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Linke Regierungen in Lateinamerika - ila 318 September 2008



Linke Regierungen 
in Lateinamerika
 
 

Editorial ila 318 September 2008

In einer Erinnerung an seinen vor 20 Jahren von Militärs in El Salvador ermordeten Freund Jürg Weiss, bemerkt Beat Schmidt in dieser ila, dass vieles von dem, wofür Jürg in den Achtzigern gekämpft hat, trotz des zeitweiligen Siegeszugs des Neoliberalismus heute in Lateinamerika wieder auf der Tagesordnung steht: „Cuba hat überlebt und strahlt weiterhin seine Faszination aus, diejenigen, die 1994 (in Chiapas – die Red.) ,ya basta' schrien, konnten nicht totgeschwiegen werden, ein ehemaliger Bischof hat in Paraguay die Landreform zum Ziel seiner Präsidentschaft erkoren, der erste indigene Präsident hat Bolivien Hoffnung, Rohstoffe und Würde zurückgegeben, die Yankees müssen ihre Militärbasis 
in Ecuador räumen und die Ölmultis sich in Venezuela neuen Regeln beugen, die ihre maßlosen Gewinne beschneiden, um nur einige Beispiele zu nennen.“

Zweifellos geschehen heute in Lateinamerika Dinge, die wir uns vor zehn Jahren kaum vorstellen konnten. Damals schien die neoliberale Dampfwalze unaufhaltbar zu sein: Öffentliche Unternehmen wurden an internationale Konzerne verramscht, die sozialen Sicherungssysteme zerstört, die staatlichen Bildungs- und Gesundheitsstrukturen ausgetrocknet, der Agrarsektor noch stärker auf die Exportproduktion orientiert und die Vormachtstellung des auf kurzfristige Profite orientierten Finanzkapitals durchgesetzt.
Die Linke hatte dem lange wenig entgegenzusetzen. Ihre Parteien und Gewerkschaften erschöpften sich in Abwehrkämpfen, viele Mitglieder blieben weg, weil der Überlebenskampf ihre ganze Kraft erforderte und sie auch nicht mehr genau wussten, wofür sie eigentlich noch kämpften. Der Zusammenbruch der sozialistischen Staaten in Osteuropa hatte nicht nur die moskautreuen KommunistInnen in eine tiefe Krise gestürzt, sondern alle linken Organisationen, die an die Machbarkeit einer sozialistischen Alternative glaubten. Dazu kamen hausgemachte Defizite, wie hierarchische Strukturen, fehlende innerparteiliche Demokratie und machistische Strukturen.

In der Krise traten neue Akteure auf den Plan. Soziale Bewgungen, die sich in den Kämpfen gegen die Folgen der neoliberalen Umstrukturierung neu formiert hatten, wie Stadtteilorganisationen, bäuerliche Bewegungen, Wasser- und Umweltinitiativen, Arbeitslosengruppen. Dazu kam das Erwachen der indigenen Bevölkerung, für die die Gegenaktivitäten zu den offiziellen Feierlichkeiten des 500. Jahrestags der Entdeckung Lateinamerikas 1992 zur Initialzündung wurde.

Im Zusammenspiel mit diesen sozialen Bewegungen formierte sich die Linke neu. Es entstanden neue Bündnisse, die leninistische Parteimodelle hinter sich ließen und sich programmatisch neu orientierten. Dabei war die Überwindung hierarchischer Strukturen ein großer Fortschritt und machte die Zusammenarbeit mit den autonomen sozialen Bewegungen überhaupt erst möglich. Programmatisch löste sich die Linke teilweise von ihrer Staatsfixiertheit, von dem Glauben, über die Kontrolle des Staatsapparates die Gesellschaft verändern und demokratisieren zu können. Bei der Betrachtung der politischen Neuorientierung sollte man nicht außer Acht lassen, dass die in einer Phase erfolgte, in der die Linke absolut in der Defensive war.

 In den neunziger Jahren erschien es vielen realitätsfern, für die Verstaatlichung der Großbanken, ArbeiterInnenselbstverwaltung in den Betrieben, eine Neuordnung der Landbesitzverhältnisse oder eine Nichtbezahlung der Auslandsschulden einzutreten. Die Programme der neuen linken Allianzen setzten deshalb die vom Neoliberalismus etablierten Strukturen als gegeben voraus. Die Rohstoffexportmodelle als Grundlage der lateinamerikanischen Volkswirtschaften – inklusive ihrer ökologischen Kosten – wurden nicht mehr in Frage gestellt.

Als das neoliberale Modell zunehmend in die Krise geriet und in den meisten Ländern Südamerikas linke Bewegungen die Wahlen gewannen, wurde dies die Grundlage ihrer Regierungspolitik. Das bestehende Wirtschaftsmodell sollte optimiert werden (z.B. durch die Eliminierung der grassierenden Korruption und die Zurückdrängung ausländischen Einflusses) und seine wirtschaftlichen Erlöse auch den bisher sozial Ausgegrenzten zu Gute kommen. In dieser Logik agieren heute die linken oder besser gesagt Mitte-Links-Regierungen in Lateinamerika. Und die Erfolge scheinen ihnen Recht zu geben. Mit Ausnahme der in jüngster Zeit kriselnden linksperonistischen Regierung in Argentinien verzeichnen alle von der Linken gestellten Regierungen eine hohe Zustimmung.

Wir verfolgen diesen Prozess in der ila kontinuierlich, fanden es nun aber an der Zeit, ihm einen ganzen Schwerpunkt zu widmen. Dabei wollten wir nicht Land für Land mit den gleichen Fragestellungen analysieren und vergleichen, sondern in den jeweiligen Länderbeispielen unterschiedliche Aspekte in den Vordergrund stellen. Wenn etwa zwei Artikel die außerordentliche Popularität der Regierung Lula in Brasilien untersuchen, heißt das nicht etwa, dass Lula populärer als seine KollegInnen in anderen Ländern ist. Oder wenn wir die fehlende Förderung kleinbäuerlicher ProduzentInnen in Ecuador oder Bolivien ansprechen, bedeutet das keinesfalls, dass diese Förderung andernorts funktionierte.

Wichtig war uns auch unterschiedliche Positionen zu Wort kommen zu lassen, um die Bandbreite der linken Debatte über die Veränderungsprozesse in Lateinamerika deutlich zu machen. Wir hoffen, dass uns dies gelungen ist und dieser superdicke ila-Schwerpunkt viel Diskussionsstoff bietet!


Inhalt

Linke Regierungen in Lateinamerika

4 Reformen zum Erhalt der Revolution
Die begonnenen Veränderungsprozesse in Cuba unter Raúl Castro / von Silke Helfrich

8 Klares Wählervotum – unklare Verhältnisse
Abwahlreferendum in Bolivien / von Peter Strack

10 „Für uns ist es eine gute Regierung“
Noch übt sich die bolivianische Landbevölkerung in Geduld / von Peter Strack

13 Keine Linkspartei im herkömmlichen Sinn
Boliviens „Bewegung zum Sozialismus“ (MAS-IPSP) ist vor allem ein Machtinstrument der sozialen Bewegungen
/ von Waldo Acebey

15 Soziale Fortschritte, demokratische Rückschritte
Neosandinismus in Nicaragua / von Klaus Heß

18 Wo geht's denn hier zum Sozialismus?
Jenseits der Rhetorik gibt es in Venezuela wenig Ansätze zu einer nichtkapitalistischen Entwicklung
/ vom Kollektiv p.i.s.o. 16

21 Das Fenster zum Süden wird geöffnet
Es weht ein frischer Wind in Venezuelas Kultur / von Ute Evers

23 Ist an der Regierung Lula noch etwas links?
Brasiliens Präsident ist populär wie nie zuvor / von Thomas Fatheuer

26 „Die beste Regierung aller Zeiten“
Einige (nicht nur) agrarpolitische Anmerkungen zur Regierung Lula in Brasilien / von Ingo Melchers

29 Microsoft raus
Gilberto Gils Kulturrevolution in Brasilien / von Silke Helfrich

31 Links blinken, rechts abbiegen?
Die Regierungspolitik der Frente Amplio in Uruguay / von Stefan Thimmel

34 Zwischen Partizipation und Caudillismo 
Ecuadors Präsident Rafael Correa reißt den Verfassungsprozess an sich – die Linke wehrt sich
/ von Gerhard Dilger

37 Traditionelle Agrarpolitik einer „linken“ Regierung
Ecuador: Präsident Correa setzt auf agroindustrielles Agrarexportmodell / von Frank Braßel

39 „Linke“ Regierung gegen Bewegung
Die ZapatistInnen und die PRD-Regierung in Chiapas / von Luz Kerkeling und Peter Clausing

41 Von Straßenblockierern und Staatssekretären
Argentinien: Piqueteros in der Ära K / von Alix Arnold

44 Vom lokalen zum präsidentialen Klientelismus
Grundsicherungspolitik der Regierungen in Argentinien, Brasilien, Uruguay / von Werner Rätz

46 Wann dürfen Frauen selbst entscheiden?
Die Mitte-Links-Regierungen scheuen bei der Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen 
den Konflikt mit den Kirchen / von Laura Held und Stefan Thimmel

48 Objektiv erforderlich, subjektiv ambivalent 
Die linken Regierungen und der Prozess der lateinamerikanischen Integration / von Günter Pohl


Berichte & Hintergründe

50 UN-kontrolliertes Elend in Haiti
Die neue Premierministerin wird einen schweren Stand haben / von Ulrich Mercker

52 Schachmatt für die humanitäre Arbeit?
Kolumbien: Die Schattenseiten der Befreiungsaktion von Ingrid Betancourt
/ von Iván Torres

54 Konzerne am Pranger
Interview über das Ständige Tribunal der Völker in Kolumbien / von Bettina Reis

57 Der kalte Wind des Fremdenhasses
Lateinamerikanische Empörung über Abschieberichtlinien der EU / von Gerhard Dilger


Kulturszene

58 Wo der Gesang zur Welt kommt
Interview mit der Dichterin und Sängerin Sonia Solarte / von Esther Andradi

60 Neues von Mario Conde
Buchbesprechung / von Klaus Jetz


Ländernachrichten/Poonal

61 Argentinien, Mexiko, Costa Rica, Chile, Brasilien, Paraguay, Peru, Honduras


Solidaritätsbewegung

64 Tango Argentino – Portrait eines Landes
Buchbesprechung / von Dieter Boris

65 Realität erforschen, um sie zu verändern
Abschied von Orlando Fals Borda (1925-2008) / von Klaus Meschkat

66 Jorge presente!!
Vor 20 Jahren wurde der Schweizer Soliaktivist Jürg Weiss vom salvadorianischen Militär erschossen
/ von Beat Schmidt

67 Notizen aus der Bewegung, Impressum

Gefördert von der Rosa-Luxemburg-Stiftung

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