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LANDLOSEN
B E W E G UN G EN
Editorial ila
289 Oktober 2005
Um der Dritten Welt wirksam zu helfen, müssten die Industriestaaten ihre Märkte für Produkte aus dem
Süden öffnen. Dies ist seit Jahr und Tag eine Standardpassage in den Sonntagsreden von
EntwicklungspolitikerInnen aller Parteien. Auch die RepräsentantInnen großer Hilfswerke und Nichtregierungsorganisationen werden nicht müde, diese Forderung zu wiederholen, zuletzt anlässlich des G-8-Gipfels in Schottland. Und „unsere“ Handelspolitiker, die von den Staaten des Südens permanent die vollständige Öffnung ihrer Märkte für Waren und Dienstleistungen fordern, winken ihrerseits mit der Öffnung „unserer“ Märkte.
Doch wem wäre damit wirklich geholfen? Derzeit erlebt Lateinamerika einen Sojaboom. Bei Europas und Nordamerikas Landwirten herrscht große Nachfrage nach Viehfutter auf Sojabasis. Die Weltmarktpreise sind hoch, die Geschäfte florieren. Weil mit Sojaexport gute Geschäfte zu machen sind, weiten die Sojaproduzenten die Anbauflächen kontinuierlich aus.
In Argentinien machte Soja 2003/2004 schon 54 Prozent der gesamten genutzten Ackerfläche aus. Doch auch im riesigen Argentinien ist das Agrarland nicht unendlich. Um mehr Soja anbauen zu können, werden immer mehr ökologisch wertvolle Wälder abgeholzt oder Menschen vertrieben, die auf den begehrten Flächen leben – oft schon seit Jahrzehnten – und dort die Nahrungsmittel anbauen, die sie und ihre Umgebung für das tägliche Leben brauchen. Das gilt nicht nur für Argentinien, sondern auch für Bolivien, Brasilien oder Paraguay. Und wo es nicht der Sojaanbau ist, da sind es die Rinder, die auf dem Land weiden sollen, wo Menschen ihre Lebensmittel produzieren. Im bolivianischen Tiefland wird von fünf Hektar Weideland pro Kuh ausgegangen, ein Terrain, von dem Boliviens Landlose und KleinbäuerInnen nur träumen können. Die Justiz ist meist auf Seiten der Großgrundbesitzer, und wenn korrupte Richter nicht genügen, um das Land zu räumen, kommen die von Landräubern angeheuerten paramilitärischen Kommandos, die mordend und brandschatzend durch die Ansiedlungen ziehen.
Überall in Lateinamerika gilt: Die moderne Exportlandwirtschaft hat Priorität. Sie bringt die Devisen, die das Agrobusiness verdienen will und die die Regierungen für den Schuldendienst benötigen. Im Jahr 2003 wurde ein Viertel des argentinischen Schuldendienstes aus den Exportsteuern auf Soja aufgebracht. Wenn die Interessen der internationalen Banken tangiert sind, wen interessieren da die Menschen, die Land für ihren Lebensunterhalt bebauen? Deshalb würde die weitere Öffnung der Märkte für Agrarprodukte aus dem Süden die Vertreibung von noch mehr Menschen von ihrem Land bedeuten. Soviel zu den entwicklungspolitischen Sonntagsreden!
Aber diejenigen, die vertrieben werden, setzen sich gegen die nationalen und internationalen Landräuber zur Wehr. Sie schließen sich zusammen und besetzen Land, um dort das anzubauen, was sie brauchen. Weil sie dabei organisiert vorgehen, gelingt es Großgrundbesitzern, Polizei und Justiz nicht so ohne weiteres, sie wieder zu verjagen. Jede Räumung droht zu einer Schlacht zu werden, die nationale und internationale Aufmerksamkeit erregt. Um die LandbesetzerInnen und ihre Anliegen zu diskreditieren, wird versucht, sie als Terroristen oder – vielleicht noch wirksamer – als Geschäftemacher abzuqualifizieren, die durch die Aktionen an Land kommen wollten, mit dem sie spekulieren könnten. Irgendwelche Beweise wird man dafür sicher vorlegen können, vor allem wenn man die agents provocateurs vorher selbst engagiert hat.
In einer Zeit, wo weltweit ein landwirtschaftliches Modell durchgesetzt werden soll, das allein an den Interessen des Agrobusiness ausgerichtet ist – ob die entsprechenden Flächen dann mit LandarbeiterInnen oder Maschinen bewirtschaftet werden, oder ob vermeintlich selbstständige Lohnbauern Soja oder Zucker im Auftrag der Konzerne anbauen, ist dabei nebensächlich –, sind die Landlosenbewegungen der Sand im Getriebe. Sie eignen sich an, was sie zum Leben brauchen, und setzen gleichzeitig die Forderung nach Demokratisierung des Landbesitzes auf die Tagesordnung.
Außer über die brasilianische Landlosenbewegung MST, der wir im Dezember 2002 einen Schwerpunkt gewidmet hatten, ist über die Bewegungen, die sich überall in Lateinamerika gegen Landraub und Vertreibung wehren, hierzulande sehr wenig bekannt. Das liegt teilweise daran, dass viele dieser Bewegungen nur regional agieren und keine Kapazitäten für internationale Arbeit haben, vor allem aber daran, dass sich die internationalen Medien nicht für sie interessieren. Es wird Zeit, das zu ändern!
Inhalt
Landlosenbewegungen
4 Verflixtes siebentes Jahr
Brasilien: MST und die Regierung Lula / von Ingo Melchers
6 Unsere Waffe ist unsere Fahne
MOCASE – die Bauernbewegung in Santiago del Estero / von Britt Weyde
9 Wir wollen weder Tagelöhner noch Feudalherr sein
Die Landlosenbewegung UST in Mendoza / von Eva Amorín und Adrián J. Rivadeneira
11 Nur als Rind hat man Anspruch auf fünf Hektar
Interview mit Moises Torres und Asunta Salvatierra von MST Bolivien / von Gert Eisenbürger
14 Gewaltsame Landumverteilung
Vertreibung, bewaffneter Konflikt und Landkonzentration in Kolumbien / von
Ana María Barajas
16 Lehrstück Mikadostäbchen
Über die Schwierigkeiten und Fortschritte bei der Organisierung von landlos gewordenen Binnenflüchtlingen in Kolumbien
/ von Nora-Christine Braun
19 Befreiung von Mutter Erde aus Privatbesitz
Indígenas in Kolumbien besetzen das ihnen von der Regierung vorenthaltene Land
/ von Bettina Reis
20 Millionengeschäft mit Bauernopfern
Sojaanbau in Paraguay / von Gerhard Dilger
22 130 Morde an Bauernführern
Interview mit Peter Rosset zur Agrarreform in Venezuela / von Nic Paget-Clarke
24 Hält das Land es doch noch aus?
Interview mit Ana de Ita über Probleme und Spaltungen der Bauernbewegungen in Mexiko
/ von Gerold Schmidt
27 Wenn ein Investor auftaucht, wird geräumt
Landvertreibungen in El Salvador / von Eduard Fritsch
30 Landlos gegen skrupellos
Die guatemaltekische Campesino-Bewegung neun Jahre nach dem Friedensschluss
/ von Frank Garbers
32 Frauen – Land – Besetzung
Ein Bericht von der honduranischen Atlantikküste / von Martin Wolpold-Bosien
Berichte & Hintergründe
34 ZapatistInnen auf alten und neuen Wegen
Die „andere Kampagne“ in Konkurrenz zu Wahlkampf und den traditionellen Politikmodellen
/ von Gerold Schmidt
36 Öl im Urwald
Schmutz und Gewalt der Ölindustrie in Guatemala / von Andreas Boueke
38 Sind Sie für Freihandel mit den USA? – NEIN!
Bevölkerung der kolumbianischen Provinz Cauca stimmt gegen bilaterales Handelsabkommen
/ von Gudrun Kern
40 Das weinende Auge
Gedenken an den Bürgerkrieg in Peru / von Kerstin Kastenholz
42 Freie Saat statt tote Ernte
Internationale Diskussion über „Terminatortechnologie“ / von Gregor Kaiser
Kulturszene
44 Kulturelle Widerstandskämpfer
Interview mit Diego und Rodrigo von Sistema Sonoro Skartel / von Alix Arnold und Britt Weyde
46 Rebellion der nächsten Generation
Zwei neue CDs, die glücklich machen / von Britt Weyde
47 Ich bin, was ich schnitze
Kolumbianisch-oberbayerischer Bildhaueraustausch / von Marina Wieland
48 Tlatelolco oder das „andere“ Mexiko
Octavio Paz' kritische Retrospektive des Studentenmassakers vom 2. Oktober 1968
/ von Elke Schellenbach
50 Rezension, vierhändig
Taibo II und Marcos – ein literarisches Traumpaar? / von Dario Azzellini und Alexandra Urban
Ländernachrichten/Poonal
51 Guatemala, Chile, Nicaragua, Venezuela, Mexiko, Kolumbien, Paraguay, Uruguay, El Salvador,
Argentinien
Solidaritätsbewegung
55 Puppen erzählen aus Mexiko
Interview mit der Chiapas-Aktivistin Heike Kammer / von Kerstin Kastenholz
57 Das Aroma der Rebellion
Buch zum Kooperativen-Kaffee aus Chiapas / von Klaus Pedersen
58 Eiertänze in Bonn
Keine Solidarität mit Kindern ohne Aufenthaltsstatus / von Britt Weyde
59 Notizen aus der Bewegung
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