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F r a u e n L E B E N

Editorial  ila 271 / Dezember  2003 

In der ila-Redaktion laufen am letzten Layout-Tag zwei Mitarbeiter mit Pflastern auf der Stirn durch die Räume. Was ist passiert? Da beide vorbildliche Hausmänner sind, haben sie am Vorabend ihre Spülmaschinen ausgeräumt und dabei die Tücken und Kanten einer offenstehenden Küchenschranktür unterschätzt. Zumindest in einigen Enklaven am Rhein scheint die geschlechterspezifische Arbeitsteilung überwunden. Hier setzt sich das „starke Geschlecht“ mit Heroismus den Fallstricken des Haushalts aus, in dem ja, wie eine gern zitierte Statistik besagt, 90 Prozent aller Unfälle passieren.

So löblich das Engagement unserer Mitarbeiter auch ist, so darf es doch nicht darüber hinweg täuschen, dass die klassische Arbeitseilung entlang der Geschlechterzugehörigkeit nach wie vor eines der Haupthindernisse für eine vollständige Gleichstellung ist. In Deutschland und in Lateinamerika. Das meint auch die Weltbank in ihrem jüngsten Bericht über „Herausforderungen und Chancen für die Geschlechtergleichheit in Lateinamerika und der Karibik.“ Mit Bedauern wird dort festgestellt, dass die relative Abwesenheit von Frauen auf dem Arbeitsmarkt Verluste für die Volkswirtschaften mit sich brächten, dass die Gewalt gegen Frauen hohe Folgekosten hätte oder dass wichtiges Humankapital durch die hohe Müttersterblichkeit und die abgebrochene Schulbildung von jungen Müttern verloren ginge. Trotz des ganzen ökonomistischen Lamentierens hält der Bericht wesentliche Punkte fest: Damit Frauen gleiche Chancen auf dem Arbeitsmarkt hätten, müssten die Männer endlich ran an die Windeln und an den Kochlöffel. Im Hinblick auf die fortwährende Gewalt gegen Frauen (eine Statistik der WHO von 2000 stellt für Lateinamerika fest, dass jede vierte Frau mindestens einmal physischer Gewalt ihres Partners ausgesetzt gewesen ist) empfiehlt die Weltbank, überkommene Rollenbilder in Schule und Erziehung zu bekämpfen. Sprich: Der Wahnsinn aller Machos, dass es recht und billig sei, der Alten zu zeigen, wer die Hosen anhat, wenn sie „schlampenhaftes“ Verhalten an den Tag legt.

Das alles ist nicht neu. Aber leider immer noch Fakt. Wir sind es ja auch leid, immer wieder über die „doppelte Unterdrückung“ der Frau zu jammern. Überhaupt – die Frau, wer soll das überhaupt sein? Spätestens seit Etablierung der Gender-Studies gerät doch jeder Artikel zu „Frauenthemen“ in den Verdacht, hemmungslos altbacken zu sein. Habt ihr immer noch nicht den Dekonstruktivismus gecheckt? Das Rumreiten auf der Kategorie „Frau“ schreibt doch das Rollenbild nur zusätzlich fest, so die Kritik aus akademischen und postfeministischen Kreisen. So richtig diese Kritik ist und so wichtig wir die Dekonstruktion von Rollenbildern finden (da stimmen wir also mit Weltbank und Gender-Studies überein), so übersieht sie doch, dass sich soziale Realitäten langsamer als Theorien verändern.
 
Diesen alltäglichen Realitäten von Frauen in Lateinamerika widmen wir unseren aktuellen Schwerpunkt. Dabei lassen wir die Frauen ausnahmslos selbst zu Wort kommen, in Interviews oder „Testimonios“ (Zeugnisberichten). Herausgekommen sind Portraits von Frauen, die in mancherlei Hinsicht Grenzerfahrungen gemacht haben. Viele von ihnen haben Gewalt und Diskriminierungen erlebt. Doch allen gemeinsam ist, dass sie sich den Unterdrückungsverhältnissen entgegenstellen und engagiert ihre jeweiligen Projekte oder Ziele verfolgen. Deutlich wird auch, dass zu den Ausschlusskriterien aufgrund der Geschlechterzugehörigkeit andere Hürden und Bürden hinzukommen, die oft sogar noch gravierender sind: die soziale Herkunft, das Leben auf dem Land, fehlende Bildungsmöglichkeiten oder rassistische Vorurteile.

Mit diesem Heft verabschieden wir uns in die Winterpause. Die nächste ila-Ausgabe kommt deshalb erst wieder Anfang Februar heraus. Allen unseren LeserInnen wünschen wir einen erholsamen und genussvollen Jahreswechsel. Aber aufgepasst im Haushalt!


Inhalt

 FRAUEN  l e b e n 

Wenn man mir erlaubt zu sprechen
Über die Schwierigkeiten im Umgang mit Testimonio-Literatur / von Barbara Potthast

Sozusagen im Gefängnis aufgewachsen
Interview mit einer ehemaligen unschuldigen Gefangenen und ihrer Tochter in Peru
/ von Kerstin Kastenholz und Nicole Cornejo Salas

Ich-AG auf Peruanisch
Bettlerin in feinen Kleidern / von Roxana Macavilca Miranda

Jeden Tag 380 Hosentaschen
Aus dem Leben einer salvadorianischen Maquila-Arbeiterin / von Virginia Chicas Agueta

Negritando
Vierfach diskriminiert im brasilianischen Amazonasgebiet / von Nilma Bentes

Ich wusste nicht, wozu sie fähig sind
Das Leben der Afrokolumbianerin Rosalba vor und nach ihrer Vertreibung / von Bettina Reis

„Bin ich überhaupt dazu fähig?“
Die Geschichte der Elvira Madrid

Es schmerzt im Innersten
Gewalt gegen Frauen im Nordwesten Argentiniens / von Nicole Schenda

Mehrwert und mehr Würde
Die Angst ist überwunden – Piqueteras in Aktion / von Silvia Saravia

Nichts wie weg hier
Alltag einer Migrantin zwischen El Salvador und Los Angeles / von Eduard Fritsch

Es war wie ein Fieber
Von der Hausangestellten zur Gewerkschaftsführerin / von Casimira Rodríguez Romero

Berichte & Hintergründe

Niederlage für Ríos Montt und die Linke
Wer neuer Präsident Guatemalas wird, entscheidet sich erst in einer Stichwahl / von Felix Koltermann

Guatemala ist aufgewacht
Interview mit Nineth Montenegro von Alianza Nueva Nación (ANN) / von Felix Koltermann und Malte Schnitger

Drei Gegentore für Alvaro Uribe
Kolumbien: Referendum gescheitert, Wahlen verloren / von Günter Pohl

Spannend wird es jetzt erst
Sechs Monate Regierung Kirchner in Argentinien / von Carlos Flaskamp

Unsere Ressourcen müssen umverteilt werden
Interview mit Tabaré Vázquez, Präsidentschaftskandidat der uruguayischen Frente Amplio / von Gaby Küppers

Frischer Wind
Lulas Politik gegen rassistische Ungleichbehandlung / von Matilde Ribeiro

Scheinheilige Umweltschützer
Überleben im Pulverfass Montes Azules in Chiapas / von der Gruppe B.A.S.T.A.

Wir werden hier nicht weggehen
Interview mit GemeindevertreterInnen aus Nuevo San Isidro / von der Gruppe B.A.S.T.A.

AltermondialistInnen, vereinigt euch!
Die Europäischen Sozialforen werden zu Selbstläufern / von Gaby Küppers

Kulturszene

Wunder gibt es nicht
Ein Film über die Verschwundenen von Mercedes-Benz / von Gert Eisenbürger

Ich erzähle hier von dort und dort von hier
Interview mit dem Pantomimen Elkin Giraldo / von Kerstin Kastenholz

Der junge Mann und das Meer
Ein neues Theaterstück von Olaf Reitz und Eddy Socorro / von Gert Eisenbürger

Buchbesprechungen

Gelungener FOXtrott
Überzeugende Bestandsaufnahme der mexikanischen Realität im PRI-Nachzeitalter / von Gerold Schmidt

Der lange Schatten des Hakenkreuzes
Chile und der Nationalsozialismus – Ein Buch von Víctor Farías bringt überraschende Erkenntnisse / von Theo Bruns

Mütter und Machos
Eine Geschichte der Frauen Lateinamerikas / von Franziska Ostertag

Ländernachrichten/Poonal

Dominikanische Republik, Peru, Paraguay, Chile, Brasilien,Venezuela, Mexico, Ecuador, Bolivien

Solidaritätsbewegung

Solidarische Lebensbedingungen für alle
 ila-Fachgespräch zum Thema Alterssicherung / von Werner Rätz

Ein anderer elfter September
Tagung zum chilenischen Militärputsch und seinen Folgen an der Kölner Universität / von Georg Ismar

Warten, hoffen und Druck machen
Eine Tagung zur Agrrareform in Brasilien / von Till Baumann

Kiñe Newen Tüín – Eine einzige Kraft
Eine interkulturelle Jugendbegegnung in Chile / von Philip Gondecki und Sandra Stöckmann

Notizen aus der Bewegung

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