Home| Wir über uns | Aktuelle Ausgabe| LeseprobenArchiv| SolidaritätNotizen | Termine | TV/Radio | Links| Bestellungen


zu Inhalt

|Grenzerfahrungen|

Editorial  ila 283  März 2005  

Und ewig grüßt das Murmeltier. Der Film aus dem Jahr 1993 ist große Unterhaltungskunst. Ein zynischer 
Reporter erlebt seinen persönlichen Alptraum, weil er in einer Zeitschleife hängt und derselbe Tag immer wieder von vorne beginnt: Groundhog Day – der Tag, an dem das Murmeltier aus seinem Winterloch herausgetrommelt wird, damit es voraussagt, wie lange der Winter noch dauert. Der Film könnte eine Metapher für den Beginn des Jahres 2005 in Deutschland sein. Nicht nur das Ende des Winters wird sehnlichst erwartet, auch die Wiederholung der politischen Debatten und Scheinskandale fühlen sich an wie die immer wieder gleiche, ermüdende Zeitschleife.

 Visa-Affäre: Zwangsprostitution, böse brutale osteuropäische Schlepperbanden, islamische Terroristen. Skandal, Skandal! Aber ein paar wohlhabende Chinesen dürfen vielleicht doch kommen? Die Opposition nervt derart mit ihren reaktionären Ansichten, dass man sich gezwungen sieht, Joschka Fischer zu verteidigen. Schön ist das nicht. Ebenso wenig die Sache mit den 50 000 bis 100 000 Deutschen türkischer Herkunft, die so frech wie leichtsinnig waren, ihre türkische Staatsbürgerschaft nach dem Jahr 2000 noch einmal beantragt zu haben. Das geht aber nicht, hier darf das Bekenntnis zur Nation nicht geteilt werden. Also Ausbürgerung (!), wieder zurück auf Start, nach teilweise jahrzehntelangem Leben in Deutschland stehen sie nun wieder nur mit einer befristeten Aufenthaltsgenehmigung da, was einen fundamentalen Entzug von Rechten bedeutet.

 Deutschland hatte schon immer ein Problem mit seinen Minderheiten, im schlimmsten und historisch einmaligen Fall sind sie kaltblütig, systematisch und mit breiter Unterstützung der Bevölkerung ermordet worden. Heute sind andere Zeiten – schließlich identifizieren wir uns alle mit Sophie Scholl – aber die „Anderen“ will man nach wie vor nicht so richtig dabei haben. Also, Scheindeutsche raus. Das Problem Asylbewerber haben wir auch so gut wie erledigt. Die Zahl der AsylbewerberInnen ist mittlerweile auf den niedrigsten Stand seit 1984 gefallen. Und die Anerkennungsquote ist in den letzten Jahren kontinuierlich auf unter zwei Prozent gesunken. Eine Freundin, die als Sozialarbeiterin in einer Einrichtung für jugendliche Flüchtlinge arbeitet, erzählt, dass mittlerweile das Konzept geändert wurde. Nun werden auch vermehrt deutsche Jugendliche in dem Projekt betreut, da immer weniger Flüchtlinge kommen bzw. noch da sind (die Abschiebungen gehen ja nach wie vor munter weiter). Deutschland soll einfach kein Einwanderungsland sein.

Das Murmeltier kommt schon wieder aus seiner Höhle und macht die Wettervorhersage. Der Winter geht weiter und legt sogar noch einen Zahn zu: Zuwanderungsgesetz und Hartz IV. Geduldete verlieren reihenweise ihre Arbeit, weil die Behörden ihnen die Beschäftigung nicht erlauben. Einen Anspruch auf Arbeitslosengeld II haben sie aber auch nicht. Für sie gelten die Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz, die 35 Prozent unter dem ehemaligen Sozialhilfesatz liegen. Es ist saukalt. Wie wär's mit einem Ausflug nach Spanien, wo Anfang Februar die gefeierte Legalisierungsoffensive angelaufen ist? Über eine Million papierloser ImmigrantInnen sollen die Möglichkeit erhalten, ihren Status zu legalisieren – doch das hängt davon ab, ob ein Arbeitgeber bereit ist, sie unter Vertrag zu nehmen oder ihnen zu bescheinigen, in der Vergangenheit für ihn gearbeitet zu haben. Es wird sich zeigen, wie viel ArbeitgeberInnen sich den Ast absägen, auf dem sie sitzen. Schließlich ist es ein offenes Geheimnis, dass illegalisierte ArbeitnehmerInnen den Wirtschaftsstandort voranbringen: Lohndumping und der Abbau sozialer Rechte sind so erst möglich. Ob Legalisierungsoffensive in Spanien oder Greencards in Deutschland – ImmigrantInnen haben ihre Existenzberechtigung im Zielland nur dann, wenn sie wirtschaftlichen Nutzen bringen.

Womit wir wieder bei der Zeitschleife wären. Schon Friedrich Syrup, Präsident der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung in der Weimarer Republik und später in der NS-Zeit, formulierte 1918 die Leitlinien deutscher Arbeits-Migration-Politik wie folgt „Es ist fraglos, dass die deutsche Volkswirtschaft aus der Arbeitskraft der im besten Alter stehenden Ausländer einen hohen Gewinn zieht, wobei das Auswanderungsland die Aufzuchtkosten bis zur Erwerbstätigkeit der Arbeiter übernommen hat. Von noch größerer Bedeutung ist jedoch das Abstoßen oder die verminderte Anwerbung der Ausländer in Zeiten wirtschaftlichen Niederganges.“

Das Murmeltier läuft starr vor Schreck und Kälte in die Höhle zurück. 
Gibt es das Tierchen eigentlich auch in Lateinamerika? Wir wissen es nicht. Aber auch dort gibt es einwanderungswillige Menschen, Migrationsgesetze, bürokratische Hürden, alberne Diskurse, Abschiebeknäste, diskriminierende und/oder ausbeuterische Arbeitsbedingungen und dementsprechende Grenzerfahrungen. Deshalb hat auch die vorliegende Ausgabe weitestgehend eine Doppelstruktur. Wir haben versucht, jede Grenzerfahrung mal von der transatlantischen, mal von der innerlateinamerikanischen Perspektive her zu beleuchten. Und das Murmeltier ist uns eigentlich ziemlich sympathisch, weil es eindrucksvoll das Recht auf Faulheit demonstriert. Wenn es nicht jedes Jahr zum Winterende aus seiner Höhle gescheucht würde … 


Inhalt

|Grenzerfahrungen|


4 Exil weitet den Blick, aber ... 
Interview über kolumbianische Flüchtlinge und die Sicht des Anderen in Spanien von Bettina Reis

7 Frauen klar im Nachteil
Kolumbianische Flüchtlinge im Nachbarland Ecuador / von Bettina Reis

10 Für die miesen Jobs gibt's Nicas
Nicaraguanische MigrantInnen in El Salvador / von Eduard Fritsch

12 Gewinner und Verlierer
Arbeitsmigration von Nicaragua nach Costa Rica / von Eduard Fritsch

14 Legalize them!
Interview mit Ida Schrage von AGISRA über Latinas in der Prostitution / von Britt Weyde

16 Nicht zuständig
Tod einer Paraguayerin in Spanien mobilisiert die globale Community / von Heike Monika Greschke

18 Zwei Pesos pro Kunde 
Dominikanische Frauen in der Prostitution in Argentinien / von Britt Weyde

20 Hier geblieben!
Appell der Kulturschaffenden in Deutschland für das Bleiberecht

21 Grenzen, Lager und Abschiebeknäste 
Die unauffällige Gewalt der Immigrationsbegrenzung / von Dirk Vogelskamp

23 In Erwartung der „sicheren Wiederbeheimatung“ 
Die Situation von MigrantInnen in den Abschiebegefängnissen von Mexico und Guatemala / von Kathrin Zeiske

25 Geduldiges Warten auf Duldung 
Innenansichten einer Ausländerbehörde / von Tobias Schwarz

27 Bizarre Ämterlogik 
Erfahrungen einer Deutschen bei der Visum-Antragstellung in Kolumbien / von Gudrun Kern

28 Ganz unten
MigrantInnen seit Januar doppelt getroffen / von Sigrid Becker-Wirth

29 Tödliche Gefahr
Aktualisierte Dokumentation zur deutschen Flüchtlingspolitik 

30 Verlogenes Opfer-Täter-Schema
Kriminalisierung von Arbeitsmigration als „Menschenhandel“ / von Juanita Henning

32 Die Revolution ist in Gefahr
Argentinische Gesetzgebung zu Migration / von Eduardo J. Vior

33 Pragmatismus und Utopie
Die Erklärung von Quito

34 Räume aufschließen
Die Hamburger Frauengruppe „Abriendo Espacios“ 

35 Gegeninformation und guter Wille
Selbstverständnis der interkulturellen Zeitschrift Ojal aus Hamburg

36 Wir sind unter euch
Unterstützung für MigrantInnen in Mexico und Guatemala

36 Initiativen streiten für das „Recht auf Rechte“ 

38 Leben aus drei Koffern 
Ein Integrationsversuch der besonderen Art / von Luis Fayad

39 Integration?
Interview mit den FilmemacherInnen Mario Burbano und Verónica Marchiaro / von Bettina Reis

Berichte & Hintergründe

41 Zwischen No Future und Zero Tolerance
Arbeit mit Jugendlichen aus Maras in El Salvador / von Beat Schmidt

45 Nicht warten, bis es richtig knallt
Interview mit Tom Koenigs, Menschenrechtsbeauftragter der Bundesregierung, zur Lage in Guatemala
/ von Felix Koltermann

48 Nachrichten aus der offline-Zone
Ländliche Informationssysteme in Peru / von Jutta Niemann

50 Viele Umweltgifte und wenig Jobs
Der Boom des Bergbaus in Lateinamerika / von Jill Repogle

52 Porto Alegre ist (nicht mehr) Porto Alegre 
Das weiter wachsende Weltsozialforum zieht um – wahrscheinlich / von Gaby Küppers

Ländernachrichten/Poonal

54 Argentinien, Paraguay, Uruguay, Honduras, Brasilien, USA/Zentralamerika

Kulturszene

56 Dunkle Knospe, Lederblut
Der argentinische Film „Un año sin amor“ erhielt auf der Berlinale den „Teddy“ für den besten schwul-lesbischen Film
/ von Rike Bolte

57 Braune Esoteriker und bigotte Christen
Neue Krimis von alten Bekannten / von Gert Eisenbürger

Solidaritätsbewegung

58 Friedloser Frieden
Heidrun Zineckers Monografie über El Salvador nach dem Bürgerkrieg / von Lars Frick

59 Notizen aus der Bewegung

                                                                                                  Hier klicken ! Jetzt bestellen !!