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ila 138 September 2000Wasser/Wüste
238/September 00

Editorial

Noch bedecken riesige RegenwälderAmazonien, der mittelamerikansche Isthmus und Kolumbien weden wegen ihrer reichhaltigen Flora und Fauna zum biotechnologischen El Dorado erkoren und die Karibikinseln locken mit Badevergnügen ohne Ende. Dies ist die eine Seite der Medaille. Schaut man sich in Lateinamerika genauer um, findet man auch viel Trockenheit und Dürre: Der mexicanische Bundesstaat Chihuahua ist nach einer gleichnamigen Wüste benannt, die sich vom Südwesten der USA bis weit ins Zentrum Mexicos zieht, die bolivianische Hauptstadt La Paz ist eine Wüstenmetro­pole und im Osten Chiles zieht sich über mehrere tausend Kilometer die Atacama-Wüste hin.Es sind aber nicht so sehr diese eher als „klassisch“ zu bezeichnenden Wüsten, denen wir uns in diesem Heft widmen. Vielmehr geht es um die Gebiete, die Menschen mehr und mehr verwüsten – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Massive Abholzung von Wäldern, falsche landwirtschaftliche Nutzung auf oft ungeeigneten Böden und massiver Wasserverbrauch führen zu dem, was in der Fachwelt unter dem Begriff „Desertifikation“ gehandelt wird: zur Verödung und Austrocknung ganzer Regionen. Wie bei so vielen Umweltproblemen stehen dahinter politische, ökonomische und soziale Ursachen.

Auf internationaler Ebene wurde dem Problem mittlerweile eine derartige Bedeutung beigemessen, dass die Vereinten Nationen (UN) ihm eine eigene Übereinkunft widmeten. Die „Konvention zur Bekämpfung der Wüstenbildung“ trat Ende 1996 in Kraft. Die Erfahrung mit zahlreichen anderen gutgemeinten UN-Dokumenten legt die Befürchtung nahe, dass das Papier, auch wenn es mit einer sinnvollen Buchstabenfolge bedruckt ist, in erster Linie dazu dient, die Beschäftigung und Gehälter von DiplomatInnen und NRO-MitarbeiterInnen zu legitimieren, die E-Mails austauschen und durch die Welt jetten, um auf wichtigen Konferenzen wichtige Statements abzugeben.

Mit dieser allgemeinen Kritik könnte mensch sich nun abwenden und zur Tagesordnung übergehen – wären da nicht die mehreren Mil­lionen Menschen weltweit, die von den sich immer weiter ausbreitenden Wüsten in ihrer Existenz bedroht werden. Mit dem Problem der Desertifikation haben sich bislang in erster Linie Menschen in Nichtregierungsorganisationen und Institutionen beschäftigt, die versuchen, ihre Erkenntnisse vor allem im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit umzusetzen. Dieses Wissen haben wir in diesem Schwerpunkt verstärkt angezapft.

An erster Stelle der von Verwüstung betroffenen Gebiete steht „natürlich“ Afrika. Weil ihre Umwelt zerstört wird, werden immer mehr Menschen gezwungen, aus den ländlichen Regionen in die Städte oder in andere Länder – auch des Nordens – abzuwandern, in der Hoffnung auf ein sicheres Überleben.

Es stellt sich die Frage nach den Verantwortlichen. Auf den ersten Blick ist es die Landbevölkerung selbst, die z.B. durch das massive Sammeln von Brennholz zur Verwüstung beiträgt. Die unsachgemäße Nutzung von Böden in armen Ländern, die schließlich zur Verödung derselben führt, ist aber letztlich eine Folge eines wirtschaftlichen und politischen Systems. Dieses wird vom Norden bestimmt und in ihm herrscht das Primat der Städte. Ländliche Räume – so sie keine bewohnten Freizeitparks oder agroindustrielle Produktionsflächen sind – gelten als Auslaufmodelle, ebenso wie die Menschen, die dort leben.

Wasserknappheit – für Menschen in Trockengebieten und Wüsten bereits Realität – führt allerdings zu einem weiteren Problem. Wasser, die Grundlage jeglichen Lebens, wird weltweit knapper und zum sprichwörtlich teuren Nass. Ebenso wie Gene von Menschen, Tieren und Pflanzen bekommt Wasser zunehmend den Charakter einer handelbaren Ware. In immer mehr Ländern werden Unternehmen zur Wasserversorgung im Zuge neoliberaler Strukturanpassung privatisiert, sauberes Trink­wasser wird für die überwiegende Mehrheit
der Menschheit ein kaum bezahlbarer Luxus. Dagegen steht die Forderung nach einem „Menschenrecht auf sauberes Trinkwasser“ und einer „Wasserdemokratie“, die erst einmal „nur“ in Ländern des Südens erhoben wird. Es fragt sich, wie lange noch...

Inhalt

4 Man hat uns Land gegeben
Wo man wandert, als ginge man rückwärts
von Juan Rulfo
Es gibt Gegenden, „wo es nicht genug Wasser gibt, um sich den Mund auszuspülen“. Der mexi- canische Schriftsteller Juan Rulfo hat mit seiner Kurzgeschichte „Man hat uns Land gegeben“, die dem Band „Der Llano in Flammen“ entnommen ist, eigentlich auf die Unzulänglichkeiten der mexicanischen Landreform zwischen 1920 und 1930 aufmerksam machen wollen. Dabei ist ihm eine eindrückliche Schilderung der Lebensbedingungen von Menschen gelungen, die sich unfreiwillig in der Wüste, hier dem Llano Grande, wiederfinden – nicht als AbenteuertouristInnen auf der Suche nach bizarrer Romantik, sondern als Menschen, die von dem Boden leben müssen. Mit zunehmender Umweltzerstörung und immer stärkeren Klimaveränderungen stehen immer mehr Menschen vor dem Problem, dass die Wüste zu ihnen kommt.

6 Die Spirale von Armut und Umweltzerstörung
Desertifikation und ihre Folgen
von Jürgen Gliese
Desertifikation ist ein in der deutschen Sprache nicht gerade geläufiger Begriff. Weniger die Abfolge von Konsonanten und Vokalen bereitet Schwierigkeiten, vielmehr liegt uns „der Gegenstand“ im wahrsten Sinne des Wortes „fern“. Im amtlichen Deutsch mit „Wüstenbildung“ übersetzt, bedeutet Desertifikation die Verödung und Versteppung landwirtschaftlicher Nutzflächen in jenen Weltgegenden, die in der UN-Sprache „drylands“ genannt werden: den ariden, semi-ariden und trocken-subhumiden Gebieten des Globus. Der folgende Beitrag gibt einen Überblick über die Problematik

8 Bäume gegen Wasser
Chile: Mapuche und Forstkonzerne im Konflikt
von Olaf Kaltmeier
In der chilenischen Forstwirtschaft ist viel Geld zu verdienen, zumindest für einige Großunternehmen. Führt andernorts massive Abholzung zur Bodenerosion, sind es in diesem Falle die Kiefern- und Eukalyptusplantagen, die der Umgebung das Wasser entziehen, kleinbäuerliche Landwirtschaft zerstören und in letzter Konsequenz zur Desertifikation führen. Verantwortlich sind eine Regierung und deren Politik, für die kurzfristige Profitinteressen wichtiger sind als bestehende Sozialgefüge der lokalen Bevölkerung und intakte Ökosysteme

10 Abgesackt
Mexico-Stadt hat und produziert Wasserprobleme
von Martha Villavicencio
Letztes Jahr veröffentlichte die Regierung von Mexico-Stadt eine Bestandsaufnahme zum Thema Wasser. Schon der Titel „Das Wasser als strategischer Faktor in der Zukunft von Mexico-Stadt“ machte deutlich, dass der Umgang mit dem lebensnotwendigen Nass als wichtiges Problem erfasst worden war. Der Moloch von Mexico-Stadt ist ein klassisches Beispiel für eine Metropole, die riesige Mengen Wasser verbraucht und damit sich selbst und die umliegenden ländlichen Regionen aufs Trockene setzt – und so Überschwemmungen vorprogrammiert.

12 Widerstandskraft, Kreativität und Ausdauer
Brasilien: Angepasstes Leben in Trockengebieten ist vor allem eine politische Frage
von Wolfgang Hees
Das semiaride „sertão“ ist eine Trockenregion im Nordosten Brasiliens und das größte Trockengebiet Amerikas. Es weist einige bemerkenswerte Eigenarten auf, die zeigen, dass Hunger und Elend in Halbwüstenregionen vor allem ein politisches Problem sind. Für ein nachhaltiges Bewirtschaften dieser Gebiete wurden längst angepasste Technologien entwickelt, die in der Lage sind, die regelmäßigen Dürreperioden zu überwinden.

14 Verwüstende Wassermassen
Die Folgen des Sobradinho-Staudamms in Brasilien
von Anna Wienhard
1973 wurde mit den Bauarbeiten des Sobradinho-Stausees begonnen, einer von mehreren Stau- dämmen entlang des Rio São Francisco im Nordosten Brasiliens. Der folgende Beitrag diskutiert einige – noch lange nicht alle – der bis heute reichenden Konsequenzen dieses Mammutprojektes.

15 Ein globales Problem
Gespräch mit dem Lateinamerika-Beauftragten des UN-Sekretariats zur Wüstenbildungsbekämpfung
von Werner Lamottke und Ulrich Mercker
Das UN-Sekretariat der Konvention zur Bekämpfung der Wüstenbildung (UNCCD) residiert im relativ neuen UN-Komplex der Villa Carstanjen in Bonn. Dass die etwa 40 MitarbeiterInnen der Einrichtung neben ihren KollegInnen vom UN-Freiwilligenprogramm (UNV) ihre Mittagspause mit Rheinblick verbringen können, ist Frucht der Bemühungen von Stadt und Bundesregierung, Bonn zur UN-Stadt und zum Nord-Süd-Zentrum zu machen. Über die Arbeit der kurz auch Wüstensekretariat genannten Organisation sprachen die ila-Mitarbeiter Ulrich Mercker und Werner Lamottke mit dessen Lateinamerika-Beauftragten, Oscar Oramas Olivia.

17 Vorreiter Cuba
Neue Wege im Management der natürlichen Ressourcen
von Helmut Eger und Gabriela Scheufele
Cuba – immer mehr TouristInnen entdecken für sich dieses Reiseziel in der Karibik. Die Tourismusbranche liefert jedes Jahr neue Besucherrekordzahlen. Doch wie sieht es abseits der Traumstrände aus? Zu den Problemen, mit denen die CubanerInnen tagtäglich kämpfen müssen, zählt die Degradation der natürlichen Ressourcen wie Boden, Wasser und Vegetation („Desertifikation“), von der große Teile des Landes betroffen sind. Durch Desertifikation werden tiefgreifende ökologische, soziale und ökonomische Probleme ausgelöst, die die Entwicklung des Landes beeinträchtigen. Ein Grund mehr dafür, dass sich die soziale und wirtschaftliche Lage der ländlichen Bevölkerung nur schleppend verbessert.

19 Grenzregion ohne Schatten
Haiti: Verwüstung kennt keine Grenzen
von Ulrich Mercker
Die alarmierende ökologische Situation in Haiti und deren fatale Auswirkungen auf die benachbarte Dominikanische Republik haben dazu geführt, dass das UN-Sekretariat zur Wüstenbekämpfung seit einigen Jahren die Insel zu einem der Schwerpunkte seiner Projektplanung gemacht hat. Mit einem binational angelegten Projekt soll gegen den Erosionsprozess und den Verlust der Biodiversität in der Grenzregion zwischen den beiden Staaten vorgegangen werden. Indem beide Staaten auf die Mitwirkung in diesem Projekt verpflichtet werden sollen, besteht hierdurch vielleicht auch eine reelle Chance zur Überwindung historisch gewachsener Spannungen zwischen den beiden Republiken. Es bleibt zu hoffen, dass die beiden neuen Regierungen – in der Dominikanischen Republik die seit diesem Sommer von der sozialdemokratischen PRD gestellte Regierung des Präsidenten Mejía, in Haiti die im Dezember wahrscheinlich neu gewählte Regierung des immer noch sehr populären Jean Bertrand Aristide – sich zu gemeinsamem Handeln entschließen werden, um sowohl das gefährliche ökologische, aber auch das soziale Gefälle zwischen beiden Inselhälften zu überwinden.

20 Das blaue Gold
Der P(oor)-7-Gipfel fordert weltweite „Wasserdemokratie"
von Melanie Quandt
Auf den ersten Blick ist es unscheinbar, geruchlos und geschmacksneutral. Die Kinder in den Industrieländern glauben, dass es selbstverständlich jederzeit und in rauen Mengen verfügbar ist, sobald man den Hahn aufdreht. Die Rede ist vom Wasser. Das Element des Lebens gerät in letzter Zeit immer häufiger in die Schlagzeilen: „Spektakulärer Import aus der Türkei als Mittel gegen Israels Wassernot“, heißt es da zum Beispiel. Oder: „Wasser auf dem Mars entdeckt – Sind die irdischen Wasserprobleme damit gelöst?“

23 Wasser im Überfluss und trotzdem knapp
Von den Folgen zentralamerikanischer Eigenbrötlerei
von Néfer Múñoz
„In den kommenden Jahren können die Wasserläufe ein exzellentes Versuchsfeld für die zentralamerikanische Integration sein, aber genauso könnten sie sich in starke Konfliktherde verwandeln“, meint der Geograph Carlos Granados von der Universität Costa Rica. Er führt eine Forschungsgruppe an, die in Zusammenarbeit mit der regierungsunabhängigen „Stiftung für den Frieden und die Demokratie“ die Merkmale und potentiellen Umweltprobleme der Wasservorkommen in den Flüssen Mittelamerikas studiert. Wasser gibt es in der Region genug. Dennoch droht zukünftig eine ernste Wasserknappheit, wenn die derzeitige Politik bezüglich der grenzüberschreitenden Flüsse fortgeführt wird, so die Wissenschaftler.

24 Verwüstungen
Ein Essay
von Ulrich Mercker
In dürren Worten definiert der Artikel 1 a der UN-Konvention zur Bekämpfung der Wüstenbildung ihren Gegenstand: demnach ist sie „Landverödung in ariden, semiariden und trockenen subhumiden Gebieten infolge verschiedener Faktoren, einschließlich Klimaschwankungen und menschlicher Tätigkeiten“. Die nachfolgenden Gedanken kreisen in erster Linie um den für meine Begriffe entscheidenden Bereich der „menschlichen Tätigkeiten“.

 

Berichte & Hintergründe

26 Foxpopuli?
Konturen der neuen Regierung in Mexico noch ungewiss
von Gerold Schmidt

28 Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen
Hintergründe zum viel beschworenen Epochenwechsel in Mexico
von Dieter Boris

31 Unglaublich, aber wahr
Zur Aufhebung der parlamentarischen Immunität Pinochets
von Ariel Dorfman

33 Pinochet-Effekt
Argentinischer Ex-Major in Italien verhaftet
von Eduard Fritsch

35 Argentinien: Tablada-Gefangene weiter in Haft
Teile der Regierungskoalition verhinderten Gesetzesinitiative
von Gaby Weber

37 Unerwünschte Forschung
Repressalien gegen kritischen Wissenschaftler in Argentinien
von Antje Bultmann

38 Der tödliche Plan
Fatale US-Hilfszusagen für Kolumbien
von Bettina Reis

40 Im Würgegriff der Nichtregierungsorganisationen
Die nicaraguan. Kinderbewegung NATRAS am Scheideweg
von Manfred Liebel

43 George Dablju Bush ist ein Latino...
von Eduard Fritsch

 

Ländernachrichten/Poonal

44 Kolumbien, Brasilien, Argentinien, Guatemala,
El Salvador, Bolivien, Dominikanische Republik

 

Kulturszene

48 Ent-Deckungen
Drei Bücher lateinamerikanischer Autorinnen
von Gaby Küppers

50 Am Leben lassen
Die Lebenserinnerungen des „anderen Deutschen" Pieter Siemsen
von Erich Hackl

 

Solidaritätsbewegung

52 Antworten
Debatte zur Erklärung „Für eine demokratische Kontrolle der internationalen Finanzmärkte"
von Ingo Melchers und Werner Rätz

55 Beitrag zur Standortsicherung
Paradoxe Situation für Polit-TouristInnen im deutsch-polnischen Grenzgebiet
von Britt Weyde

56 Die besseren Eliten?
Ein kritisches Buch zu Nichtregierungsorganisationen
von Werner Rätz

57 Gegen Gleichgültigkeit und Vergessen
Ein wichtiges Buch über die Folgen der Diktatur in Chile
von Ruth Schlette

58 Notizen aus der Bewegung, Termine, Zeitschriftenschau, Impressum

Diese Ausgabe wurde durch die Stadt Bonn mit GFG-Mitteln des Landes NRW für kommunale Entwicklungsarbeit und vom Ausschuss für entwicklungsbezogene Bildung und Publizistik unterstützt.

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