aus Dollarisierung / ila 243
Der kleinen Leute Groschen
Geschäfte mit den Überweisungen
lateinamerikanischer MigrantInnen aus den USA
von Manuel Orozco
Geld beflügelt die Phantasie. Der folgende Beitrag bietet einen kleinen Einblick in die Welt, die sich in den letzten Jahren um den Remesa-Markt gebildet hat. Je mehr sich die kleinen Beträge, die lateinamerikanische ArbeitsmigrantInnen in den USA von ihren Löhnen abzweigen, um sie nach Hause zu schicken, zu Milliardensummen anhäufen, desto größer werden die Begehrlichkeiten. Da zocken Kurierdienste ab und reagieren mit Almosen, wenn sich die KundInnen wehren. Da versuchen Banken, aus den Remesas, die bei ihnen durchlaufen, mit kurzfristigen Anlagen oder mit neuen Finanzinstrumenten, die sie allzeit Rendite-hungrigen Anlegern anbieten können, Profit zu schlagen. Da leiten Regierungen die sauer verdienten Groschen in die Lieblingsprojekte ihrer neoliberalen Wirtschaftspolitik.
Mit der anhaltenden Migration von Latinas und Latinos in die USA hat das Volumen ihrer Überweisungen zurück in die Heimat enorm zugenommen – nämlich um jährlich 20 Prozent in den Jahren zwischen 1991 und 1996. (Für diese Art des Geldtransfers wird im Folgenden der lateinamerikanische Ausdruck „remesas“ benutzt.) Nach Mexico und einer Reihe von mittelamerikanischen Ländern waren es eine Milliarde US-Dollar im Jahre 1980 und 1998 bereits acht Milliarden.
Bei den Untersuchungen dieses Phänomens sind bislang vor allem die SenderInnen und EmpfängerInnen der Remesas betrachtet worden, weniger die
ZwischenhändlerInnen. Tatsächlich wird das Geld von Banken, Kurierdiensten, Postdiensten oder persönlich von den AbsenderInnen selber oder von Boten, „encomenderos“, transportiert. Mit den Remesas ist das Geschäft mit ihrer Beförderung gewachsen, wobei heute ca. 90 Prozent des Gesamtvolumens von Kurierdiensten und über Postanweisungen („money orders“) abgewickelt werden.
Die Finanzdienstleister haben es in erster Linie des Profits wegen auf die respektable Gesamtmasse von der kleinen Leute Geld abgesehen. Während die durchschnittliche Überweisung aus den USA 1996 nur 320 Dollar betrug, sackten die Kurierdienste, die zwischen 6 und 15 Prozent Gebühren nehmen, schätzungsweise 1,2 Milliarden ein. Darüber hinaus lassen sich Profite mit den Wechselkursen und mit kurzfristigen Anlagen der eingesammelten Gelder machen.
Remesas werden nicht nur häufig vom Munde abgespart und kostspielig in die Herkunftsländer der MigrantInnen geschickt, sondern dort auch ausgegeben. Das stärkt die Nachfrage, belebt die Importe, hilft die Zahlungsbilanz auszugleichen und dämpft inflationäre Tendenzen – und regt dank der schieren Menge der bewegten Mittel weitere AkteurInnen dazu an, über Interventionen auf diesem Markt nachzudenken. Regierungen der Herkunftsländer registrieren die Geldströme sorgfältig und freuen sich über ihre wohltuenden Wirkungen auf die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung. Und sie wollen womöglich auf die Verwendung der Remesas Einfluss nehmen. Die ImmigrantInnen-Gemeinden in den USA wiederum haben ein allgemeines oder in „Heimatvereinen“
(hometown associations) organisiertes Interesse an Wohlfahrt und Entwicklung in ihren Herkunftsorten.
Kurierdienste und andere Finanzdienstleister
Western Union und MoneyGram beherrschen mit einem Anteil von über 90 Prozent den Remesas-Markt in den Vereinigten Staaten.
Western Union hält ca. 75 Prozent des internationalen Marktes für Geld-Kurierdienste und hat über 1700 Agenturen in
Mexico, 160 in El Salvador, über 140 in Guatemala und 200 in der Dominikanischen Republik. Für je 100 US-Dollar Überweisung nahm die Firma 1999 Gebühren zwischen 12 und 16 Dollar. In Mexico und der Dominikanischen Republik arbeitet Western Union mit lokalen Firmen zusammen, die die Remesas in nationaler Währung bei den EmpfängerInnen abliefern.
MoneyGram ist mit 22 Prozent des internationalen Remesas-Marktes das zweitgrößte Unternehmen dieser Branche in den USA. Die Gebühren sind etwas niedriger als bei Western Union, und als zusätzlichen Anreiz gibt es internationale Drei-Minuten-Telefonkarten, mit denen die SenderInnen die Überweisungsnummer an die EmpfängerInnen durchgeben können.
Etwas günstiger sind die Gebühren beim U.S. Post Office, das 1997 in das Geschäft mit den elektronischen Geldüberweisungen eingestiegen ist. Nach eigenen Angaben betragen die Gebühren in Mexico durchschnittlich 10 Prozent des Peso-Betrages.
Weil der Unternehmergeist auch in den Herkunftsländern der großen ImmigrantInnen-Gemeinden in den USA nicht ruht und weil die beiden US-Firmen bei der Auszahlung in nationaler Währung oft ungünstige Wechselkurse benutzen (bis vor kurzem konnten die Remesas nur in Kolumbien und in der Dominikanischen Republik in US-Dollars ausbezahlt werden; mittlerweile auch in El Salvador), ziehen die ImmigrantInnen in den USA oft für dieses (wie für andere) Geschäfte „ethnic stores“ vor wie Gigante Express in El Salvador, Mateo Express und King Express in der Dominikanischen Republik.
Gigante Express ist der größte mittelamerikanische Kurierdienst mit Aktivitäten in El Salvador, Guatemala und Honduras. Die Firma wurde 1982 in Los Angeles als kleiner Paket-Kurierdienst gegründet und hat mit einem über die Satellitenplätze des salvadorianischen TV-Senders „Canal 1“ vermittelten Telefonservice stark expandiert. Die Remesas werden traditionell mit Money Orders transferiert, wobei die Gebühren niedriger sind, wenn die EmpfängerInnen die Briefe in einem der zahlreichen Büros der Firma in Mittelamerika abholen.
Neu im Geschäft mit den Remesas ist IRNet, das Internationale Remesas-Netzwerk der Spar- und Darlehenskassen. IRNet hat die niedrigsten Gebühren (1999 betrug die Flat Rate 6,50 Dollar pro Transaktion), aber den Nachteil, dass sowohl SenderInnen als auch EmpfängerInnen Mitglieder von Spar- und Kreditgenossenschaften sein müssen. Der elektronische Geldtransfer wird über die Citibank abgewickelt, die dafür keine Kommissionen nimmt und dennoch profitiert – als Großbank beherrscht sie das Anlagegeschäft über Nacht. (D.h. sie legt die in den USA eingesammelten Gelder für wenige Stunden profitträchtig an, ehe sie sie am folgenden Tag in Mittelamerika auszahlt – die Red.)
Das Geschäft mit den Remesas lief in den 80er und 90er Jahren so gut, dass Latino-Organisationen und
KundInnen, denen es zu gut lief, 1996 in Illinois, Texas und Kalifornien gegen Western Union, MoneyGram und Orlandi Valuta klagten, weil diese Fimen „exorbitante versteckte Gebühren berechnen, wenn sie Geld aus den USA nach Mexico telegraphisch überweisen“. In einem Vergleich war Western Union schließlich bereit, Gutscheine im Wert von über 375 Millionen Dollar an alle KundInnen auszugeben, die seit 1987 Geld nach Mexico überwiesen hatten. MoneyGram schuf einen Fonds von über 300 Millionen Dollar für Chicana-Organisationen in den USA. Durch die Klage soll Western Union vorübergehend 10 Prozent seines Umsatzes verloren haben. Seither versucht die Firma, ihr Image wieder zu verbessern mit Dienstleistungen und Programmen für die ImmigrantInnen-Gemeinschaften in den USA und ihre Herkunftsgemeinden. So hilft der Konzern Neuankömmlingen bei der Jobsuche und unterstützt die Casa Oscar Romero in Brownsville und die Casa Marianela in Austin, beide in Texas. Für die KundInnen in Lateinamerika wurde das Programm „Te da una mano“ (Helfende Hände) aufgelegt, in dessen Rahmen Western Union z.B. 700 Computer für dominikanische Schulen oder 100 000 Dollar für den Wiederaufbau nach Hurrikan Mitch spendete.
Mit der Klage gegen Western Union und andere ist die Boom-Phase des
Remesas-Geschäftes, in der hemmungslos Profite gemacht wurden, zu Ende gegangen. Solange die Remesas weiter fließen und mit anhaltender Migration noch zunehmen werden, wird sich der Konkurrenzkampf zwischen den wenigen großen Kurierdiensten und den kleineren nationalen Nischen-Anbietern verschärfen, wobei zusätzliche Dienstleistungen und günstigere Gebühren eine Rolle spielen werden.
Zugriff auf die Remesas
In den letzten zwanzig Jahren hat es vor allem in Asien viele Anstrengungen von Regierungen und Privatunternehmen gegeben, an das Geld der MigrantInnen zu kommen. In Lateinamerika haben sich vor allem die mexicanischen Regierungen darum bemüht.
Theoretisch ließen sich die Remesas mit dem Argument, sie seien schließlich von Landsleuten im Ausland erwirtschaftet worden, im Empfängerland besteuern. Praktisch ist das nirgendwo versucht worden, weil absehbar ist, dass die Remesa-Gelder dann sehr schnell andere als die kontrollierbaren Wege gingen.
Wenige Regierungen haben versucht, ArbeitsmigrantInnen dazu zu zwingen, einen Teil ihrer Remesas in einen nationalen Fonds einzuzahlen. Nur Korea hatte Erfolg mit einem solchen System, weil es sich auf die ausländischen Niederlassungen koreanischer Konzerne beschränkt. Die Regierung unterstützt deren Auslandsinvestitionen und die Konzerne zahlen dafür direkt einen Teil der Löhne und Gehälter in den genannten Fonds. Es liegt auf der Hand, dass ein solches System bei
ArbeitsmigrantInnen, die sich selbst um einen Job kümmern, nicht funktioniert.
Western Union wiederum hat 1999 begonnen mit freiwilligen Spenden zu experimentieren. Bei der Einzahlung von Remesas können SenderInnen für verschiedene Entwicklungsfonds spenden.
Eine andere Möglichkeit besteht darin, die Remesas in das formale Bankengeschäft zu kanalisieren. In El Salvador bewegte die Banco Cuscatlán nach eigenen Angaben 1998 mindestens ein Drittel der damals 1,2 Milliarden Dollar Remesas und legte damit Obligationen im Wert von 50 Millionen Dollar auf. Das Risiko bei diesem Geschäft sind die Fluktuationen des Remesa-Volumens in Abhängigkeit von der Konjunktur in dem Land, in dem sie erarbeitet werden, und von den Wechselkursschwankungen. In einigen Ländern bieten Banken für ArbeitsmigrantInnen Remesa-Konten mit höheren Zinssätzen an.
All dies sind Versuche, an der Quelle der Remesas, dort wo sie versandt werden, einzugreifen.
Andere Praktiken versuchen, die Art und Weise, in der die Remesas verwendet werden, zu beeinflussen. Das ist der Weg, den die Salinas- und Zedillo-Regierungen in Mexico eingeschlagen haben. 1990 wurde mit dem „Paisano Program“ und dem „Program for Mexican Communities Living Abroad“
(PMCLA) begonnen. Mit dem „Paisano Program“ wird versucht, zurückkehrende MigrantInnen vor Missbrauch und Korruption zu schützen. Das PMCLA bietet eine Reihe von Dienstleistungen in den Bereichen Gesundheitsversorgung, Erziehungswesen, Rechts- und Sozialhilfe für in den USA lebende MexicanerInnen an. Umgesetzt wird es über 42 Konsulate und 23 mexicanische Kulturzentren in den Vereinigten Staaten. Diese arbeiten mit „Heimatvereinen“ und mexicanischen Clubs zusammen, von denen es 1998 bereits über 400 gab. Mit dem Ziel, die Remesas für Entwicklungsbemühungen in den Herkunftsregionen zu kanalisieren, wird diese Struktur durch entsprechende Initiativen in Mexico ergänzt. So betreibt der Bundesstaat Zacatecas seit 1992 ein Programm, in dem Remesas mit staatlichen Geldern kombiniert werden. Während der Verband der zakatekischen Clubs in den USA in seiner Gemeinschaft um Spenden wirbt, legen die Bundesregierung und die Regierung von Zacatecas zu jedem eingehenden Remesa-Dollar je einen Dollar hinzu. Aus dem Fonds, der so entstanden ist, werden Schulen und Kirchen gebaut, Trinkwasser in die Dörfer gebracht, Straßen repariert und Freizeiteinrichtungen geschaffen.
Die Jalisco-Heimatvereine wiederum kombinieren ihre Spenden mit Spenden des Kurierdienstes Raza Express (0,75 Dollar für jede Remesa im Wert von 300 Dollar) und Mitteln des Bundesstaates. Mit dem entsprechenden Fonds wurden 1998 15 000 Arbeitsplätze geschaffen.
Die Bundesregierung von Guanajuato hat ein Büro für die „Comunidades Guanajuatenses en El Extranjero“ eingerichtet, das mit über 30 „Casas de Guanajuato“ in den USA zusammenarbeitet. Diesen wird jedes Jahr ein Investitionsplan für die Einrichtung von Bekleidungsfirmen vorgelegt, der von einer Beraterfirma erarbeitet wird. Als Mindesteinsatz werden von den Heimatvereinen oder Leuten, die daran interessiert sind, in ihrem Herkunftsort zu investieren, 60 000 Dollar verlangt. Der Bundesstaat Guanajuato übernimmt dann die Löhne für drei bis vier Monate. Bis heute (Mai 2000) wurden auf diese Weise sechs Bekleidungsfabriken im Maquiladora-Stil errichtet, drei haben gerade angefangen und bis zu 60 insgesamt sollen in den nächsten paar Jahren aufgebaut werden. Für eine solche Klein-Maquiladora bedarf es Maschinen im Wert von ca. 100 000 US-Dollar und ca. 30 ungelernte
ArbeiterInnen. Die Staatsregierung beschäftigt einen Koordinator, der die Verbindungen zu den Bekleidungskonzernen in den USA herstellt.
Ob die geschilderten Aktivitäten auf dem Remesa-Markt zu wirtschaftlicher Entwicklung beitragen werden, bleibt abzuwarten. Sicher scheint jedoch, dass man, wo immer es gelingt, Remesas zusammen zu
poolen, gleichermaßen einen Markt für Bankobligationen oder einen Entwicklungsfonds für Herkunftsgemeinden von MigrantInnen schaffen kann.
Manuel Orozco hat als Assistent an der staatswissenschaftlichen Abteilung der Universität von Texas in Austin im Forschungsprojekt „The Development Role of Remittances in U.S. Latino Communities and in Latin American and Caribbean Countries“ des Tomas Rivera Policy Institute und des Inter-American Dialogue gearbeitet. Seine Ergebnisse wurden im Mai 2000 in einem Arbeitspapier unter dem Titel „Remittances and
Markets: New Players and Practices“ veröffentlicht.
Bearbeitung und Übersetzung: Eduard Fritsch
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