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Müll in Lateinamerika -  ila 336 Junil 2010



  
Müll  
  
 


Editorial
ila 336 Juni 2010

Müll ist ein Riesengeschäft. Mit den Abfällen der Konsumgesellschaft wird sehr viel Geld
verdient. Regelmäßig sorgen Skandale rund um Entsorgung, Wiederverwertung und Verbrennungsanlagen für Schlagzeilen: Sei es die „Müllkrise“ in Neapel im Jahr 2008, bei der stinkende Abfallberge die italienische Stadt monatelang in einen Ausnahmezustand versetzten, oder der Spendenskandal in Köln, wo der ehemalige Müllunternehmer Trienekens jahrelang Schmiergelder an die Politik bezahlt hatte, um sich beim Bau der Kölner Müllverbrennungsanlage Vorteile zu verschaffen und in der zu groß angelegten Anlage Fremdmüll verbrennen zu können.

Auch in Lateinamerika wird mit Müll Geld verdient. Und es ist ein riesiger Sektor, der vor allem für informelle Arbeitsplätze sorgt. Schätzungen gehen davon aus, dass weltweit etwa 15 Millionen Menschen vom Müllsammeln und -sortieren leben. Wer schon einmal in lateinamerikanischen Großstädten unterwegs war, kennt das für europäische Augen recht ungewohnte Bild nur zu gut: Einzeln, in Gruppen oder mit der ganzen Familie kommen die MüllsammlerInnen aus den armen Stadtteilen meist in den Abendstunden in die zentralen und bessergestellten Wohnviertel und durchforsten die Straßen nach Wiederverwertbarem; auf Pferdekarren, in riesigen Säcken auf den Schultern oder auf Rollkarren werden Plastik, Papier und sonstige Wertstoffe transportiert. Clasificadores, recicladores, cartoneros, catadores, pepenadores – so vielfältig und unterschiedlich, wie die Bezeichnungen für diese Recycling-ArbeiterInnen sind, stellen sich auch ihre Arbeits- und Lebensbedingungen dar. 

Während sie in den 70er Jahren unter den autoritären Regimes der Militärmachthaber im Cono Sur vertrieben und ihre Arbeit kriminalisiert wurde, hat sich ihre Situation in einigen Ländern in den letzten Jahren zaghaft zum Besseren gewendet. Sie schließen sich zusammen, zu selbstverwalteten Kooperativen, Netzwerken oder auch in Gewerkschaften. In einigen Ländern gibt es dafür Unterstützung von Seiten der Regierung. In Peru ist mittlerweile ein Gesetz für MüllsammlerInnen verabschiedet worden. Vielerorts gibt es jedoch für Entsorgung und Wiederverwertung keine transparenten Regeln bzw. mafiöse Gruppen teilen das Geschäft unter sich auf. Und auch in Lateinamerika gibt es Bestrebungen, etwa mit dem Bau von Verbrennungsanlagen moderne Technologie zum Einsatz zu bringen, was wiederum den MüllsammlerInnen ihre Einkommensquellen nehmen würde. Die MüllsammlerInnen selbst verweisen auf die Nachhaltigkeit ihrer Tätigkeit und wehren sich gegen Vorhaben, die z.B. im Rahmen der so genannten Kyoto-Instrumente wie dem Clean Development Mechanism Verbrennungsanlagen zur Erzeugung von „alternativer Energie“ unterstützen.

„Abfallwirtschaft ist ein hervorragender Indikator für gute Regierungsführung“, heißt es in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit: Zahlen die Leute ihre Gebühren, hält die Stadt ihren Fuhrpark in Schuss, wird der Müll zuverlässig abgeholt? Und wenn er dann doch mal liegen bleibt, kochen die Emotionen schnell hoch. Mit übel riechenden Müllbergen kann der politische Gegner eben auch hervorragend diskreditiert werden.

Was passiert eigentlich mit dem Müll, der nicht wiederverwertet werden kann, wie wird er entsorgt? Und in den ärmeren Stadtteilen, wo viele der informellen MüllsammlerInnen leben, gibt es dort auch so etwas wie eine Müllabfuhr? Wie gravierend ist das Problem der illegalen Entsorgung, sei es auf Müllkippen oder in Gewässern? Wie relevant ist der (Gift-) Müllexport in lateinamerikanische Länder, wo vielleicht Umweltbestimmungen laxer gehandhabt werden? Welchen Stellenwert hat der Müll eigentlich in der Politik, und im Bewusstsein der Bevölkerung? Und in welchen Bereichen der Abfallwirtschaft ist die deutsche Entwicklungszusammenarbeit tätig? Diesen und anderen Fragen möchten wir in diesem Schwerpunkt auf den Grund gehen.


Inhalt

Müll

4 Die entsorgten Kinder
Einige Gedanken zu Menschen, Müll, Abfall und Recycling
/ von Gustavo Esteva

8 Im Schatten des Müllbergs
Paraguay: (Über)Leben im Bañado Sur / von Steffi Holz

10 Null Müll
Die Cartoneros von Buenos Aires machen Abfallpolitik / von Gaby Küppers

12 Bunte Bücher aus Karton
Der Verlag Eloisa Cartonera in Buenos Aires / von Gert Eisenbürger

13 Selbstverwaltete Armut
Müllkooperativen in Brasilien / von Jacob Carlos Lima

16 Der Müll gehört denen, die ihn bearbeiten
Rund um die mexikanischen Müllkippen existiert eine eigene Kultur mit eigenen Regeln
/ von Matteo Dean

18 Ökoeffizienz – effizient für wen? 
Kolumbianische MüllsammlerInnen haben unerwartete Mitbewerber bei der Abfallentsorgung
/ von Juanita León

20 Der Fluss trägt es davon 
Müllentsorgung in Peru / von Laura Burzywoda

21 Ein sichtbarer Teil der Gesellschaft
Interview mit Jorge Salcedo García, technischer Berater der Müllsammlerbewegung MNRP
/ von Laura Burzywoda

23 Wir vermissen unsere Arbeit sehr
Ein Plastikrecyclingprojekt in La Paz fällt der Weltwirtschaftskrise zum Opfer
/ von Peter Strack und Jorge Domic

25 Null Pferdekarren
Uruguay: Immer wieder Ärger mit dem Müll / von Britt Weyde

27 Vorbild Berlusconi
El Salvadors Rechte macht mit Müll Politik gegen die FMLN / von Jürgen Tönnesen

28 Abfallwirtschaft in Lateinamerika: Indikator für gute Regierungsführung
Interview mit Sandra Spies von der GTZ  / von Britt Weyde


Berichte & Hintergründe

30 Immer nur zahlen, zahlen, zahlen
Schulden und Krise: Interview mit Hugo Arias von LATINDADD
/ von Britt Weyde

33 Schuluniformen und die Essenz des Wandels
Der schwierige Veränderungsprozess in El Salvador am Beispiel der Bildungspolitik
/ von Helene Kapolnek

36 Zentralamerikas Gilberto Gil?
Ein Gespräch mit dem neuen costaricanischen Kulturminister Manuel Obregón
/ von Torge Löding

38 Nichtwähler in Führung
Parlamentswahlen in der Dominikanischen Republik / von Hans-Ulrich Dillmann

39 Warnung: Goldfieber
Die peruanische Region Madre de Dios ist ein Zentrum des informellen Goldbergbaus
/ von Hildegard Willer

41 Wir wollen einen politischen Raum erobern
Interview mit dem guatemaltekischen Indígena-Vertreter Francisco Velazco Marroquín
/ von Ina Hilse

44 Die Stunde der Wahrheit ist gekommen
Der Film La Isla gibt tiefe Einblicke in den Repressionsapparat der guatemaltekischen Diktatur
/ von Frederik Caselitz

45 Das Mysterium der „indigenen Kinderarbeit“
Die Internationale Arbeitsorganisation schafft es nicht, dem kulturellen Hintergrund 
indigener Tradition gerecht zu werden / von Manfred Liebel

49 Das ist echt peinlich
Reaktionen auf das neue Einwanderungsgesetz in Arizona / von Rachel Winch

51 Zwei Tote bei Anschlag auf Friedenskarawane
Interview mit Philipp Gerber, Oaxaca / von Bettina Hoyer

53 Kolumbianische Verhältnisse in Paraguay?
Sind angebliche Guerillaaktivitäten nur ein politisches Manöver, um die Regierung Lugo zu diskreditieren?
/ von Hermann Schmitz


Kulturszene

55 Ein anderer Klang
Interview mit Reggae-Rapper Lengua Alerta über den Stand als alternativer Musiker in Mexiko
/ von Frederik Caselitz

58 Jonás und der Fisch
Neue Diskussion um die Ermordung Roque Daltons in El Salvador
/ von Carlos Molina Velásquez


Solidaritätsbewegung

59 Sie verlassen jetzt den Tauschwertsektor
Buchbesprechung / von Silke Helfrich

61 Von Caracas bis Berlin
Die Interbrigadas ermöglichen einen direkten Kulturaustausch zwischen Deutschland und Venezuela
/ von Anna-Maria Gubar, Malte Greger und Ole T.

62 Wo sich Maultasch' und Kässpätzle gut's Nächtle sagen
Eindrücke vom 33. BUKO in Tübingen / von Britt Weyde

63 Notizen aus der Bewegung, Impressum

Titelfoto: Marcello Casal Jr./Agência Brasil

Die ila 336 wird vom Evangelischen Entwicklungsdienst (eed) gefördert.

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