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In 80 Jahren um die Welt
Die Erfolgsgeschichte des Tangos
von Gerrit Schüler
(aus Tango/
ila 226)

Eine seltsame Pflanze ist dieser Tango. Einst auf kargen Boden und in ärmliche Verhältnisse geworfen, krallten sich ihre Wurzelfädchen fest ein in ihre Umgebung und entwickelten ein weitverzweigtes Wurzelwerk, das tief ins Innere der Städte am Río de la Plata hineinreichte. Wenig Wasser und südliches Klima ließen sie zu einem widerstands- fähigen und wildwüchsigen Organismus heranreifen. So behauptete sie sich zunächst nur im Schatten der großen Gesellschaft. Mit der Zeit paßte sie sich an, kreuzte sich und sandte ihren Samen aus in andere Kontinente. Dort begann der gleiche Prozeß von vorn. Auch wenn die neuen Pflänzchen nur noch entfernt an das ursprüngliche Gewächs in Buenos Aires und Montevideo erinnnerten: der Name blieb.

Tango im Moulin Rouge

Die Wege, auf denen der Tango um die Jahrhundertwende nach Paris gelangte, sind umstritten, wobei sich die ver- schiedenen Theorien weniger ausschließen müssen als ergänzen können. Der Verkehr zwischen den Welthäfen und der Mädchenhandel waren gewissermaßen durchlässige Stellen für neue kulturelle Einflüsse, was den Tango in Paris bekannt gemacht haben könnte. Als sicher gilt, daß das Ehepaar Gobbi 1907 gemeinsam mit Villoldo für die Auf- nahme von Platten, was in Argentinien zu jener Zeit noch nicht möglich war, nach Paris kam. Während Villoldo nach Buenos Aires zurückkehrte, blieb das Ehepaar Gobbi bis 1914 in Paris und widmete sich dort dem Tango. Alfredo Gobbi kümmerte sich um die Veröffentlichung vieler Tangos und gründete ein eigenes Label. Sie, Flora Rodríguez, war bereits in Buenos Aires und Montevideo eine bekannte Sängerin gewesen und sang nun auf den Bühnen von Paris Interpretationen und Kompositionen ihres Mannes.

Der Erfolg der Gobbis sprach sich herum, und weitere Tangomusiker kamen nach Paris. Die Immigranten von einst, die in Buenos Aires, wo der Tango immer noch geächtet, unterdrückt oder sogar verboten war, nie wirklichen Erfog gehabt hatten, witterten ihre Chance, von ihrer Leidenschaft für Musik und Tanz leben zu können.

War der Tango in Buenos Aires harten Repressionen ausgesetzt, die jedoch auch den Kern seiner inneren Natur bildeten, so galt er in Paris schnell als schick, extravagant und exotisch. Gerade die Unanständigkeit gab ihm etwas prickelnd Reizvolles. Bereits um 1910 verfiel Paris dem Tangofieber. Es folgte die Eröffnung von Akademien und Tanzschulen, die von Argentiniern bzw. Rückwanderern geleitet wurden. Dort bildete sich schnell eine neue Art des Tanzens heraus – eben eine pariserische Art, den Tango zu tanzen. Die Tango-Welle in Paris, der mode- und mei- nungsbildenden Weltstadt, blieb in anderen Teilen Europas nicht unbemerkt. Auch in Buenos Aires fand der Tango erst jetzt, auf dem Umweg über Paris, soziale Anerkennung. Anders als in Buenos Aires, wo die Bordelle und Varietés im Schmutz der Vorstadt angesiedelt waren, frönten die Pariser ähnlichen Gelüsten und Bedürfnissen, jedoch in sozial anerkannter Form, in den Varietés wie dem Moulin Rouge und den Folies Bergères, in denen die Frauen ihre Beine zeigen und der Großherzog zusehen durfte. Dies waren Orte, an denen auch der Tango gedeihen konnte, in der Verbindung des Obszönen und der Lust mit der Etikette und dem Kultivierten. Während die Frau sich vom Korsett befreite, wurde der Tango zur Mode und zum Kunstwerk stilisiert. Natürlich verlor er an dieser Stelle das Revolutionäre und Sehnsüchtige, aus dem er einst entstand. Was an Anrüchigkeit blieb, gefror zur Pose. Tanzen um der Wirkung Willen, nicht aus Not oder Protest.

In seiner Hochzeit, etwa zwei Jahre vor Ausbruch des Krieges, gipfelte der Tango-Kult in Tango-Tees, in farben- frohen, schmalgeschnittenen und hochgeschlitzten Kleidern, ja sogar der Tango-Farbe, einem blassen Orange-Rot – der Tango wurde zum „le tango". Hier, vertreten durch die Pariser Oberschicht, konnte er sich sogar dem kaiser-
lichen und päpstlichen Verbot von 1913 entziehen und widersetzen. Der Tanz setzte sich dabei immer mehr als die Musik durch, welche durch ihre unverständliche Sprache und ihre schwermütigen Texte als Anhängsel mitgeschleppt oder auch durch neue französische Lieder ersetzt und verdrängt wurde. Ein großes Stück Tango-Geschichte ver- schwand aus dem Bewußtsein. Der Tango als inszeniertes Stück von Macho-Look und streng gelernten Schritten, von in Szene gesetzten Ohrfeigen und Fußtritten und der Unterwerfung und Koketterie der Frau bekam hier einen unverkennbar theatralischen Stil. Dieser blieb am europäischen Tango haften, welcher in seinen festgelegten Schritten das tänzerische Grundprinzip des argentinischen Tangos, die Improvisation, aufgab.

Deutsche Offiziere tanzen Tango

Das Deutschland von 1900 war von industriellem und technischem Wachstum geprägt und nahm in diesen Dingen eine international bedeutsame Stellung ein. Kulturell wurde es vor allem durch Paris beeinflußt. Der Kaiser verbot seinen Offizieren, in Uniform Tango zu tanzen, daß sie ihn tanzten, konnte er ihnen nicht verbieten. So gab es hier, anders als im international gepägten Paris, zwei deutlich unterschiedliche Strömungen.

Die Zeit Wilhelms II., ein Anachronismus, den Deutschland sich leistete, war geprägt von einer forcierten Rückkehr zu den Traditionen, zum höfischen Stil, die auch vor der Lächerlichkeit nicht zurückschreckte. In der Geschichte des Tanzes erleben wir hier eine Rückkehr zu den alten höfischen Tänzen, dem Menuett, der Française, der Quadrille, die, längst vergessen, mühsam von denen neu gelernt werden mußten, denen an einer Einladung bei Hofe gelegen war. Es fand eine Rückkehr zum Formvollendeten statt, zum weniger Freien, dem keine Gesamtkultur mehr ent- sprach. Der Tanz wurde hier als Mittel zum Zweck benutzt in der Annahme, die alten Umgangsformen neu etablie- ren zu können, ein vergeblicher Versuch, die Veränderungen, die die Republik mit sich brachte, aufhalten zu können. Dem entsprach eine starke Trennung einerseits zwischen höfischer Politik, in der Wilhelm II. versuchte, sich mit altem Charisma und Stil zu umgeben, und der Politik des Reichstags, welchem die Verwaltung des Finanzbudgets oblag andererseits. Nach der Entlassung Bismarcks verwischten sich die Aufgaben des Reichstages und des Kaisers, der in der Unabhängigkeit des Reichstags schon immer einen Affront gegen seine Person sah. Im Gegensatz zu Frankreich bestand in Deutschland ein eklatanter Widerspruch zwischen der rapiden ökonomischen Entwicklung und dem Verharren in imperialistischer Politik und fehlender Liberalisierung.

Parallel zur neuen Traditionsbewußtheit gab es aber auch eine andere kosmopolitische Bewegung, ähnlich der in Paris. Es entstand ein neuer, eleganter und internationaler Lebensstil, vor allem in den Badeorten, in denen die neuen Schiebetänze, der Quickstep und der Tango getanzt wurden, welche die Mazurka und den Wiener Walzer mehr und mehr ablösten. Das Reisen und das mondäne Vergnügen waren nur für die finanziell Gutgestellten erschwinglich, für diese aber in unausgelesen bunter Mischung – eine Welt der Schicken und Geschmacklosen, der Verrückten und der Hochstapler, der Intelligenz und der Dummheit, für die der Tanz den allabendlichen Mittelpunkt der Zerstreuung und Kommunikation bildete. Der Tanzabend und der Salon als Innovationszentrum, immer mehr internationalisiert, wurden Ausdruck einer neuen Offenheit. Hier fand auch der Tango seinen Raum, obwohl es den Deutschen an wirklichem Verständnis für den Tanz der argentinischen Vorstädte und des schlechten Lebens fehlte. Die Attraktion, die der Tango dennoch hatte, kann nur mittelbar in seiner argentinischen Geschichte liegen. Sie ging einher mit anderen Zeitströmungen, die uns sein neues Leben verständlich machen. Scheinbar die Frau unterdrückend und das Bild des Machismo und der käuflichen oder unterwürfigen

Frau immer wieder in Posen nachstellend, war der Tango dennoch einer der wenigen Gesellschafts- und Paartänze, in denen die Frau andere Schritte als der Mann ausführte, sogar Elemente selbständig gestalten konnte. Zudem ging der Tanz einher mit einer Revolution in der Damenmode, kannte Schritte, in denen die Beine und Strümpfe der Frau sichtbar wurden, möglich gemacht durch die neuen Schlitz-Kleider, als Demonstration neuer Freiheit und Sichtbarkeit des weiblichen Körpers. Wurde der Mann auf neue Weise von der Frau verführt, nahm er sie um so offensichtlicher an die Kandare. Der Machismo, der in dieser westlichen Kultur keine Geschichte hatte, wurde bemüht, um mit den Veränderungen der Geschlechterverhältnisse durch die zunehmende Emanzipation der Frau umzugehen, wurde die dunkle Geschichte des Tangos herangezogen, um einen neuen Lebensstil auszudrücken und neue Umgangsformen in der Beziehung von Mann und Frau zu finden. Spätestens Mitte der 30er Jahre verdrängten andere Moden den Tango. Die exotische und gezüchtete, ja fast künstliche Pflanze verschwand allmählich. Der Krieg markiert das Scheitern einer Illusion, der „golden twenties", aber auch das Scheitern einer anderen Illusion, des Tangos.

Englisches Form- und Feingefühl

Der sogenannte englische Tanzstil begann Anfang des 20. Jahrhunderts mehr und mehr den allgemeinen Tanzstil zu formen und die von unteren Bevölkerungsschichten beeinflußte Zügellosigkeit und Offenheit des Tanzes wieder in andere Bahnen zu lenken und einzudämmen. Dem englischen Gefühl für Anstand waren einige wilde und unsittliche Auswüchse der neuen Art des Tanzens ein Dorn im Auge. So wurden die gängigen Tänze 1920 auf einer Tanzleh- rer-Konferenz einer eingehenden Begutachtung unterzogen. Ziel des Treffens war es, wieder gute Formen in den Tanzsälen einzuführen. Auf einer weiteren Konferenz 1929 wurden der Slowfox, der Quickstep, der langsame Walzer, der Blues und der Tango zu den Standardtänzen erklärt und in ihrer Taktzahl sowie in ihrem Schrittinventar genau festgelegt. Dem englischen Geschmack entsprechend wurden die große gleitende Vorwärtsbewegungen, sowie eine akkurate und aufrechte Haltung betont, die der Inbegriff des englischen Stils im Gesellschaftstanz wurde. Gleichzeitig wurden Bewegungen und Figuren, bei denen Verzögerungen eintraten oder die Beine in die Luft geworfen wurden, aus dem Schrittrepertoire ausgeschlossen. Entgegen der allgemeinen Entwicklung wurden hier die aktive Führungsrolle des Mannes und die passive Anpassungsrolle der Frau noch einmal offiziell festgeschrieben, der fortschreitenden Emanzipation der Frau also zumindest auf der Tanzfläche Einhalt geboten. Nicht nur unsere Tango-Pflanze wurde hier mit anderen Arten gekreuzt, sorgfältig zurechtgeschnitten und an einen Stock gebunden. Da steht sie heute noch.

Die Renaissance des Tangos

So wie es alte Rosen gibt, die ihre Liebhaber finden, auch wenn sie ein wenig eigen und kompliziert in der Pflege sind, wurde auch die alte Tango-Pflanze mit ihren tiefen Wurzeln in kargem Boden, verborgen in den Nischen der dunklen Gassen von Buenos Aires in den 80er Jahren von Europäern wiederentdeckt. Sie haben sich bemüht, die Pflanze heil über das Meer zu bringen und versuchen, ihr in diesem fremden Klima dennoch einen gesunden Lebensraum zu bieten. Ich kann nicht sagen, daß unser Tango heute der gleiche ist, welcher in Buenos Aires getanzt und gespielt wurde und wird. Aber daß er versucht, diesem ähnlich zu sein und diesen wirklich zu verstehen, daß man sich bemüht, nach seinen langen und tiefen Wurzeln zu graben, ohne diese zu verletzen, ist offensichtlich.

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