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Zwischen Uruguay und Deutschland
Ernesto Kroch
zum 90. Geburtstag
Editorial ila
302 Februar
2007
Eine solche ila gab es noch nie – zum ersten Mal in unserer über 30jährigen Geschichte widmen
wir einen Schwerpunkt einem einzigen Menschen, unserem Mitarbeiter Ernesto Kroch. Denn der feierte am 11. Februar in Uruguays Hauptstadt Montevideo seinen 90. Geburtstag. Wir waren uns in der Redaktion einig, dass dieser runde Geburtstag Ernestos einen besonderen Niederschlag in unserer Zeitschrift finden müsse. Nicht nur, weil wir damit einen außergewöhnlichen Freund und Genossen ehren wollen, sondern auch weil sich in Ernestos Leben und seinem seit nun schon über 75 Jahre (!) währenden Engagement in linken Zusammenhängen auch die Geschichte Deutschlands und Uruguays spiegeln.
Als junger Mensch erlebte Ernesto den Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland. Mit seinen FreundInnen aus dem deutsch-jüdischen Jugendbund Kameraden schloss er sich nach dem 30. Januar 1933 einer Widerstandsgruppe an. Am 9. November 1934 wurde er deswegen verhaftet und wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu einer 18monatigen Gefängnisstrafe verurteilt. Nach deren Verbüßung kam er ins Konzentrationslager Lichtenburg. Anfang 1937 konnte er Deutschland verlassen und kam über Jugoslawien Ende 1938 nach Uruguay. Auch dort blieb er politisch aktiv, engagierte sich im „Deutschen Antifaschistischen Komitee“, später in der Gewerkschaft und der Kommunistischen Partei. Als im Juni
1973 in Uruguay das Militär die Macht übernahm, arbeitete er wieder im Untergrund. Um seiner drohenden Verhaftung zu entgehen, floh er 1982 in die Bundesrepublik Deutschland. Seit 1985 lebt er wieder in Uruguay. Seine Lebensgeschichte hat Ernesto selbst in seinem Buch „Heimat im Exil – Exil in der Heimat“ erzählt.
Wir hatten die Idee, in diesem ila-Schwerpunkt Menschen zu Wort kommen zu lassen, die ihn in verschiedenen Phasen seines Lebenswegs begleitet haben. Wir sind daraufhin an verschiedene FreundInnen, Bekannte und GenossInnen Ernestos in Uruguay, Deutschland und Schweden herangetreten und baten sie, einen Text für die Ausgabe beizusteuern. Fast alle haben spontan zugesagt. Eva Pollak in Solna bei Stockholm war zusammen mit Ernst bei den Kameraden und in der Breslauer Widerstandsgruppe, außerdem war sie seine erste Liebe. Ihr Sohn Tommy Pollak hat ihre Erinnerungen an Ernesto für die ila aufgezeichnet.
Magda Marcuse sowie Kurt und Steffi Wittenberg wurden wie Ernesto von den
Nazis aus Deutschland vertrieben. Sie lernten sich im Exil in
Montevideo kennen. Ernesto und Kurt Wittenberg waren darüber hinaus
gemeinsam im "Deutschen Antifaschistischen Komitee" aktiv. Miguel Piperno und Ruben Prieto waren zusammen mit Ernesto in den fünfziger Jahren im „Comité Popular del Barrio Sur“ aktiv. Walter Barreto war Betriebsleiter in der Fabrik Julio Berkes S.A., in der Ernesto über Jahrzehnte gearbeitet hat. Dort war er auch für die Metallarbeitergewerkschaft UNTMRA tätig.
In seinem zweiten Exil in Frankfurt haben ihn Peter Wahl sowie Carlos und Gabriela Corvalán kennen gelernt. Mario Mederoa arbeitet seit 20 Jahren mit ihm in Montevideo im Stadtteilkomitee Andresito, Stefan Thimmel in der Casa Bertolt Brecht. Gert Eisenbürger ist seit fast zwei Jahrzehnten sein Ansprechpartner in der ila. Theo Bruns hat als Verleger in Zusammenarbeit mit Stefan Thimmel und Angela Habersetzer die Neuausgabe von Ernestos Autobiographie organisiert und begleitet. Rolf Satzer und Alix Arnold haben verschiedene Veranstaltungen mit Ernesto in Köln organisiert, Martin Keßler arbeitet seit drei Jahren an einem Film über Ernesto, Klaus Meschkat und Dorothea Härlin haben mit ihm bei mehreren attac-Sommerakademien zusammen gelehrt und gelernt, und seine Enkeltöchter Karen und Erika steuern einige ganz persönliche Blicke auf ihren Großvater bei. Allen sei an dieser Stelle für ihre Mitarbeit an dieser ila gedankt. Besonderer Dank gebührt Ernestos Lebensgefährtin Eva Weil (Feva). Das ganze Projekt dieses Schwerpunktes wurde nämlich ohne das Wissen von Ernesto realisiert, für ihn soll es eine nachträgliche Geburtstagsüberraschung sein. Wir in der ila haben die Arbeit und die AutorInnen in Europa koordiniert, Eva in Montevideo. Ernesto ist zwar ein sehr interessierter Mensch, der die internationalen Debatten und Entwicklungen verfolgt, der Nutzung von PC und Internet verweigert er sich aber, der heimische Computer ist die Domäne von Eva. So konnten wir problemlos über E-Mail mit ihr kommunizieren, ohne dass Ernesto davon etwas mitbekam.
So viel zur Genese dieses Heftes, aber natürlich wollen wir dieses Editorial nicht beenden, ohne Ernesto an dieser Stelle ganz herzlich zu seinem 90. Geburtstag zu gratulieren:
¡Cumpleaños feliz!
Inhalt
Ernesto Kroch zum 90. Geburtstag
Zwischen Uruguay und Deutschland
4 Kameraden, Widerstand, Konzentrationslager
Ernestos Jugend in Breslau von Gert Eisenbürger
5 Bei den „Kameraden“ waren alle gleichberechtigt
Interview mit Eva Pollak, die mit Ernesto in Breslau aktiv war von Tommy Pollak
6 Gruß über den Atlantik
WeggefährtInnen I - Die Geschichte von Kurt und Steffi Wittenberg von Theo Bruns
8 Heimat ist Augenblick
WeggefährtInnen II – Aus dem Leben Magda Marcuses von Theo Bruns
9 Das Gesetz aus der Autowerkstatt
Ernesto Krochs Engagement im Barrio Sur von Miguel Piperno
10 Vorwärts – mit erhobenem Haupt
Anarchistisch-kommunistische Zusammenarbeit in Barrio Sur von Ruben G. Prieto
11 Salud Ernesto
Die uruguayische Metallarbeitergewerkschaft UNTMRA zu Ernestos 90. Geburtstag
12 Ein vorbildlicher Arbeiter und Kommunist
Ernestos ehemaliger Betriebsleiter über seinen Mitarbeiter von Walter Barretto
13 Das zweite Exil
Ernestos Frankfurter Zeit von Peter Wahl
15 Ernesto
Ein persönlicher Blick aus dem Exil in Frankfurt von Gabriela Reyes und Carlos Corvalán
16 Ernesto ist eben Ernesto
Die Arbeit in der Nachbarschaftsvereinigung „Comité Andresito“ von Mario Medeora
17 Die Seele des Ganzen
Ernesto Kroch und das Kulturinstitut Casa Bertolt Brecht von Stefan Thimmel
19 Ein Autor zwischen den Welten
Schreiben ist Ernesto Krochs zweite Leidenschaft von Gert Eisenbürger
22 Hier wie dort vor Ort
Ernesto Kroch auf Lesetour von Alix Arnold und Rolf Satzer
24 In der Welt zu Hause
Begegnung in Montevideo und Hamburg von Theo Bruns
25 Ernesto alias Ernst – Der Langstreckenkämpfer
Ein Filmprojekt über Ernesto Kroch von Martin Keßler
27 Lebendiges Geschichtsbuch
Eine Art Liebeserklärung von Dorothea Härlin
28 Er zeigt uns, wie wir lernen und lehren sollten
Ernesto Kroch als Dozent bei den attac-Sommerakademien von Klaus Meschkat
30 Großvater Ernesto
Die Enkeltöchter Karen und Erika über ihren Opa
Berichte & Hintergründe
31 Mit zugehaltener Nase
Peru nach den Präsidentschaftswahlen 2006 von Diego Cuadra
33 Vermintes Gelände
Erfahrungen auf einer offiziellen Reise nach Peru von Gaby Küppers
36 Der Besitzer des Ofens wird für das Backen bezahlt
Interview mit dem zurückgetretenen bolivianischen Energieminister Andrés Soliz Rada
von Gerhard Dilger
39 Die Machenschaften der Security-Branche
Menschenrechtsanwalt Dionisio Díaz García in Honduras ermordet von Dina Meza
41 Der Tod des Generals
Der chilenische Schriftsteller Omar Saavedra Santis zum Abgang Augusto Pinochets
42 ¡Uh Ah – Chávez no se va!
Beobachtungen im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen in Venezuela von Marie-Sophie Schlaugat
44 Para-Militärs,
Para-Politik, Para-Connections
In Kolumbien kommen gefährliche Politik-Praktiken ans Licht von William Bastidas
46 Grausames déjà-vu
El Salvador: Todesschwadronen wieder aktiv von Till Baumann
47 Ein postneoliberales Gespenst geht um
Der Bloque Regional de Poder Popular sucht Zusammenarbeit mit progressiven Regierungen
von Ingo Niebel
48 Die Männer helfen fast nie
Treffen der zapatistischen Gemeinden von Joanna Blum
Ländernachrichten/Poonal
50 Haiti, Mexiko, Kolumbien, Brasilien, Argentinien, Cuba, Uruguay, Costa Rica
Solidaritätsbewegung
54 Fortschritte und Rückschritte
Impressionen vom Weltsozialforum in Nairobi von Gert Eisenbürger
58 Die große Literaturvermittlerin
Abschied von Ray-Güde Mertin von Gert Eisenbürger
59 Notizen aus der Bewegung
Titelfoto: Theo Bruns
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