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Nur für die Eliten?
Deutsche Schulen in Lateinamerika

von Gerhard Dilger
(aus Schulen in Lateinamerika/
ila 235)

Seit 1878 fördert der deutsche Staat Schulen im Ausland. Was als Unterstützung für die Auswanderer begann, die ihre Kinder auf „Kolonieschulen" schickten, macht mit jährlich immer noch rund 400 Millionen DM ein Drittel der Haushaltsmittel für die auswärtige Kulturpolitik aus. Die Unterstützung aus Deutschland deckt nur einen Teil der Etats der deutschen Schulen im Ausland. Den Rest müssen die Eltern der SchülerInnen durch Schulgebüren aufbringen. Da fallen an den deutschen Schulen in Lateinamerika durchaus Beträge bis zu 1000 DM an, was bedeutet, dass der Besuch dieser Schulen nur den Kindern
aus wohlhabenden Familien möglich ist.

Aktuelle und künftige Führungseliten in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Medien" sind die primären Zielgruppen der auswärtigen Kulturpolitik, heißt es in den neuen Richtlinien aus dem Hause Fischer. Ganz ähnlich war das im Lateinamerikakonzept der Regierung Kohl aus dem Jahre 1995 formuliert. Dazu komme, im Zug der „Entstaatlichung vieler Lebensbereiche" verstärkt der Sparzwang, der für „mehr Effizienz mit weniger Mitteln" sorgen soll.
Die Aufbruchstimmung von 1968ff ist lange her. Damals machte besonders an den Deutschen Schulen in Lateinamerika das Stichwort von der „sozialen Öffnung" die Runde: Im Außenministerium setzte sich die linksliberale Staatssekretärin Hildegard Hamm-Brücher dafür ein. An mehreren Schulen arbeiteten engagierte PädagogInnen an der Einführung von Programmen für Kinder aus ärmeren Familien.
Die ersten Versuche wurden damals in Guayaquil (ab 1970) und Bogotá (ab 1972) gestartet. In der ecuadorianischen Küstenstadt wurden bis 1975 50 SchülerInnen aus „finanziell schwächeren Schichten" in die Klassen integriert, von denen acht die Schule wieder verließen. Zeitweise wurde das „Tätigkeitsfeld ganz bewusst bis in den Dschungel der Bambushütten an den Ufern des Flusses"* ausgedehnt. Gerade dorther kamen die beiden besten Schülerinnen. Doch auf Dauer war die Arbeit in den suburbios nicht aufrechtzuerhalten, da sie ein ständiges zusätzliches Engagement der Lehrerschaft erfordert hätte.

Am Colegio Andino in Bogotá wurde zuerst das Modell des „Seiteneinstiegs" in der fünften Klasse umgesetzt. Nach dem ersten ausgeklügelten Auswahlverfahren unter 227 SchülerInnen aus 14 staatlichen Schulen blieb letztlich eine Klasse mit 31 Schülerinnen übrig – das Proyecto Especial war geboren. Ausschlaggebend für das Zustandekommen waren neben der Diskussion über die soziale Öffnung die Pläne des kolumbianischen Erziehungsminsteriums, nach denen alle Privatschulen zur „Aufnahme von 10% Stipendiaten verpflichtet werden sollten".
Noch 1980 wurde das „Projekt E" in „Begegnung", der Zeitschrift der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen, unter der Überschrift "Soziale Barrieren wegräumen" gepriesen, wenn auch der damalige Schulleiter die „intellektuelle Fähigkeit der Bewerber" als primäres Aufnahmekriterium nannte und die soziale Komponente eher als nebensächlich einstufte. „Es ist sogar schon vorgekommen," wird er zitiert, „dass wir bei der Wahl zwischen zwei gleichermaßen geeigneten Kandidaten dem den Vorrang gaben, der über die geringeren (finanziellen) Möglichkeiten zur Durchführung seiner Studien verfügte."

Nach Aussagen von damals beteiligten LehrerInnen gehörten die StipendiatInnen schon bald regelmäßig zur Spitzengruppe. Doch durch die separate Beschulung bis hin zur Abschlussklasse wurde das Phänomen des clasismo, also der Diskriminierung der SeiteneinsteigerInnen aus sozialen Gründen, eher noch verstärkt. Ende der achtziger Jahre beschloss der Schulvorstand, die unerwünschten NebenbuhlerInnen für seine behüteten Kinder aus der Ober- und der oberen Mittelschicht wieder von der Schule fernzuhalten und setzte die Beendigung des „Projekts E" durch.Zu jenem Zeitpunkt war die soziale Öffnung auch unter der deutschen Lehrerschaft schon längst kein Thema mehr. Stattdessen berichtete das Verbandsblatt „Der Deutsche Lehrer im Ausland" unter der Rubrik „Arbeit im Stillen" regelmäßig über Sozialprojekte „von Lehrerinnen, Lehrern und deren Ehefrauen" außerhalb der Schule. In Guayaquil wird heute eine kostenlose Nachmittagsschule für 120 Kinder mittelloser Eltern unterhalten, die völlig getrennt vom (teilweise deutschsprachigen) Normalbetrieb am Vormittag funktioniert.

Im Süden nichts Neues

Insgesamt gibt es 39 deutsche Schulen in Lateinamerika. Wie eh und je sorgen die hohen Aufnahme- und Schulgebühren dafür, dass nur eine privilegierte Minderheit der einheimischen Bevölkerung die Möglichkeit hat, ihre Kinder dorthin zu schicken. Die allermeisten Kinder müssen mit den völlig unterversorgten staatlichen Schulen vorlieb nehmen. In den letzten Jahren sind zudem mehrere Fortbildungszentren, deren Angebote sich auch an LehrerInnen aus staatlichen Schulen richteten, dem Rotstift zum Opfer gefallen. Und generell findet schon seit dem Fall der Mauer eine allmähliche Umorientierung in Richtung Osten statt. Immer mehr wird die Gewährung von Zuschüssen aus Deutschland von der Anzahl der AbiturientInnen abhängig gemacht, die an allen Schulen nur eine kleine Minderheit stellen. Am heterogensten ist die Schülerschaft noch an den Berufsschulen (siehe Kasten), denn dort kommt der Ausbildungsbetrieb für die Schulgelder auf.
Die Zentralstelle für das Auslandsschulwesen erwartet zwar, dass aus sozialen Gründen Schulgeldermäßigungen etwa in der Höhe von zehn Prozent des Schulgeldaufkommens eingeräumt werden. Doch die Handhabung dieser Bestimmung variiert erheblich und bleibt letztlich den einzelnen Schulen und damit vor allem dem tonangebenden Teil der Elternschaft überlassen. Mancherorts wird die Vorschrift durch eine Ermäßigung für Geschwister abgegolten. Im kolumbianischen Cali wird den Schulangestellten wie Busfahrern, Schreinern, Putzfrauen oder Gärtnern ermöglicht, ihre Schulausbildung zu beenden.

In Quito gibt es bei 1400 SchülerInnen immerhin noch 90 Vollstipendien „für bedürftige Familien", von denen nun ein Teil gesplittet werden soll. Ähnlich ist der Prozentsatz in Concepción/Chile, an der Schule Villa Ballester in Buenos Aires bei 18 Prozent, doch in der Regel liegt er darunter. Ebenfalls in Buenos Aires wirbt die Hölters-Schule zwar für eine Seiteneinsteigerklasse im 7. Jahrgang, stößt damit aber „auf relativ wenig Resonanz". Aus Bolivien kam die lapidare Auskunft: „Vor vielen Jahren gab es auch Stipendien für Schüler aus sozial niedrigeren Schichten, es hat sich aber nicht bewährt."
In Managua werden „ca. 30 Prozent des gesamten theoretischen Schulgeldaufkommens als Stipendium gewährt". Doch Schulleiter Ulrich Wolf räumt klipp und klar ein, dass „wirklich Bedürftige ihre Kinder nicht zu uns schicken können", denn Stipendien würden frühestens nach sechs Monaten gewährt, also „nach der Zahlung von Aufnahmegebühr, Jahresmatrikel und Monatsgebühren". Außerdem bleiben die Kosten für Anschaffung von Schulbüchern und für den Bustransport bestehen. Doch selbst etliche Eltern aus der oberen Mittelschicht Managuas hätten „nicht unerhebliche Probleme, das nötige Geld aufzubringen". Anfang der siebziger Jahre definierte der damalige Leiter der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen, Engelbart Onnen, das kulturpolitische Interesse der Bundesrepublik so: Die Öffentlichkeit in den Gastländern müsse wissen, dass die deutschen Schulen für „grundsätzlich jedes Kind" offen ständen, „unabhängig von der Zahlungsfähigkeit der Eltern". Was einem Lehrer aus Bogotá bereits als ein Abrücken von der Forderung nach „sozialer Öffnung" und als Plädoyer für „Begabtenauslese" erschien, mutet für heutige Verhältnisse geradezu revolutionär an.

„Auswärtige Kulturpolitik ist eine Zweibahnstraße", sagt Joschka Fischer. Soll die Gegenfahrbahn auch unter rot-grün nur der zahlungskräftigen Elite Lateinamerikas vorbehalten bleiben?

*Zitate aus verschiedenen Heften von „Begegnung" und „Der deutsche Lehrer im Ausland" sowie aus Antworten auf eine Umfrage im März 2000. Allgemeine Informationen und Links unter www.auslandsschulwesen.de.

Gerhard Dilger war drei Jahre als Lehrer am Colegio Andino in Bogotá tätig. Heute lebt und arbeitet er als Journalist in São Paulo.


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