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aus HipHop / ila 246

Paramilitärs gegen Frauenbewegung
Interview mit Matilde Vargas von der Frauenorganisation OFP
in Barrancabermeja, Kolumbien 

Am 27. Januar betraten zwei bewaffnete Männer der Paramilitärs ein Frauenhaus der Organización Feminina Popular (OFP) in der kolumbianischen Erdölstadt Barrancabermeja und forderten die Frauen auf, ihnen den Schlüssel des Hauses zu übergeben. Sie bedrohten die Vorsitzende der OFP und auch ein Mitglied der Internationalen Friedensbrigaden (PBI) und nahmen ihnen die Handys ab. Wer in Kolumbien von Paramilitärs bedroht und zum militärischen Ziel erklärt wird, schwebt in akuter Lebensgefahr. Trotz der bedrängenden Situation geben die Frauen nicht auf. Im folgenden Interview schildert Matilde Vargas von der OFP die bedrückende Situation.

Matilde, du gehörst zu einer Frauenorganisation, der Organización Feminina Popular, kurz OFP. Was macht ihr?

Wir sind eine Frauenbasisorganisation, zu der etwa 1200 Frauen in unserer Region gehören und sind vor allem im Bereich der sozialen und ökonomischen Rechte engagiert. Wir setzen an bei der Frage: Wie können sich verarmte Frauen bei uns organisieren? Wir bieten medizinische Programme sowie psychologische und juristische Beratung an. Derzeit arbeiten wir vor allem mit Frauen, die wegen des Kriegs fliehen mussten und nach Barrancabermeja gekommen sind. Wir unterhalten insgesamt neun Frauenhäuser. Dort bieten wir auch Kurse in traditionell weiblichen Techniken an. Aber sie helfen den Frauen, wenigstens aus dem Haus zu kommen, sich weiterzubilden und sich zu organisieren. Wir haben Gemeinschaftsküchen, dort arbeiten die Frauen, gleichzeitig ist es ein Treffpunkt für sie. Das Mittagessen bieten wir billig in der Gemeinde an.  Ein wichtiger Arbeitsbereich sind für uns die Rechte der Frauen innerhalb der Familie. Frauen müssen sich einen Raum schaffen für eigene Entscheidungen, die Kindererziehung nach ihren eigenen Vorstellungen gestalten. Obwohl wir an den sozialen Kämpfen der Männer teilgenommen haben, ist es auch heute noch nicht selbstverständlich, dass wir als autonom Entscheidende und Protagonistinnen anerkannt werden. Es war keinesfalls einfach zu erreichen, gleichberechtigt mitentscheiden zu können, wie die Gedenkfeiern zum 1. Mai gestaltet werden. Als wir zu Beginn der OFP unsere Rechte als Frauen einklagten, fragten uns Gewerkschafter und Basisorganisationen, ob wir damit den Kampf um soziale Rechte aufgegeben hätten. Denn für die Männer fängt der soziale Kampf außerhalb des eigenen Hauses an und hat nichts mit dem eigenen Herd zu tun. Für uns Frauen ist es aber unmöglich, den Kampf für soziale Rechte von dem Kampf für die Rechte der Frauen abzuspalten. Dabei werden wir in Barranca (Kurzbezeichnung für Barrancabermeja) schon ziemlich respektiert. 

Eure Organisation existiert schon lange?

Die OFP gibt es schon seit 29 Jahren. Die Initiative ging von der katholischen Kirche aus, die mit Frauen in Armenvierteln arbeiten wollte. Die Kirche in Barranca hat immer die sozialen Kämpfe unterstützt. Vor allem einige der Priester, Nonnen und Laien waren dabei sehr engagiert. 1986 hat sich die OFP dann selbständig gemacht. In Barranca als eigenständige Organisation – das heißt, nicht mehr unter dem Dach der Kirche - zu arbeiten, ist nicht einfach. Unser größtes Problem als Frauen ist der Krieg. Wir müssen zwar schon lange mit dem bewaffneten Konflikt in unserer Stadt leben. Aber er ist für uns immer schwerer zu ertragen. Wir müssen praktisch täglich erfahren, wie unsere Kinder oder die von Freundinnen umgebracht werden, ihre Ehemänner und Lebensgefährten. Aber auch Frauen werden getötet. Elf Prozent derjeinigen, die in Barranca aus politischen Gründen ermordet werden, sind Frauen. Meistens geben die bewaffneten Gruppen an, die getöteten Frauen seien die Gattinnen, Geliebten, Mütter oder Freundinnen von Mitgliedern der jeweils gegnerischen Gruppe gewesen. Es passiert relativ selten, dass Frauen umkommen, weil sie Mitglied bei einer bewaffneten Gruppe sind. 

Hier in Europa sind wir wegen des Vorgehens der Paramilitärs in Barranca sehr besorgt. Wie ist eure Situation? 

Seit Mai letzten Jahres haben wir – das heißt, die OFP – zunehmend Probleme mit den paramilitärischen Gruppen. Wir forderten ziemlich hartnäckig, dass sie unsere Autonomie und Arbeit respektieren sollten, und dass wir als Zivilbevölkerung das Recht haben, uns aus dem bewaffneten Konflikt herauszuhalten. Zum Glück ist die OFP mit 1200 Mitgliedern groß und unsere Programme haben uns ermöglicht, in den Gemeinden weiter zu arbeiten.
Den sogen. Paramilitarismus gibt es bei uns – in der Region des Magdalena Medio – seit fast 20 Jahren. Er hat sich allmählich und strategisch gut geplant ausgebreitet, vom Land über die Provinzstädtchen bis nach Barrancabermeja. Er entstand aus einer Orientierung, die die USA ab den 60er Jahren in Lateinamerika propagierten, nämlich Zivilpersonen zu bewaffnen, um den „schmutzigen Krieg“ führen zu können, der den Militärs konstitutionell verboten ist. Die Paramilitärs sind zu einem repressiven Instrument geworden, um gegen soziale Bewegungen vorzugehen, die ihre Rechte einfordern. Das Gebiet des Magdalena Medio ist ein Pilotprojekt für die paramilitärische Strategie, die vom Staat, den Militärs und der Polizei, unterstützt wird. Die staatlichen Sicherheitskräfte leugnen die Komplizenschaft mit den Paramilitärs, obwohl es konkrete Fälle gibt, in denen dies nachgewiesen ist. 

Stecken auch Wirtschaftsinteressen dahinter? 

Klar! Am Mittellauf des Magdalena-Flusses gibt es viel Erdöl. Einige Gegenden sind reich an Kohle, es soll auch Uran geben. Wichtig sind auch die Goldvorkommen im Süden der Provinz Bolívar. Der Paramilitarismus hat generell in sehr reichen Zonen Einzug genommen. Zwar sagen die Paramilitärs, dass sie wegen der Guerilla in den Zonen seien, um sie von jeglichem Keim von Protest und Subversion zu „säubern“. Aber wenn es keine starken sozialen Organisationen mehr gibt, die die Rechte der Zivilbevölkerung einfordern, können nationale und internationale Unternehmen danach ungehindert unsere Bodenschätze ausbeuten. 

Welche Probleme habt ihr konkret mit den Paramilitärs?

Seit letztem Jahr fordern die Paramilitärs von der OFP, dass wir ihre Demonstrationsmärsche unterstützen. Ziel dieser Aktionen ist es zu verhindern, dass die Regierung eine sogenannte. Zone der Begegnung einrichtet, eine Zone im Gebiet von Süd-Bolívar, um im Friedensprozess mit der Guerillagruppe ELN (Ejército de Liberacíon Nacional – Nationale Befreungsarmee) voranzukommen. Unser Gebiet war über 30 Jahre lang unter Einfluss der ELN. Wir meinen, dass es eine politische Lösung des bewaffneten Konfliktes geben muss. Die Paramilitärs setzen alles daran, um Verhandlungen und eine entmilitarisierte Zone zu verhindern. Sie organisieren Versammlungen an zentralen Punkten, Straßenblockaden, sperren Straßen ab und unterbinden die Nahrungsmittelversorgung der Bevölkerung. 
Im letzen Jahr verlangten sie von uns, ihnen bei einem solchen erzwungenen Marsch in dem Ort Puerto Wilches unsere Infrastruktur zum Kochen und zur Versorgung der Leute zur Verfügung zu stellen. Als wir uns weigerten, erklärten sie uns zum militärischen Ziel. Wir gingen offensiv an die Öffentlichkeit. Die Bedrohungen hielten sich dann bis zum 27.Januar diesen Jahres in Grenzen, als die Paras die Übergabe eines unserer Häuser forderten, in dem Binnenflüchtlinge unterkommen. Sollten wir uns weigern, müssten wir zu ihren Kommandanten gehen, das Viertel verlassen, oder sie würden uns umbringen. Wir haben ihnen aber weder das Haus übergeben, noch haben wir mit ihnen geredet. Trotz der Drohungen sind wir im Viertel geblieben. Zweifellos war dies nur durch die Mobilisierung vieler Leute und Gruppen möglich, die die Information verbreiteten, dass die Paramilitärs sogar eine Frauenorganisation massiv bedrohten. Das erregte national und international großes Aufsehen. Die Frage ist: Wie können wir in Barrancabermeja angesichts der voranschreitenden Übernahme der Stadt durch Paramilitärs, die seit Dezember 2000 ganz öffentlich vonstatten geht (vgl. ila 245), Widerstand leisten? Mittlerweile sind die meisten Viertel von ihnen besetzt. Viele Familien mussten fliehen und alles Hab und Gut zurücklassen. Viele werden gezwungen, mit den „Paras“ in ihren Häusern zusammenzuleben, sie zu bedienen, für sie zu kochen, zu waschen. Sie müssen ihnen ihre Söhne überlassen, um mit ihnen zu kollaborieren, sie müssen ihnen sogar ihre Töchter als Geliebte überlassen. Sie bestimmen autoritär das Leben in der Stadt: um wie viel Uhr wir aufstehen müssen, bis wie viel Uhr Leute auf der Straße sein dürfen, und das in einer heißen Stadt, in der man normalerweise den Abend auf der Straße verbringt. Es wird alles kontrolliert. Wenn eine Familie Besuch hat, kommt sofort einer von den „Paras“ und fragt nach. Kommt ein Fremder ins Viertel, wird er eingeschüchtert oder festgehalten, bis sie alles ausgekundschaftet haben. Die Paramilitärs haben nicht das geringste Maß an Ethik. Ihre Leitidee ist, soviel Angst und Schrecken wie möglich zu verbreiten. Deshalb morden sie nicht auf einfache Weise. Das Morden geht einher mit Folter, mit Vergewaltigungen, mit Verstümmelungen des Körpers, ein Horror, der dazu führen soll, dass die Menschen, die solch ein Verbrechen gesehen haben, psychologisch unter ihrer Kontrolle bleiben vor Angst. Die Paramilitärs sind ständig in den Häusern der Leute, um diese zu ihren Informanten zu machen. Sie kontrollieren sogar, ob ein Mädchen einen Liebhaber hat oder nicht. Sogar wer ein Mini-Kleid anzieht, wird mittlerweile zum militärischen Ziel erklärt. Die „Paras“ sind darauf aus, alle Organisationen entweder zu zerstören oder zu übernehmen. Sie haben uns bereits angedroht, dass die OFP, sollte sie ihnen eines Tages gehören, wovon sie ausgehen, einen anderen Namen bekommt.
Die Paramilitärs sind mächtig, weil das Militär und die Polizei, die angeblich zum Schutz der BürgerInnen auf unseren Straßen sind, das nicht einlösen. Im Gegenteil, sie sind Freunde der Paramilitärs und unterstützen sie. Die Paramilitärs können gewiss sein, dass nichts passiert, wenn die Polizei oder das Militär vorbeikommt. Dort, wo paramilitärische Stützpunkte sind, befinden sich auch die der Militärs.

Wie seid ihr als Frauen mit dieser Situation umgegangen?

Wir haben gegenüber dieser doppelten Form von Gewalt der Paramilitärs, der politischen Gewalt gegenüber denen, die anders denken, und der Gewalt einer patriarchalen Kultur von Männern, die sich wie Götter fühlen, aber einfache Machos sind, Widerstand geleistet. Die „Paras“ werden uns „schwachen“ Frauen nicht erlauben, ihren Krieg zu stoppen und sich gegen ihre Art, die Welt zu denken, aufzulehnen. Das machen sie damit deutlich, dass sie uns zum militärischen Ziel erklärt haben.

Wie schützt ihr euch?

Unser größter Schutz ist die Unterstützung von lokalen, nationalen und internationalen Organisationen gegenüber dem Druck der Paramilitärs. Wir werden ständig von den Internationalen Friedensbrigaden (PBI) begleitet. Das ist Teil des internationalen Schutzes. Wir sind irgendwie so optimistisch zu hoffen, dass sie uns nicht ermorden werden. Aber die „Paras“ sind dabei, unsere Arbeit zu zerstören. Sie bedrohen alle Frauen, die in unsere Frauenhäuser kommen, um Kurse zu besuchen, die Jugendlichen, die aufgrund unserer Initiative an der Uni eingeschrieben sind, die Flüchtlingsfrauen mit ihren Familien. Die Menschen, die sich der OFP nähern, werden von den „Paras“ zum militärischen Ziel erklärt. Viele sind dadurch so eingeschüchtert, dass sie sich von uns fern halten. Unsere Arbeit zu zerstören, heißt, uns langsam umzubringen. Für uns ist die Arbeit, unsere Organisierung als Frauen, ein eminent wichtiges Stück unseres Lebens.

Wie können wir euch unterstützen?

Einmal, indem ihr hier über unsere Situation informiert, damit Druck entsteht, dass die Paramilitärs wirksam bekämpft werden. Außerdem laden wir euch ein, in Barranca physisch präsent zu werden. Wir erwarten euch bei uns, damit ihr mit eigenen Augen seht und erlebt, was bei uns abgeht. Die Paramilitärs werden von der Präsenz von Menschen von ausländischen Organisationen, von Menschenrechtsgruppen, gestört, das verunsichert sie. In eurer Begleitung sind wir ein Problem für sie, sie können uns dann nicht so einfach umbringen. Ihr könnt einen Monat kommen, zwei oder drei, am besten natürlich länger. Wichtig ist es für uns, dass viele Gruppen aus aller Welt zu den „Internationalen Aktionstagen von Frauen gegen den Krieg“ nach Barranca kommen. Sie werden vom 14. bis 17. August stattfinden.

Das Interview führte Margret Buslay am 12. April 2001 in Berlin.

Weitere Informationen über die Situation in Barrancabermeja und die Aktionstage im August bei: Deutsche Menschenrechtskoordination Kolumbien Tel/Fax 0228-912 2534, email: kolko@t-online.de

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