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                25
Jahre 
     Nicaragua Solidarität
                                               Editorial   ila 278 / September 2004 

Heute heißt es nicht mehr „Patria libre o muerte“. Der einzige Slogan, der in diesem müden Sommer hierzulande die Massen auf die Straße treibt, ist „Weg mit Hartz vier, das Volk sind wir“. So dringend nötig es ist, dem Verarmungsprogramm und der gnadenlosen Zwangszurichtung auf Arbeit Arbeit Arbeit etwas entgegenzusetzen – vom Kampf um Befreiung, dem Widerstand gegen Kapitalismus oder gar revolutionären Umbrüchen sind die ProtestlerInnen von heute Lichtjahre entfernt. Und das mit dem Volk nervt.
„Die Solidarität mit den ihre Befreiung bzw. die eben errungene Freiheit Verteidigenden hat in erster Linie etwas mit der Sehnsucht und dem Kampf um die eigene Befreiung zu tun.“ So stand es geschrieben im Editorial der ila zum Schwerpunkt „Wir und Nicaragua“ im Juni 1986. 18 Jahre nach diesen weisen Worten und 25 Jahre nach dem Triumph der
sandinistischen Revolution scheint die Befreiung weiter weg denn je.

 Die eigene Befreiung und diejenige von – ja, von wem eigentlich?
Ach, was waren das damals noch für Zeiten. Wehmut kommt auf. Oder Neid. Die Zuspätgeborenen nehmen mit Unglauben zur Kenntnis, was in den solibewegten 80ern alles möglich war. Diese mitreißende Aufbruchstimmung, dieser Enthusiasmus. Da wäre man schon gerne selbst mit dabei gewesen. Ein klarer Feind: der Imperialismus – ein klares Ziel: den Aufbau des freien Nicaraguas mit eigenen Händen zu unterstützen. Ach ja. Die Welt schien damals einfacher zu erklären und umzuwälzen. Positionierungen waren im Handumdrehen möglich. Ganz im Gegensatz zu heute, wo innerhalb der zersplitterten (radikalen) Linken überall Fallstricke lauern.

Aber halt! So ganz stimmt das auch nicht. Zum Glück. Schon bald thematisierten kritische Geister innerhalb der Solibewegung den eigenen Paternalismus und Eurozentrismus, den Hang zur Projektionsfläche oder die Romantisierung des bewaffneten Kampfes. Oder den Fetisch „Volk“ und den Nationalismus der Befreiungsbewegungen. Diese Kritik haben nicht die Antideutschen erfunden. Schon 1982 wies Horst Pöttker in dem Text „Blinde Flecken in unserem politischen Weltbild“ darauf hin: „Wenn die Solidaritätsbewegung von jenen politischen Kräften in der Dritten Welt redet, die sie unterstützen will, nennt sie sie ‚demokratisch', ‚fortschrittlich', ‚oppositionell', ‚national', ‚Widerstand' oder ‚Volk' (das Adjektiv hieße übrigens ‚völkisch')“. Das mit dem Volk hat auch schon vor 22 Jahren genervt.

Im Laufe der Zeit setzte sich die Erkenntnis durch, dass „das revolutionäre Nicaragua“ oder „die SandinistInnen“ nicht unbedingt alle das Gleiche wollten und dass sie vor allem auch Fehler machten. Die reflektierteren Teile der Solibewegung wollten dementsprechend, „kritische Solidarität“ praktizieren. Schließlich sollte der Begriff Solidarität eigentlich für gleiche Ziele stehen. Die Kluft zwischen eigenen Begehrlichkeiten und realsandinistischer Realität kommentierten die Blätter des iz3w süffisant-amüsant im Mai 1982: „Eigentlich wäre es uns am liebsten, wenn die Frente Ökosozialismus machen würde (...) zumindest müsste sie aber Produktionsmittel vergesellschaften, Entfremdung beseitigen, Frauen befreien, Indianer und Homos selbstredend auch, und Petersilie in den Barrios anpflanzen statt Baumwolle mit Pestiziden hochzuzüchten. Wenn die Comandantes Fahrrad fahren würden, wär auch nicht schlecht. Die Comandantes fahren aber nicht Fahrrad und finden Klimaanlage und Mercedes ganz gut. (...) Dann richten wir unser Augenmerk auf die so genannten ‚bürgerlichen Freiheiten'. 

Doch auch hier gibt es Enttäuschendes zu melden. Die periodischen Schließungen von La Prensa verkraften wir noch relativ leicht, die von El Pueblo schon weniger; ... aber das mit den Miskitos ist uns peinlich.“ Die Miskito-Indígenas von der nicaraguanischen Atlantikküste standen – im teilweise begründeten – Verdacht, konterrevolutionär zu sein, und wurden in das sandinistische Nicaragua zwangsintegriert mittels Umsiedlung und Enteignung. Das war natürlich schwer zu schlucken. Auch auf anderen Ebenen stellte sich Entfremdung ein: „Erst als wir eines Abends eher aus Zufall Daniel Ortega in unserem Kommunehaus am Tisch sitzen hatten und sein Befremden über unseren Lebensstil so deutlich wurde, musste ich mir eingestehen, dass unsere Vorstellungen von Emanzipation und Befreiung wahrscheinlich sehr weit auseinander lagen,“ brachte es Barbara Lucas vom Infobüro Nicaragua auf den Punkt.
 
Ein vor Zitaten strotzendes Editorial. Das liegt daran, dass die Schreiberin damals nicht mit dabei war. Leider – von wegen Aufbruchstimmung, Befreiungserfahrungen und einfacher Positionierung. Oder auch nicht leider, denn von der ganzen Reflexionsarbeit der Solibewegten haben wir Jüngeren ein schönes Stück profitiert. Und deshalb praktizieren wir nun mit unseren Alt-GenossInnen „kritische Solidarität“: Von ihnen wurde dieser Schwerpunkt im Wesentlichen gemacht und von ihnen handelt er.


Inhalt

25 Jahre Nicaragua-Solidarität

4 Nur ein Stachel im Fleisch des Imperialismus 
Interview mit dem Infobüro Nicaragua, Wuppertal / von Kerstin Kastenholz und Britt Weyde

8 Trotzdem und immer noch ...
... seit 20 Jahren baut das Ökumenische Büro mit olidaritätsbrigaden an Utopien / von Miriam Stumpfe

10 ¡Adelante, marchemos compañeros!
Wie ich mich am gerechten Krieg beteiligte / von H. G. Aldenhoven

13 Gooo León
Häuserkampf, Fußball und Internationalismus im Hamburg der 80er / von Dirk Pesara

14 Revolution ist Gesundheit – Gesundheit ist Revolution
Was ist vom Modell Nicaragua geblieben? / von Walter Schütz

16 Mehr als der Hamster im Rad
Die Städtepartnerschaft Hamburg-León / von Matthias Schindler

18 Weitermachen lohnt sich
Nix Fairer Handel: Motivationen, Krisen und Perspektiven des solidarischen Kaffeehandels / von el rojito

20 Es war mehr möglich, als wir glaubten
Ein sehr persönlicher Bericht über die Nicaragua-Solidarität in der DDR / von Ralf Hedwig

22 Das Paradies ist anderswo
Eine empirische Untersuchung von Deutschen in Nicaragua aus psychoanalytischer Sicht / von Silvia Beu

25 Die Zärtlichkeit der Völker
Die Rolle der Literatur für die Nicaragua-Solidaritätsbewegung / von Hermann Schulz

27 Der Film der Bewegung
Bewegt heute noch: „Der Aufstand“ von Peter Lilienthal / von Kerstin Kastenholz

28 Nur noch ein Fest der Liebe?
Die 25-Jahr-Feierlichkeiten in Nicaragua / von Dieter Drüssel

Berichte & Hintergründe

29 Chávez bleibt Präsident in Venezuela
„Demokratische Opposition“ setzt auf Terror und Verleumdung / von Dario Azzellini

31 Kooperativen und der bolivarianische Prozess
Notizen zu einer venezolanischen Basisbewegung / von Andreas Thierer

33 Alle sehen sich als Sieger
Gasreferendum in Bolivien / von Günter Pohl

34 Für die Souveränität des Südens
Erstes Gesamtamerikanisches Sozialforum im Juli 2004 in Quito / von Christiane Schulte

36 Der rote General
Zum Tod des uruguayischen Politikers Líber Seregni / von Gert Eisenbürger

37 Dilettantisch, aber verschärft modern
ARD schließt Auslandsbüro in Buenos Aires / von Gert Eisenbürger

38 Tödliche Hetze im Dancehall-Reggae
Der Mord an Brian Williamson und die jamaikanischen Hatesongs / von Klaus Jetz

Kulturszene

42 Neruda unterwegs
Der chilenische Dichter wurde 100 / von Omar Saavedra Santis

45 Babylon im Pullover?
Zum 90. Geburtstag von Julio Cortázar / von Rike Bolte

46 Klassentreffen der Klassenbesten
Übersee-Records bringt uns frischen Ska und Artverwandtes / von Britt Weyde

47 Lieber dick als dünn
Der Film „Paraíso“ von Alina Teodorescu / von Britt Weyde

Ländernachrichten/Poonal

48 Guatemala, Peru, Mexico, El Salvador, Ecuador, Kolumbien, Paraguay, Chile, Haiti, Dom. Republik

Lebenswege

52 Dame dreier Jahrhunderte
Zum Tod der Schriftstellerin Mariana Frenk-Westheim / von Matthias Jäger

Solidaritätsbewegung

55 Fallstricke der Globalisierung
Ein Seminar von medico international und der ila auf der Attac-Sommerakademie / von Werner Rätz

56 Die Hoffnung stirbt nicht
Guatemala-Vernetzungstreffen in Stuttgart / von Ottmar Zimmer

57 Notizen aus der Bewegung

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