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Wem gehört die Natur
Biopiraterie in Brasilien
von Gaby Weber
aus Ware Natur/ ila 234

Acre liegt an der Grenze nach Peru und Bolivien. In dem Bundesstaat, der halb so groß ist wie Deutschland, leben eine halbe Million Menschen, davon achttausend Indígenas. Die Regenwälder dort sind noch fast unberührt. Rio Branco, die Hauptstadt von Acre, ist der Tatort eines ungewöhnlichen Kriminalfalles: Des ersten Falles von Biopiraterie in Brasilien.

Giselle Mubarak, Staatsanwältin in Rio Branco, schildert die Anfänge: „Wir leiteten das Verfahren auf Grund einer Strafanzeige einer indigenen Gruppe ein. Sie gaben an, dass eine Organisation namens ,Selvaviva‘ seit Jahren in ihrem Reservat tätig sei, ihre medizinischen Heilpflanzen sammele, anpflanzen lasse und katalogisiere. Die indianische Gemeinschaft sei für ihre Arbeit in der Plantage nicht entlohnt worden." Der Strafanzeige liegt ein Prospekt von Selvaviva - „lebender Dschungel" - bei. In portugiesisch, englisch und deutsch wird der Pharmaindustrie das indianische Know-How zur Auswertung feilgeboten. Weiter wird damit geworben, dass mit Spendengeldern mehrere Gesundheitszentren für die Indianer eingerichtet worden seien, mit Krankenpflegern, Medikamenten und Impfstoffen. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft ergaben allerdings, dass davon nichts wahr sei; Selvaviva verfolge nur ein Ziel: Die Aneignung des traditionellen Wissens der lokalen Bevölkerung. Der einzige Begünstigte war ein gewisser Rüdiger von Reininghaus, wohnhaft in einer Kleinstadt nahe der Metropole São Paulo, gegen den die Staatsanwaltschaft von Rio Branco ein Strafverfahren eröffnete. Der gebürtige Österreicher ist Gründer, Präsident und „Wohltäter" von Selvaviva in einer Person.

Selvaviva ist keine juristische Person, die bei der Eintragung ins Vereinsregister angegebene Anschrift ist frei erfunden. Auf Sitzungen, Protokolle und Buchführung wurde verzichtet und niemand kontrollierte. Die Polizei durchsuchte das Anwesen des Beschuldigten und beschlagnahmte sein Archiv, darunter Karteikarten, auf denen er die indianischen und die in Brasilien gebräuchlichen Namen der in Acre wachsenden Heilpflanzen verzeichnet hatte: Wie sie aussehen, an welchen Stellen sie gedeihen, ob Blätter, Wurzeln oder Blüten benutzt werden und gegen welche Leiden in welcher Dosierung sie zu verwenden seien. Das Feld für den lateinischen Namen war leer, wahrscheinlich, um nachträglich von anderen ausgefüllt zu werden. Das Landesparlament berief daraufhin einen Untersuchungsausschuss ein, die Lokalpresse berichtete täglich. Der Beschuldigte bestreitet die Ermittlungsergebnisse nicht und reiste zur Aussage vor Parlament und Staatsanwaltschaft nach Rio Branco: „Es heißt, ich wäre in den Urwald des Amazonas vorgedrungen, im Auftrag von multinationalen Konzernen, um dort gegen ein paar Aspirintabletten eventuell die Geheimnisse der alten Medizinmänner herauszutragen, Geheimnisse, die Milliardenbeträge an Dollar bringen können."

Rüdiger von Reininghaus sieht sich als Opfer der Justiz, der Politik und der Presse: „Ich habe von den Kaxinawa gehört, einem der größten Stämme am Rio Tarauacá. Und bin ich eines Tages dort hingeflogen und habe den Koordinator von 3500 Indianern kennen gelernt. Und der sehr tüchtige Koordinator hat mir ein Projekt vorgelegt, das von ihm handschriftlich geschrieben war und das vorsah, die Wiedergeburt und Weiterpflege der tausendjährigen Indianermedizin ins Leben zu rufen. Das sei ein Projekt, das einen Sponsor bräuchte, der dafür Zugang zu den Heilpflanzen hätte, um die eventuell zu exportieren." Die Indianer hätten also vielmehr ihn bei der Vermarktung ihres Wissens um Hilfe gebeten. Die meisten Unkosten, sogar seine Rundreise in Europa, habe er aus eigener Tasche gezahlt. Allerdings habe er von der Industrie hin und wieder Zuwendungen erhalten: „Ich habe Sachspenden bekommen von Bayer und Hoechst und Ciba Geigy. Die Unternehmen haben mir Medikamente für die Indianer und für die Flussuferbevölkerung gespendet. 1992 wollten wir die Sache größer aufziehen, aber da ist uns in die Quere gekommen, dass die Bundesregierung das ganze Gebiet entlang der peruanischen Grenze zu einem Nationalpark erklärt hat. Und das waren die Gebiete, in denen wir unsere ersten Pilotprojekte durchführen wollten. Und das wurde dadurch unmöglich, denn dieser Nationalpark durfte nicht mehr betreten werden. Deshalb haben wir dann umgeschwenkt auf pure und ganz reine soziale Leistungen für die minderbemittelte Bevölkerung und die Indianer."

Die erwähnten Firmen hätten allerdings kein Interesse an einer Verwertung der Heilkräuter bekundet, behauptet von Reininghaus, was von diesen auf Anfrage bestätigt wurde: Sie respektierten die Rio-Konvention, auf dem Gebiet „Heilkräuter" habe es mit von Reininghaus keine Zusammenarbeit gegeben. Das Gegenteil kann die Staatsanwaltschaft nicht beweisen. Der Fall verweist auf einen neuen drohenden Nord-Süd-Konflikt. Die meisten genetischen Ressourcen liegen auf der südlichen Halbkugel, allein in Brasilien sind 22 Prozent aller lebenden Arten beheimatet. Doch der Norden verfügt über die finanziellen und technischen Voraussetzungen zu deren Erforschung. Edgar de Deus leitet die Universität von Acre. Obwohl die Artenvielfalt vor seiner Haustür liege, seien gerade einmal 12 000 Pflanzen erfasst. Nur mit einem kleinen Boot kann sein Team den Urwald bereisen, ein Flugzeug wäre besser aber zu teuer. In seinem Lehrkörper befinde sich leider kein Taxonom, der unbekannte Pflanzen und Tiere analysieren könnte.

„Viele Ausländer reisen mit einem Touristenvisum ein und entnehmen heimlich Boden- und Gewebeproben. Sie kümmern sich weder um den Artenschutz noch um andere Konventionen. Diese Rucksack-Forscher sind daran schuld, dass Fremde schnell als Biopiraten verdächtigt werden." Edgar de Deus hätte gerne mehr ausländische KollegInnen in seiner Hochschule, aber die Angst der Behörden vor BiopiratInnen verhindere die Kooperation. Offiziell hält sich die ausländische Pharmaindustrie bislang mit Investitionen in Brasilien zurück. Die Rechtslage ist ungeklärt. Ein im Senat verabschiedetes Gesetz über den Zugang zu den genetischen Ressourcen muss noch durch den Kongress, was lange dauern kann, nicht zuletzt, weil die Pharmaindustrie über den Gesetzentwurf alles andere als glücklich ist. Sie will weniger Bürokratie und weniger Kontrolle.

Das Verhältnis zwischen Nord und Süd ist teilweise sogar derart verhärtet, dass sich militärische Fronten entwickeln könnten. Brasilianische Generäle fürchten beispielsweise, dass Amazonien zum „gemeinsamen Erbe der Menschheit" erklärt und der Verwaltung des UN-Sicherheitsrates unterstellt wird. Diese Pläne wurden in der Tat von den Ländern der G 7 diskutiert. Die EuropäerInnen, so scheint es, haben dieses Vorhaben aber zu den Akten gelegt. Die USA hingegen haben in eigener Verantwortung eine in Panama stationierte Elitetruppe geschaffen, die „Green Group", deren einzige Aufgabe der Schutz des Regenwaldes ist. Seitdem befinden sich die brasilianischen Militärs in Alarmbereitschaft, sagt Aderbal Meira Mattos, der an der Kriegsakademie in Rio de Janeiro internationales Recht lehrt: „Die Biopiraterie in Amazonien hat die Oberste Kriegsakademie alarmiert. Wir werden unsere Grenzen gegen Invasoren mit Waffengewalt verteidigen. Die UN-Charta verbietet militärische Eingriffe – es sei denn, sie dienen dem Zweck der Landesverteidigung oder haben die Genehmigung des UN-Sicherheitsrates. Das war – zumindest bis zum Kosovo-Konflikt – geltendes Völkerrecht. Daher erfand die amerikanische Außenministerin, wenn sie vom Schutz unseres Regenwaldes und unserer Indianer sprach, den Begriff des humanitären Rechts auf Einmischung. So als ob unser Amazonien ihren Oberbefehl bräuchte!"

Unterdessen konnten die Vorwürfe gegen Rüdiger von Reininghaus weitgehend bewiesen werden. Er hat die Heilmethoden der indigenen Bevölkerung deutschen und schweizerischen Konzernen zur gewinnbringenden Verwertung angeboten. Dem Wortlaut der Rio-Konvention widerspricht dies zwar, aber welche konkrete Straftat hat der Österreicher begangen? Staatsanwältin Mubarak ist verbittert: „Das Delikt der Biopiraterie existiert in unserem Strafgesetzbuch nicht. Deshalb werden wir das Verfahren gegen Rüdiger von Reininghaus vermutlich bald einstellen müssen."

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