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Come together!
Kam Hip-Hop nach Lateinamerika oder kamen
die Latinos zum Hip-Hop? Ein Überblick
von DJ Bazuko
Hip-Hop hört man an jeder Ecke und Lateinamerika bildet keine Ausnahme. Es ist schon mehr als ein Jahrzehnt vergangen, seit Hip-Hop als Kultur und Musik in Lateinamerika aufgetaucht ist. Dies soll eine Annäherung an eine musikalische Bewegung sein, die heute in Lateinamerika Massen bewegt.
Sie sind direkt beeinflusst von den afro-amerikanischen Rappern der
späten 80er Jahre, als Bands wie Public Enemy, Ice-T, NWA, Ice Cube und andere Größen die Hip-Hop-Welt beherrschten. Und ausgerechnet in den USA sind auch die ersten rappenden Latinos aufgetaucht. Hervorzuheben sind Namen wie Toni Touch, Kid Frost oder die legendären Latin Alliance, die als erste in die Geschichte eingehen.
Toni Touch MC, von der Abstammung her Puertoricaner, eroberte die Bühnen mit seiner beeindruckenden Art zu rappen, sehr gewagt und sehr latino. In jener Zeit wurde in der derben Sprache des Spanglish gerappt, mit Songs wie „This is for the Raza“1 von dem Chicano Kid Frost: „Qué hubo / aquí estoy and you see Kid Frost / Yo soy Hip and my Thorn's the big boss / my colt is loaded, is full of balas...“ (Was gibt's / hier bin ich, Kid Frost steht vor dir / ich bin angesagt und mein Schwanz ist der Boss / mein Colt ist geladen, voller Munition). Dieser Song steht für das Lebensgefühl der Chicanos, der Söhne mexicanischer EinwandererInnen. Oft tun sie sich zu Gangs zusammen, da sie sich mit einer weißen Gesellschaft konfrontiert sehen, die sie zu einem Leben im Ghetto verdammt, wo sie nicht akzeptiert und ständig als Bürger zweiter Klasse behandelt werden, selbst wenn sie US-amerikanische Pässe haben oder dort geboren sind: „Y sabes que loco / yo soy humano / tu no sabes nada / you bring us the heat in the head too many times with the palo...“ (So was Verrücktes, ich bin doch ein Mensch, und du hast keine Ahnung, ihr habt uns die Wut zu oft mit Knüppeln in den Kopf gehämmert). Kurz gesagt, es geht um die Bereitschaft, sich gegen jeden zu verteidigen, der versuchen sollte, gegen die „Rasse“ vorzugehen.
So stehen neben den ständigen Aufrufen zur Selbstverteidigung auch Aufrufe zur Einheit der Latinos. Die Gruppe Latin Alliance meint: „Es lebe die Rasse! / Latinos für immer vereint / ...von Mexico aus wird gegen den Wahnsinn angegangen, mein Freund / ich werde einige Männer erwähnen / deren Namen wir kennen, weil sie zu den Guten gehören / Pancho Villa, Emiliano Zapata / die den Armen gaben, ohne was dafür zu verlangen.“ Hier mischen Latin Alliance den Schrei nach Einheit mit der Aneignung der mexicanischen Geschichte und ihrer Volkshelden um sie schließlich als Modell zu empfehlen: „Und ich lüge nicht / für mich sind sie ein Vorbild / ich habe mich derselben Sache verschrieben ...“. Ihre Texte spiegeln den Alltag der Chicanos in Städten wie Los Angeles, Chicago oder New York wider. Ihre Feinde sind die rassistischen Yankees, die Grenzpolizei – „La Migra“ – und alles, was nach „Vaterlandsverrat“ riecht, nach dem Verlust der lateinamerikanischen Identität und danach, sich zu verkaufen.
Gewaltphantasien von Fidel Castro
Schon Ende der 80er Jahre bringt Mellow Man Ace seine erste Single „Mentirosa“ (Lügnerin) raus, ein Rap mit Anklängen von Soul und Funk, in dem er Samples aus dem Song „Evils Away“ von Carlos Santana verwendet. Am Anfang geht es in den Texten von Mellow Man Ace nur um Liebesgeschichten, Untreue und böse Frauen. Aber dieser Song war der erste, der in den Massenmedien landete und die Grenzen der USA in Richtung Lateinamerika überschritt. Es war der erste Latino-Hip-Hop, der im Radio gespielt wurde. Später greift Mellow Man Ace dann auch andere Themen auf, wie das Exil, die Identität als Cubaner und den Stolz auf diese Identität in den USA. Seine erste LP heißt „Escape from Havana“ und spielt auf die eigene Geschichte an. Mellow Man Ace kommt aus Pinar del Río und ist als Bootsflüchtling über den Hafen Mariel aus Cuba abgehauen, in der Zeit Anfang der 80er Jahre, als Tausende von CubanerInnen die peruanische Botschaft besetzten, um auf diesem Wege das Land verlassen zu können.
Für die Weltöffentlichkeit waren sie ein Haufen von Kriminellen und „Asozialen“, die das Land verließen, weil die Revolution sie nicht mehr haben wollte. Für den Fall, dass es an diesem Bild noch irgendeinen Zweifel gab, bemühte sich die cubanische Regierung, es zu erhärten, indem sie die Knäste öffnete, so viele Kriminelle wie möglich frei ließ und sie mit den anderen Leuten mischte, die nur das Land verlassen wollten: „De pronto así llegué / por el Mariel con mi misión incompleta porque no maté a Fidel / ese cara cicatriz bigotú cara de mierda / si lo veo lo entierro seis pies bajo tierra ...“ (So bin ich plötzlich angekommen über Mariel / mit meiner unvollendeten Aufgabe, denn ich habe Fidel nicht umgebracht / dieses bärtige Narbengesicht, dieses Scheißgesicht / wenn ich ihn sehe, begrabe ich ihn zwei Meter unter der Erde...). So drückte der Cubaner in dem Song „Me la pelas!“ (Scheißegal) seinen Widerwillen und seinen Hass gegen Fidel Castro und das in Cuba herrschende System aus. Mellow Man Ace sagte damals: „Rappen ist für mich ein Gefühl, es ist das, was du jenseits jeglicher Ideologie lebst und fühlst, und das kannst du an jeder Ecke erzählen.“
Damals war der Song „Insane in the Brain“ der neuen Band Cypress Hill aus Los Angeles sehr verbreitet. Ein Cubaner, ein Mexico-Cubaner und ein Afro-Amerikaner benutzten diesen Namen in Anspielung auf Cypress Avenue, einer Straße, die ihren Stadtteil South Central in Los Angeles durchquert. In ihrem heftigen und harten Stil rappten B-Real, Zen Dog und DJ Muggs, worauf sie gerade Bock hatten. Die Gruppe ist mit Texten zum Leben in der Stadt oder zur Verteidigung von Marihuana und mit einer sehr dichten Musik berühmt geworden. Weitere Gruppen, wie die politisch engagierten Aztlan Underground, Delinquent Habits, M.C. Man, Tha Mexikanz, Los Marijuanos from Chicago, Funky Minoriteez, Hispanic MC's oder Royal and the Raza Crew haben neben anderen die Basis des Latino-Hip-Hop gelegt, der in den USA von Latinos gemacht wird.
Von Mexico bis Argentinien
Weiter südlich ist Mexico zu einem wichtigen Bezugspunkt des Latino-Hip-Hop geworden. Gruppen wie Control Machete, Sociedad Café, Molotov, Pastilina Mosh, Zurdok u.a. bringen das Publikum nicht nur in Mexico, sondern auch anderswo zum Toben. Die bekannteste mexicanische Hip-Hop-Band ist Control Machete aus Monterrey, die mit ihren Texten für das Recht auf Immigration in die USA streiten. Mit provozierenden Texten beschwören sie die „mexicanidad“, das mexicanische Lebensgefühl, herauf. Für ihre Soundgrundlage verwenden sie Elemente der verschiedensten traditionell mexicanischen Musik oder Elemente aus der Populär-Kultur in ihren Samples: Corridos, Cumbias Norteñas oder Teile aus dem Programm des bekannten Komikers
Chespirito.
In Puerto Rico ist ebenfalls ein wichtiger MC in der Geschichte des Latino-Hip-Hop zu finden: Vico C. Dieser Vater des spanischen Rap hat mehrere Platten rausgebracht. Auf seiner bedeutendsten Platte „Con Poder“ (Mit Macht) sind die Texte gegen die sinnlose Gewalt zwischen Gangs und die Aufforderung zum positiven Denken besonders bemerkenswert. Über diesen MC zu schreiben würde einen eigenen Artikel erfordern.
Auf Cuba geht die Sache aufwärts. Es gibt eine Menge Bands, die immer besser ankommen. Das Rap-Festival von Alamar war eine Fundgrube für Neu-Entdeckungen, da immer wieder neue Rapper auftauchten. Ob wir nun von den angesagten Orishas reden, die in Frankreich leben, oder von dem Veteranen MC Nilo, der schon 1989 durch die Straßen Havannas rappte und ein Vorläufer des Cuba-Hip-Hop ist, in den gekonnt Elemente cubanischer Musik einfließen – die Liste der Bands ist endlos. Hervorzuheben sind die Frauenband Instinto oder Proyecto F – unter vielen anderen.
Gewalt in Kolumbien, Bürgerkids und H.I.J.O.S. in Argentinien
Wenn wir nach Kolumbien in Städte wie Bogotá oder Medellín kommen, treffen wir in Bogotá auf Asilo 38, La Etnia oder Alianza Hiphop und in Medellín auf FB-7 oder die düsteren Sekta Inkamista. Mitten in der allgemeinen Gewalt und dem täglichen Überlebenskampf sieht die Geschichte härter aus. Hip-Hop Made in Colombia nimmt inzwischen einen breiten Raum in der Subkultur dieser beiden kolumbianischen Städte ein. Wir kommen schließlich am Ende Südamerikas in Chile und Argentinien an, wo es große Hip-Hop- Szenen gibt. In Argentinien haben wir Illya Kuryaki & the Valderramas eine kommerzielle Band von Kindern reicher Eltern, die mit ihrem Funky Rap und Texten über Surreales und Alltagsgeschichten viel in lateinamerikanischen Radios gespielt wird.
Wenn wir uns mehr den Kreisen des Underground zuwenden, finden wir Bands wie Sindicato del Hiphop und Actitud Maria Marta. Letztere sind in der Kampagne aktiv, die für das Wiederauftauchen der während der faschistischen Diktatur in den 70er Jahren Verschwundenen kämpft. Einige von ihnen sind Mitglieder der Gruppe H.I.J.O.S., die die Organisation „Mütter der Plaza de Mayo“ unterstützt. In Chile treffen wir auf mehr als fünfzig Bands, wobei unter vielen anderen Tiro de Gracia, Efecto Pollo, die Bürgerkids Los Tetas, Fuerza Hip-Hop (F-2H), Represión Latina, La Tribu, Descarga Callejera, Clase Bellaca und die Frauenband Corrosivas hervorzuheben sind. Die Liste lateinamerikanischer Länder, in denen der Hip-Hop mit Power zum Durchbruch gekommen ist, könnte noch verlängert werden, obwohl der Anfang dieser Geschichte gerade erst geschrieben wird, denn die lateinamerikanischen Jugendlichen haben noch viel zu sagen. Solange die Wirklichkeit so aussieht, dass der Kampf ums Überleben zur täglichen Heldentat wird, wird der Hip-Hop an jeder Ecke und an jedem Ort auftauchen, um die Alten mit ihren Gewohnheiten und ihre Regierungen daran zu erinnern, dass die Jugend nicht schläft und nicht aufgibt.
Übersetzung: Alix Arnold
1) Da es keine „Rassen“ gibt, ist dieses Wort aus unserem Wortschatz gestrichen. In anderen Sprachen bzw. anderen Gesellschaften sieht dies anders aus, linke, antirassistische Gruppen oder AfroamerikanerInnen selbst benutzen diese Kategorie, oft auch positiv aufgewertet in berechtigter Verteidigungshaltung gegenüber einer durch und durch rassistischen Gesellschaft. „Race“ oder „Raza“ bezieht sich vor dem Hintergrund eher auf ein soziokulturelles Phänomen, weniger auf das biologistische Konstrukt.
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