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CARACAS
Gesichter einer Metropole
Editorial ila
287 Juli/August 2005
Es ist wieder Juli und erfahrene ila-LeserInnen wissen, dass in diesem
Monat immer unser Städteschwer-
punkt erscheint. Bei diesen Ausgaben machen wir die Erfahrung, dass die Hefte, die sich mit vielbereisten Städten beschäftigen, weit über unseren AbonnentInnenkreis hinaus stark nachgefragt werden und relativ schnell vergriffen sind. Das galt etwa für die Schwerpunkte zu Buenos Aires, Montevideo, Mexico D.F., Havanna oder Lima. Andere Städte-ilas wurden dagegen relativ wenig nachbestellt, was sicher nicht an ihrer Qualität lag, sondern daran, dass die behandelten Metropolen außerhalb des touristischen Interesses liegen. Dazu gehörten etwa die Schwerpunkte Medellín, Tegucigalpa oder São Paulo. Wenn es nur danach ginge, dürfte der vorliegende Schwerpunkt Caracas wohl eher auf weniger Interesse stoßen. Denn die venezolanische Hauptstadt gehört ganz sicher nicht zu den Städten, in denen sich TouristInnen tummeln. In manchen Venezuela-Reiseführern wird sogar ausdrücklich empfohlen, man solle den Aufenthalt in Caracas möglichst kurz gestalten und schnell zu den Naturschönheiten im Landesinnern oder zu den Stränden der Isla Margerita weiterreisen. Die Hauptstadt habe touristisch wenig zu bieten und sei zudem gefährlich.
Auf die Gefährlichkeit der Stadt machen eineN auch VenezolanerInnen – vornehmlich solche aus der Mittelschicht – als erstes aufmerksam, wenn sie hören, dass man zum ersten Mal in der Stadt ist. Man könne sich in Caracas nicht so bewegen, wie in europäischen Städten, vor allem abends solle man äußerst vorsichtig sein und viele Gegenden, auch und gerade die Innenstadt, unbedingt meiden. Zu Verabredungen oder Veranstaltungen solle man am besten mit dem Taxi fahren, von den öffentlichen Verkehrsmitteln sei nur die U-Bahn empfehlenswert. Würde man dennoch Opfer eines Überfalls, solle man sich auf keinen Fall wehren, sondern seine Wertsachen sofort abgeben, sonst würde die Sache lebensgefährlich – die Gangster fackelten nicht lange.
Solche Verhaltensmaßregeln sind sicher vernünftig und man sollte sie als Reisender auch beachten. Auch ist es sicher nicht von der Hand zu weisen, dass Caracas ein großes Gewaltproblem hat – aber der Diskurs über die Gefährlichkeit der Stadt ist auch Ausdruck der gesellschaftlichen Polarisierung. Damit ist nicht die vordergründige politische Polarisierung der vergangenen Jahre zwischen AnhängerInnen und GegnerInnen des Präsidenten Hugo Chávez gemeint. Es geht um die Polarisierung zwischen den gesellschaftlichen Gruppen, die irgendwie an der wirtschaftlichen Entwicklung der letzten Jahrzehnte, sprich dem Erdölboom partizipieren konnten und jenen, die davon weitgehend ausgeschlossen waren. In jeder lateinamerikanischen Großstadt gibt es elegante Geschäfts- und Bankenviertel, die Wohnanlagen der Mittelschicht, die hochgesicherten Villenbezirke der Reichen auf der einen und die wachsenden Armen- und Elendsviertel auf der anderen Seite.
Aber kaum anderswo ist diese soziale Polarisierung so spürbar wie in Caracas, wo die Barrios der Armen die in einem Talkessel liegende Innenstadt und die wohlhabenderen Wohnviertel fest umschließen. Die Barrios oben sind von überall sichtbar, ebenso sichtbar wie die Beton- und Glaspaläste im Tal. Die BewohnerInnen der Barrios sind in der Wahrnehmung der Mittel- und Oberschichten die „gefährliche Klasse“, die vor allem in Schach gehalten werden muss. Erst vor diesem Hintergrund erschließt sich die politische Polarisierung der letzten Jahre, denn Hugo Chávez stützt sich vor allem auf diese „gefährliche Klasse“, und dies macht ihn – weit mehr als seine konkrete Politik – zum Hassobjekt vieler bessergestellter
VenezolanerInnen.
Wir nähern uns der Stadt Caracas in dieser ila über die Barrios an, mit dem Leben dort beschäftigt sich der größere Teil der Beiträge dieses Heftes. Natürlich geht es da um die sozialen Probleme, die Armut, die Arbeitslosigkeit und die Gewalt, aber auch um spannende kulturelle Erfahrungen, die etwa der Berliner Schriftsteller Raul Zelik oder der Kölner Rapper Kutlu Yurtseven von der Microphone Mafia beschreiben.
Auch diese ila wäre nicht ohne intensive Hilfe von außen zustande gekommen. Wir danken allen ganz herzlich, die uns diesmal durch Fotos, Texte und Kontakte unterstützt haben, ganz besonders Dario Azzellini, Wolfgang Eckner, Ute Evers, Mariella Rosso und Raul
Zelik.
Mit diesem Heft verabschiedet sich die ila-Redaktion in die wohlverdiente Sommerpause. Im August gibt es wie immer keine ila, wir melden uns Mitte September wieder.
P.S. Die Jury der Sachbuchbestenliste hat im Monat Juli das Buch „Unsere Opfer zählen nicht – Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg“, für das ila-Redakteur Gert Eisenbürger das Lateinamerika-Kapitel beigesteuert hat, zum besten Sachbuch des Monats gewählt. Das vom Rheinischen JournalistInnenbüro herausgegebene Buch ist im Verlag Assoziation A erschienen.
(www.assoziation-a.de/aktuelles)
Inhalt
CARACAS - Gesichter einer Metropole
4 Die Stadt Caracas
Die Beschreibung des Alexander von Humboldt
6 So weit das Auge reicht
Die Barrios von Caracas vom Kollektiv P.I.S.O. 16
7 Man spürt eine neue soziale Energie
Interview mit Pater Armando Janssens von der Nichtregierungsorganisation CESAP
/ Von Gert Eisenbürger und Gaby Küppers
10 Wir wollen die Polizei hier nicht haben
Interview mit der Sozialarbeiterin Adriana Scovino vom Kollektiv P.I.S.O. 16
13 Terrasse Nr. 5
Afrovenezolanische Feiern und Religion im Barrio / Von Raul Zelik und Francisco Pérez
16 Ciudad Universitaria
Auch die beiden großen Hochschulen repräsentieren
den Riss durch die Gesellschaft / Von Raul Zelik
18 Die eingebunkerte Stadt
Kriminalität, Zersplitterung des öffentlichen Raums und die Grammatik des Krieges in einem angespannten Frieden
/ Von Tulio Hernández
20 Wo sind die Feministinnen?
Interview mit Professorin Gioconda Espina / Von Mariella Rosso
22 Der Caracazo
Auf den Aufstand vom Februar 1989 antwortete die Regierung Pérez mit einem Massaker
/ Von Gert Eisenbürger
23 Der venezolanische Berlusconi
Medienzar Gustavo Cisneros / Von Gaby Weber
26 Schau kein Fernsehen, mach' es!
In wenigen Jahren sind in Venezuela hunderte von Basismedien entstanden
/ Von Dario Azzellini
28 Wir halten die Kamera immer schräg
Vive-TV versucht, eine neue Fernsehästhetik zu entwickeln / Von Gaby Küppers
31 Wir standen da mit offenen Mündern
Interview mit Kutlu Yurtseven von der Microphone Mafia über ihre Tour in Venezuela
/ Von Britt Weyde und Gert Eisenbürger
34 Kulturelle Bombe
Salsa in Caracas / Von Alejandro Calzadilla
36 Die Legende der María Lionza
Ein kleiner Exkurs ins Reich der Mythen / Von Ute Evers
37 Ananas aus Caracas
Ein Schlager aus der Wirtschaftswunderzeit / Von Wolfgang Dietrich
Berichte & Hintergründe
38 In Bolivien werden Präsidenten nicht alt
Unsichere Zeiten in fast jeder Branche / Von Andreas Hetzer
40 Was passiert in Chiapas?
Widersprüchliche Interpretationen nach überraschender Mobilisierung der EZLN
/ Von Gerold Schmidt
41 Und wo bleiben die Frauen?
Frauen in der Welt der organisierten mexikanischen Bauernschaft / Von Melanie Höwer
43 Gott hat auch die Blumen unterschiedlich gemacht
Die Schwulen und Lesbenszene in Guatemala / Von Andreas Boueke
46 Feminismus aus Notwendigkeit
Interview mit Yamileth Chavarría vom Radio Palabra de la Mujer aus Nicaragua
/ Von Knut Henkel
Kulturszene
48 Actores desarmados
Interview mit den kolumbianischen SchauspielerInnen Adriana María Diosa und Oscar Manuel Zuluaga
/ Von Till Baumann
50 Papa Hemingway und das Embargo
Experten aus Cuba und den USA wollen Hemingways alte Villa sanieren / Von
Knut Henkel
52 Unbequeme Tote
Vorabdruck aus dem Kriminalroman von Subcomandante Marcos und von Paco Ignacio Taibo II
55 So ein Zufall
Zwei neue Filme aus Mexiko und Argentinien / Von Britt Weyde
56 Spaß kann auch Widerstand machen
Sammelband zur Kunst des kreativen Straßenprotests / Von Britt Weyde
57 Massaker als Lokalkolorit
Kathy Reichs Roman „Knochenlese“ / Von Anika Oettler
Ländernachrichten/Poonal
58 Haiti, Kolumbien, Brasilien, Guatemala, Panama, Peru, Chile, Argentinien, El Salvador
Solidaritätsbewegung
62 Ein eigenes Bild machen
Eindrücke von den ersten Solidaritätsreisen nach Venezuela / Von Harald Neuber
63 Notizen aus der Bewegung
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