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ila Nr.240 ÖlÖl
 240 November 00

Editorial

Mit stoffgewordener Sonnenenergie (umgangssprachlich: Kohle) befeuerten sie ehedem die Kessel der ersten Dampfmaschinen und Schiffe und beheizten damit den ersten Weltkrieg. Mit flüssiger Sonnenenergie (umgangssprachlich: Öl) erhoben sie sich in die Lüfte und schleuderten den brennenden und strahlenden Tod auf die Erde. Und schließlich begannen sie mit flüssiger Sonnenenergie die Regenwälder zu zersägen und die Landschaften und Städte in eingezäunte Rennbahnen zu verwandeln. Fossile Brennstoffe erst haben die heutige Mobilität möglich gemacht, mit allen ihren Konsequenzen. Jeder Aufstieg zu einer „höheren" gesellschaftlichen Ordnung – in der jetzigen Phase der Aufstieg von der Industrie- zur Dienstleistungs- gesellschaft – wird bezahlt mit einem entsprechenden Quantum an neuerlicher Unordnung: mit einer bedrohlichen Zunahme von CO2 in der Atmosphäre, mit radioaktiven Abfällen aus der Kernenergie, mit überquellenden Müllbergen allerorten...

Zweifellos ist die ila mit ihrem Schwerpunktthema „Öl" wieder einmal am Puls der Zeit. War es nicht ein bemerkenswerter politischer Weitblick, dass wir bei der Heftplanung vor einem knappen Jahr bereits ein Thema diskutierten, was jetzt in aller Munde ist? Sollten wir etwa verneinen, dass wir mitunter politisch schlau sind und etwas weiterdenken als bis zur Veröffentlichung der Quartalsdaten irgendwelcher Firmen und Notenbanken, wie es die Börsenfuzzis zu tun pflegen.

Zugegebenermaßen jedoch stand zu Beginn des Jahres noch in keiner magischen Kugel zu lesen, dass sich die Realität unseren Schwerpunktvorbereitungen anpassen würde. Wir sahen staunend der selffulfilling prophecy made in ila zu (oh, jetzt verfällt auch noch die ila in Neudeutsch): Die seit langem brennende Lunte erreichte das Pulverfass, im September legen europaweite Proteste gegen hohe Sprit- und Energiepreise den Verkehr lahm, die OPEC berappelt sich unter maßgeblichem Einfluss von Venezuela wieder, der Ölpreis erreicht ein neues Hoch, fast ist das Leben wieder immobil wie anno dazumal. Soviel Phantasie lag uns doch fern. Klar war uns dagegen schon im letzten Januar, dass von der gegenwärtigen Bundesregierung kein Umsteuern in der Energiepolitik zu erwarten sei. Geschenkt, mögen da viele sagen: Wer wird schon vom Autokanzler Schröder etwas anderes erwarten und wer glaubte spätestens 1998 noch ernsthaft, die Grünen würden dem etwas entgegensetzen.

Aber lassen wir Selbstironie und Eigenlob. Bei der Festlegung auf das Themenheft „Erdöl" dachten wir vor allem an die ökologischen und sozialen Implikationen der Ölförderung in Lateinamerika. Erdöl ist ein traditioneller Stoff zur Gewinnung von Energie und Chemikalien. Daher haben wir das Thema auch einer traditionellen Behandlung unterzogen und soziale Fragen miteinbezogen, auch wenn das der neuen Mitte nicht mehr zeitgemäß erscheint. Die in diesem Sinne unmodernen Stichworte sind: Kampf um die letzten Ölreserven – Exploration ohne Rücksicht auf die BewohnerInnen der entsprechenden Regionen – Zerstörung von Ökosystemen und natürlichen Ressourcen – militärische Kontrolle der Förderregionen und Transportwege (Tschetschenien-Krieg, Plan Colombia) – Gefährdung der Weltmeere und Küstenregionen durch die Öl-, Gift- und Chemikalientransporte in maroden Tankern.

Mit dem Agieren von Venezuelas Staatspräsident Chávez auf dem OPEC-Gipfel in Caracas ist wieder in den Blick gekommen, dass Erdöl auch in Lateinamerika eine große Rolle spielt. In Ländern wie Mexico, Guatemala, Venezuela, Kolumbien und Ecuador wird es – unter teils unsägliche Bedingungen – gefördert und auf dem Weltmarkt verkauft. Wem das Öl aber gehört und in Zukunft gehören wird, ist damit noch nicht gesagt. Dass die Multis allenthalben einen dicken (Militär-) Stiefel in der Tür haben, wird sich auf den folgenden Seiten leider bestätigen. Trotzdem gute Lektüre.

P.S. Alle Jahre wieder in der November- und Dezember-ila liegt der ila ein Spendenaufruf bei. Derzeit ist unsere Finanzsituation zwar nicht so desolat wie vor zwei Jahren, als wir kurz vor dem finanziellen Aus standen, aber ohne kleinere und größere Finanzspritzen und neue Abos kann unsere Lage sehr schnell wieder kritisch werden. Deswegen der alljährlich Appell an alle, die unsere Arbeit schätzen und für unterstützenswert halten. Überlegt doch einfach mal, ob ihr ein paar Mark für die ila übrig habt, ein Abo verschenken wollt oder uns helfen könntet, neue AbonnentInnen zu finden.
Titelbildgestaltung: Aldi

Inhalt

04 Ölknappheit, Kriege und Krisen
Fünf Thesen
von Winfried Wolf
Das Thema Öl, Energieknappheit und Energie- und Verkehrspolitik steht derzeit ganz oben auf der politischen Tagesordnung. Erneut wird dieses ernste Thema für billige politische Zwecke instrumentalisiert. Dabei blicken wir inzwischen auf ein Vierteljahrhundert zurück, in dem immer deutlicher ein Zusammenhang von Ölabhängigkeit, Ölknappheit, Krisen und Krieg demonstriert wurde. Dass der Kapitalismus bzw. diejenigen, die in diesem System das Sagen haben, daraus keine Lehren ziehen, ist auf Grund handfester Interessenlagen nachvollziehbar. Tragisch ist allerdings, dass auch die Linke dieses Thema weitgehend ignoriert und nur in seltenen Fällen zu einer ganzheitlichen Antwort in der Lage ist.

07 Macht und Grenzen eines Kartells
Überraschend große Einigkeit auf OPEC-Gipfel in Caracas
von Georg Baltissen

Der „Krieg ums Öl" ist in diesem Herbst voll entbrannt. Allerdings findet er nicht – wie vor einem knappen Jahrzehnt – in der Wüste Arabiens statt, sondern auf den Straßen Europas. Durch die Blockaden und Proteste von Spediteuren, Autofahrern und Bauern sahen sich zahlreiche europäische Regierungen zu offenen oder versteckten Steuernachlässen und Finanzbeihilfen veranlasst. Für den neuen Preiskrieg wurde neben den Ölkonzernen vor allem die Organisation erdölexportierender Länder OPEC verantwortlich gemacht. Obwohl die OPEC-Staaten derzeit nur 40 Prozent der weltweiten Fördermenge kontrollieren, richtete sich der Zorn der Benzin-, Diesel- und HeizölkonsumentInnen wie in den 70er und zu Beginn der 80er Jahre gegen die vermeintlich raffgierigen Ölscheichs.

08 40 Jahre OPEC
Als das Barrel Öl noch zwei Dollars kostete
von Georg Baltissen

09 PEMEX und das schwarze Gold
Die Privatisierung von Mexicos wichtigster Einnahmequelle schafft viele Probleme
von Gerold Schmidt

„Petróleos Mexicanos" (PEMEX), der Name hat in Mexico immer noch etwas Mythisches an sich. Für die Einen steht er für nationale Unabhängigkeit und Würde, für die Anderen ist er ein Synonym für staatliche Ineffizienz und ein Höchstmaß gewerkschaftlicher Korruption. Seit Jahrzehnten ist der Ölkonzern auch eine willkommene Melkkuh, um Haushaltslöcher zu stopfen. Die hohen Gewinnabflüsse an den Staat sind ein Grund für ausbleibende Investitionen in die Infrastruktur, die sich in regelmäßigen Abständen in kleineren und größeren Katastrophen niederschlagen. Der alternde Gigant stellt aber nach wie vor ein äußerst lukratives Objekt für die internationale Ölbranche dar, die dementsprechend auf eine baldige Privatisierung drängt. Der noch bis Ende November amtierende Präsident Mexicos möchte – ebenso wie sein designierter Nachfolger – diesem Ansinnen gerne nachgeben. Dennoch wird das Privatisierungstheater nicht so ganz einfach über die Bühne gehen.

11 Wie das Öl mexicanisch wurde
von Egon Erwin Kisch
Der heutige staatliche mexicanische Ölkonzern PEMEX (vgl. vorangegangener Beitrag von Gerold Schmidt) entstand im Jahr 1938 nach heftigen Kämpfen zwischen der Regierung Mexicos und den internationalen Ölkonzernen, die bis dahin die Erdölförderung Mexicos kontrollierten. Der deutschsprachige tschechisch-jüdische Journalist und Schriftsteller Egon Erwin Kisch kam 1941 auf der Flucht vor den anrückenden Nazi-Truppen aus Frankreich nach Mexico. In seinem Exilland schrieb er weiter literarische und politische Texte, unter anderem zahlreiche Reportagen, die in verschiedenen Zeitschriften erschienen und zusammen erstmals 1945 unter dem Titel „Entdeckungen in Mexiko" im Exilverlag „El Libro Libre" (Das Freie Buch) veröffentlicht wurden. In der Reportage „Die Petroleumleitung" beschrieb Kisch u.a. die Konflikte um die Nationalisierung des mexicanischen Erdöls. Nachfolgend veröffentlichen wir mit freundlicher Genehmigung des Aufbau-Verlags einen Ausschnitt aus diesem hochspannenden Text.

13 Konsolidierung eines Petrostaates
Seit 75 Jahren ist Venezuela Erdölproduzent und -exporteur par excellence
von Friedrich Welsch

Venezuela kann unter den OPEC-Mitgliedern auf die älteste Förder- und Exporttradition zurückblicken. Schon seit einem dreiviertel Jahrhundert ist es ein vom Erdöl geprägtes Land, denn bereits in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts überflügelte die Ausfuhr des „schwarzen Goldes" seine althergebrachten Exportgüter, vorwiegend landwirtschaftliche Erzeugnisse wie Kaffee und Kakao.

16 Ölmultis – Komplizen der Tragödie
Interview mit Freddy Pulecio von der kolumbianischen Erdölarbeitergewerkschaft USO
von Gaby Küppers

Kolumbien wird als Ölförderland immer wichtiger. Es ist für die Erdölmultis nicht allein wegen seiner aktuellen Förderkapazität, sondern vor allem wegen seiner beachtlichen Reserven des „schwarzen Goldes" interessant. Gleichzeitig birgt die Erdölförderung dort erhebliche Risiken. Wegen der strategischen Bedeutung des Ölsektors gehört er zu den wichtigten Angriffszielen der ELN-Guerilla. Deren Sabotageakte auf Pipelines bescheren aber nicht nur den Multis wirtschaftliche Verluste, sondern haben auch gravierende Umweltschäden zur Folge. Die Konzerne stecken ihrerseits Millionenbeträge in die Security von Produktion und Anlagen und finanzieren dadurch direkt oder indirekt die Akteure des schmutzigen Krieges. Als Gegner sehen die Erdölkonzerne allerdings nicht nur die Guerilla, sondern auch die Gewerkschaft der Erdölarbeiter USO. Neben der Vertretung ihrer Mitglieder hat die USO auch die Ressourcenpolitik im Blick. Ihr Ziel ist es, das staatliche Erdölunternehmen zu stärken und den Multis nicht das größte Stück des Kuchens zu überlassen. Gaby Küppers sprach mit Freddy Pulecio, einem führenden Mitglied der Gewerkschaft, der zur Zeit im Exil lebt.

20 Das Öl im Amazonaswald
Wie Indígenas, Staaten und Ölmultis mit dem schwarzen Brennstoff umgehen
von Heidi Feldt

Auch in der Wirtschaft der Amazonasanrainerstaaten spielen Erdöl und Erdgas seit 20 Jahren eine immer wichtigere Rolle. Venezuela wirtschaftet seit 50 Jahren auf Erdölbasis. In Ecuador und zunehmend auch in Peru und Kolumbien ist das Erdöl die wichtigste oder zumindest eine wichtige Devisenquelle. Die hochverschuldeten Länder sind auf die Erdölgelder dringend angewiesen, um einen Teil ihres Schuldendienstes tätigen zu können. Die Regierungen der Region forcieren daher die Erdölförderung, in der Hoffnung, ihre Wirtschaften stabilisieren und den internen steigenden Energiebedarf durch einheimische Förderung befriedigen zu können.

22 Erst wenn das Öl in die Turbinen dringt ...
Die Chronik einer ökologischen Katastrophe am Iguaçu

von Beate Franck, Noemia Bohn und Edith Wenger
Im Juli dieses Jahres kam es im Bundesstaat Paraná, Brasilien zur größten Umweltkatastrophe in Brasilien seit 26 Jahren. Durch ein Leck flossen 4 Millionen Liter Rohöl in den Barigüifluss und weiter in den Iguaçu. Immer wieder kommt es bei der Ölförderung vor allem wegen der mangelhaften Sicherheitssysteme zu solchen Katastrophen. Die darauf folgenden, oft irreversiblen Umweltschäden werden von den Unternehmen dabei billigend in Kauf genommen. Meistens ist es günstiger, regelmäßig Geldstrafen wegen der „Unfälle" zu zahlen, als für ausreichende Sicherungsmaßnahmen zu sorgen. Es muss immer erst zur Katastrophe kommen, ehe effektive Kontrollen durchgeführt und die Unternehmen zur Verantwortung gezogen werden.

24 Das schwarze Gift im Regenwald
Guatemala: Ölverschmutzung verseucht Urwalddörfer
von Andreas Boueke
Liest man die Selbstdarstellungen von Ölkonzernen, etwa auf ihren Websites im Internet, dann hat man den Eindruck, dass diesen Firmen vor allem anderen der Umweltschutz am Herzen liegt. Spätestens seit Shell durch den Konflikt um die Entsorgung der Bohrinsel „Brent Spar" in den Schlagzeilen war, wissen die Konzernleitungen, dass Informationen über Umweltschweinereien schlecht fürs Geschäft sind. Deshalb die Versuche, sich diesbezüglich in ein günstiges Licht zu setzen. Dafür investiert man in eine aufwendige Werbung- und Öffentlichkeitsarbeit. Damit das nicht nur als Reklame daher kommt, sondern auch einen seriösen Anstrich bekommt, lädt man auch gerne JournalistInnen ein, und führt ihnen die Anstrengungen der Unternehmen in Sachen Umweltschutz vor. Dagegegen mag man es überhaupt nicht, wenn JournalistInnen selbstständig recherchieren und zu ganz anderen Resultaten kommen als die PR-Manager. Diese Erfahrung machte im Oktober dieses Jahres unser Autor Andreas Boueke in Guatemala.

27 Profiteure unter Billigflaggen
Wegwerfmatrosen auf Wegwerfschiffen
von Dirk Hauer

Wenn es irgendwo auf den Weltmeeren zu einem Tankerunglück und einer nachfolgenden Ölpest kommt, sind in den meisten Fällen Schiffe beteiligt, die unter den Flaggen der Mittelmeerinsel Zypern, des afrikanischen Landes Liberia oder des zentralamerkanischen Staates Panama fahren. Wie kommen ausgerechnet diese Länder zu großen weltweit operierenden Handelsflotten? Und warum sind deren Schiffe immer wieder in Unfälle verwickelt?

Berichte & Hintergründe

28 Die S-Klasse
Vom Folterknecht und Kindesräuber zum Werkschützer
von Mercedes Benz in Argentinien
von Gaby Weber

30 Kommt er... oder geht er?
Demokratischer Übergang oder weiter mit Fujimori?
von Alfredo Quintilla

32 Lasst Frauen um mich sein
Die Hüterinnen des peruanischen Präsidenten
von Hildegard Willer

34 Das Schweigen bringt uns zur Verzweiflung
Die wirtschaftliche und politische Krise Boliviens birgt auch Chancen
von Peter Strack

37 Sie schießen auf uns wie auf Vögel
Interview mit Margarita Terán, Exekutivsekretärin einer Föderation der Kokabauern
des Chapare (Bolivien)
von Peter Strack

38 Von der Todesfabrik zum Lebensquell
Landlose vernetzen sich weltweit
von Ralf Leonhard und Sofia Monsalve

Ländernachrichten/Poonal

40 Chile, Haiti, El Salvador, Argentinien, Spanien, Panama, Costa Rica, Kolumbien, Ecuador, Paraguay, Brasilien

Lebenswege

44 Vom Emigrant zum Konsul
Der Wiener Fritz Kalmar in Bolivien und Uruguay
von Gert Eisenbürger und Gaby Küppers

49 Neue Exilliteratur
Die Bücher von Fritz Kalmar
von Gert Eisenbürger

Kulturszene

51 Literatur light oder: Auch ich esse leicht
Zweites internationales Schriftstellerinnentreffen in Rosario/Argentinien
von Pia Barros

53 Aufgelesen: Lauras Briefe
von Esther Andradi

Solidaritätsbewegung

54 Der Fuchs als Hüter der Hühner?
Anmerkungen zu zivilgesellschaftlichen Strategien
nach der IWF- und Weltbanktagung in Prag
von Peter Wahl

56 Etwas Besseres als die Nation...
23. Buko vom 6. bis 8. Oktober in Berlin
von Werner Rätz

57 Buchbesprechung, Notizen aus der Bewegung

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