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aus Plan Colombia / ila 245

Nein, ganz einfach nein!
Präsident Fox will Steuern auf Bücher erheben
von Paco Ignacio Taibo II

AutorInnen, VerlegerInnen und BibliothekarInnen protestieren gegen die Ankündigung des mexicanischen Finanzministeriums eine Mehrwertsteuer (IVA) von 15 Prozent auf Bücher und Zeitschriften einzuführen. In einem Land, indem die öffentliche Bildung große Lücken aufweist und durchschnittlich nur ein Buch pro Jahr und EinwohnerIn gelesen wird, weil Bücher schon jetzt für viele unerschwinglich sind, bedeutet das den endgültigen kulturellen Kahlschlag. Anstatt mit Büchern in die Zukunft der Kinder und Jugendlichen zu investieren, werden auswärtige Schulden gedeckt und marode Banken saniert. Am 5. April 2001 erschien in der mexikanischen Tageszeitung La Jornada ein kurzer Text des Schriftstellers Paco Ignacio Taibo II zum Thema IVA, den wir nachfolgend veröffentlichen.

 Nein, ganz einfach nein. Keine IVA auf Bücher.

Der Junge umkreiste das Buch, als ob er es so lesen könnte, als ob die Wunderlampe von Aladin plötzlich brennen, ein Geist erscheinen und sein Problem lösen würde. Er kam schon das zweite oder dritte Mal an den Tisch, wo ich saß und auf der Bergbaumesse Bücher signierte. Jedesmal machte er dasselbe. Er schaute sich alle Bücher auf dem Tisch an, als ob sie ihn alle interessierten, nahm dann eins, immer dasselbe, in die Hand, las den Waschzettel, den er beim dritten Mal bereits auswendig kennen musste und dann betrachtete er das Etikett mit dem Preis, als ob der Preis sich inzwischen verändert hätte. Dann fuhr seine Hand unweigerlich zur rechten Tasche seiner Jeans.

Wieviel fehlt dir?, fragte ich

Elf Pesos.

‚Me coopero’, die steuere ich bei, sagte ich und schob die elf Pesos über den Tisch.

Er zog den Rest aus seiner Hosentasche, es war nicht viel, mit dem Messenachlass kostete das Buch 55 Pesos und gab sie dem Verkäufer. Er bat mich, ihm eine Widmung zu schreiben. Er hieß Alfonso, wohnte in Portales und hatte jetzt alles ausgegeben, was er besaß. Er würde zu Fuß nach Hause gehen.

Kurz davor hatte ich ein Buch für María Engracia, Gustavo und Pancho signiert. Genau in dieser Reihenfolge, denn sie hatten das Buch zusammen gekauft und würden es in dieser Reihenfolge lesen. Zuerst María Engracia, weil sie am schnellsten las. Der langsamste Leser war der letzte in der Reihe. Es war nicht das erste Mal und würde nicht das letzte Mal sein, dass ich ein Buch für junge Leute signierte, die es zusammen kauften, um es dann nacheinander zu lesen.

Ich signierte ein Buch für Yareli, der vormittags zur staatlichen Fachschule ging und nachmittags im Gemischtwarenladen seiner Eltern am Schalter stand. Im Januar und Februar hatte er nicht gefrühstückt, um Bücher auf der Messe kaufen zu können. Die Schulbücher zahlten seine Eltern, aber Romane nicht, denn die dienen dem Vergnügen und nicht dem Studium.

Ich signierte Bücher für den Bruder von Onofre, der ein Praktikum im Krankenhaus macht (pasante de medicina?) und als Taxifahrer arbeitet und der (Onofre, nicht der Bruder) eigentlich zwei Bücher wollte, aber es reichte nur für eins.

Ich signierte ein Buch für Patricia, Tochter von chilenischen Exilierten, die im Polytechnikum arbeitet und die ihre Handtasche ausleeren musste, um das Geld zusammen zu bringen.

Ich signierte ein Exemplar der Che-Biographie für Mariano Luciano, Yésica und Arturo (in dieser Reihenfolge), von denen jeder 25 Pesos zahlte.

Ich signierte kein Buch, weil er keins kaufte, für den dunkelhaarigen jungen Mann mit dem schüchternem Blick und dem verwaschenen U2-T-shirt, der eine halbe Stunde immer wieder die Bücher durchblätterte, und ich signierte auch kein Buch für den Büroangestellten, dessen Kreditkarte hin- und zurücksprang wie ein Basketball; ich signierte auch keine Buch für ein Mädchen, dem 22 Pesos fehlten; denn wenn erst das Gerücht in Umlauf kam, dass ich ein Schriftsteller bin, der ‚kooperiert’, würde das die ruinöseste Messe meines Lebens und ich müsste auch zu Fuß nach Hause gehen.

Wer nicht auf der Messe war und seine Taschen durchsuchte, war der Finanzminister. Auch die Pressesprecherin leerte nicht ihre Handtasche aus, um ein Buch zu kaufen. Und Präsident Fox war es nicht, der auf meiner Heimreise in der Metro saß und einen Roman las.

Die IVA auf Bücher aufzuschlagen ist ein Verbrechen.

Die IVA auf Bücher aufzuschlagen ist eine viehische und absurde Politik.

Die IVA auf Bücher aufzuschlagen ist kulturelles Banditentum in einem Land, in dem eigentlich Geldmittel für verbilligte Bucheditionen, Bücherklubs und öffentliche Bibliotheken zur Verfügung stehen müssten.

Wenn der mexicanische Staat Geld für öffentliche Einrichtungen und Dienstleitungen braucht, soll er die feierlichen Essen im Schloß von Chapultepec abschaffen, Geld von den Agromultis eintreiben, diejenigen, die in gepanzerten Wagen fahren, zur Kasse bitten, die mit öffentlichen Geldern sanierten Banken miteinbeziehen und nicht die Steuern für Großverdiener senken.

Es leuchtet ein, das die PAN-Abgeordneten und ihr Mentor, der Finanzminister, die Bedeutung von all dem nicht verstehen. Wahrscheinlich haben sie in ihrem ganzen Leben nicht ein Buch gelesen (außer dem Handbuch: "Wie überwinde ich mich selbst" und dem Buch zum Papstbesuch in Mexico). Aber wir, Mitglieder der demokratischen Republik der LeserInnen, wissen, was auf dem Spiel steht: auf der symbolischen Ebene und in den Niederungen des Alltags.

Wir müssen uns bewegen, auf die Straße gehen, um das prekäre Recht von Alfonso, María Engracia, Gustavo, Pancho, Yareli, Patricia und Onofres Bruder, Mariano, Luciano, Yésica und Arturo zu verteidigen, weiterhin lesen zu können.

Denn sie und nicht der Finanzminister sind die Helden dieser Geschichte.

P.S. Und wo wir gerade dabei sind: natürlich auch keine IVA auf Medikamente, Lebensmittel, Schulbedarf, Mieten und Transport.

Auf spanisch steht der Text im Internet unter:  www.jornada.unam.mx/2001/abr01/010405/008a1pol.html

Übersetzung: Laura Held

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