Home| Wir über uns | Aktuelle Ausgabe| LeseprobenArchiv| SolidaritätNotizen | Termine | TV/Radio | Links| Bestellungen


zu Inhalt
                                     
     Gewerkschaften
Editorial
   ila 279 / Oktober 2004

In den letzten beiden Jahrzehnten gab es in der Arbeitswelt Lateinamerikas dramatische Veränderungen. Als wir unseren letzten Gewerkschaftsschwerpunkt (ila-info 106, Juni 1987) veröffentlichten, waren diese Umsrukturierungen zwar schon angelegt, in ihren Ausmaßen aber noch keineswegs abzusehen. Damals begann gerade die Offensive des Neoliberalismus. Heute ist diese Herrschaftsideologie weltweit auf dem Höhepunkt ihres Einflusses, gegenwärtig beschwören ihre Missionare in den Redaktionen und Instituten hierzulande den notwendigen Umbau des Sozialstaates und meinen damit reale Lohnsenkungen und die weitgehende Freistellung der Großunternehmen von der Steuerpflicht. Unterdessen richten ihre Auftraggeber in den Unternehmensvorständen die mitteleuropäischen Gesellschaften auf ihre Bedürfnisse zu. In Lateinamerika hat dieser Prozess früher angefangen und ist bereits sehr weit fortgeschritten.

Für die lateinamerikanischen Gewerkschaften bedeutete das, dass sie seit Anfang der achtziger Jahre einen enormen Bedeutungsverlust hinnehmen mussten. Die Privatisierungsprogramme, die Abschaffung bzw. Umgestaltung formeller Beschäftigungsverhältnisse, die in vielen Ländern erfolgte Deindustrialisierung oder die Schließung von Minen haben Hunderttausende von ArbeitnehmerInnen um ihre Jobs und die Gewerkschaften um ihre Mitglieder gebracht. Gleichzeitig gelang es den Gewerkschaften nur ansatzweise, die Arbeitenden in den neu entstandenen Sektoren zu organisieren. Zu nennen wären hier die exportorientierte Teilfertigungsindustrie (Maquiladoras), die saisonalen Beschäftigungsverhältnisse in der Exportlandwirtschaft und der so genannte informelle Sektor, in dem Millionen von „Selbstständige“ unter prekärsten Bedingungen ihr Überleben fristen. 

Dass es in diesen Sektoren nicht zu umfangreicheren gewerkschaftlichen Organisationsprozessen gekommen ist, hat verschiedene Gründe. Dazu gehören äußere Faktoren, wie das Verbot gewerkschaftlicher Arbeit in vielen „Freien“ Produktionszonen, aber auch innere Defizite, wie die bürokratischen, männlich dominierten Gewerkschaftsstrukturen, die die Arbeiterinnen in der Maquila-Industrie oder der Exportlandwirtschaft eher abschrecken. Dazu kommen grundsätzlichen Probleme, etwa die Frage, wie und entlang welcher Interessen man individuell agierende und miteinander konkurrierende KleinsthändlerInnen oder KleinstproduzentInnen überhaupt gewerkschaftlich organisieren kann.

Sind Gewerkschaften also ein Auslaufmodell? Keineswegs. Auch wenn sie Bedeutungsverluste hinnehmen mussten, sind sie vielerorts in Lateinamerika nach wie vor die soziale Bewegung, die die meisten Menschen interessensorientiert mobilisieren kann. Natürlich hängt ihr gesellschaftlicher Einfluss auch von ihrer jeweiligen Praxis ab. Jenseits der ökonomischen Zwänge gibt es sehr unterschiedliche Ansätze gewerkschaftlicher Politik. Beschränken sie sich ängstlich auf ihre eigene Klientel, können sie kaum deren Interessen verteidigen. Auch die Unterordnung unter eine politische Partei schwächt die Gewerkschaften, vor allem wenn diese Partei an der Regierung ist und selbst die neoliberale Reformen durchsetzt, wie in der Vergangenheit in Argentinien oder Costa Rica oder gegenwärtig in Brasilien.

 Dagegen zeigt sich, dass Gewerkschaften dort beträchtliche Erfolge erzielen können, wo sie Bündnisse mit anderen sozialen Bewegungen eingehen, eine intelligente Medienpolitik betreiben und gegenüber politischen Parteien auf ihrer Autonomie bestehen. So konnten die Gewerkschaften – etwa in Zentralamerika, in Kolumbien oder in Uruguay – gesellschaftliche Mehrheiten gegen Privatisierungsvorhaben zusammenbringen, weil den Leuten klar wurde, dass die Privatisierungen nicht nur schlechtere Arbeitsbedingungen für die betroffenen Belegschaften bedeuten, sondern auch zu einer generellen Verschlechterung etwa der Wasser- und Energieversorgung oder des Gesundheitswesens führen.

 Also Leute: Hört die Signale. Oder findet sie im Internet. Es gibt sie!


Inhalt

Gewerkschaften

4 Ein Auge auf Kolumbien werfen 
Internationale Karawane zur Unterstützung der kolumbianischen Gewerkschaften /von Bettina Reis

7 Brutal neoliberal
Kolumbianische Gewerkschaften im Würgegriff der Wirtschaft /von Thomas Schulz

9 Den Schwalben die Flügel stutzen
Organisation von Frauen in der Maquilaindustrie /von Inga Kreuzer

12 Von Demokratisierung keine Spur
Die Arbeiterkonföderation Mexicos (CTM) auf alten Pfaden /von Gerold Schmidt

14 Die Dicken und die Anderen
Peronistische Gewerkschaftsbewegung in Argentinien /von Carlos Flaskamp

16 Mit Motorrädern gegen den Apparat
S.I.Me.Ca – die Gewerkschaft der Kuriere und Boten in Argentinien /von Alix Arnold

18 Geschrumpft, aber immer noch eine Macht
Uruguayische Gewerkschaften heute /von Ernesto Kroch

21 Sie scheitern, wenn sie nicht auf die Leute hören
Vom Vorteil der Vielfalt gewerkschaftlicher Bewegungen in Bolivien /von Peter Strack

24 Gefährliche Unterordnung
Die brasilianische Gewerkschaftszentrale CUT und die Regierung Lula /von Antônio Inácio Andrioli

27 Zu viele blaue Monate?
Gewerkschafen und Saisonarbeit in Chile /von Pedro Holz

30 Schwache werden nicht ernst genommen
Interview mit dem nicaraguanischen Erziehungsgewerkschafter José Antonio Zepeda /von Wolfgang Ecker

32 Gleiches Recht im ganzen Land
Neue Herausforderungen für Cubas Gewerkschaften durch wirtschaftliche Umgestaltungen /von Günter Pohl

34 Pro und contra Chávez
Gewerkschaftsbewegung in Venezuela /von Daina Green und Barry Lipton

36 Das Wort Gewerkschaft ist ein Synonym für Entlassung
Interview mit Albino Vargas von der costaricanischen Dienstleistungsgewerkschaft ANEP /von Frank Braßel

38 Neue Wege beschreiten 
Herausforderungen für die Gewerkschaftsbewegung in Lateinamerika /von Francisco Zapata

Berichte & Hintergründe

40 Bündnispartner Erdöl
Die Integration Südamerikas hat einen Schmierstoff gefunden /von Günter Pohl

42 Lula regiert für die Reichen
Interview mit Emilio Astuto von der brasilianischen Linkspartei PSTU /von Nick Brauns

44 Ein wahrer Politthriller
Kommunalwahlkampf in Recife im Nordosten Brasiliens /von Jan Schikora

46 Mit Herz und Willen gegen den Neoliberalismus
Interview mit der „Mesa Directiva“ der Abejas in Chiapas/Mexico /von Felix Koltermann

48 Kooperativen und der bolivarianische Prozess
Notizen zu einer venezolanischen Basisbewegung /von Andreas Thierer

50 Zweifelhafte Entwicklung
Industrielle Garnelenzucht in Guatemala und Honduras /von Dorit Siemers und Heiko Thiele

Kulturszene

52 Das geknebelte Lied
Musiker der Gruppe Pasajeros in Kolumbien in politischer Haft /von Alberto Jeréz, Marina Wieland und Bettina Reis

Lebenswege

54 Von Hamburg nach Sosúa
Das Leben des Arturo Kirchheimer /von Hans-Ulrich Dillmann

Ländernachrichten/Poonal

58 Uruguay, Kolumbien, Panama, Guatemala, Nicaragua, Peru, Paraguay, Ecuador, El Salvador

Solidaritätsbewegung

62 LehrerInnen lernen in chilenisch-deutschen Austauschprogrammen /von Till Baumann

63 Leserbriefe


                                                                                                 Hier klicken ! Jetzt bestellen !!