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Bus & Bahn - öffentlicher Transport -  ila 333 März 2010



  
BUS & BAHN 
öffentlicher Transport  
 

Editorial ila 333 März 2010

Die überwältigende Mehrheit der LateinamerikanerInnen benutzt öffentliche Verkehrsmittel, um zur Arbeit, zur Schule oder zur Uni zu gelangen, die notwendigen Dinge einzukaufen, die Verwandten in anderen Städten oder Dörfern zu besuchen, zu politischen und kulturellen Treffen zu fahren oder ganz einfach um Ausflüge zu machen.

„Öffentliche Verkehrsmittel“ bedeutet heute in Lateinamerika vor allem Busse. Dies ist aber eine vergleichsweise junge Entwicklung, bis vor wenigen Jahrzehnten war auch in Lateinamerika die Eisenbahn das wichtigste öffentliche Verkehrsmittel. Nahezu alle Länder hatten gut ausgebaute Schienennetze und funktionierende Eisenbahnsysteme. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts hatte man begonnen, diese zu bauen, um den Handel und insbesondere den Export von Rohstoffen ins Ausland zu fördern und das nationale Territorium zu erschließen. Manchmal wurde die Eisenbahn sogar zur Ortsgründerin, wie ein Autor in dieser Ausgabe berichtet. Wo die Eisenbahngesellschaft Bahnhöfe in Argentinien errichtete, entstand über kurz oder lang eine Siedlung. Manche Orte waren nur über die Schiene zu erreichen, Straßenverbindungen gab es dorthin keine.

Als die europäischen und nordamerikanischen Automobilkonzerne in den fünfziger Jahren des 
20. Jahrhunderts begannen, neue Absatzmärkte für ihre Pkw, Busse und Lkw zu suchen, geriet bald auch Lateinamerika in den Focus ihrer Interessen. Da der Verkauf von Fahrzeugen dorthin aber erstmal die Existenz entsprechender Straßennetze erforderte, wurden die lateinamerikanischen Staaten heftig gedrängt, ihre öffentlichen Infrastrukturinvestitionen primär in den Straßenbau zu lenken. In Argentinien und Brasilien versprachen die Automobilkonzerne Fabrikanlagen für den Bau von Personen- und Lastwagen zu errichten, anderen Ländern wurden Kredite und Entwicklungshilfegelder für den Bau von Straßen gewährt. Straßen bedeuteten Fortschritt, hieß es. 

Während in Europa auch weiterhin in die Eisenbahn investiert wurde, wurde Lateinamerika mehr und mehr von der technologischen Entwicklung im Schienenpersonenverkehr abgekoppelt. Als hier alle wichtigen Bahnstrecken elektrifiziert wurden, passierte in Lateinamerika nichts Vergleichbares, statt dessen blieb man bei Dampf- und Diesellokomotiven. Als in Europa moderne Schnellzüge im Stundentakt zwischen den großen Städten verkehrten, dauerten die Zugverbindungen zwischen den Städten in Lateinamerika zunehmend länger, weil wegen des veralteten Gleis- und Zugmaterials die Geschwindigkeiten reduziert werden mussten. Und als hier die Hochgeschwindigkeitszüge eingeführt wurden, wurde in mehreren Ländern Lateinamerikas der Personenfernverkehr auf der Schiene ganz eingestellt.

Seit einigen Jahren gibt es erste Anzeichen für ein Umdenken. Wegen der hohen Ölpreise begann man in einigen Ländern, zunächst den Güterverkehr zu reaktivieren, mancherorts sogar auszubauen. Inzwischen gibt es auch neue Pläne für den Personenverkehr; in Argentinien, Brasilien und Venezuela ist sogar von Hochgeschwindigkeitsstrecken die Rede. Um die Geschichte, den Niedergang und die mögliche Renaissance des Eisenbahnverkehrs geht es in einer ganzen Reihe von Beiträgen dieses Schwerpunktes, was vielleicht auch etwas damit zu tun hat, dass Eisenbahnen auf Männer, auch einige in der ila, eine besondere Faszination ausüben.

Aber, wie gesagt, die „öffentlichen Verkehrsmittel“ in Lateinamerika sind heute vor allem Busse, und „öffentlich“ sind sie nur insofern, als sie von vielen Menschen benutzt werden. Während die Eisenbahnen fast alle im öffentlichen Besitz waren bzw. sind, wird der Busverkehr fast vollständig privatwirtschaftlich betrieben. Im innerstädtischen Verkehr vergeben die Behörden in der Regel Lizenzen für bestimmte Linien an die Busunternehmen, im Fernverkehr verkehren teilweise konkurrierende Linien, häufig gibt es aber entsprechende Absprachen bezüglich Preisen und Routen zwischen den verschiedenen Unternehmen. Viele der Probleme, mit denen sich die LateinamerikanerInnen heute herumschlagen müssen, treten auch im öffentlichen Transport zu Tage: Gewalt, Korruption, fehlende Kaufkraft, technologischer Rückstand und manches mehr. Von allem ist in dieser ila die Rede.


Inhalt

Bus und Bahn - öffentlicher Transport

4 Zwischen Abbau und Neubau
Schienenpersonenverkehr in Lateinamerika / von Samuel Rachdi

7 Verein der Freunde Lateinamerikanischer Bahnen

9 Zurück auf die Schiene
Geschichte der Eisenbahn in Uruguay / von Ernesto Kroch

12 Alles auf die Straße
Auswirkungen des Neoliberalismus auf das argentinische Verkehrswesen
/ von Roberto Frankenthal

14 Der Wolkenzug 
Die Bahnstrecke zwischen Salta in Argentinien und Antofagasta in Chile
/ von Alicia Rivero

17 Licht am Ende des Tunnels
U-Bahn in Buenos Aires: Erfolgreiche Kämpfe gegen die Folgen der Privatisierung
/ von Alix Arnold

20 Schön schwierig
Die Eisenbahn in Ecuador / von Günter Pohl

22 Ehrgeizige Pläne
Venezuelas neue Bahnstrecken / von Laura Burzywoda

23 Chaos
Der öffentliche Nahverkehr in São Paulo / von Michelle Arnaral

24 Langsames Umdenken
Widersprüchliche Verkehrspolitik in Mexiko-Stadt / von Gerold Schmidt

25 Bahnprivatisierung in Mexiko / von Winfried Wolf

27 Zahlen, fahren und den Mund halten
Ein Problem des öffentlichen Verkehrs in El Salvador / von Gabriel Labrador Aragón

29 Mühsam aber nachhaltig
Personentransport und Reisen in Cuba / von Franco Weis

31 Enormer Handlungsbedarf
Der Ausbau der Infrastruktur ist ein vorrangiges Ziel der Regierung Morales in Bolivien
/ von Waldo Acebey

33 In der Hängematte nach Manaus 
Bericht über eine Schifffahrt auf dem Amazonas / von Karl-Ludolf Hübener


Berichte & Hintergründe

34 Reform im „Gotteshaus“? 
Der Plan zur Humanisierung des Strafvollzugs in Venezuela / von Helene Kapolnek

37 Für die Ökonomie der kurzen Wege und das gute Leben
Interview mit Raffaela Bolini über das Weltsozialforum 2010 / von Mario Schenk

39 Kurs auf weiteren Sozialabbau
Costa Rica: Wahlapparat sichert Sieg der „Sozialdemokraten” / von Torge Löding

40 Von Entwicklung überschwemmt
Chiapas: Mit Retortenstädten sollen Leute „produktiv“ gemacht werden
/ von Philipp Gerber

43 Naturschutz ohne Menschen 
Chiapas: Angriffe auf EZLN-UnterstützerInnen und Oppositionelle nehmen zu
/ von Luz Kerkeling

44 „Die Situation in Chiapas ist fürchterlich“
Interview mit Daniel Luna von der FNLS / von Luz Kerkeling

45 Unrühmliche Diplomaten
Kolumbien: Menschenrechtsverletzer auf Botschafterposten / von Bettina Reis

46 Anerkennung muss an Bedingungen geknüpft werden
Diskussionsbeitrag des grünen MdB Thilo Hoppe zum Verhältnis zur neuen honduranischen Regierung

48 Die Hauptstadt der Obdachlosen
Port-au-Prince sieben Wochen nach dem Erdbeben / von Hans-Ulrich Dillmann


Kulturszene

49 Ein Gesellschaftspuzzle
Lateinamerika auf der 60. Berlinale / von Till Kadritzke

51 Spannende Warteschleife
Der kolumbianische Film El Vuelco del Cangrejo auf der Berlinale
/ von Till Kadritzke

52 Und wer spricht zur Abwechslung einmal über Kultur?
Das venezolanische Filminstitut CNAC feiert 15. Geburtstag / von Ute Evers 


Ländernachrichten/Poonal

54 Argentinien, Kolumbien, Honduras, Brasilien


Solidaritätsbewegung

57 Alle Macht den Räten
Der Film Comuna im Aufbau / von Britt Weyde 

58 Notizen aus der Bewegung, Impressum

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