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Holz
Zellulose
Papier
Editorial ila
310 November 2007
An irgendeinem Morgen im letzten Sommer geschah es. Muna sprach
ihr erstes Wort. Sie zeigte aus dem Fenster und sagte „Ba-um“. Wie schön – ein sympathisches erstes Wort.
Bäume und Wälder haben Menschen schon immer zu Mythen und Geschichten angeregt. Bäume leben wie Menschen und Tiere, aber sind unbeweglich wie Berge und Steine. Gleichzeitig verändern sie laufend ihr Gesicht und wiegen sich im Wind. Dichte Wälder sind geheimnisvoll – alleinstehende Bäume ebenso. Wälder bieten Flüchtigen ein Versteck. In Mythen und Legenden sind Bäume die Verbindung zwischen Menschen und Göttern. Sie brachten uns das Feuer. Wenn man sie fällt, kommt der Himmel zum Vorschein. Es gibt heilige Wälder und Fruchtbarkeitsbäume.
Und den Baum des Lebens. Zugleich ist Holz eine der meist genutzten Ressourcen – neben Luft und Wasser. Der Holz- und Papiersektor macht etwa drei Prozent des gesamten Welthandels aus.
In letzter Zeit bekommt man an auffällig vielen Einkaufsorten hübsche, große Papiertüten, für die häufig noch nicht mal bezahlt werden muss. Das plastiktütenkritische Bewusstsein freut sich, außerdem kann darin herrlich Altpapier gesammelt werden, kommt alles direkt zusammen in die Tonne. Dabei tut's der gute alte Stoffbeutel genauso. Der Papiersektor scheint sich seine Nachfrage selbst zu schaffen, denn etwa die Hälfte der weltweiten Papierproduktion ist für Verpackung bestimmt. Die Werbebranche haut tonnenweise Material raus, das meist ungelesen im Papierkorb landet. Der gedankenlose Konsum kommt u. a. daher, weil Papier so billig ist. Weshalb? Fast die gesamte Holz- und Papierproduktion wird direkt oder indirekt subventioniert. Und sie hat viele FürsprecherInnen, z. B. bei der Weltbank oder in der Entwicklungszusammenarbeit.
Ein häufiges Argument: Die Zellstoffindustrie und der Forstsektor bringen Arbeitsplätze. Doch im Vergleich zu anderer Bodennutzung entstehen nur sehr wenige Jobs. Forstarbeit ist zudem laut der Internationalen Arbeitsorganisation ILO einer der gefährlichsten und anstrengendsten Sektoren, mitunter wird gar von sklavenähnlichen Bedingungen auf Baumplantagen in Uruguay oder Brasilien berichtet. Forstarbeiter hausen unter Plastikplanen, manchmal ohne Trinkwasserversorgung. In einer uruguayischen Plantage mussten Arbeiter Herbizide und Pestizide einsetzen und hatten weder Schutzkleidung noch vorherige Einweisung bekommen.
Es gibt immer noch viele Leute, die Baumplantagen mit Wäldern verwechseln. Doch die (ehemaligen) BewohnerInnen der Gegenden, wo sich heutzutage die Monokulturen für die Zellstoffproduktion ausbreiten, wissen genau, dass dem nicht so ist: „Grüne Wüste“, „Grüne Soldaten“ oder „Der Grüne Tod“ – so nennen sie die Plantagen. Die Plantagenbäume ziehen mehr Wasser aus dem Boden als im System zirkuliert und trocknen den Boden aus, Bodenerosion ist die Folge. Durch das schnelle Wachstum werden dem Boden Nährstoffe entzogen.
Ein weiteres Argument lautet, Baumplantagen würden zur CO2-Absorption beitragen und somit die Klimabilanz verbessern. Doch diese Plantagen sind ja quasi die Zulieferindustrie für die Zellstoffproduktion, die sehr energieintensiv ist. Für die Produktion von einem Paket Frischfaserpapier beläuft sich der Gesamtenergiebedarf auf 26,8 kWh, die gleiche Menge Recyclingpapier benötigt nur 10,5 kWh. Hinzu kommt der Energiebedarf für den Transport des auf der Südhalbkugel produzierten Zellstoffs in den Norden, denn hier sitzen die HauptkonsumentInnen: Liegt der durchschnittliche Prokopfverbrauch von Papier weltweit bei 50 Kilogramm, so werden in den USA 300, in Deutschland 228 Kilo Kilogramm pro Jahr konsumiert. Zum Vergleich: In Uruguay, einem der zukünftigen südamerikanischen Hauptlieferanten von Zellulose, sind es knapp 40 Kilogramm.
Ein weiteres Beispiel für Schönfärberei ist die Rede von der „Wiederaufforstung“. Dazu ein Landarbeiter aus der argentinischen Provinz Misiones: „Wiederaufforstung heißt, dass vorher abgeholzt wird. Die ansässige Bevölkerung wird dazu gezwungen ihre Produktion umzustellen oder zu gehen – letztlich ersetzen Kiefern die Siedler. Deshalb sagt auch unser Priester Piña immer, dass er für die Menschen und nicht für die Kiefern predigen möchte. Alles sieht nach einem makabren Plan aus: Zuerst kommt die Krise der traditionellen Anbauprodukte und ihr Preisverfall. Dann kommen die Forstfirmen und ziehen ihre Kiefern hoch. Eine Koexistenz von Kiefern und Menschen ist unmöglich.“
Was ist bloß aus unserem Freund, dem Baum, geworden! Wie aus dem Lebensbaum der grüne Tod werden konnte – davon berichtet der vorliegende Schwerpunkt.
P.S. Übrigens, die ila wird seit 15 Jahren auf Recycling-Papier gedruckt…
Inhalt
Holz – Zellulose – Papier
4 Der Weis(ß)heit letzter Schluss?
Zellulose, Nachhaltigkeit und Zertifizierung / von Klemens Laschefski
7 Keine grünen Wüsten!
Internationaler Aktionstag gegen Baummonokulturen / von Redes/Amigos de la Tierra
8 Der Zelluloseboom
Schauplatz Südamerika / von Paula Brufman
10 Vom Holz zum Papier
Begriffserklärungen / von Sarah Becker
11 Tabula rasa im tropischen Regenwald
Die verheerenden Spuren von Smurfit Kappa in Kolumbien / von Diego A. Cardona Calle
14 Trotz aller Bäume den Wald sehen
Zellstoffproduktion in Chile / von Ulf Baumgärtner
17 Nur noch der Friedhof erinnert an früher
Zellulosefabrikation Veracel in Brasilien / von Víctor L. Bacchetta
20 Ist Gualeguaychú ansteckend?
Gemeinsamer argentinisch-uruguayischer Protest gegen Zellstofffabriken / von
La Vaca
22 Ein Riesenverlustgeschäft
Finanzierung und Subventionen im Zellstoffsektor, das Beispiel Botnia / von
Chris Lang
24 Das Holz aus den Bäumen entfernen
Die Pläne der Zellstoffindustrie zu gentechnisch manipulierten Bäumen / von
Chris Lang
26 Agrotreibstoffe: die zweite Generation
Ethanolproduktion aus Bäumen
Berichte & Hintergründe
27 Unsere Politik ist unser Leben
Besetzte Häuser in Santiago de Chile / von Jochen Michelbach
29 Nein zur Mine!
Die Hintergründe des Widerstandes gegen den Bergbau in Patagonien / von Catharina Peeck
31 Chronik eines angekündigten Wahlsiegs
Kommentar zu den Wahlen in Argentinien vom 28. Oktober / von Roberto Frankentahl
32 Ein offenes Fenster der Freiheit
Interview mit KollegInnen aus dem selbstverwalteten Hotel B.A.U.E.N. in Buenos Aires
/ von Sebastian Türk
34 Gemeinsam etwas B.A.U.E.N.
Ein selbstverwaltetes Hotel / von Sebastian Türk
35 Gerechtigkeit für Pepe
Ein Mord im Flughafen von Guatemala / von Andreas Boueke
37 Aufbruch trotz Katerstimmung
Costa Rica: Knappe Mehrheit für Freihandelsabkommen mit den USA / von Torge Löding
38 Der Kleiderhaken
Die Schattenseiten des Freihandels in der globalen Bekleidungsindustrie / von
Dorit Siemers und Heiko Thiele
Ländernachrichten/Poonal
40 Mexiko, Nicaragua, Honduras, Kolumbien, Argentinien, Haiti, Brasilien, Bolivien, USA
Kulturszene
44 Wir leben im Chaos und schreiben eben über chaotische Dinge
Interview mit dem jüdisch-kolumbianischen Autor Memo Anjel / von Klaus Jetz
46 Meister der knappen Form
Die Erzählungen von Memo Anjel / von Torsten Tullius
47 Neues von der Grenze
Zwei Kurzkrimis des mexikanischen Autors Gabriel Trujillo Muñoz / von Torsten Tullius
s
48 Requiem für eine aus dem Leben Getretene
In seiner neuen Erzählung rekonstruiert Erich Hackl das Leben einer österreichisch-argentinischen
„Verschwundenen“
/ von Gert Eisenbürger
Solidaritätsbewegung
50 Notizen aus der Bewegung
51 18 Jahre an jeder ila beteiligt.
Abschied von Heinrich Piotrowski
Diese Ausgabe wurde vom Evangelischen Entwicklungsdienst (EED) gefördert.
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