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Solidarische
Muna, unsere jüngste Mitarbeiterin
Perspektiven

Editorial  ila 300 November 2006

Dreißig Jahre sind für eine politische Gruppe eine sehr lange Zeit. Als wir für das Layout alte Fotos und Hefte durchsahen, konnten wir es teilweise kaum glauben: Diese Protestaktion gegen die argentinische Militärdiktatur in der Bonner Innenstadt 1979 liegt schon fast 28 Jahre zurück, genau wie der erste Infostand über Nicaragua, einige Monate vor der sandinistischen Revolution. Und hier, die Diskussion mit den KollegInnen der ila-latina über Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in Deutschland war 1991, das ist auch schon 15 Jahre her.

Klar, dass die ila 300 wieder eine besondere Ausgabe werden musste. Beim ila-info 100 im November 1986 hatten wir mit Beiträgen bekannter Autorinnen und Autoren auf zehn Jahre politischer und ökonomischer Entwicklung in Lateinamerika zurückgeblickt. In der ila 200 im November 1996 schauten wir wieder zurück, damals mit ausgewählten Artikeln und Interviews aus zwanzig Jahren ila. „Bei der ila 300 können
Jefe, jefa und der treue RalfChef Senior wir aber nicht wieder zurückblicken“, war die einhellige Meinung auf unserem Planungswochenende im März im verschneiten Naturfreundehaus Berg in der Eifel. „Wir könnten ja mal versuchen, nach vorne zu schauen“, kam dann der Vorschlag, Stimmen von Leuten sammeln, die daran arbeiten oder darüber nachdenken, Alternativen zum neoliberalen Kapitalismus zu entwickeln. Da für diesen Herbst ein Schwerpunkt zu den Perspektiven einer „Solidarischen Ökonomie“ anstand, entschieden wir schließlich, die beiden Themen zusammenzubringen und für die Jubiläumsausgabe den Schwerpunkt „Solidarische Perspektiven“ zu wählen. 

In sehr unterschiedlichen Beiträgen und Interviews äußern Menschen, die in Lateinamerika und Europa politisch aktiv sind, Überlegungen zu eher grundsätzlichen Fragen, stellen konkrete Projekte solidarischer Ökonomie vor oder reflektieren über die Stärken und Defizite der sozialen Bewegungen, von Argentinien bis zu den ZapatistInnen.Immer auf der Suche Da Zukunftsperspektiven ohne die Berücksichtigung der Erfahrungen der Vergangenheit nicht zu denken sind, wird in der ila 300 doch auch ein wenig zurückgeblickt, etwa auf zerstörte solidarische Perspektiven wie das Regierungsprojekt der Unidad Popular 1970 bis 1973 oder die Feminismus pur Entwicklung der politischen Debatten bei uns in der ila. Die Konzeption und Realisierung dieses Schwerpunktes ist uns nicht leicht gefallen, wesentlich schwerer als die Arbeiten am ila-info 100 und der ila 200. 

In den letzten Jahren war unser Schreiben und unser politisches
Handeln im Wesentlichen Abwehr – gegen die permanenten neoliberalen Angriffe auf soziale Errungenschaften, gegen die immer noch offene oder latente Repression, gegen die ökonomische Inwertsetzung der Natur und der Biodiversität, gegen destruktive Großprojekte und Wirtschaftsweisen. Wenn man aber permanent Abwehrkämpfe führt, verliert man mitunter aus dem Blick, wofür man eigentlich kämpft. Denn für die Entwicklung neuer Perspektiven braucht es auch Räume, für kreatives Nachdenken und Diskutieren, für die Entfaltung der Phantasie.

Viele Leute haben in den letzten 30 Jahren in der ila mitgearbeitet, manche nur einige Monate, andere viele Jahre. Manche sind unterwegs ausgestiegen,70er Jahre Ambiente weil sie keine Kraft und Zeit mehr hatten oder weil sie aus beruflichen oder persönlichen Gründen den Köln-Bonner Raum verlassen haben. Wie viele Leute in den vergangenen dreißig Jahren für die ila geschrieben haben, haben wir nicht gezählt, es dürften aber weit mehr als tausend, vielleicht sogar mehr als zweitausend gewesen sein. Dazu kommen die, die durch ihre Übersetzungen ermöglicht haben, dass wir immer zahlreiche Beiträge aus Lateinamerika veröffentlichen und dort geführte Diskussionen hier bekannt machen konnten. Nicht zu vergessen all diejenigen, deren Namen nicht unter oder über den Beiträgen auftauchen, ohne deren Arbeit die ila aber nicht erscheinen würde. Ihnen allen, die in den vergangenen 30 Jahren zum Erscheinen dieser Zeitschrift beigetragen haben, an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön!

P.S.: Wir haben erstmals die ila fast durchgehend mit den Bildern zweier Künstler illustriert, Pocho González aus Argentinien und Carlos Mendoza Zaragoza aus Bolivien (siehe Seite 79). Dieses Experiment würden wir gerne bei Gelegenheit wiederholen. Leider können wir kein Honorar für die Illustrationen zahlen, aber wir und hoffentlich auch die LeserInnen freuen sich über eine andere Sicht der Dinge/Menschen/Welt. 

* Muna (s.o.) ist unsere  jüngste Mitarbeiterin. Wir wünschen ihr eine solidarische Welt, in der "jeder nach seinen 
Fähigkeiten und jedem nach seinen Bedürfnissen"... (und ohne Selbstausbeutung wie in der ila, der wm)


Inhalt

Solidarische Perspektiven

4 Ein anderer Sozialismus schien möglich
Was wollte die chilenische Unidad Popular? / von Pedro Holz

8 „...dass die Menschen auf sich selbst vertrauen“
Der zapatistische Entwurf einer anderen Gesellschaft / von Luz Kerkeling, Gruppe B.A.S.T.A.

12 In Erwartung eines Wunders
Interview mit der bolivianischen Justizministerin Casimira Rodríguez Romero / von Laura Held und Britt Weyde

16 Die chavistische Versuchung
Interview mit Raquel Gutiérrez / von Verónica Gago

19 Verschwistert, aber nicht immer vereint
Vier Standpunkte zu Vergangenheit und Zukunft der lateinamerikanischen Frauenkämpfe
/ von Alicia Rivero, Nilma Bentes, Deysi Cheyne, Myriam Alvarez

24 Neuer Wind für die Menschenrechtsarbeit
Interview mit Camilo Castellanos über den Kampf für die sozialen Rechte / von Bettina Reis

28 Geld einfach so?
Das bedingungslose Grundeinkommen als internationale Kampagne / von Werner Rätz

32 Ökosozialismus oder Barbarei
Wie wir den Untergang des Kapitalismus überleben / von Bruno Kern

36 Die Mühen der Kaffeeberge
Die Kaffeekooperative Mut Vitz als Pionierprojekt zapatistischer Solidarökonomie / von Philipp Gerber

38 …übernehmen wir dann selber die Fabriken?
Selbstverwaltete Betriebe in Argentinien / von Alix Arnold

40 Die ganz besondere Fabrik: Zanon / von Alix Arnold

42 Mit, im und gegen den Staat
Kooperativen im Grenzgebiet von Kolumbien und Venezuela / von Anne-Britt Arps und Raul Zelik

46 Nicht nur nacktes Überleben
Selbstverwaltung als gesellschaftliches Projekt / von Jacqueline Bernardi

50 Gemeinsam sind wir stärker
Solidarische Ökonomie von Kindern / von Manfred Liebel

54 Vier aus elf
Kann die solidarische Ökonomie zum Referenzpunkt für eine neue strategische Allianz der Linken werden?
/ von Rosalvo Schütz

56 Wohnen für Leute mit wenig Geld
Wohnkooperativen in Uruguay / von Ernesto Kroch

58 Irgendwo zwischen Euphorie und Skepsis
Potenziale des Internet am Beispiel von Kampagnen / von Johanna Niesyto

61 Die unendliche Leichtigkeit der Multiplikation
Alternative Medien im Internet / von Pascual Serrano

64 Es gab bleierne Zeiten und hoffnungsvolle Aufbrüche
Interview mit Gernot Wirth, seit dreißig Jahren bei der ila / von Gert Eisenbürger

67 Wir brauchen mehr Raum für Diskussionen
Interview mit Bettina Reis, seit 17 Jahren bei der ila / von Gert Eisenbürger

69 Kritisch analysieren und nicht abfeiern
Interview mit Andreas Hetzer, seit drei Jahren bei der ila / von Gert Eisenbürger

72 Nur wer sich ändert bleibt sich treu
Politische Debatten und Positionsbestimmungen in der ila / von Gert Eisenbürger

76 Fahrerflucht
Erzählung von Omar Saavedra Santis

79 Die Künstler der ila 300


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