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Jung sein in Lateinamerika - ila 309 Oktober 2007

 

 

in Lateinamerika    
Jung sein   

Editorial ila 309 Oktober 2007 

Beim Durchblättern diverser Jugendbeilagen hiesiger Medien ist das Handy immer wieder ein großes 
Thema. Ein Gebrauchsgegenstand als kultisches Identifikationsobjekt. Schon setzt der Erwachsenenreflex ein: „Was für oberflächliche Kids! Wir waren damals nicht so konsumgeil.“ Ein paar Seiten weiter kommen Jugendliche selbst zu Wort. Von Träumen ist die Rede. Auffällig ist, dass die männlichen Heranwachsenden recht wertekonservativ von Familie und Nachwuchs daherreden. Der Jugendliche von heute – das unbekannte, unverstandene Wesen?

Als „adoleszent“ gelten laut Weltgesundheitsorganisation die Heranwachsenden zwischen 10 und 20 Jahren. Für die westliche Jugendforschung ist Jugend ein Zeitraum des Übergangs. Mitunter wird auch von „Moratorium“ gesprochen. Die Jugendlichen können sich eine Auszeit nehmen, um Bildung zu erwerben, mit der sie später zu vollständigen Mitgliedern der Gesellschaft – Erwachsenen – werden sollen. Die Auszeit entbindet sie von Pflichten, gleichzeitig bedeutet es aber, dass sie (noch) nicht ganz dazugehören. Der Begriff des „Freizeitmoratoriums“ bezieht sich auf das scheinbare Privileg der Jugendlichen, im Hier und Jetzt zu leben und ihre Jugendkulturen pflegen zu können. Der „Ernst des Lebens“ beginnt erst später. Gelten diese Annahmen auch für lateinamerikanische Jugendliche? Haben lateinamerikanische Jugendliche, die oft schon von früher Kindheit an zum Familieneinkommen beitragen müssen, überhaupt „Freizeit“?

 Gerade in Bezug auf andere Kulturen zeigt sich, dass westliche Konzepte ihre Grenzen haben. Globale Prozesse, die Veränderungen in Arbeitswelt, Familien- und Schulalltag mit sich bringen, betreffen alle Jugendlichen weltweit. Wozu das Moratorium, wenn es den versprochenen Platz in der Gesellschaft nach der Auszeit aufgrund mangelnder Ausbildungs- oder Arbeitsplätze nicht gibt? Das mögen sich die SchülerInnen von der Rütli- oder der „Hartz- IV“-Schule denken. In Lateinamerika gehört die große Mehrheit der Jugendlichen schon seit längerem zu den marginalisierten Bevölkerungsgruppen, und zwar doppelt: wegen ihrer sozialen Zugehörigkeit und wegen ihrer Jugend. Zu Ausschluss und Unterdrückung aufgrund von (Hetero-)Sexismus, Rassismus, Antisemitismus, Klassismus, Diskriminierung Andersfähiger („Behindertenfeindlichkeit“) gesellt sich als weiteres Machtverhältnis der „adultismo“, die Macht der Erwachsenen über Kinder und Jugendliche.

Wie eine Welt ohne „adultismo“ aussehen könnte, bringen die TeilnehmerInnen eines Workshops der nicaraguanischen NRO „Puntos de encuentro“ auf den Punkt: „Wenn die Privilegien der Erwachsenen zu Rechten für alle würden, dann könnten wir Jugendlichen Folgendes machen: Unsere Freunde aussuchen, unsere Kleidung, unsere Musik und sogar das, was wir mit unserer Freizeit machen. – Keine Angst mehr vor physischer Bestrafung haben. – Aus dem Haus gehen oder Leute mitbringen, ohne um Erlaubnis zu fragen. – Den gleichen Lohn für die gleiche Arbeit bekommen. – Für die anderen genauso glaubwürdig und vertrauenswürdig sein wie die Erwachsenen. – Bei der Formulierung von Gesetzen mitwirken sowie bei politischen Entscheidungen. – Als verantwortungsbewusste Personen gelten, ohne es erst beweisen zu müssen. – Keine Zwänge und Erniedrigungen erleiden müssen, nur weil jemand älter ist als du.– Zu Hause an Entscheidungen beteiligt werden. – Entscheiden, was wir mit dem Geld machen, das wir verdient haben. – Unsere eigenen Strukturen aufbauen, wo wir unter uns sind, ohne dass wir als Faulenzer oder Bandenmitglieder abqualifiziert werden.“ Diese Wünsche mögen zwar in einem ganz bestimmten Kontext entstanden sein, doch sie spiegeln universell zu verwirklichende Rechte wider. Und sind ähnlich klar und weise wie die Aussage einer Interviewpartnerin in diesem Heft: „Die Kindheit ist das Wichtigste für das Leben. Wenn es dir gut geht, wenn du jung bist, wird das auch so sein, wenn du älter bist.“

Wenden wir uns also diesem wichtigen Lebensabschnitt zu und gucken uns an, wie in Lateinamerika Jugendliche aus Stadt und Land, aus den verschiedensten sozialen und kulturellen Bevölkerungsgruppen leben und ihre – nicht nur – jugendspezifischen Probleme meistern. Dabei haben wir Wert darauf gelegt, dass sie selbst – in Interviews oder eigenen Berichten – zu Wort kommen. Ein dickes Dankeschön geht an Peter Strack, der uns bei der Beschaffung einiger O-Töne sehr geholfen hat.


Inhalt

Jung sein in Lateinamerika

4 Übergang zum Ernst des Lebens? 
Jung sein in Lateinamerika – Plädoyer für neue Maßstäbe und Betrachtungsweisen / von Manfred Liebel

7 Früher war alles besser
Jung sein in Zeiten der cubanischen Spezialperiode / von Franco Weis

10 Sie wissen, dass unsere Eltern in Spanien sind 
Interview mit einem bolivianischen Jugendlichen / von Waldo Acebey

12 Mama, wirst du sterben?
Daniela, jungee Mutter und HIV-positiv, erzählt ihr Leben zwischen Bolivien und Argentinien / von Mina Halpern

14 Ich bin HIV-positiv und möchte wissen, ob du mich angesteckt hast
Die Geschichte von Violeta aus Bolivien / von Mina Halpern

17 Die Zukunft liegt in unserer eigenen Hand
Überlegungen eines Bandenmitglieds aus El Alto, Bolivien / von Alfredo Apala

18 Ein Computer für jede Klasse
Schüleralltag in Nordperu / von Frauke Meyer

20 Ich spiele auch mit Spielzeughühnern
Bildung und Lernprozesse in Yunguyo, Peru / von PRATEC

22 Ich war ziemlich unausstehlich
Kolumbien: Vom Vertriebenen zum aufstrebenden Fußballspieler / von Stella Duque

24 Krieg ist schlimm, aber die einzige Chance
Warum sich Jugendliche in Kolumbien bewaffneten Gruppen anschließen / von Juan Pablo Franco

26 Jugendarbeit für gute und schlechte Kids!
Interview mit Daniel Galíndez von der Casa de Juventud in Popayán, Kolumbien
/ von Yenny Lucía Astaiza, Yennifer Astaiza und William Fernando Hurtado

28 Schwarz, jung, weiblich sucht ...
Zwei Lebensgeschichten aus Rio de Janeiro: Jéssica: „Ich will zeigen, dass ich etwas kann, ich will etwas verändern”
Dandara: „Tanzen ist meine Leidenschaft” / von Luciane O. Rocha und Eliane Santos

31 Wir sind spontaner, aber trotzdem Menschen
Interview mit der Kolumbianerin Leyla Morales Castillo, kurz vor ihrem 15. Geburtstag / von Bettina Reis


Berichte & Hintergründe

34 Die Quadratur des Kreises
Eine uruguayische Bilanz nach der Halbzeit / von Ernesto Kroch

38 Erfolg im Kampf gegen Straflosigkeit und Diktaturen
Kommentar der Infostelle Peru zur Auslieferung von Alberto Fujimori / von Elena Muguruza

39 Unsere Natur ist unser einziger Reichtum
Dorfgemeinschaften im Norden Perus lehnen den Bergbau einhellig ab / von Susanne Friess

40 Monte Albán, allein auf sich gestellt
Der Berg kreißt, das Tal von Oaxaca weiß noch nicht, was er gebiert / von Ulrich Mercker

43 IIRSA – der Irrsinn hat System
Zur Initiative für die Integration der Infrastruktur Südamerikas / von Margarita Flórez

46 Die Vogelscheiße und der Imperialismus
Vor 150 Jahren nahmen die USA das erste Überseeterritorium in Besitz / von Eduard Fritsch

47 Die Agrotreibstoff-Falle
Die Strategien der Großkonzerne / von Laura Carlsen


Kulturszene

49 Die Schönheit einer Hässlichen
Violeta Parra, 40 Jahre nach ihrem Tod – eine Verbeugung / von Omar Saavedra Santis

54 Ein vergessener Kulturvermittler
Zum 125. Geburtstag von Georg Helmuth Neuendorff / von Klaus Küpper

57 Parabel der totalitären Herrschaft
Der Roman „Unten sind ein paar Typen“ von Antonio Dal Masetto / von Klaus Jetz


Ländernachrichten/Poonal

58 Paraguay, Guatemala, Ecuador, Venezuela, Argentinien, Brasilien, Cuba, Mexiko

62 Notizen aus der Bewegung

Titelfoto: Germán Linares – „Wo ist Platz für uns? 
Diese Ausgabe wurde vom Evangelischen Entwicklungsdienst (EED) gefördert.

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