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Männerbilder- ila 325 Mai 2009



 MännerBILDER 
 

 
Editorial
ila 325 Mai 2009

Gibt es eigentlich schwule Fußballspieler? Wir meinen nicht die vielen Breitensportler, die sich in 
schwulen Fußballclubs tummeln, sondern Profis, die sich dazu bekennen. Schwulsein scheint in dieser letzten Bastion der Männer eines der großen Tabuthemen zu sein. So verwundert es auch nicht, dass ein brasilianischer Trainer vor kurzem eine ganz gemeine Strafe für schlechte Leistungen ersonnen hat: Der fußlahme Faulenzer muss beim nächsten Training mit rosa Spaghetti-Träger-Kleidchen, das Prinzessin Lillifee alle Ehre machen würde, auf den Rasen. Das hat sich Roberto Fernandes, der neue Trainer vom brasilianischen Club Figueirense, ausgedacht. Der erste, der sich dem Spott seiner Kollegen aussetzen musste, war Mittelfeldspieler Jairo. Beim nächsten Spiel zeigte er dann wieder Leistungen, die einem ganzen Mann entsprechen. „Sicher eine sinnvolle Idee, die Spieler zum Laufen zu bringen. Denn welcher Spieler will schon im rosa Kleid über das Spielfeld laufen?“ kommentierte die Rheinische Post. Es ist also ganz normal und sinnvoll, einen Mann damit zu bestrafen, dass er sich als Frau oder Schwuler verkleiden muss. Uff, das klingt nach ganz viel Backlash. Wir in der Redaktion haben uns hingegen gefragt, warum sich die gestandenen Mannsbilder, für die nun mal Fußballspieler stehen, so etwas gefallen lassen?
War er nicht Manns genug? 

Was macht eigentlich den lateinamerikanischen Mann aus? Dass der Lateinamerikaner an sich ein Macho ist, ist ein gängiges Klischee, über das es sich nicht sonderlich zu berichten lohnt. Außerdem haben wir Machos auch hier. Hoch im Kurs stehen hierzulande Komiker, die die Geschlechterdifferenz feiern. Tausende von Fans feiern Mario Barth dafür, dass er mit schlichten Alltagsanekdoten über seine Freundin und mit dumpfesten Klischees vermittelt, dass Frauen und Männer einfach unterschiedlich sind. Und dass wir darüber mal ganz herzlich lachen können. Das scheint ungemein erleichternd zu sein, wo doch heute immer alles in Frage gestellt wird. 

Wir halten es nicht mit Mario Barth, sondern finden Fragen zum Geschlechterverhältnis nach wie vor spannend und wichtig. Welche Männerbilder gibt es in Lateinamerika, wie werden sie hinterfragt und wie steht es um Alternativkonzepte zur hegemonialen weißen Männlichkeit? Wo liegen – historisch bedingte – Besonderheiten und was ist spezifisch lateinamerikanisch an den verschiedenen Männlichkeitskonzepten? Und gibt es in Lateinamerika eigentlich auch die Diskussion um Vätermonate? Antworten auf diese Fragen fanden wir bei hauptsächlich lateinamerikanischen AutorInnen, die sich in der Weiterentwicklung von Frauenforschung und Gender Studies mit kritischer Männerforschung befassen, sowie bei Leuten aus der Praxis. Sprich bei Leuten, die sich in oft mühseliger Kleinarbeit mit männlichen Jugendlichen und ihrem Alltag befassen, wie bei der kolumbianischen Nichtregierungsorganisation Taller Abierto. Mit dem Ergebnis, dass die jungen Männer überraschend weitgehend traditionelle Rollenmodelle in Frage stellen.

Solche Initiativen stehen im scharfen Kontrast zu Umfragen, die herausgefunden haben, dass sich männliche Jugendliche (zwischen 10 und 24 Jahren) in neun lateinamerikanischen Ländern viel mehr darum sorgen, wie sie ihre Männlichkeit herstellen und bewahren, als für ihre Gesundheit zu sorgen. Diese Einstellung, so der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA), könne in einen frühzeitigen Beginn sexueller Aktivitäten, eine Vielzahl von Sexualpartnerinnen, weniger Intimität und einen größeren Widerstand gegenüber dem Gebrauch von Kondomen münden. Die Alltagserfahrung, dass der Widerstand gegen Kondome überwiegend männlich ist, können auch aktuelle Popstar-Skandale in keinerlei Weise widerlegen ... Welche aufgebrachten Reaktionen der Import von Kondomen im Cuba der 80er Jahre noch auszulösen vermochte, gibt in dieser ila der Beitrag zu dem Buch „Machismo ist noch lange nicht tot“ von Monika Krause-Fuchs sehr schön wieder.

Das mit den Vätermonaten haben wir letztlich nicht befriedigend beantworten können. Immerhin konnten wir in Erfahrung bringen, dass es in Brasilien Initiativen gibt, die eine Ausdehnung des aktuellen Vaterschaftsurlaubs von fünf (!) Tagen auf einen Monat fordern.
Frau von der Leyen – bitte übernehmen Sie!


Inhalt

Männerbilder

4 Papi war auch ein Opfer
Männlichkeiten, Gründungsmythen und nationale Identität in Lateinamerika
/ von Martha Zapata Galindo

8 Der unsichtbare Vierte
Vom (post)kolonialen Umgang mit schwarzen und indigenen Männlichkeiten
/ von Fernando Urrea Giraldo

12 Weder unbehaglich noch unmännlich
Neue Vaterrollen in Chile / von Genoveva Echeverría G.

15 Werde ein Mann! Kauf dir ein Männerauto!
Über einen Werbefilm von Renault in Argentinien

16 Wie neue Männer gemacht werden
Kolumbianische Jugendliche und ihre Vorstellungen von Männlichkeit
/ von Gelber Sánchez Castro und Wili Quintero Castillo

18 Herren der Straße
Genderaspekte in der Arbeit mit erwerbstätigen Jungen und Mädchen in Kolumbien
/ von Luisa Fernanda Malo Rodríguez

20 Religiöse Bombenleger
Bolivien: Kirche und Konservative sind die größten Feinde der Schwulen
/ von Martin Garat

21 Lieber Narco als schwul?
Homosexualität ist in Kolumbien ein Stigma
/ von Nelson Camilo Sánchez

22 Neue Männer braucht das Land!
Monika Krause-Fuchs berichtet über ihre Erfahrungen in Cuba
/ von Gert Eisenbürger

24 Risikoerprobt und extrem konservativ
Untersuchungen über globalisierte Elitemänner in Chile
/ von José Olavarría

27 Ein Kuss mit Folgen
Wütende Reaktionen von Mexikos Männern auf den Film "Y tu mamá también"
Auszug aus dem Buch "Movie-mentos II - Der lateinamerikanische Film in den Zeiten globaler Umbrüche (2008)"
/von Bettina Bremme


Berichte & Hintergründe

29 Wechselbad der Gefühle
Notizen aus der venezolanischen Provinz
/ von Andreas Hesse

32 Nicaragua: Wie halten wir's mit der FSLN?
Die Politik der Regierung Ortega ist in der Nicaragua-Szene äußerst umstritten

33 Postsandinistische Bananenrepublik
/ von Gaby Gottwald

35 Kolumbien – ein demokratischer Rechtsstaat?
Entgegnung der Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien auf zehn Thesen 
der Konrad-Adenauer-Stiftung über den Wandel des Konflikts in Kolumbien
/ von Bruno Rütsche

39 Nicht alles ist Gold, was glänzt
Die geplante „goldene U-Bahn-Linie“ scheidet die Geister in Mexiko-Stadt
/ von Michel Schultheiss

41 Radios comunitarias in Guatemala
Wie freie Sender die soziale Integration der Indígenas in Guatemala fördern und stärken
/ von Linda Wenzel

43 Vorbildliche Gesetze
Beim Thema Migration klaffen auch in Ecuador Diskurs und Wirklichkeit auseinander
/ von Judith Welkmann

45 Die unvollendete Revolution
40 Jahre nach dem Cordobazo
/ von Alix Arnold


Ländernachrichten/Poonal

48 Ecuador, Peru, Bolivien, Panama, Uruguay, Kolumbien, Mexiko, Brasilien


Kulturszene

52 Konstruktion von Heimat
Julio Mendívils Auseinandersetzung mit dem deutschen Schlager
/ von Gert Eisenbürger

55 Vom Wunsch, an Liebe zu sterben
Abschied von der uruguayischen Lyrikerin Idea Vilariño
/ von Erich Hackl

56 Türöffner, hoffentlich
Bettina Bremme macht mit ihrem neuen Band Lust auf lateinamerikanisches Kino
/ von Gaby Küppers

57 Cubanische Kunst in Bonn
/ von Günter Pohl


Solidaritätsbewegung

58 Klassiker der Entwicklungstheorie
Sammelband vereint 15 klassische Texte aus 70 Jahren entwicklungspolitischem Denken
/ von Johannes Schulten

59 Notizen aus der Bewegung, Impressum

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