Home  Wir über uns  Aktuelle Ausgabe  Leseproben  Archiv  Solidarität  Notizen  Termine  TV/Radio  Links   Bestellungen


aus Bolivien / ila 244

Der General in seinem Labyrinth
Bolivien am Ende der Ära Banzer
von Peter Strack

1971 hatte sich der deutschstämmige Oberst Hugo Banzer Suárez an die Macht geputscht, die er bis 1978 als Militärdiktator ausübte. Heute ist er demokratisch gewählter Präsident Boliviens. Getragen wird dessen Regierung von seiner Partei ADN (Nationaldemokratische Aktion) und den beiden Koalitionspartnerinnen UCS (Solidarische Bürgerunion, populistisch) und der zumindest vom Programm her sozialdemokratischen MIR (Bewegung der Revolutionären Linken). Deren AktivistInnen zählten 1971-78 zu den Opfern des Banzer-Regimes. Dank eines moderaten Auftritts des Ex-Diktators, eines kurzen Atems der historischen Erinnerung und der Erwartung eines wirtschaftlichen Aufschwungs schaffte der von US-Militärs geschulte Banzer das Comeback. Doch wird er das Ende der Legislaturperiode erreichen?

Schon beim Cochabambiner Wasserkonflikt im April letzten Jahres wackelte der Sessel von Hugo Banzer Suárez (vgl. ila 235). Auch als die Regierung bei den Massenprotesten vor allem in der Hochebene sowie in der Cochabambiner Tälerregion und insbesondere im Chapare im September und Oktober wieder massiv Militär einsetzte und zahlreiche Todesopfer zu beklagen waren (vgl. ila 240), bezweifelte nicht nur die Opposition, dass Banzer über das politische Instrumentarium verfügt, die Konflikte zu lösen. Bei einer Umfrage der Forschungsgruppe CEDLA unter Kleinbauern- und Stadtteilorganisationen, Nichtregierungsorganisationen, BürgermeisterInnen und Gewerkschaften meinten 64 Prozent der Befragten, Banzer solle zurücktreten. Nur 12 Prozent hielten ihn für fähig und nur 14 Prozent überhaupt für bereit, die Probleme zu lösen. 80 Prozent bezeichneten die Regierung, 95 Prozent die Parteien allgemein als korrupt.

Die Regierung kündigte zwar an, in einer neu gegründeten interministeriellen Kommission die Ursachen der Konflikte zu bearbeiten. Die Strategie war jedoch, die Hauptkrisenzonen zu identifizieren und jeweils getrennt mit den Akteuren zu verhandeln, um Solidarisierungseffekte wie im vergangenen Jahr zu verhindern und in Ruhe die letzten Amtsmonate bis Juli 2002 zu überstehen. Für dieses „Frühwarnsystem“ wurden 426 Millionen Dollar zur Vefügung gestellt. Doch lehnten zum Beispiel die Bauern der Provinz Omasuyos im Altiplano, wo es neben dem Chapare im September die härtesten Auseinandersetzungen gegeben hatte, diese Teile-und-Herrsche-Strategie ab, konkret ein Angebot von 26 Millionen Dollar der Weltbank, mit dem Argument, dass nicht nur sie, sondern auch die Nachbargemeinden begünstigt werden müssten.

„Die Armut ist ein strukturelles Problem und keine Frage von Entwicklungsprogrammen oder -strategien“, sagte Leonor Arauco, Vertreterin eines NRO- Netzwerks, beim nationalen Dialog über die Entschuldungsinitiative (vgl. Beitrag „Schuldenerlass zur Armutsbekämpfung?“ in dieser ila). „Die Armut hängt mit dem Wirtschaftsmodell zusammen, das noch mehr Armut hervorruft. Und solange unsere Regierung noch enger an diesem Modell klebt als die Weltbank selbst, werden wir dem Armutszirkel nicht entrinnen.“

Musterschüler der Entwicklungsagenturen

Die Wirtschaft Boliviens befindet sich in einer Rezession und der Staatsapparat mit seinen ohnehin mageren Einnahmen wird trotz aller Reformen und kleiner Verbesserungen von politischem Klientelismus und Korruption gebeutelt. Anfang 2001 schien sich die politische Lage zwar zu beruhigen. Die Bauern mussten wieder auf ihre Felder und ihre Anführer waren mit Verhandlungen über die Erfüllung des 50-Punkte-Plans durch die Regierung beschäftigt, der im Oktober die Streiks und Blockaden unterbrochen hatte. Doch dann begannen die Unternehmerverbände, gegen die Banzer-Regierung zu mobilisieren. Eines der Motive: die mit der Armut verbundene niedrige Nachfrage, die immer mehr Betriebe in den Bankrott treibe. Banzer lässt das nicht auf sich sitzen und lässt verlauten, marode Betriebe müssten in einer Marktwirtschaft notwendigerweise der Konkurrenz weichen. Und verliert dabei selbst seine bisherige Machtbasis.

Doch wer Präsident ist, ist in Boliviens Geschichte meist zweitrangig gewesen. Wie in den Zeiten vor der nationalen Revolution bringt die US-Botschaft auch heute wieder Minister zu Fall, z.B. diejenigen, denen rechtsstaatliche Prinzipien wichtiger sind als Drogenbekämpfung um jeden Preis (siehe ila 230). Und war es nicht Banzers Vorgänger und aussichtsreicher Kandidat für seine Nachfolge, der Bergwerksunternehmer Gonzalo Sanchez de Lozada, dessen Teilprivatisierung zwar kaum Verbesserungen in der Versorgung der Bevölkerung gebracht, aber den Staatshaushalt zusätzlich belastet hat? Gegenseitig versuchen sie sich nun die Schuld an der Misere zu geben. Politik im Sinne von Gestaltung scheint nur noch mit externer Finanzierung möglich. Die Auslandshilfe entspricht einem Siebtel des Bruttoinlandsprodukts. Und so haben internationale Entwicklungsagenturen wie die Weltbank oder die bundesdeutsche „Gesellschaft für technische Zusammenarbeit“ (gtz) Boliviens Politik in den letzten Jahren mehr beeinflusst als das Parlament oder die Bauernorganisationen. 

Der Andenstaat gilt als Musterschüler der inzwischen in fast allen Staaten der Region eingeführten Reformprozesse. Die wichtigsten: eine Erziehungsreform, die Abschied nimmt vom Frontalunterricht und die Schüler und Schülerinnen zu ProtagonistInnen ihres eigenen Lernprozesses machen soll. Für die indianische Bevölkerung sieht sie erstmals interkulturellen Unterricht als Regelfall vor. Die Verwaltung wird ebenfalls mit Hilfe der gtz dezentralisiert (1995/1996) und nach dem Vorbild Preußens (die armen Menschen – der rheinisch-antipreußische Säz.) reorganisiert. Das Volksbeteiligungsgesetz (1994) führte Beteiligungs- und Kontrollmechanismen der Bevölkerung auf kommunaler Ebene ein. Die Einführung von Kommunalwahlen im Zuge der Verfassungsreform (1994) und die Möglichkeit, ähnlich dem bundesdeutschen Modell Direktkandidaten ins nationale Parlament zu wählen, untergruben das Machtmonopol der etablierten Parteien und brachten nicht nur den Kokabauern eine eigene Vertretung im Parlament. Nur so wurde es auch möglich, dass in der krisengeschüttelten Bergwerksstadt Potosí mit 63 Prozent, dem landesweit höchsten Stimmenanteil, ein linkssozialistischer Bürgermeister erneut ins Amt gewählt wurde.

Eine Justizreform, die ebenfalls von der deutschen Regierung unterstützt wird, soll die Verfahren beschleunigen und damit nicht nur die Korruption bekämpfen, sondern auch die Zahl der ohne Urteil Verhafteten in den bolivianischen Gefängnissen (vgl. Beitrag „Wer kein Geld hat, kommt nicht mehr raus“ in dieser Ausgabe) verringern. Und vielleicht ist das längst überfällige Hausangestelltengesetz nach seiner Verabschiedung durch das Parlament nur deshalb noch nicht vom bolivianischen Senat bestätigt und ratifiziert worden, weil es von den Betroffenen selbst erarbeitet und erkämpft worden war und nicht auf der Wunschliste der internationalen Geberorganisationen steht.

Reformstau

Ohnehin zeichnet sich die Banzer-Ära durch Reformstau aus. Es ist aber nicht nur politische Lähmung oder das Unvermögen einer Parteibürokratie. Leere Kassen sind keine gute Voraussetzung für Reformpolitik. Und auch das beste Gesetz will umgesetzt sein. Und dafür blieben die Betroffenen bei der Erarbeitung zu sehr außen vor. So musste die Regierung mit Protesten rechnen, als sie den ohnehin miserabel entlohnten Lehrerinnen und Lehrern auch noch die Kosten für ihre Fortbildung auflud. Trotzdem wird inzwischen immerhin in Dreiviertel der Grundschulen die Erziehungsreform zumindest teilweise umgesetzt. In 16% der Grundschulen gibt es inzwischen sogar interkulturelle, zweisprachige Erziehung, auch wenn geeignetes Schulmaterial noch Mangelware ist. Und viele Eltern ziehen die einsprachige Erziehung vor, so Ana Luisa Machado von der UNESCO, weil die knapp zehn Prozent zweisprachigen Lehrerinnen und Lehrer zu schlecht ausgebildet seien.

Die Justizreform hat zwar zu Verfahren gegen und Absetzungen von Richtern wegen Verschleppung der Prozesse geführt, doch den Richtermangel hat sie nicht beheben können und die Korruption gehört immer noch zum Alltag. Volksnahe Radiosender wie der katholische Pio XII, der zum Beispiel beim “Wasserkrieg” von Cochabamba zum wichtigsten Kommunikationsmedium wurde, erleiden jedoch eher Stornierungen ihrer ohnehin wenigen Werbekunden, wenn sie den Finger in die Wunden der Misswirtschaft legen, als dass es rechtliche Konsequenzen gäbe. Die Zeitungen und großen Fernsehsender sind – mit Ausnahmen wie PAT von Carlos Mesa – ohnehin weitgehend in der Hand der parteipolitischen Elite und der ihnen nahestehenden Unternehmern.

Wie viele andere Reformvorhaben ist auch das Volksbeteiligungsgesetz in sich schlüssig und überzeugend. In der Praxis funktioniert es jedoch vor allem dort, wo bereits vorher gut organisierte Gemeinden oder Nachbarschaftsorganisationen bestanden, vor allem auf dem Land. In den Städten, in denen sich die Menschen eher nach besonderen Interessen und nicht territorial organisieren, leiden die „Überwachungskomitees“ oftmals unter parteipolitischen Rankünen.

Und der Geburtsfehler der Dezentralisierungspolitik wiederum war, dass sie in weiten Teilen einem Sparprogramm glich und die örtlichen Autoritäten fachlich nicht darauf vorbereitet waren. Zwar wurden Aufgaben wie medizinische Grundversorgung an die Munizipien (in etwa Verbandsgemeinden oder Gemeindeverbände – die Red.) übertragen, nicht aber die dafür nötigen finanziellen Mittel. Auch so fehlte vielen Gemeinden das geeignete Personal, um den administrativen Anforderungen der Mittelverwaltung zu genügen. Langsam kommt es aber auch hier zu Lernprozessen.

NRO – Auf dem Marsch durch die Institutionen?

Viele Nichtregierungsorganisationen, die vor allem in der Opposition zu den Militärdiktaturen entstanden waren und die für viele Arme neben der Kirche und den Gewerkschaften zeitweise einziger Ansprechpartner in sozialen Belangen waren, sahen ihre Hauptaufgabe daher in der Beratung und Fortbildung der Munizipien. Manche verwandelten sich in Auftragnehmer für die Durchführung von Projekten. Eine besondere Rolle spielten dabei Organisationen, die der MIR-Abspaltung MBL (Bewegung freies Bolivien) nahe standen. Deren Mitglieder waren in der Vorgängerregierung stark an der Ausarbeitung und der Verabschiedung der Reformen beteiligt. Wegen eines arroganten Führungsstils erlebten sie damit ihr politisches Waterloo. Während eine Reihe von NRO sich daraufhin aus der Parteipolitik zurückzogen, haben sich einige Persönlichkeiten wie der Anwalt Juan del Granado auf lokaler Ebene politisch behaupten können. Im populistischen Stil gründete er in Anlehnung an seinen Spitznamen „Juan sin miedo“ die „Bewegung ohne Angst“ (MSM). Als Minderheitsbürgermeister von La Paz leidet del Granado aber unter dem gleichen engen finanziellen Handlungsspielraum wie seine Kollegen aus den etablierten Parteien in anderen Städten und hat als Krisenverwalter mehr denn als Gestalter – auch wegen massiver Personalentlassungen – viel von seinem Charisma eingebüßt.

Viele NRO, die zwischenzeitlich in der Zuarbeit und Begleitung staatlicher Aktivitäten ihre wichtigste Aufgabe gesehen hatten und die in die Schusslinie der Kritik der Basisorganisationen ebenso wie der um Einfluss konkurrierenden politischen Elite geraten sind, suchen inzwischen wieder eine nicht unbedingt oppositionelle, aber unabhängigere, zivilgesellschaftliche Rolle.

Gutes Zeugnis

Es ist nicht die Regierung – nicht zuletzt wegen der Menschenrechtsverletzungen im Zuge der Drogenbekämpfung (siehe ila 240) – und auch nicht die Wirtschaft, sondern vor allem die breite Bevölkerung, die ein gutes Zeugnis verdient. Ausgestellt hat es der Entwicklungsfonds der Vereinten Nationen (UNDP) in seinem Jahresbericht 2000, der in einer Dialogkultur einen Ausweg und in dem hohen Organisationsgrad der Bevölkerung, vor allem auf lokaler Ebene, und in den stark von kulturellen Traditionen geprägten sozialen Netzen, vor allem im ländlichen Raum, ein großes Potential für die Lösung von Problemen sieht. Zumindest dann, wenn sich die öffentlichen Institutionen darauf einlassen. 

Die Chancen dafür stehen nicht schlecht, wenn die Eliten die inzwischen etablierten Verhandlungsmechanismen mit der indigenen Bevölkerungsmehrheit ernst nehmen. Und ist es nur eine Schwalbe im Frühling, wenn die indianische Vorsitzende der Hausangestelltengewerkschaft inzwischen selbst und direkt mit Parlamentsabgeordneten und Ministerialbeamten verhandelt? Und dass nach einem Aymara-Vizepräsidenten in der Vorgängerregierung Ende 2000 kein Indígena Minister für indianische Angelegenheiten wurde, hatte eher politisch-taktische Ursachen auf Seiten der Kleinbauernorganisationen (vgl. Beitrag und Interview zur CSUTCB in dieser Ausgabe). Auch die Renaissance traditioneller indianischer Kultur in den Städten, zumeist vermischt mit volkskatholischem Brauchtum wie beim Fest der Jungfrau von Urkupiña in Cochabamba, ist ein Indiz für eine Abschwächung rassistischen Denkens (vgl. ila 241 und den Beitrag „Zwischen T'inku und Techno“ in dieser Ausgabe). Und dies nicht erst seit die auch international reüssierenden Musikgruppen Tupay oder Kjarkas den Tinku, die Morena

 Immer mehr Geschäftsleute erwarten sich am ersten Freitag im Monat, zumindest aber zu Karneval Wohlstand von der Khoa, einem Brandopfer, das auch in die Büros mancher ausländischer NRO Einzug gehalten hat. Ebenso wie die Whipala, die regenbogenbunte Flagge der indianischen Kleinbauernbewegung. Politiker, die nie einen Acker bestellt haben, gehen im Poncho und mit einem Schaf auf dem Arm auf Stimmenfang. Selbst wenn das bei vielen nur Show ist, es weist darauf hin, dass zumindest Teile der mestizischen Elite begonnen haben, neben der US-Botschaft, der TV-Konsumwelt und dem Weltbankvertreter auch die indianische Mehrheit ernst zu nehmen. 

Peter Strack ist Koordinator von terre des hommes-Deutschland im Andenbüro in Cochabamba.

Verwendete Literatur: Lateinamerika, Analysen, Daten, Dokumente Nr. 31, „Bolivien, Traumland der Reformen?“, Institut für Iberoamerika-Kunde, Hamburg 1996, Verschiedene Ausgaben der Tageszeitung „Los Tiempos“, Cochabamba, Programa de Naciones Unidas para el Desarrollo (PNUD), Informe de Desarrollo Humano en Bolivia 2000, La Paz 2000

 Zurück