|
Finanz

Politik
Editorial ila
301 Dezember 2006/ Januar
2007
Diesmal dreht sich auch in der ila alles nur um das Eine, um's Geld. Der Leser mag vielleicht denken,
das ist doch ganz einfach, einer hat es, der andere nicht. Und wer es hat, braucht es nur, um es anderen zu geben,
die ihm dann dafür das geben, was er braucht. Aber so einfach ist es nun mal nicht, und genau dem gehen wir im aktuellen Schwerpunkt genauer nach.
Es beginnt mit ganz praktischen Fragen. Wie kommt, zum Beispiel, das Geld von Antonia zu Berta, wenn die eine sich, sagen wir in Spanien und die andere in Peru aufhält? Eine Banküberweisung, für viele von uns eine tägliche Selbstverständlichkeit, hat eine Menge Tücken: Wer erfährt so davon, wo sich wer aufhält, was wer verdient? Wer verdient mit? Wie werden aus den spanischen Euros peruanische Soles? Oder wäre es nicht besser, dass die Angehörigen Euro oder Dollar erhalten?
Je nachdem, wie sich Antonia entscheidet, kommen unterschiedliche Mitspieler ins Spiel. Geht sie zur Bank, wird ihr Kundinnenverhalten genauestens registriert und elektronisch gespeichert. Ohne Bank ist sie auf Kurierdienste angewiesen, die in der Regel horrende „Gebühren“ verlangen. Dabei könnten die Kurierdienste für die Einzahlerin umsonst angeboten werden, weil mit dem bei den vielen MigrantInnen eingesammelten Geld vor Ablieferung bei den EmpfängerInnen große Zwischengeschäfte möglich sind. Auch bei der Umwandlung von einer Währung in die andere können Kursschwankungen genutzt und Gewinne gemacht werden.
Mag die Kundin von Bank oder Kurierdienst dies vielleicht gar nicht wissen oder sich zumindest nicht dafür interessieren, andere tun es. Noch vor wenigen Jahren schien die Tendenz zur Einführung des US-Dollars als Währung in den lateinamerikanischen Ländern unaufhaltsam. Heute halten ihn nur noch ganz vereinzelte Stimmen für die „natürliche Währung“ der Region. Seit der Handel mit Geld über Grenzen hinweg an Umfang immer mehr zunimmt – und das ist seit mehr als zehn Jahren schon der Fall – erweisen sich feste Bindungen der eigenen Währung an den US-Dollar (oder andere Leitwährungen) als problematisch. So entdecken Regierungen wie Nationalbanken Finanz- und Währungspolitik als Betätigungsfeld noch einmal neu.
Dabei werden sie von inländischem Geldbesitz kräftig unterstützt. Das sind keineswegs nur reiche Individuen, die an Geschäften jeder Art interessiert sind, sondern auch so genannte institutionelle Anleger wie heimische Pensionsfonds. Die waren mit den Privatisierungen der Altersvorsorge in einigen Ländern des Kontinents entstanden und verfügen inzwischen teilweise über beträchtliche Summen, die sie investieren wollen und müssen. Immer mehr Regierungen legen dafür Staatsschuldverschreibungen in nationaler Währung auf, Zentralbanken rücken vorsichtig vom Kurs auf den Dollar ab.
Wer das nun für eine Rückkehr zu nationalen Entwicklungspfaden hält, irrt. Hier geht es nicht um Finanzierung von Bildung, grundlegenden Nahrungsbedürfnissen oder produktiven Investitionen. Hier geht es bloß um Anlagemöglichkeiten. Die Entwicklung von Wertpapiermärkten ist der ganze Zweck des Unternehmens, die sich selbst vermehrende Kreislaufbewegung des Geldes der ganze Inhalt. Ein umlagefinanziertes Rentensystem müsse nicht schlechter sein als ein kapitalfinanziertes, schreibt ein Wirtschaftsanalyst, aber nur letzteres entwickle Renten- und Hypothekenmärkte.
Das Geld auf den Finanzmärkten organisiert weder Alterseinkünfte noch die Versorgung mit täglichen Gütern, egal ob es in US-Dollar, in Euro, in Real oder in Peso notiert ist.
P.S. Wir haben unser Dossier mit Geldscheinen illustriert, auf denen Konterfeis von Revolutionären und antikolonialen Kämpfern abgebildet sind. Gerne hätten wir dabei im gleichen Umfang Banknoten mit Frauen und Männern ausgewählt. Doch wie in allen siegreichen Revolutionen die kämpfenden Frauen in die zweite Reihe zurückgedrängt werden, drucken auch revolutionäre Zentralbanken nur Bilder männlicher Revolutionäre auf die Geldscheine. Trotz intensiver Suche fanden wir nur eine Frau: Clara Zetkin auf einem Zehn-Mark-Schein der DDR.
Inhalt
Finanzpolitik
Dossier Finanzpolitik
2 Wechselkurs und Entwicklung
Eine politische Regulierung der Wechselkurse ist überfällig / von Peter Wahl
5 Der subtile Verteilungskampf
Geldpolitik im Mercosur / von Joachim Becker
8 Sechs Jahre Dollarisierung
El Salvadors Erfahrungen mit der Währungsumstellung / von César Sención Villalona
9 Graduelle Entdollarisierung
Die peruanische Zentralbank ändert ihre Geldpolitik / von Adrián Armas und Francisco Grippa
11 Ist die Dollarisierung ein bloßes Währungsproblem?
Stimmen aus Ecuador / von Eduard Fritsch
14 Wie raus aus dem dualen Geldsystem?
Seit 1990 gibt es in Cuba zwei Währungen / von Jorge Weis
16 Pensionsfonds als Währungshüter?
Über die Interessen der Privatanleger an Währungspolitik / von Werner Rätz
18 Das Spiel mit der Inflationsangst
Die Unabhängigkeit der Zentralbanken als neoliberales Axiom / von Helder Ferreira de Mendonça
19 Vom Nutzen der Leitwährung
Die Währungspolitik des Naziregimes / von Werner Rätz
20 Ein Imperium in der Krise
Gefahr der globalen Währungskrise und die Möglichkeit eines Ausstiegs aus der Globalisierung
/ von Wim Dierckxsens
23 Ein Geschäft mit vielen Seiten
Die Geldüberweisungen der Armen wecken Begehrlichkeiten bei den Reichen / von
Eduard Fritsch
25 Spaniens Banken und das Geschäft mit den Remesas
Geldsendungen, Migration und Kapitalakkumulation / von Raúl Zibechi
27 Erpressung
Die Remesa-Keule im nicaraguanischen Wahlkampf / von Ben Beachy
Berichte & Hintergründe
4 Die Leute sind des Klientelismus überdrüssig
In Oaxaca entsteht eine breite soziale Bewegung / von Veronika Bennholdt-Thomsen
6 Die APPO trotzt der Repression
Mehr als sechs Monate Aufstand in Oaxaca / von Gerold Schmidt
8 Wasserwerfer ohne Wasser
Die Verteidigung von Universität und Radio APPO / von Gerold Schmidt
9 Opposition baut weiter Druck auf
López Obrador proklamiert sich zum „legitimen Präsidenten“ Mexikos / von
Gerold Schmidt
10 Soziale Bewegungen sicherten Lulas Macht
Brasilien: Klarer Wahlsieg in der zweiten Runde / von Andreas Behn
11 Die Bewegungen und die Wahlen
Stellungnahme der brasilianischen Landlosenbewegung MST
12 Neuanfang in Ecuador
Rafael Correa zum Präsidenten gewählt / von Frank Braßel
14 Alter Wein in neuen Schläuchen
Daniel Ortega gewinnt Präsidentschaftswahlen in Nicaragua / von Wolf-Dieter Vogel und Silke Helfrich
16 Rückfall ins 19. Jahrhundert
FSLN votierte für totales Abtreibungsverbot in Nicaragua / von Wolf-Dieter Vogel und Silke Helfrich
18 Der Marsch der Pinguine
Chiles SchülerInnen wollen ein gerechteres Bildungswesen / von Marco Coscione
20 Weg mit den Masken
Die Verwicklungen von Politik, Paramilitärs und Drogenhandel an der kolumbianischen Atlantikküste
von der Nationalen Bewegung der Opfer von Staatsverbrechen
22 Eigentlich nicht wettbewerbsfähig
Interview mit Dario Ruiz und Hector Rodríguez zu Mit- und Selbstverwaltung in Venezuela
/ von Britt Weyde und Alix Arnold
24 Liebe, Glücklichsein, soziale Gerechtigkeit
Der Film „5 Fabriken – Arbeiterkontrolle in Venezuela“ / von Britt Weyde
25 Wendepunkt in Uruguay
Ehemaliger Diktator Juan María Bordaberry verhaftet / von Stefan Thimmel
26 Gipfel ohne Zukunft?
Die wichtigsten Regierungschefs fehlten beim Cumbre Iberoamericana in Montevideo
/ von Stefan Thimmel
28 Der Vatikan und die Rattenlinie
Wie die katholische Kirche Nazis und Kriegsverbrecher nach Südamerika schleuste
/ von Theo Bruns
30 Lateinamerika als Fluchtziel für Nazis
Fünf Fallbeispiele / von Theo Bruns
31 Fauler Kompromiss
Bleiberechtsregelung ist Bleiberechtsverhinderung / von Sigrid Becker-Wirth
Kulturszene
32 Kinolatino für Schule und zu Hause
DVD-Edition lateinamerikanischer Filme / von Christine Schmelzle
33 „Schreckliches mittelamerikanisches Land“
Negativbild El Salvador als Leitmotiv / von Klaus Jetz
35 Zuflucht in Lateinamerika
Ausstellung zur Emigration der deutschen Juden nach 1933 / von Klaus Jetz
Ländernachrichten/Poonal
36 Cuba, Paraguay, Costa Rica, Peru, Bolivien, Argentinien, Dominikanische Republik, Haiti, Kolumbien
Solidaritätsbewegung
40 Der Kampf um das Wasser
Bundestreffen der El Salvador-Solidarität in Leipzig / von Ulrike Purrer Guardado
41 Projektionsfläche China
Tagungsbericht: China und Lateinamerika: Ein transpazifischer Brückenschlag
/ von Philipp Kauppert
42 Notizen aus der Bewegung
Jetzt
bestellen !!
|