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ila 234 April 00
Ware Natur
zu Inhalt

Editorial

Was kostet ein Menschenleben? Diese Frage lässt sich unter vielerlei Kriterien stellen. Allerdings steht zu befürchten, dass es nicht mehr lange dauert, bis die Antwort per Preisaushang gegeben wird, in US-Dollar, Euro oder Yen.

Geistige Eigentumsrechte auf Bestandteile von Pflanzen und Tieren gehören bereits zum schlechten Ton im internationalen Warenverkehr. Federführend sind Pharma- und Saatgutkonzerne: Bayer, Hoechst, Merck, Aventis, Monsanto und und und. Deren PR-Abteilungen wissen allerdings auch, dass ihr Treiben in der Öffentlichkeit argwöhnisch beäugt wird. Um negative Assoziationen zu vermeiden, versucht man, sich vom schlechten Image der Chemie- und Pharmabranche zu lösen. „Life Science" heißt die Devise. Klingt das nicht schön?! Es geht um Leben – und wer hat schon etwas gegen Leben? „Life Science" will nichts anderes, als das Leben schöner machen. Und was ist dafür besser, als von der Natur zu lernen?

Das Ziel der Unternehmung ist kein sonderlich altruistisches, sondern der Gewinn, die Mehrung des shareholder value – natürlich. In dieser Logik werden Tiere und Pflanzen zu biologischen Ressourcen: Rohstoffquellen, die es auszubeuten und weiter zu verarbeiten gilt und die erst in den Händen von Wissenschaft und Unternehmen ihre wahre Bestimmung erfahren. Erreicht wird das mit Hilfe von Biotechnologie. – Spätestens seit der Ökobewegung wissen wir: Wo Bio drauf steht, ist Gutes drin. – Eingesetzt werden diese Ressourcen laut den LebenswissenschaftlerInnen dann, um die Medizin voranzutreiben oder ergiebigeres Saatgut im Dienste der Welternährung zu entwickeln.

Von hier aus ist es nur ein kleiner Schritt zu den „human resources" – den „menschlichen Rohstoffquellen". Im technokratischen Neudeutsch sind „human resources" mittlerweile zu einem festen Begriff geworden: GenetikerInnen erfassen die Programmdateien der Ressource Mensch – auch Erbgut genannt –, Unternehmen verwalten ihre menschlichen Rohstoffquellen und in der Entwicklungshilfe werden die „menschlichen Rohstoffquellen" der armen Länder verbessert, sozusagen optimiert.

Die Wachstumschancen der Märkte mit diesen Rohstoffquellen – biologischen im Allgemeinen, humanen im Speziellen – sind grandios, die Ware Natur wird dabei von der Ware Mensch noch überholt. Doch bevor die Potentiale voll ausgeschöpft werden können, müssen noch einige Vorarbeiten abgeschlossen werden: zum einen die technische Verfügbarkeit der Biomasse und deren marktgerechte Aufarbeitung. Daran wird kräftig gearbeitet, im Rahmen des weltweiten Projekts zur Erfassung des menschlichen Genoms oder auch in Lateinamerika, wo diverse Unternehmen und sogenannte BiopiratInnen nach Pflanzen- und Tierbestandteilen und dem Wissen indigener Völker um deren Nutzung suchen.

Zum anderen sind da noch diverse politische, juristische und soziale Fragen zu klären. Um nur zwei zu erwähnen: Wie wird das Copyright auf Leben international geregelt? Und: Wie kriegt man die „menschlichen Rohstoffquellen" dazu, ihre angeblich unnötige Angst vor den Folgen der Bio- und Gentechnik zu vergessen?

Der öffentliche Protest gegen die Patentierung gentechnisch manipulierter und hergestellter menschlicher Zellen und Embryonen als auch der Widerstand gegen die Einführung gentechnisch veränderter Lebensmittel zeigen, dass die „menschlichen Rohstoffquellen" sich dagegen wehren, nur noch als solche gesehen zu werden. Im folgenden Schwerpunkt haben wir einige Beispiele dafür zusammengetragen. Diese zeigen unter anderem, dass es möglich ist, sich auch als Nicht-Experte/in zu diesen Problemen zu engagieren. Und das ist leider auch bitter notwendig. Denn derzeit wird die Nutzung „biologischer Ressourcen" vor allem in Fachzirkeln und auf internationalen Konferenzen diskutiert, Entscheidungen werden größtenteils unter Ausschluss der Öffentlichkeit getroffen. Mit diesem Schwerpunkt möchten wir dazu beitragen, dass sich das ändert!

Inhalt
   

   4 Planungssicherheit und Patente Zur politischen Ökonomie der biologischen Vielfalt von Ulrich Brand
   8 Wem gehört die Natur? Biopiraterie in Brasilien von Gaby Weber
   9 Der Fall INBio in Costa Rica
10 Mäuseclubs, Zebrafische ...und Vampire
Gründerzeit in der Bio- und Gentechnik-Branche
     von Ludger Fittkau
12 Ein langes Tauziehen Das Biosafety-Protokoll ist unter Dach und Fach von Hartmut Meyer
13 Der Hintergrund des Biosafety-Protokolls
16 Biodiversitätsrelevant
Indigenes Wissen und die UN-Konvention über die biologische Vielfalt
     von Martina Grimmig
18 Zugangsprobleme Das TRIPS-Abkommen und seine möglichen Konsequenzen in der Praxis
     von Achim Seiler
21 Territorium plus Kultur Afrokolumbianische Gemeinschaften haben eigene Vorstellungen von Biodiversität
      von Arturo Escobar
24 Ayahuasca  Präzedenzfall zum Schutze indigenen Wissens? von Susanne Schmitz
26 Wer die Saat hat, hat das Sagen Europäische Kampagne gegen Nachbaugebühren von Katrin Küster
27 Mehr Infos
28 Agrarhandel und Hunger
Buchbesprechungen von Werner Rätz

Berichte & Hintergründe
29 Wahlsieg der FMLN
Auf dem Weg zur Regierungsmacht kann nur sie selbst sich noch aufhalten
     von Helene Kapolnek
31 Den Bock zum Gärtner gemacht
Was weiß die CIA über die Ermordung von Erzbischof Romero?
     von Tom Gibb
32 Die Rückkehr des Pirulonko
Zur Freilassung von Augusto Pinochet von Omar Saavedra Santis
33 Pilze gegen Coca
Die UN und der biologische Drogenkrieg in Kolumbien von Martin Jelsma
36 Mehr Strom am Río Sinú
Staudammprojekt vertreibt Indígenas (Interview) von Matthias Döring
37 Wunderbare Wirklichkeit
Der erste autofreie Tag in Kolumbiens Hauptstadt   Bogotá war ein Erfolg
     von Gerhard Dilger

Eine Welt Wirtschaft
38 Keine Standortvorteile auf Kosten der Beschäftigten
Diskussionsbeitrag aus der franz. Gewerkschaftszentrale CFDT
     von Denis Jacquot

500 Jahre Brasilien
40 Das andere Brasilien
Interview mit Paulo Suess zum 500. Jahrestag der Landung der Portugiesen in Brasilien
     von Gerhard Dilger und Gert Eisenbürger

Kulturszene
45 So arbeitet die Hoffnung
Der argentinische Lyriker Juan Gelman von Gaby Weber

Ländernachrichten/ Poonal
50 Bolivien, Venezuela, Uruguay, Argentinien, Chile, Brasilien, Peru, Mexico/USA, Puerto Rico

Solidaritätsbewegung
54 Dies ist euer Bericht
Bericht der Wahrheits- und Versöhnungskommission Südafrikas  
     von Karin Leukefeld
55 Neben dem malestream
Entwicklungsstrategien, feministisch betrachtet von Gaby Küppers
56 Jenseits von Verausgabung und Vereinnahmung
Frauen in der Ökologiebewegung Mexicos
     von Gaby Küppers
57 Solifonds stillgelegt
Grüne stellen Unterstützung von 3.Welt-Gruppen ein

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