen im Stadtbild zerfielen, Armut und Elend sind heute allgegenwärtig. Neue Sicherheitssysteme wurden planmäßig eingeführt und verwandelten die Stadt in ein Konglomerat von ummauerten Zellen. Gewalt und Angst bilden dominante architekturale Elemente und schaffen ein neues Bild von sozialem Ausschluss im urbanen Raum.
Seit den Projekten der Militärs von 1972 hat São Paulo keinen städtischen Masterplan gehabt, auch wenn ab und an Initiativen in den Korridoren der Regierung kursieren. Anfang der 90er Jahre beispielsweise wurde der erste Teil der Zona Leste symbolisch in die Stadt integriert, als die Bürgermeisterin Luiza Erundina von der PT, die erste Frau, die je dieses Amt innehatte, das Rathaus vom aristokratischen Ibirapuera-Viertel in das proletarische Brás-Viertel verlegte, das daraufhin immerin mit gutem öffentlichen Nahverkehr ausgestattet wurde. Eine Reihe von großen Straßen wurden Sonntags für den Autoverkehr gesperrt und von Fußball spielenden Kids und grillenden Familien besetzt. Vier Jahre lang gingen Stadtverwaltung und Zivilgesellschaft aufeinander zu. Doch der Versuch, einen dezentralisierten und bürgerInnennahen Stadtplanungsprozess einzuleiten, wurde von den darauf folgenden konservativen Verwaltungen wieder zunichte gemacht.
Die Veränderungen unter Bürgermeisterin Erundina waren vieleicht ein Prunkstück der ersten linken Stadtregierung, sie hatten allerdings wenig Einfluss auf eine Umformung des Stadtbilds. Der Abstand zwischen Reichen und Armen nahm zu. Die ärmsten 25 Prozent der Bevölkerung verdienen nur 5,8 Prozent des Gesamteinkommens, während das obere Viertel 61,4 % verdient (Barelli/Dedecca 1989). Die Landschaft wird heute dominiert von Gemeinschaftswohnungen, leerstehenden Gebäuden und verlassenen Industriestrukturen. Gleichzeitig hat die Stadt zwischen den 70er und 90er Jahren die strenge Logik klarer sozialer Einteilungen und präziser Grenzen verloren, wie die Entwicklung der Avenida Paulista zeigt. 800 Meter hoch gelegen, kontrastiert die Straße mit dem Rest der städtischen Topographie. Sie teilt die Stadt in alle Richtungen hin auf: Nach Süden und Südwesten fällt das Gelände ab bis hin zum Pinheiros-Fluss. Nach Norden und Nordwesten gehen die Abhänge mit starkem Gefälle bis hinunter zum Tietê- und zum Tamanduateí-Fluss.
Der große Dschungel
Der Boulevard mit mehr als einem Jahrhundert auf dem Buckel war ein Synonym für Macht seit seinen Anfängen 1891, als er die breiteste Straße der Stadt war, mit drei Fahrbahnen, eine für von Tieren gezogenen Trolleys, eine für Ochsenkarren und eine dritte für Pferdereiter. Von 1900 bis in die sechziger Jahre galt die Straße als exklusive Wohngegend, gesäumt von den Palästen der Plantagenbesitzer, die ihren Reichtum in Industrie, Banken, Handel und logischerweise früh schon in Politik investiert hatten und in der Stadt präsent sein mussten. Jahrhundertelang zuvor hieß der Ort nur Caaguassu, was in der Tupi-Sprache „großer Dschungel“ bedeutet, war angesichts des heutigen Aussehens der Straße irgendwie gelungen erscheint.
Die Kolonialmacht Portugal ermutigte nicht zur Entwicklung einer lokalen städtischen Bourgeoisie, die politisch hätte bedrohlich werden können. Ein unabhängiges städtisches Kulturleben konnte sich daher gar nicht entwickeln. Jahrhundertelang diente die Straße lediglich den Santo- Amaro-Kühen als Weg ins Schlachthaus. Urbanisiert wurde die Gegend von einem uruguayischen Geschäftsmann, Joaquim Eugenio de Lima, der das Land beidseits der Straße kaufte. In den wenigen Gebäuden vom Anfang des 20. Jahrhunderts scheint ihre eigene Geschichte zu spuken. Es sind architekturale Momentaufnahmen einer Stadt, die sich in die Industrialisierung aufmacht, die allmählich ihre Infrastruktur aufbaut und die nicht-afrikanische Immigration in die Stadt organisiert mit Hilfe von überschüssigem Kapital, das die expandierenden Kaffeeplantagen abwarfen, mit ausländischen Krediten und neuen Gesetzen, die private, städtische Besitzrechte zementierten. Die Paulista, Ergebnis einer äußerst erfolgreichen Immobilienpolitik (es ist immer noch die teuerste Gegend São Paulos), birgt sogar in ihrem Namen die Zeichen der Transformation der politischen und ökonomischen Rolle der Stadt: Ein Paulistano ist jemand, der in der Stadt São Paulo geboren wurde, während ein Paulista im Staat São Paulo geboren wurde. Die Menge an dort konzentrierter Macht machte die Straße zur Verkörperung der Macht des Staates im 20. Jahrhundert. Mit ihren weitläufigen Palästen und bepflanzten Bürgersteigen war sie lange der perfekte Ausdruck der einflussreichen Position der Agrar- un der Industriebourgeoisie. Den Einsatz finanzieller Überschüsse für die Entwicklung eines lokalen Marktes und nachhaltige Investitionen anstatt verschwenderischem Luxuskonsum sind laut dem Ökonomen Celso Furtado der Grund für ihren Aufstieg und ihre Konsolidierung. Das hat sich allerdings in den letzten 30 Jahren ziemlich gewandelt.
Ein Plan für städtische Reformen von 1968 erweiterte ihre Fahrspuren auf 48 Meter und öffnete darunter einen Tunnel, so dass aus der Paulista eine schöne, zweistöckige Straße wurde. Damals waren schon die ersten Geschäftsgebäude errichtet und das Museum von São Paulo (MASP) war bereits eingeweiht. Das alte städtische Zentrum, wo die älteren Finanz- und Kulturinstitutionen wie auch frühere Unterhaltungszentren ihren Sitz hatten, verlor mehr und mehr seine traditionellen Funktionen. Gleichzeitig wurde die Paulista komplexer und nahm die Ängste und Widersprüche des späten Modernismus der 60er Jahre in sich auf. Das bedeutet nicht, dass die Straße ihre ständische Haltung aufgab, aber seither ist sie zu einem der wichtigsten Finanzzentren Lateinamerikas geworden. Ihre Rolle als Dienstleistungszentrum trat stärker in den Vordergrund, was mehr soziale Mischung implizierte, nicht aber eine Demokratisierung ihres Raums. Tatsächlich ist eins der kuriosesten Merkmale São Paulos, dass es keine formalen öffentlichen Räume gibt. Keine Ecke scheint einen Bezug zur eigenen Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft zu haben.
Auf ihren drei Kilometern beherbergt die Straße nicht nur die Hauptquartiere nordamerikanischer, europäischer, lateinamerikanischer und einheimischer Banken und Unternehmen, Handelskammern, multinationale Handelsniederlassungen und Wechselstuben, sondern auch Radio- und Fernsehsender und einen wichtigen Krankenhaus- und Schulkomplex. Alle größeren Privatbanken haben hier ihren Sitz. Auf der Straße finden sich, ebenfalls nicht zufällig, viele einflussreiche Konsulate und Ministerien. Es ist die Adresse der mächtigen nationalen Gewerkschaften und Verbände wie der FIESP (Industrieverband des Staats São Paulo) und der SESC (Sozialwerk des Handels).
Nichtsdestotrotz konnte die Dominanz des Handels nicht verhindern, dass in letzter Zeit freie Theater, Kunstgalerien und gute Multimedialabors in den Gebäuden von Banken und Verbänden aus dem Boden geschossen sind, die die Avenida Paulista in das bedeutendste Kulturzentrum der Stadt verwandelt haben. Eines der wenigen Architektur-Meisterwerke der Stadt, das Kunstmuseum von São Paulo (MASP), steht auch hier. Auf der Grundlage eines Entwurfs der Architektin Lina Bo aus dem Jahre 1956 schenkte die Stadtverwaltung das Baugrundstück dem Museumsgründer, Assis Chateaubriand, eine Art tropischem Citizen Kane, mit der Auflage, dass die Sicht auf das Zentrum der Stadt intakt bliebe. Die zentrale Idee des Projektes von Bo war gerade, die Sicht zu bewahren, indem sie ein einzigartiges Gebäude mit vier 70 Meter hohen Pfeilern schuf, auf denen der Hauptkorpus ruhte, mit zwei unterirdischen Etagen und zwei oberhalb der Erde. Seit 1997 wird dieser Hohlraum jedoch von einem privat errichteten Einbau blockiert. Abgesehen von dem ernsthaften visuellen Schaden für die Landschaft verweist die Blockierung dieses Raums auch auf die Debatte um die unklare Grenzziehung zwischen privatem und öffentlichem Raum. Unbestreitbar ist diese Unklarheit Ausdruck anderer politischer Schwächen, die umgekehrt die historischen Narben kolonialer Ausbeutung, Sklaverei und häufige Perioden von Diktaturen verdeutlichen, im Land wie in ganz Lateinamerika überhaupt.
Die Unterbindung der Sicht auf die Stadt stellt ein übliches Verhältnis seltsamerweise auf den Kopf: Was öffentlich sein sollte, wird privat und versteckt. Was privat ist, stellt sich als öffentlich dar, wobei die Selektionsmechanismen verborgen bleiben. Umgekehrt schließen selbst all jene Galerien, Theater und Buchhandlungen Menschen mittels Einschüchterung allein schon durch ihre bewaffneten Security-Männer und ihre Dickes-Geld-Atmosphäre aus – es sollte nicht vergessen werden, dass sie alle in marmorverkleideten Foyers von Banken und Eingangshallen von Verbänden liegen, die einschüchtern und auswählen, wer ein Insider im System ist und wer nicht, weil ihre ureigenste Funktion (Geld zu schützen) jedem, der diese Räume betritt, unmittelbar klar wird.
Überall tauchen inzwischen Reste dreckiger Umzäunungen auf leeren Abrissgrundstücken auf, epileptische Landschaften kündigen sich an, neben einer Bank mit faustischen Ausmaßen und Unternehmensgebäuden steht ein riesiges Shoppingcenter, in dem es ausschließlich geklaute Software und illegal importiere Elektronikgeräte zu kaufen gibt. In dieser Hinsicht wird das MASP zum Zeugnis jener merkwürdigen Bewegung, in der die Zeit aufgehoben scheint, geradezu ein Merkmal der Stadt, das ihre Dynamik an die Verwüstung des Industriegebiets anzubinden scheint. Einst Lateinamerikas führendes Industriezentrum, konzentriert sich heute der Telekommunikationsmarkt auf São Paulo. Die Stadt beherbergt die Hälfte von Brasiliens größten Technologieunternehmen und weitere 829 Softwareunternehmen. Im Vergleich dazu weist Rio de Janeiro, Brasiliens zweitgrößter New-Economy-Markt, nur 360 Softwareunternehmen auf.
Aber das New-Economy-Zentrum bewegt sich langsam weg von der Avenida Paulista wie auch vom traditionellen Zentrum insgesamt. Es verlagert sich hin zu einem erst kürzlich erschlossenen Gebiet neben dem Pinheiros-Fluss im Westen der Stadt, an der exklusiven Berrini-Straße, wo „exklusiv“ den Ausschluss jedweder Aktivität bedeutet, die nicht „Techno-“ als Vorsilbe hat. Dort gibt es erst gar keinen öffentlichen Raum, der es wert wäre, erwähnt zu werden.
Die sich schleichend ausbreitenden Ruinen der Avenida Paulista bedeuten in dieser Sichtweise mehr als lediglich verlassene Orte. Sie sind die offenen Narben einer verlorenen Physiognomie. Ihr Niedergang enthält keinerlei Hinweis auf Transformation. Ganz im Gegenteil – was hier vorherrscht, ist die gleiche Abwesenheit, die in den alten Industriegebieten und im Stadtzentrum so bitter aufstößt. Die Orientierungen von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft sind aufgehoben, in der Geste liegt Geschichtsdrainage, beständiger Übergang Richtung Nichts.
aus: Ramesh Kumar Biswas (ed.), Metropolis now!, Springer-Verlag, Wien 2000
Übersetzung: Gaby Küppers
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