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Lima Gesichter einer
Metropole
Editorial ila
256/Juni 2002 zu
Inhalt
Lima „la horrible“, Lima ist die Schreckliche, wie
schon in den sechziger Jahren der Schriftsteller Sebastián Salazar Bondy
feststellte. Auch der bekannteste peruanische Schriftsteller, Mario Vargas
Llosa, findet deutliche Worte für die Wüstenmetropole: „Wenn man in Lima
lebt, muss man sich entweder an das Elend und den Schmutz gewöhnen oder
verrückt werden oder sich umbringen.“
Lima hat heute acht Millionen EinwohnerInnen. Die Hälfte davon lebt in Hütten-Siedlungen
in den Außenbezirken, in der Sandwüste an den Ausläufern der Anden. Lima
erstreckt sich von Norden nach Süden und erreicht eine Ausdehnung von 60
Kilometern. 85 Prozent der Verkehrsmittel sind dem öffentlichen Verkehr
zuzurechnen und damit der so genannten „cultura Combi“: Aggressiv und
schnell muss es zugehen, nur das Recht des Stärksten zählt. Lima, die
ungeliebte Stadt, Lima, die Aufständische, Lima und ihr trüber Himmel,
Lima, die Trostlose, Lima, die nach Río und Bogotá gefährlichste Stadt Südamerikas.
Lima und ihre vielen neu entstandenen Siedlungen, die die reichen Viertel
fast zu ersticken drohen. Nur die Menschen, die dort wohnen, kennen diese
Siedlungen, deren enge und dunkle Gassen für Außenstehende bedrohlich
wirken und deren Geruch nur schwer zu ertragen ist.
Lima scheint nicht gerade ein Paradies zu sein. Ausgrenzung und
Hoffnungslosigkeit sind Alltag für die meisten Jugendlichen. Die Zahl der
Jugendbanden ist auf 390 angestiegen, die Banden-Mitglieder werden immer jünger
und die Gewaltbereitschaft steigt. Die Jugendlichen wollen gefürchtet und
respektiert werden. Schon die Namen ihrer Gangs sprechen eine klare Sprache:
„Los Zombies“ z.B. haben ihr Terrain im Süden Limas, „Infierno
Central“ im Osten. Die Ursachen für die zunehmende Gewalt liegen nicht
selten in der Vergangenheit, als sich Sendero Luminoso und Militär
unerbittliche Auseinandersetzungen lieferten. Der Bürgerkrieg führte dazu,
dass viele seiner Opfer in Lima Zuflucht suchten.
Dennoch, die „Schreckliche“ hat auch schöne Seiten. Die alten
kolonialen Bauten und die vielen prachtvollen, großangelegten Plätze sind
hübsch anzusehen. Auch der aktuelle Bürgermeister Alberto Andrade wollte
etwas für die Ästhetik des historischen Zentrums tun: Alle zwei Wochen
sollte es mit frischen Blumen bestückt werden. Clever von ihm, denn der
Zulieferbetrieb gehört seiner Frau. Aber auch ohne überbordende Floristik
ist Lima bunt, trotz des staubigen Wüsten-Ambientes: Besonders im Zentrum
spiegeln sich die Gesichter des ganzen Landes, ja der ganzen Welt wider. Die
einzelnen Viertel Limas sind jedoch nicht mehr so vielfältig, wie es auf
den ersten Blick in der Innenstadt erscheint. Die Gebiete sind klar
abgesteckt. In Miraflores und Barranco, den reichen Vierteln an der Küste,
ist die Bevölkerung rein europäischer Herkunft. Hinter hohen Mauern und
auf dem riesigen Golfplatz scheint die Armut weit weg. Andere Stadtteile
sehen aus, als ob ganze andine Dörfer gemeinsam nach Lima geflüchtet
seien. Die Stadtstruktur spiegelt den Rassismus gegenüber den MestizInnen
und besonders den quechuasprachigen Hochland-Indígenas. So wenig wie die
verschiedenen Bevölkerungsgruppen miteinander leben, so wenig respektieren
und akzeptieren sie sich. Lima, die Stadt der Kontraste: Superreich und
bitterarm leben nah beieinander, manchmal braucht man nur die Straßenseite
zu wechseln, um in eine andere Welt einzutreten.
Mit dem Schwerpunktthema „Lima“ wollen wir zum ersten Mal eine
Hauptstadt an der Westküste Südamerikas vorstellen, einen kleinen Einblick
in die Geschichte der Wüstenstadt geben, die Probleme darstellen, mit denen
Lima heute nach Ende des Bürgerkrieges und nach dem Sturz des Diktators
Fujimori zu kämpfen hat, und vor allem die vielseitige Kultur der Menschen
vermitteln.
Wir danken besonders Hildegard Willer, die von Lima aus viele Beiträge für
diese Ausgabe beigesteuert hat, und dem peruanischen Schriftsteller und
ila-latina-Redakteur Walter Lingán, der uns von Köln aus Lima literarisch
näher brachte.
Inhalt
Lima
– Gesichter einer Metropole
4 Von San Juan nach San Antonio
Annäherungen an eine ungeliebte Stadt von Hildegard Willer
6 Kleine Lima-Chronik von Laura Held und Malte Schnitger
8 Jungfer, Sie kennen die Neger nicht
Die französische Feministin Flora Tristan erlebt 1833 die Sklaverei in
Lima
9 Lima lebt aufständisch
Geschichten und Persönlichkeiten aus drei „gefährlichen“ Stadtteilen/
von Walter Lingán
12 Startvorteil für die DDR
In Limas Außenbezirken leben die beiden deutschen Staaten fort/ von
Hildegard Willer
14 Vom goldenen zum bunten Lima
Migration und Mestizentum verwandeln eine Stadt/ von Alfredo Quintanilla
16 Ein Exkurs in die Geschichte
Parteien und Demokratie in Lima und Peru/ von José Luis Reñique
19 Mörder-Combis und Politessen
Folgen des Fujimori-Jahrzehnts für Limas Verkehr/ von Wilfredo Ardito
21 Prügel und Geborgenheit
390 Jugendgangs erhöhen das individuelle Unsicherheitsgefühl/ von Walter
Lingán
23 Reise in die Mitte der Nacht
Ein durchgemachtes Wochenende im „Cercado“ von Lima/ von Julio
Villanueva Chang
25 Was die Limeños zusammenhält
Notizen zur kulinarischen Hauptstadt Lateinamerikas/ von Hildegard Willer
27 Tecnocumbia
Eine Musikkultur und die Gesichter des neuen Lima/ von Julio Mendívil
30 Yuyachkani
30 Jahre Theater in Lima/ von Santiago Soberón
32 Lima la horrible
Lima und seine LiteratInnen/ von Walter Lingán
34 Der Himmel über Lima
Eine literarische Erinnerung von Kathya Araujo
Berichte & Hintergründe
36 Intelligente Grenze
Neue Techniken an den Übergängen zwischen Mexico und den USA/ von
Jonathan Treat
39 Frauen weniger korrupt?
Interview mit Maritza Paredes von der honduranischen Frauenorganisation
CODEMUH/ von Ingrid Heinlein
41 Lust am Freihandel lässt nach
Nicht nur in Brasilien wachsen die Vorbehalte gegen die ALCA-Verhandlungen/
von Matthew Flynn
Eine Welt Wirtschaft
44 Null und nichtig!
Die Schulden der Dritten Welt müssen gestrichen werden/ von Eric
Toussaint und Arnaud Zacharie
Kulturszene
46 Literatur muss informieren – auch wenn es schmerzt
Interview mit dem uruguayisch-cubanischen Schriftsteller Daniel Chavarría/
von Ute Evers
Theaterszene Lateinamerika
48 Krise, Zufall, Risiko
Ein Praktikum beim Teatro „La Candelaria“ in Bogotá/ von Christiane
Wiegand
50 Lebensalternative „Luz de Luna“
Die unglaubliche Geschichte einer Theatergruppe im Barrio Tercera Santa Fe
in Bogotá/ von Rubén Darío Herrera
53 Papayas an der Saar
Der kolumbianische Schauspieler und Regisseur Miguel Bejarano Bolívar/
von Thomas Schulz
54 Welttheater
Internationales Festival im Rheinland/ von Gert Eisenbürger
Lebenswege
55 Ein uruguayischer Linker aus Trier
Zum Tod von Willi Israel/ von Gert Eisenbürger
Ländernachrichten/Poonal
56 Paraguay, Brasilien, Chile,
Guatemala, Haiti, Dominikanische Republik, Argentinien, Uruguay
Solidaritätsbewegung
59 Globalisierung heute – Lateinamerika morgen?
Passauer LateinAmerikagespräche vom 22. - 24. Mai 2002/ von Fabian Zuber
60 Wem gehört die Natur?
Zwei Bücher zur Aneignung genetischer Ressourcen und Globalisierung/ von
Gregor Kaiser
61 Auf nach Köln!
Bundesweiter Aktionstag und Großdemonstration am 14. 9.
62 Notizen aus der Bewegung, 63 Zeitschriftenschau, Impressum
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