aus HipHop / ila 246
Es gibt keine Dogmen
Interview mit DJ-Bazuko über die Latino-Hip-Hop-Szene in Berlin
„DJ Bazuko“ ist – wie könnte es anders sein – DJ. Laut Eigenangaben legt er überall da auf, „wo man ihn ruft“. Das sind einerseits Hip-Hop-Events, wo er mit Vinyl-Platten-Tellern arbeitet, aber auch Latino-Musik-Parties, welche mit der ganzen Bandbreite lateinamerikanischer Tanzmusik den Saal zum Kochen bringen können. Daneben bastelt er die Soundgrundlagen, die Samples, für Hip Hop-Bands zusammen. Die ila sprach mit ihm über sein persönliches Hip-Hop-Verständnis, die (bislang) noch recht unbekannte Szene der Latino-Rapper in Deutschland und wie er die deutschen KollegInnen sieht...
Wie kamst du selbst zum Hip-Hop?
Was mich schon immer am meisten am Hip-Hop interessiert hat, ist die Botschaft „von der Straße“, das Lebensgefühl, das vermittelt werden soll. Die neue Generation von Jugendlichen, die heute zwischen 16 und 25 Jahren alt sind, identifiziert sich damit, besonders in denjenigen Ländern, in denen Unterdrückung herrscht. Mit dem Tod anderer Musikstile oder ihrer Vereinnahmung, was z.B. mit Punk oder Hardcore passierte, haben die Leute andere Ausdrucksformen gesucht. Anfang der 90er fand diese Entwicklung auch in Lateinamerika ihren Niederschlag.
Der Bekanntheitsgrad von Hip-Hop in Lateinamerika erhöhte sich schlagartig durch die Einführung des kommerziellen Musiksenders „MTV Latina“ Anfang der 90er. War dort denn noch Platz für das Lebensgefühl „der Straße“?
MTV hat schon dazu beigetragen, dass Hip-Hop in größerem Umfang bekannt geworden ist, denn selbst Rockmusik generell war bis vor acht Jahren ein sehr randständiges Phänomen in Lateinamerika. Vorher gab es nur englischsprachige kommerzielle Rockmusik, Salsa, Cumbia etc. oder Underground-Rock, der aber auf lokale Zirkel beschränkt war. „MTV Latina“ hat lateinamerikanische Rock- und Hip-Hop-Musik einem Massenpublikum bekannt gemacht, das müssen wir anerkennen.
Was heißt denn für dich das Lebensgefühl der Straße? Wie sieht deine Hip-Hop-Philosophie aus?
Es ist weniger eine Philosophie, ich würde eher den Begriff „Brüderschaft“ anwenden. Es gibt keine starren Maßstäbe, jeder kann zeigen, was er kann, sich an den Plattentellern ausprobieren oder einen Freestyle-Rap wagen. Es gibt einfach keine Dogmen, so dass es doofen Hip-Hop für Doofe gibt, genauso wie es durchdachten Hip-Hop für Leute gibt, die mitdenken. Das „Straßen-Gefühl“ widerzuspiegeln heißt für mich, dass Alltagsgeschichten aus deinem Stadtteil erzählt werden, Geschichten über die Leute, die du an der Straßenecke triffst, deine eigenen Erlebnisse, kurz, das, was in anderen Medien nicht vorkommt. Das Gute am Hip-Hop ist, dass du – selbst wenn du sehr arm bist – aktiv werden kannst, alles, was du brauchst, sind ein Kassettenrekorder, eine Kassette mit einer aufgenommenen Tonspur und deine Stimme, fertig. Und damit kannst du überall hingehen.
Hip-Hop zeichnet sich demnach durch seinen lokalen, stadtteilbezogenen Charakter aus?
Je nachdem. Es ist vielmehr das Gefühl eines bestimmten Stadtteils, oder auch das Gefühl einer bestimmten sozialen Gruppe. Die lateinamerikanischen Hip-Hopper hier in Berlin benutzen den Hip-Hop um ihre Geschichten darüber zu erzählen, wie es ist, als Latinos in Deutschland zu leben. Der venezolanische Rapper MC Kwaan oder die Dominikaner Los Indios Latinos erzählen von ihrem Alltag, davon, was es heißt, Migrant zu sein. Alle sprechen von persönlichen Erlebnissen, einige von Drogen und Halluzinationen. Insgesamt bewegen sich etwa 30 bis 40 Leute in dieser Szene in Berlin. Es gibt eine Menge Jungs, die keine Gelegenheit auf Partys auslassen, um mit Tonspuren zu improvisieren und zum Mikro zu greifen.
Auf was für Partys finden solche spontanen Sessions statt?
Überall. Überall, wo gute Stimmung ist, gute Musik läuft und die Leute was zu sagen haben. Das kann auf Privat-Parties ebenso ablaufen wie in Clubs. Dieser Kreis ist aber relativ geschlossen, wahrscheinlich fühlen sich die Leute in ihrem „Ghetto“ wohler. Das finde ich teilweise auch OK, weil man so seine eigene Identität stärken kann. Andererseits finde ich es schade, weil so kein Austausch mit der Bevölkerung hier stattfinden kann.
Gibt es hier in Berlin auch weibliche DJs oder MCs?
Ich weiß von ein paar Cubanerinnen, dass sie was ausarbeiten, sie sind aber noch nicht öffentlich in Erscheinung getreten. Ich würde sie auch sehr gerne mal hören. Aber unser Vernetzungsprozess befindet sich zur Zeit noch im Anfangsstadium. Um den Austausch voranzutreiben wollen wir demnächst ein Festival – wahrscheinlich im Juli – veranstalten und auch ein Fanzine herausgeben. Einen festen Ort, wo die Szene sich treffen könnte, haben wir im Moment nicht; wir hatten zwar mal einen kleinen Treffpunkt, aber auf Grund der Intoleranz von einigen Leuten mussten wir ihn aufgeben ...
Wie kommen die lateinamerikanischen Hip-HopperInnen bei dem deutschen Publikum an?
Hip-Hop, besonders deutscher Hip-Hop, erlebt ja seit einiger Zeit in Deutschland einen großen Boom. Einige aus diesem deutschen Publikum finden es bestimmt interessant, wenn jetzt hier auf spanisch gerappt wird – auch wenn diese deutschen HörerInnen nicht viel verstehen – und lateinamerikanische Musikelemente, wie Salsa, Rumba, Merengue oder Son, mit einbezogen werden. Die ganz Orthodoxen, die nur die harten, düsteren Samples verwenden, hassen hingegen diese Art von Hip-Hop-Mischung.
Bei einem lateinamerikanischen MC kann es jederzeit passieren, dass er zum Rappen ein bisschen Salsa oder Merengue tanzt und viel Spass dabei hat, was bei einem deutschen MC unvorstellbar wäre! Hier merkt man, dass die lateinamerikanische Musik so vielfältig und ergiebig ist, dass sie problemlos mehrere Stile miteinander verbinden kann.
Keine Muttersöhnchen mit teurem Equipment
Wie sieht das Verhältnis der lateinamerikanischen Hip-HopperInnen in Deutschland zur deutschen Szene aus?
Man kann fast sagen: beschissen. Sie verstehen sich nicht gut miteinander. Die meisten deutschen Hip-Hopper sind für uns Muttersöhnchen. Für sie ist alles sehr einfach: Sie gründen mal eben eine Band, haben ihr super Equipment, Sampler, Mixer, alles vom Feinsten, aber das ist natürlich kein Hip-Hop mehr, das ist für mich Konsum-Verhalten. An dem Punkt knallt es. Aber auch das Aufeinanderprallen zweier Kulturen spielt eine Rolle. Ich würde sagen, dass die deutschen Hip-Hopper sehr intolerant sind, speziell gegenüber anderen Stilarten, die nicht nach orthodoxem Hip-Hop klingen. Es gibt zwar einen gewissen Kontakt, aber man hört sich nicht zu und jede Seite redet schlecht über die andere.
Allgemein erlebt lateinamerikanische Musik aber einen unglaublichen Boom im Moment – könnte das deiner Meinung nach dazu beitragen, Vorurteile abzubauen, oder siehst du darin eher die Gefahr, dass der Positiv-Multikulti-Rassismus bestärkt wird?
Mit einigem Befremden gucke ich mir an, wie Ricky Martin oder Marc Anthony hier im Musikfernsehen abgefeiert werden! Wenn ich auflege, auf den breiter angelegten Tanzparties, wollen viele Veranstalter, dass ich Salsa spiele. Damit habe ich aber nichts am Hut, meine Musik enthält zwar Elemente davon, geht aber darüber hinaus. Mit reiner Salsa machen die Veranstalter eben am meisten Kohle. Damit wird ein falsches Bild von lateinamerikanischer Musik verkauft, denn was hier ankommt, ist die ganze Klischee-Packung von karibischer Musik, der Latin Lover, Piña Colada, Palmen usw.. Unsere kleine Szene hier findet das schrecklich und will nichts damit zu tun haben.
Die cubanische Hip-Hop Band Orishas, die in Deutschland mittlerweile auch einige Begeisterung ausgelöst hat, vermittelt in ihren Texten aber auch eine ganze Menge Klischees, tanzende Mädchen, Rum, Zigarren ...
Du beziehst dich auf den Song „A lo cubano“, dessen Samples ich sehr gut finde. Den Text finde ich aber auch total unglücklich, damit haben sie sich selbst keinen Gefallen getan. Auch das Video dazu mit den tanzenden Schönheiten ist richtig schlecht, total abgeschmackt. Das wäre nicht nötig gewesen, es gibt so viel zu zeigen, warum zeigen sie dann schon wieder den Hintern der Mulattin? Die Produktionsfirma wollte das wohl so. Andere Texte aber handeln von der
„Cubanía“, dem cubanischen Lebensgefühl und der cubanischen Wirklichkeit, die ja noch mal ganz speziell ist und für viele Außenstehende nicht zu verstehen. Viele CubanerInnen lieben ihr Land sehr, auch wenn sie es verlassen mussten, und sie leiden darunter, dass sie ihr Heimatland verlassen mussten. Genau davon handeln einige Texte der Orishas. Viele von uns LateinamerikanerInnen können dieses Gefühl bzw. den Schmerz darüber, das Vaterland verlassen zu haben, sehr gut nachvollziehen.
Ist das auch Thema bei den lateinamerikanischen Hip-HopperInnen hier in Berlin?
Bei einigen schon, aber die meisten thematisieren dann doch, was es heißt, hier zu sein, was ihr Leben hier ausmacht.
Ein anderer interessanter Hip-Hop-Musiker aus Cuba ist Nilo, der Hip-Hop-Pionier der Insel sozusagen. Als die Orishas mit ihrer Vorgängerband Amenaza noch kleine Jungs waren, brachte Nilo schon den Hip-Hop auf die Straßen Havannas. Das war 1989. Gleichzeitig war er Maler, ein ziemlich bekannter sogar. Anfang der 90er ging er mit anderen bildenden KünstlerInnen auf eine Tournee, auch außerhalb Cubas, und einigen von ihnen wurde bei der Rückkehr die Einreise verweigert. Einige aus dieser Generation waren wohl der cubanischen Regierung zu unbequem geworden. Auch Nilo wurde auf diese Art rausgeworfen. Danach ging er nach Ecuador, machte weiterhin Hip-Hop, den er mit anderen Elementen mischte. Im Anschluss daran zog er nach Deutschland, nach Freiburg, wo er fast drei Jahre lang war und an seiner Musik arbeitete. Heute ist er in Madrid, wo er schließlich einen Plattenvertrag für seine erste Single „Business L.A.“ bekam.
Glaubst Du, dass von den Raps der lateinamerikanischen Hip-Hopper hier was rüberkommt? Die meisten Deutschen werden ja wohl kaum was verstehen ...
Mir ist es am wichtigsten zu zeigen, dass lateinamerikanische Musik nicht nur Salsa oder Ricky Martin ist. Außerdem geht es gar nicht so sehr um die Inhalte der Texte, ich persönlich finde es viel wichtiger, dass die Leute die Musik verstehen und anerkennen, dass verdammt viele gute Sachen aus Lateinamerika kommen. Tja, die Texte verstehen – Hip-Hop ist eben auch nicht klassische Protest-Musik, wie sie von den Alten gehört wird, was weiß ich, Silvio Rodríguez oder Inti Illimani, Sachen, die meine Mutter hört! Schön und gut, alles zu seiner Zeit, damals versuchte man eben noch, die Texte zu verstehen.
Gar keine Message?
Eher das Gefühl, das rüberkommen soll. Außerdem gibt es von allem etwas, Bands, die wirklich eine Botschaft haben, aber auch einige, die wirklich nichts aussagen. Ich finde es problematisch zu verlangen, dass alles direkt ein politisches Werkzeug sein muss. Klar gibt es innerhalb des weitläufigen Latino-Rock-Spektrums Leute, die sehr explizite Botschaften haben, der hyperbekannte Manu Chao z.B., der heutzutage in Geld schwimmt, aber trotzdem seine Haltung nicht verloren zu haben scheint, oder Los de Abajo oder Panteón Rococo, beide aus Mexico, wobei letztere sehr engagiert über die zapatistische Sache singen. Aber sie singen auch Liebeslieder, so ist die lateinamerikanische Gefühlswelt nun einmal!
Das Gespräch führte Britt Weyde am 12. Mai in Berlin.
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