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Vertrieben
im
eigenen Land
Editorial ila
303 März
2007
Was ist bloß los? Hollywood nimmt sich unserer Themen
an – in Bordertown betreibt
Jennifer López investigativen Journalismus, um Frauenmorde in Ciudad Juárez aufzuklären. Im November 2005 hatte die ila einen Schwerpunkt dazu veröffentlicht. Auch Papst Benedikt äußerte sich damals zur Problematik, allerdings nicht in der ila.
Jetzt hat Benedetto schon wieder ein ila-Thema aufgegriffen: Anfang Januar sorgte er sich in einer Ansprache an den neuen kolumbianischen Botschafter beim Heiligen Stuhl um Kolumbiens Bevölkerung, die unter dem bewaffneten Konflikt leidet. In dem Zusammenhang erwähnte er auch eine Personengruppe, deren Situation wir in dieser ila vorstellen möchten: die internen Vertriebenen, Menschen, die zu Flüchtlingen im eigenen Land werden.
Weltweit gibt es etwa 40 Millionen interne Vertriebene, die Hälfte davon in Afrika. Trauriger Spitzenreiter in Lateinamerika ist Kolumbien mit zur Zeit 3,8 Millionen Vertriebenen. In der ersten Hälfte 2006 waren es durchschnittlich 637 Personen pro Tag, die ihre Heimatgebiete aus Angst vor dem bewaffneten Konflikt, vor Verfolgung oder Menschenrechtsverletzungen verlassen mussten. Aber auch in anderen Ländern des Kontinents gibt es sie – 60 000 in Peru, 242 000 in Guatemala und 12 000 in Mexiko. Hinzu kommen Tausende von Familien, die aufgrund von Ressourcenkonflikten in ganz Lateinamerika direkt oder indirekt vertrieben werden – wegen Bergbau, Forstwirtschaft oder großflächigem Anbau von Agrarprodukten für den Export. Auch bei infrastrukturellen Großprojekten wie Verkehrswegen zu Wasser und zu Land oder Staudämmen zur Energiegewinnung steht nicht selten die ansässige Bevölkerung im Wege, die auf den begehrten Ländereien lebt. Meist flüchten die internen Vertriebenen vom Land in die Stadt, doch es gibt auch innerstädtische Vertreibung. Nicht wenige leiden unter mehrmaliger Vertreibung.
Zum Trauma der Vertreibung kommt die ernüchternde Lebenssituation in den Aufnahmegebieten, meist den städtischen Randbezirken. Die alteingesessene Bevölkerung ist argwöhnisch gegenüber den Neuankömmlingen mit ihrem merkwürdigen Akzent und ihren absonderlichen Gebräuchen vom Land. Als ob sie nicht schon elend und beengt genug hausen würden, jetzt machen ihnen diese Landeier auch noch die wenigen Erwerbsmöglichkeiten streitig! Und irgendetwas werden sie schon angestellt haben, sonst hätten sie ja nicht flüchten müssen …
Das erinnert an hiesige Ressentiments gegenüber Asylsuchenden. Bei der Schwerpunktvorbereitung kamen wir darauf, dass in der Tat beide Bevölkerungsgruppen einiges gemeinsam haben, zumindest die Fluchtursachen sind oft die gleichen. Oder auch der bürokratische Umgang: Theoretisch bekommen interne Vertriebene in Kolumbien z.B. staatliche Unterstützung wie Unterkunft, Lebensmittel und kostenlose Arztbesuche. Dies gilt jedoch nur für diejenigen, die sich registrieren lassen. Doch BehördenmitarbeiterInnen lassen die Vertriebenen ihre Verachtung spüren, Verzögerungen und Schikane sind Alltag, so dass viele es vorziehen, sich gar nicht registrieren zu lassen. Auch das ist eine Parallele zu Asylsuchenden, z.B. in Deutschland: Die Gängelung auf Sozialämtern, der Ausländerbehörde oder in „Ausreisezentren“ sind derart entwürdigend, dass viele es vorziehen unterzutauchen und sich als Illegalisierte durchzuschlagen.
Wann endet Vertreibung? In Angola z.B. ganz schön schnell – bereits nach sechs Monaten gelten Vertriebene als „integriert“, in Kolumbien wird der Vertriebenenstatus länger beibehalten. Aber das ist ja auch bei der Integration von Asylsuchenden so – in einigen Ländern gelingt sie leichter, in anderen selbsternannten Nichteinwanderungsländern weniger.
Eine weitere Gemeinsamkeit von Flüchtlingen hier und Vertriebenen dort ist, dass wenig über ihre wirklichen Lebensbedingungen bekannt ist. Damit sich das in Bezug auf die Vertriebenen ändert, gibt es nun den vorliegenden ila-Schwerpunkt – denn wer hört sich schon die Ansprachen von Papst Benedikt an?
Inhalt
Vertrieben im eigenen Land
4 Vertreibt die Ignoranz!
2007 das „Jahr der Rechte der Vertriebenen“ in Kolumbien /von Gladys Prada
5 Interne Vertriebene, Flüchtlinge – wer ist was?
6 Vertriebene bauen ihre Häuser selbst
Fallstricke eines Projektes in Cartagena, Kolumbien /von Marie-Louise Hitz
8 Der eingesperrte Kondor
Interview mit Juan de Dios García vom afro-kolumbianischen Netzwerk PCN
10 Im Reisegepäck der Schmerz
Der Überlebenskampf der vertriebenen Frauen in Cali, Kolumbien /von María Elena Unigarro Coral
12 „Sie sollen uns nicht übersehen“
Vertriebene Jugendliche in Kolumbien kämpfen gegen soziale Ausgrenzung /von
Silke Oldenburg
14 Im wilden Westen
Das Minenunternehmen Yanacocha vertreibt Landbevölkerung im peruanischen Cajamarca
/von Waldo Acebey
16 Die Schuldigen sollen für ihre Taten zahlen
Eine Vertriebenengeschichte von Mama Elena González und ihrer Tochter Marlene aus Peru
/von Kerstin Kastenholz
17 Ich will kein Geld für meinen toten Vater
Interview mit Heeder Soto Quispe, Waise und Vertreter von peruanischen Bürgerkriegsopfern
/von Kerstin Kastenholz
19 Der rote und der grüne Leuchtende Pfad
Die Geschichte eines Polizisten, Sängers und Menschenrechtsaktivisten in Peru
/von Kerstin Kastenholz
22 Neue Horizonte, altbekannte Schikane
Räumungen und Vertreibungen in Guatemala /von Christiane Treeck
25 Mi gente – Meine Leute
Widerstand gegen das Staudammprojekt El Chaparral in El Salvador /von Ulf Baumgärtner
26 Exportweltmeister Deutschland und Korruptionsweltmeister Siemens sind mit von der Partie
28 Nach dem Krieg den Frieden überleben
Erfahrungen aus El Salvador und Guatemala /von Eduard Fritsch
30 Und ewig ruft das Exil
Aus dem Leben einer salvadorianischen Familie /von Eduard Fritsch
32 Vertreibungen als Militärstrategie
Interview mit Michael Chamberlin vom Menschenrechtszentrum Fray Bartolomé de las Casas in Mexiko
/von Luz Kerkeling
Berichte & Hintergründe
34 Kausachun Koka?
Die Kokapolitik Boliviens seit „Evo Presidente“ /von Kathrin Buder
37 Gefahr eines Bürgerkriegs in Bolivien?
Der Konflikt zwischen dem andinen und dem weißen Bolivien /von Almut Schilling-Vacaflor
39 Big Brother is watching
you!
Peru: Neue Strategien der Bergbaukonzerne gegen ihre KritikerInnen /von Hildegard Willer
41 Ferien auf dem Bauernhof
Longo Mai auf mittelamerikanisch /von Winnie Medina
43 Auf dem langen Weg zur poder popular?
Die soziale Bewegung in Oaxaca organisiert sich neu /von Luz Kerkeling
46 Niemand kümmert sich um die Verfolgten
Interview mit Adán Espinoza aus Atenco, Mexiko
47 Die Rückkehr des Kolonialismus in Haiti
Wie die „internationale Gemeinschaft“ ein Land zerstört /von Tsigereda Walelign
50 Ein Ex-Bischof als linker Hoffnungsträger
Auch in Paraguay entwickelt sich eine linke Alternative /von Helmut Hackfort
52 Die Satzung der Tekojoja (Auszüge)
53 Wir können uns selbst regieren!
Rigoberta Menchú kandidiert für die guatemaltekische Präsidentschaft /von
Günter Pohl
54 Von Institutionen und Einzeltätern
Die argentinische Staatsanwaltschaft bezeichnet Mercedes Benz Argentina als „schuldig“ und stellt Verfahren
gegen die zivilen Täter ein /von Gaby Weber
Kulturszene
56 Der Zauberer von Aracataca
Gabriel García Márquez zum 80. – eine Hommage /von Omar Saavedra Santis
57 Kulturelle Aufbruchstimmung
Eindrücke von der XVI. Internationalen Buchmesse in Havanna /von Ute Evers
58 Fluchthilfe und Widerstand – gelebte Solidarität
Hörbuch mit den Lebenserinnerungen von Lisa Fittko /von Hans-Ulrich Dillmann
Ländernachrichten/Poonal
59 Brasilien, Uruguay, Dom. Republik, El Salvador, Argentinien, Venezuela, Nicaragua, Panama, USA
Solidaritätsbewegung
62 Hintergründe zur aktuellen Lage
Sammelband zur politischen und sozialen Entwicklung Boliviens /von Stefan Silber
63 Notizen aus der Bewegung
Titelbild: Alberto Jerez
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