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Jüdisches Lateinamerika -  ila 334 April 2010



  
Jüdisches  
Lateinamerika  
 
 


Editorial
ila 334 April 2010

Vor einigen Jahren stellte ein Bekannter eine Frage, die politisch inkorrekt anmutete, zumal wir in dem Moment gerade in der Schlange vor dem Jüdischen Museum in Berlin standen: „Worüber definiert sich eigentlich die jüdische Identität? Nur über die Religion? Oder über den Antisemitismus? Dann wäre das doch eine Anti-Identität …“ Daraus entspann sich eine Diskussion über Kultur, Traditionen, religiöse Feierlichkeiten, alten und neuen Antisemitismus. Zu einer überzeugenden abschließenden Antwort kamen wir nicht. Aber das ist ja auch die Krux mit den „Identitäten“. Sie stehen für Selbst- und Fremdzuschreibungen gleichermaßen und sind nicht selten politisch vermintes Feld.
 
Bei den Recherchen zu unserem aktuellen Schwerpunkt stießen wir auf eine breite Vielfalt an Identitäten, was sich auch bei unseren AutorInnen und InterviewpartnerInnen widerspiegelt: Hier schreiben jüdische und nichtjüdische, kommunistische, libertäre und liberale JournalistInnen, und zwischen der jüngsten und dem ältesten, die zu Wort kommen, liegt locker ein halbes Jahrhundert an Lebensjahren. 

Ursprünglich sollte sich der vorliegende Schwerpunkt nur auf den „Anti-Aspekt“ berufen, den Antisemitismus. Anlässe gab es viele: Diskussionen über Venezuela, wo der offen antisemitische „Theoretiker“ Norberto Ceresole eine Zeit lang Beraterfunktionen ausüben konnte; oder der außenpolitische Schmusekurs mit Irans Staatschef Ahmadinedschad; und immer wieder seltsam geschichtsvergessene Aktionen von Teilen der lateinamerikanischen Linken, die zum Haareraufen sind: Solidaritätsbekundungen mit wahlweise dem palästinensischen oder auch dem iranischen „Volk“, die unreflektiert einhergehen mit Schmähattacken auf den Staat Israel und Holocaust-Leugnung. Und stellvertretend für Israels Kriegspolitik werden immer wieder die Juden und Jüdinnen im eigenen Land angegriffen, sei es direkt und körperlich bei öffentlichen jüdischen Feierlichkeiten (so geschehen in Buenos Aires Anfang 2009) oder per Flugblättern, Plakaten, Blog-Einträgen, Sprühereien oder Molotowcocktail-Angriffen auf Kulturzentren (so geschehen im Januar 2009 in Montevideo). Doch antisemitische Ausfälle gibt es auch anderswo, spezifisch lateinamerikanisch sind sie nicht. Die Bedrohung durch und der Kampf gegen Antisemitismus sind durchaus Konstanten in Geschichte und Gegenwart der jüdischen Welt.

Die Beschränkung auf Antisemitismus ist jedoch eine reduzierte Blickweise auf das Leben von Juden und Jüdinnen in Lateinamerika. Wie lässt sich also die jüdische Welt in Lateinamerika porträtieren, wo und wie wird sie wahrgenommen, und was macht sie – aus Sicht jener, die sich mit ihr identifizieren – aus? 
Bei der Suche stießen wir auf viele spannende und weitgehend unbekannte Geschichten: Seien es die jüdischen Piraten, die in der Kolonialzeit spanische Frachtschiffe überfielen und somit eine Art von später Rache für die Vertreibung aus dem spanischen Königreich 1492 übten, oder der Handel mit jüdischen Prostituierten aus Osteuropa, die sich Anfang des letzten Jahrhunderts – ähnlich wie viele verarmte Frauen aus dem globalen Süden heutzutage – ein besseres Leben in Lateinamerika erhofften. Oder auch die bedeutende Rolle osteuropäischer Juden und Jüdinnen bei der Entstehung der Arbeiterbewegung in Ländern wie Argentinien und Uruguay.

Herausgekommen ist ein umfangreicher Schwerpunkt mit Beiträgen zur Geschichte der jüdischen Einwanderung und zur Aktualität jüdischen Lebens in Lateinamerikas und der Karibik. Wir beleuchten auch das vielfältige Kulturschaffen jüdischer LateinamerikanerInnen. Dabei haben wir unseren Fokus auf Literatur und Film gelegt und auch da können wir nur eine kleine Auswahl vorstellen: Allein die jüdisch-lateinamerikanischen LiteratInnen wären einen eigenen Schwerpunkt wert. Schließlich enthält der Schwerpunkt auch Debattenbeiträge zu schwierigen Fragen: zu Identität(en), zum Verhältnis zu Israel, zu Vergangenheitspolitik und Antisemitismus.

Wir hoffen, dass unsere LeserInnen die Lektüre des Schwerpunkts genauso anregend finden wie wir dessen Erstellung, und dass dadurch vielleicht die eine oder andere konstruktive Diskussion angestoßen wird.


Inhalt

Jüdisches Lateinamerika

4 Von A wie Argentinien bis Z wie Zion
Die Geschichte jüdischer Einwanderung nach Lateinamerika
/ von Daniela Vogl

7 Kein Vorurteil, sondern ein Weltbild
Antisemitismus von rechts und links / von Werner Rätz

9 Durchaus friedliches Zusammenleben
Geschichte und Gegenwart der jüdischen Bevölkerung von Buenos Aires
/ von Alfredo Bauer

12 Doppelt ausgegrenzt
Jüdische Prostituierte in Argentinien und Brasilien / von Gert Eisenbürger

14 Wir lassen keinen im Slum
Die jüdische Gemeinde in São Paulo: Solidarisch in der Krise
/ von Klaus Hart

15 Sonne, Strand und sephardische Synagogen
Juden in der Karibik / von Hans-Ulrich Dillmann

18 Exil in der Dominikanischen Republik
Sosúa – eine jüdische Siedlung in der Karibik / von Theo Bruns

19 Es gab viele jüdische Welten nebeneinander
Interview mit Isaac Gliksberg über die jüdische Einwanderung und die jüdische Linke in Uruguay
/ von Gert Eisenbürger und Gaby Küppers

21 Jiddisch und Sephardisch / von Gert Eisenbürger

23 Jüdische Geschichten: Mauricio Rosencof / von Gert Eisenbürger

24 Die höchstgelegene jüdische Gemeinde der Welt
Interview mit Ricardo Udler, Vorsitzender des Círculo Israelita von La Paz
/ von Andreas Hetzer

28 In der Altstadt hat alles begonnen
Renaissance der jüdischen Gemeinde in Havanna / von Knut Henkel

29 Jüdische Geschichten: Isaac Goldemberg / von Barbara Schuchard

30 Jüdische Geschichten: Moacyr Scliar / von Gert Eisenbürger

30 Die Familie liefert den Stoff für meine Romane
Interview mit dem kolumbianischen Schriftsteller Memo Ánjel
/ von Knut Henkel

31 Jüdische Geschichten: José Guillermo (Memo) Ánjel / von Ute Evers

32 Kräftiges Lebenszeichen
Die jüdische Gemeinde in Mexiko-Stadt / von Marta S. Halpert

35 Zwischen Wurzelsuche und Emanzipation vom Familienmilieu 
Jüdische Identitäten im lateinamerikanischen Kino / von Bettina Bremme

38 Jüdischsein zwischen Buenos Aires und Barcelona 
Ein Gespräch über jüdische Identität und jüdisches Leben
/ von Christine Schmelzle

40 Konfusion auf allen Seiten
Gespräch mit Guillermo Lipis zu Antisemitismus in Argentinien
/ von Britt Weyde

42 Sage mir, mit wem du gehst ...
Die ALBA-Regierungen, der Iran und Israel / von Wolf-Dieter Vogel

44 Verirrte Kugeln
Die Debatte um Antisemitismus in Venezuela / von Angela Reyes

46 Wir wollen unseren Beitrag zur Entwicklung Venezuelas leisten
Interview mit Abraham Levy Benshimol von der jüdischen Gemeinde Venezuelas
/ von Knut Henkel

48 Der Zukunft entgegen
Der Überlebendenverband Generaciones de la Shoá en Argentina
/ von Sylvia Degen


Berichte & Hintergründe

50 Erdrückende Mehrheiten
Kolumbien: Parlamentswahlen sorgen für rechtslastige Kontinuität
/ von Maureen Maya

52 Ein (Alp-)Traum wird wahr
Höchste Zeit für eine Kampagne zum EU-Freihandelsabkommen mit Kolumbien und Peru
/ von Gaby Küppers

54 Der Widerstand konstituiert sich neu
Honduras nach der Regierungsübernahme von Pepe Lobo / von Ina Hilse

57 Das Musterländle Amazoniens
Nachhaltige Inwertsetzung des Regenwaldes im brasilianischen Bundesstaat Acre? 
/ von Hildegard Willer


Kulturszene

59 Raum für öffentliche Debatten
Eindrücke von der Internationalen Buchmesse in Havanna
/ von Ute Evers


Solidaritätsbewegung

61 Uruguay – Ein Land in Bewegung
Buchbesprechung / von Alix Arnold

62 Lebt die Nicaragua-Solidarität noch?
Das „kleine Bundestreffen“ im März in Hamburg / von Michael Faber

63 Notizen aus der Bewegung, Impressum

Titelfoto: Klaus Hart

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