Home | Presseschau | Aktuelle Ausgabe | Leseproben | Termine | TV/Radio | Archiv | Links | Bestellungen |
Antisemitismus
|
»Kein
Frieden um Israel« Als
der Fischer Taschenbuch Verlag im Jahr 1972 das Buch »Kein
Frieden um Israel« von Walter Hollstein herausgab, sah er sich zu
einer Rechtfertigung gezwungen: Durfte, konnte, sollte ein »Haus,
das den Namen des jüdischen Verlegers Samuel Fischer trägt und
dessen Geschichte selbst von der Vertreibung seiner Inhaber und
der Unterdrückung der Werke jüdischer Autoren unter der
Naziherrschaft mitbestimmt wurde«, ein Buch verlegen, das – wie
der Verlag ankündigte – »sich kompromisslos kritisch mit der
Geschichte und der Politik des Staates Israel beschäftigt«? Die
Antwort war: Der Verlag glaubte zu müssen. Immerhin sei erstens
seit der Gründung des Staates Israel in der bundesrepublikanischen
Öffentlichkeit ein Gefühl der »nachdrücklichen Sympathie und
bewundernder Anteilnahme« für den Staat der Überlebenden des
nationalsozialistischen Ausrottungssystems entstanden und
gewachsen; zweitens sei eine Generation herangewachsen, »die,
unbelastet von der Generation des Mitschuldigseins, jene Gefühle
nicht mehr zum alleinigen Richtungsweiser nehmen kann und will«;
und drittens beweise der Autor mit seiner »militanten Verachtung
von Unterdrückung, Rassismus, Antisemitismus, Faschismus,
Kolonialismus und Imperialismus« sowie seiner »sozialistischen
Perspektive für eine Lösung des Nahostkonfliktes« eine ethische
Orientierung, die ganz der humanistischen Tradition des Verlages
entspreche. Dreierlei
ist an der Veröffentlichungsgeschichte des Buches interessant.
Sie zeigt erstens eine Perspektivverschiebung im Blick auf den
Nahostkonflikt an: Walter Hollstein hatte in den sechziger Jahren
eine proisraelische Position vertreten und sah den jüdischen
Staat bedroht und gefährdet. Auf einer Nahostreise anlässlich
einer Reportage für die Neue Zürcher Zeitung begegnete er
dem konkreten palästinensischen Flüchtlingselend. Nun sah er
sich veranlasst, das gängige Bild vom israelischen David und
arabischen Goliath zu hinterfragen und umzudrehen. Zweitens traf
das Buch auf eine im Zuge des Vietnamkriegs entstandene antiimperialistische
Grundhaltung der Neuen Linken. Und darüber hinaus: Das Buch wurde
ein Erfolg, die erste Auflage war in knapp fünf Monaten
vergriffen, und im August 1975 stand es bereits in der vierten
Auflage, und noch immer verkauften sich pro Monat rund 1.000
Exemplare. Drittens hatten Hollstein und der Fischer Taschenbuch
Verlag einen genialen Titel gewählt, der nicht nur den Konflikt
treffend als »never ending story« charakterisierte,
sondern mehr noch seine Wahrnehmungsgeschichte in den kommenden
drei Jahrzehnten in vier Worten antizipierte: »Kein Frieden um
Israel« zeigte unbeabsichtigt an, dass der Staat der Juden in der
deutschen wie in der Weltöffentlichkeit der Jude unter den
Staaten bleiben oder – für die deutsche Linke – erst noch
werden sollte. Drei
kurze Stichpunkte zur ungleichen Behandlung Israels mögen dies
verdeutlichen. Erstens: Die Arabische Liga, die noch keine
Zusammenkunft hat vergehen lassen, ohne eine strenge Verurteilung
Israels zu formulieren, hat in ihrer Geschichte nicht eine
Resolution erlassen, die sich mit dem Bürgerkrieg im teilweise
arabischen, teilweise christlich-animistischen Sudan befasst hätte,
einem Bürgerkrieg, dem mittlerweile ca. zwei Millionen Menschen
zum Opfer gefallen sind. Zweitens: Es sind kaum zwei Jahre her,
dass die UN-Konferenz gegen Rassismus in Durban, wie schon in den
siebziger Jahren durch die UN-Vollversammlung geschehen, den
Zionismus als eine Form des Rassismus gegeißelt hat. Derartiges
ist noch keiner Ideologie einer nationalen Befreiungsbewegung
widerfahren. Drittens schließlich – und darüber handelt diese
Geschichte vornehmlich – wurde der Antizionismus zu einer
Identitätsfrage der Neuen Linken in der Bundesrepublik
Deutschland und einer spezifischen Art von »Vergangenheitsbewältigung«,
die bis in die Gegenwart hineinreicht. Israel
als Staat der Juden, aber auch der arabische und islamische Nahe
Osten als »Orient« waren und sind bis heute Projektionsflächen.
In Deutschland verschärfte der Hintergrund des Judenmordes und
das Bedürfnis nach Entlastung die verzerrte, Reflexion
entbehrende Wahrnehmung des Konfliktes zwischen Israel und seinen
arabischen Nachbarn. Da es nach dem Massenmord an den Juden keine
Antisemiten mehr gab, gedieh entweder Philosemitismus, oder »die
Liberalen, die ihre antiliberale Meinung sagen wollten« (Horkheimer/Adorno),
mussten sich neue Wege suchen, um den Juden den Prozess zu machen.
Der Antisemitismus in der Linken gerierte sich nach dem
Sechs-Tage-Krieg – das bemerkte Jean Améry bereits 1969 in
seinem Essay »Der ehrbare Antisemitismus« – als »Anti-Israelismus
oder Anti-Zionismus«, der in Israel nichts anderes als einen »Verbrecherstaat«
und »Brückenkopf des Imperialismus« sehen konnte. Das war zuvor
anders gewesen: »Jahrelang hat man – um einmal von Deutschland
zu reden – den israelischen Wehrbauern gefeiert und die feschen
Mädchen in Uniform.« Tatsächlich bestand in der westdeutschen
Linken bis 1967 ein israelfreundlicher Konsens mit zum Teil
stereotyper Glorifizierung von Staat und Gesellschaft Israels. Die
damalige Linke – SPD, DGB, SDS und Aktion Sühnezeichen –
setzte sich für die Politik der »Wiedergutmachung« ein und
forderte die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit dem Staat der
Opfer des Holocaust. Als dies im Jahre 1965 geschehen war und darüber
hinaus zwei Jahre später Israel im von der Springer-Presse als »Blitzkrieg«
gefeierten Sechs-Tage-Krieg den Sinai, den Golan und die Westbank
eroberte und eine erneute palästinensische Fluchtbewegung
einsetzte, wendete sich die Stimmung. Vor allem die jüngere
Generation, heute bekannt als »68er«, wandte sich gegen den
Philosemitismus, wie ihn der verhasste Axel Springer vorlebte.
Ihre »Vergangenheitsbewältigung« suchte sich andere Formen: Sie
initiierte eine »Faschismusdebatte«, deren Ausgangspunkt zunächst
die sehr persönliche Abrechnung mit der Elterngeneration und mit
der Kontinuität der Eliten des Nationalsozialismus war. Doch
schon bald geriet die konkrete NS-Vergangenheit in den Hintergrund
zugunsten eines immer abstrakteren und synthetischeren Begriffs
von »Faschismus«, als dessen hervorstechende Kennzeichen nicht
der Genozid an den Juden und überhaupt die Massenverbrechen des
NS-Regimes angesehen wurden, sondern etwa – in der verbreiteten
Trivialform der These – das Bündnis von Monopolkapitalismus
und Diktatur zur Ausschaltung der deutschen Arbeiterbewegung. Im
Zuge der großen weltpolitischen Auseinandersetzung um den
Vietnamkrieg und der antikolonialen wie antiimperialistischen
Bewegungen in der Dritten Welt wurde der ubiquitäre
Faschismusverdacht internationalisiert. Die neuen Nazis waren nun
die Amerikaner – »USA-SA-SS« hieß die schrille Parole – und
die israelischen Juden. Gerade über letztere empörte sich eine
humanistische Linke, die glaubte, Auschwitz sei eine
Besserungsanstalt gewesen. Nun entdeckte sie – wie Walter
Hollstein während seiner Nahostreise – die »Opfer der Opfer«
– die Palästinenser und den »Antizionismus«. An ihnen glaubte
man, die Schuld der Eltern »wieder gut machen« zu müssen. Historisch
und geographisch ist unter »Antizionismus« Verschiedenes zu
verstehen. Von Herzls Zeiten bis zur Staatsgründung Israels
bezeichneten sich sozialistische jüdische Parteien und Gruppen
wie der »Bund« als antizionistisch, weil sie damit ihre
Gegnerschaft zum jüdischen Nationalismus betonen und ihre Überzeugung
zum Ausdruck bringen wollten, dass die »Judenfrage«, die in
Wirklichkeit eine Antisemiten-Frage ist, nur über die
Revolutionierung der gesellschaftlichen Verhältnisse zu lösen
sei. (Freilich hat keine dieser Parteien ein Ereignis wie die
Vernichtungspolitik antizipieren können.) In Israel selbst
bedeutete Antizionismus dann die Ablehnung aller Gesetze, Maßnahmen
und Institutionen, welche die arabische Bevölkerung von der
gleichberechtigten Teilnahme am Gemeinwesen ausgrenzen, oder –
in der jüdisch-orthodoxen Variante – die Ablehnung der Gründung
des Staates Israel durch Menschenhand vor der Rückkehr des
Messias. Der Antizionismus der Neuen Linken war jedoch keineswegs
eine bloße Kritik am israelischen Nationalismus, ein auf Israel
angewandter Anti-Nationalismus, wie immer wieder versichert wurde,
um den Antisemitismusvorwurf zu entkräften. Der Antizionismus war
zum einen Teil eines antiimperialistischen Weltbildes, das unterdrückte
von unterdrückenden Völkern trennte und gesellschaftliche Verhältnisse
oft mittels Verschwörungstheorien simplifizierte und
personalisierte. Zum anderen war er eine spezifische linke
Vergangenheitsbewältigung, die entweder blind und indifferent
gegenüber den konkreten Opfern des Nationalsozialismus oder
dreist den systemoppositionellen »Antifaschismus« ausgerechnet
am »bürgerlich-faschistischen Staat Israel« auszuleben gewillt
war, um zu demonstrieren, dass die Juden auch nicht besser seien,
schon gar nicht als das »andere Deutschland«. Gestützt
auf Lenins Imperialismustheorie deutete die »Neue Linke« den
Nahostkonflikt. Lenin hatte im Ersten Weltkrieg alle verfügbaren
Argumente und Theorien von Hobson, Hilferding und Luxemburg gegen
den Imperialismus amalgamiert, den Imperialismus als höchstes
Stadium des Kapitalismus gedeutet und einen Selbstbedienungsladen
der Schlagworte für Revolutionäre jeglicher Couleur
bereitgestellt. Mit seinem Plädoyer für die geschichtslosen
Nationen und das Selbstbestimmungsrecht der Nationen hatte er darüber
hinaus eine Brücke zwischen Sozialismus und dem erwachenden
Nationalbewusstsein der unterdrückten Völker gebaut sowie eine
sozialrevolutionäre Perspektive jenseits einer bloß
proletarischen Revolution eröffnet. Der SDS beschwor erstmals
1967 diesen antiimperialistischen Kampf der arabischen Völker
gegen den angloamerikanischen Imperialismus. Israel bezeichnete er
dabei als Handlanger und Aggressor, als »Brückenkopf des
westlichen Imperialismus in Arabien«. Die Fatah geriet infolge
dieses eindimensionalen Weltbildes immer mehr zum
avantgardistischen Subjekt sozialrevolutionärer Umwälzungsprozesse
in der Dritten Welt. Angelehnt an das Vietcong-Konzept propagierte
die Palästina-Solidarität innerhalb der Dritte-Welt-Bewegung den
»Volksbefreiungskrieg«. Auch der bewaffnete Kampf stützte sich
auf einen antiimperialistischen Antizionismus. Die Terroraktion
des »Schwarzen September« während der Olympischen Spiele 1972
in München lobte die RAF als »antiimperialistisch,
antifaschistisch und internationalistisch«, als einen Akt der »Menschlichkeit,
die von dem Bewusstsein bestimmt ist gegen dasjenige
Herrschaftssystem zu kämpfen, das als das historisch letzte
System von Klassenherrschaft gleichzeitig das blutrünstigste und
abgefeimteste ist, das es je gab«. Israel sei ein »faschistischer
Staat«, Golda Meir sei – wie der damalige Jargon lautete –
eine »Charaktermaske des faschistischen Staates«, Moshe Dayan
gar der »Himmler Israels«. Israel verheize seine Sportler »wie
die Nazis die Juden – Brennmaterial für die imperialistische
Ausrottungspolitik«. Die
Identifikation von Zionismus und Nationalsozialismus war der
perfideste Akt dieser heute als unglaublich erscheinenden
Umkehrung von Tätern und Opfern. Ob hier historische Amnesie oder
der Wille zur Amnestie am Werke waren, lässt sich schwer und
wahrscheinlich nur anhand persönlicher politischer Biografien
entscheiden. Auf der Suche nach einer politischen Identität im
Land der Nazi-Väter und eingesperrt in einer manichäischen
antiimperialistischen Weltanschauung versuchte sich die deutsche
Linke freizustrampeln von der Nationalgeschichte, die sie
angeblich, wie sie selbst unermüdlich versicherte, doch gar nicht
betraf, weil sie sich mit dem antifaschistischen Widerstand
identifizierte. Und doch verstrickte sie sich geradezu zwanghaft
in jenen von Améry kritisierten »ehrbaren Antisemitismus«. Die
antizionistische Palästina-Solidarität in den siebziger Jahren
– die Hauptträger der Bewegung waren das »Sozialistische Palästina-Komitee
Heidelberg«, das Palästinakomitee Bonn, das Umfeld der DKP,
maoistische Gruppen und die Evangelischen Studentengemeinden –
fielen nicht nur durch sprachliche Anleihen am »Vor-Auschwitz«-Antisemitismus
wie »Weltzionismus« oder »jüdisches Kapital« auf.
Entscheidender war die exklusive Nicht-Anerkennung des staatlichen
Existenzrechts Israels – in Anlehnung an das »DDR« der
Springer-Presse setzte man den jüdischen Staat in Gänsefüßchen
– und die Dämonisierung des Zionismus. Israel galt schnell als
Ursache sämtlicher Missstände des Nahen Ostens: »Kausal
basieren alle Probleme um Israel im Anspruch des Zionismus, auf
arabischen Boden einen ›Judenstaat‹ (Theodor Herzl) zu
errichten«, ließ beispielsweise Hollstein in seinem
revisionistischen Buch wissen. Zionismus = Rassismus war eine
Formel, in der sich linke Splittergruppen in der Bundesrepublik
sogar von der UN-Vollversammlung bestätigt sehen konnten, als
sei nicht jeder Nationalstaat mit seinen Inklusions- und
Exklusionsmechanismen im Sinne dieser weiten Definition »rassistisch«.
Israel sei weiter ein »künstliches Gebilde« – eine wahrhaft
deutsche Vorstellung, die das Gegenbild des »organischen
Volksstaates« voraussetzt. Nicht zufällig wurde immer wieder die
These bemüht, die Juden seien im Gegensatz zu der
bodenverhafteten Abstammungsgemeinschaft der Palästinenser gar
kein richtiges »Volk«. Vor allem aber wurde immer wieder
versucht – um das zentrale Begründungsmoment für einen jüdischen
Staat, die Erfahrung der Vernichtungspolitik, zu entkräften –
die Zionisten als Kollaborateure und Profiteure der Nazis
hinzustellen, ja, als mit ihnen wesensverwandt. Mit einem Wort:
Die Zionisten waren wie vormals die Juden die Feinde der
Menschheit; Linke mussten daher nicht nur Anti-Kapitalisten oder
Anti-Imperialisten sein, sondern auch Anti-Zionisten.
Antizionismus war eine Frage, ja ein Lackmustest für linke
Gesinnung und Identität. In
der zweiten Hälfte der achtziger Jahre erreichte die Kritik des
Antizionismus – zunächst formuliert durch die deutsch-jüdischen
Publizisten Henryk M. Broder und Eike Geisel – auch die Linke.
Wolfgang Pohrt bezeichnete etwa die Solidarität mit der PLO als
eine Parteinahme für einen »großen militanten
Heimatvertriebenenverband« und als Ausdruck des Bedürfnisses,
die beschädigte nationale Identität wiederherzustellen. Der
antizionistische Habitus der Linken diene der psychischen
Entlastung von der Haftung für die nationalsozialistische
Hypothek. In Hamburg und Freiburg stritt die Szene um ein in der
Hafenstraße gemaltes Wandbild, das zum Boykott israelischer Waren
aufrief, und um ein Flugblatt einer antiimperialistischen
Kampfgruppe, in dem völlig unbekümmert die Beseitigung des »zionistischen
Staatengebildes Israel« gefordert und ansonsten locker mit
Formeln wie Antizionismus = Antifaschismus hantiert wurde. Es
folgte eine überaus scharfe, den Vorwurf des Antisemitismus
erhebende Polemik der Freiburger Initiative Sozialistisches Forum,
die allerdings nicht nur gegen die einfältigen Gemüter der
Autoren des »Kampfblattes« zielte, sondern auch an die Adresse
der Freiburger Nahostgruppe gerichtet war. Diese distanzierte sich
zwar von den gröbsten Plattheiten der Antiimps, doch auch sie
versah zu jener Zeit das Wort Israel mit den berühmten zwei
kleinen Anführungszeichen. Auch die Redaktion im iz3w
meldete sich in diesem Streit mit zwei grundverschiedenen Papieren
zu Wort. Das eine bestand auf dem »imperialistischen Charakter
des zionistischen Staatengebildes«, das zu beseitigen wäre, ohne
den Juden das Recht auf Heimat streitig zu machen. Diese Warnung
an die Juden, sie sollten ihren Staat beseitigen, ansonsten
verspielten sie auch ihr Bleiberecht, nannte der Autor eine »andere
Palästina-Solidarität«. Ansonsten bemerkte er zum nun offenen
Streit in der Linken: »Dem Staate Israel kann eine solche
Auseinandersetzung nur recht sein, lässt sich doch mit dem
Hinweis auf den deutschen Massenmord an den Juden und der
angeblichen Geistes- und Tatverwandtschaft der Neuen Linken mit
den Nazis und Neonazis das Erschlagen und Erschießen, das Foltern
und Quälen von palästinensischen Kindern und Jugendlichen, das
Knochenbrechen, die Willkürverhaftungen, die
Kollektivbestrafungen, der Landraub, der Siedlungsbau ..., wenn
nicht rechtfertigen, so doch in den Hintergrund drängen und die
Frage nach Solidarität vergessen.« Wer also über Antisemitismus
und Vernichtungspolitik nicht schweige, spiele den Imperialisten
direkt in die Hände, lautete der Verrat-Vorwurf. Dagegen
bezichtigte eine konträre Position im iz3w die
Antizionisten der historischen Amnesie: »Nach Auschwitz kann
keinem Juden in der Welt eine Haltung verwehrt werden, die Dan
Diner protozionistisch genannt hat: Die Betrachtung Israels als Rückversicherung,
als potenzielles Asyl für den Fall neuer Pogrome, wo auch immer
in der Welt.« Dieses erfordere keine Demutshaltung gegenüber
Israel, sei aber als Bestandteil internationalistischer
Solidarität zu akzeptieren. Während
des Golfkriegs eskalierte der linke Streit um Israel erneut. Im
Januar 1991 befand sich Deutschland im Ausnahmezustand. Die Angst
vor einer weltweiten Eskalation des Krieges und vor einer ökologischen
Apokalypse, aber auch ein diffuses Verlangen nach Frieden ließ
eine längst tot geglaubte Friedensbewegung urplötzlich wieder
erstehen. Erinnerungen an Bombennächte à la Dresden mischten
sich mit pazifistischen Überzeugungen und der Kritik einer
irgendwie imperialistischen Weltordnung. »Kein Blut für Öl«
– auf diese simplifizierende Parole einigten sich die
Friedensbewegten mit den Linken. Diese bemühte erneut das antiimperialistische
Weltbild. Wieder hieß es »Nieder mit Imperialismus, Zionismus
und Faschismus«. Die »Völker« aber sollten in zärtlicher
Solidarität gegen die Herrschenden zusammenhalten, zu denen auch
das angegriffene Israel gezählt wurde. Der linke grüne
Bundestagsabgeordnete Christian Ströbele sah etwa die irakischen
Raketenangriffe auf die mit Gasmasken ausgestattete israelische
Zivilbevölkerung als logische Konsequenz der israelischen
Besatzungspolitik. Nicht selten schwang in der Klage über den
Krieg eine verstohlene Solidarität mit Saddam Hussein trotz aller
gegenteiliger Beteuerungen mit. Jedenfalls nahm die
Friedensbewegung das terroristische und aggressive Baath-Regime
nicht als Bedrohung für die irakische Bevölkerung und die Region
wahr. Manche
traten vom nationalistischen, antiamerikanischen und
antisemitischen Einschlag der Antikriegsbewegung angewidert aus
der Linken aus. Jan Philipp Reemtsma zum Beispiel räsonnierte über
die Frage, wer im Golfkrieg der Gute sei: »Die Wirklichkeit macht
uns kein überzeugendes Angebot, Bush oder Saddam Hussein zum
›Guten‹ zu erklären, und die Geschichtsphilosophie, mit deren
Hilfe wir uns hätten überreden können, es doch zu tun, ist
abhanden gekommen. Wer ist im Libanon ›der Gute‹? Wer in Peru?
Wer in Serbien? Es mag der Blick auf die Weltgeschichte dem ähnlich
werden, den man durch die Seiten eines Geschichtsbuches auf die
Kriegs- und Verwüstungszüge des Dreißigjährigen Krieges tut:
Man möchte schreien, dass sie nur ein Ende mit dem machen sollen,
was sie da tun, egal, wer gewinnt.« Manche befürworteten gar den
Krieg. Vor allem der Herausgeber der Zeitschrift konkret,
Hermann L. Gremliza, irritierte manche Genossen, als er
konstatierte, mit dem Krieg gegen den Irak geschehe »aus den
falschen Gründen das Richtige«. Manche Altlinke wurden schlicht
hysterisch: Hans Magnus Enzensberger sah in Saddam Hussein den
Wiedergänger Hitlers, und Pohrt empfahl, wenn auch womöglich in
satirischer Absicht, die BILD-Zeitung zu lesen und auf Bagdad eine
Atombombe zu werfen. Wie
auch immer die Positionen der linken Renegaten, Bellizisten oder
Narren zu bewerten sind – es war ihre Sorge um Israel bzw. die
Kaltschnäuzigkeit und Feindseligkeit der radikalen Linken gegenüber
dem Staat der Juden, die ihre innerhalb der Linken dissidente
Haltung begründete. Die zunächst unverstandene und angefeindete
Attitüde zeigte jedoch nachhaltige Wirkung. Zum einen wurden die
alten antiimperialistischen Gewissheiten in Frage gestellt. Thomas
Haury stellte etwa hinsichtlich der »Logik des bundesdeutschen
Antizionismus« fest: »Das antiimperialistische Weltbild macht
keine Fehler, das antiimperialistische Weltbild ist der Fehler –
und mehr als nur das«, es weise nämlich strukturelle Affinitäten
mit dem antisemitischen Weltbild auf. Zum anderen hatte auch die
Linke während der achtziger Jahre – wie die bundesdeutsche Öffentlichkeit
infolge der »Holocaust«-Fernsehserie Ende der siebziger Jahre
– »Auschwitz« entdeckt. Insbesondere der Historikerstreit von
1986 sowie die Debatten um den Besuch des Soldatenfriedhofs von
Bitburg (auf dem sich auch Gräber von SS-Soldaten befinden) durch
Bundeskanzler Kohl und US-Präsident Reagan und der Streit um
das Fassbinderstück Der Müll, die Stadt und der Tod beförderten
eine Sensibilität gegenüber der gegenwärtigen Vergangenheit und
insbesondere dem Antisemitismus. Innerhalb der radikalen Linken
bildete sich nun, nach dem Golfkrieg, eine Strömung, die sich »antideutsch«
zu nennen pflegte. Damit
standen sich innerhalb der Linken in den neunziger Jahren zwei
Perspektiven gegenüber, die Gesellschaftskritik und linke
systemverändernde Politik exklusiv für sich beanspruchten und
auch – wie für die deutsche Linke üblich – hermetisch auf
den Konflikt um Israel anwendeten. Auf der einen Seite lebte der
Antiimperialismus fort. Die knallharten »Antiimps« waren dabei
– analog zur Selbstauflösung der RAF – mehr eine bedrohte als
eine bedrohliche Art. Populärer war die Suche nach einem »neuen
Antiimperialismus«. »Imperialismus« war nun nicht mehr allein
das letzte Stadium des Kapitalismus, sondern auch ein mindestens
500 Jahre altes rassistisches und patriarchales Projekt des »Weißen
Mannes«. Der Palästina-Konflikt wurde dabei weiterhin durch die
»Nord-Süd-Brille« betrachtet. Aus anderer Perspektive kamen
Studien aus dem Umfeld des Postkolonialismus zu einem ähnlichen
Ergebnis. Der nach seinem »Entdecker« Edward Said benannte »Orientalismus«
ist demnach ein interessengestütztes Konstrukt, das in
monologisierender Form die essentielle Andersartigkeit, oft sogar
die Minderwertigkeit des Fremdkulturellen bekräftigt und daraus häufig
politische Herrschaftsansprüche, mindestens aber die kulturelle
Hegemonie des Westens ableitet. Der »Orient« sei erst durch den
Westen erfunden und als solcher geformt worden, um ihn als »das
Andere« des Westens beherrschen zu können. Er sei ein Produkt
des kulturalistischen Rassismus. Auch in dieser Perspektive eines
postmodern gewendeten Antiimperialismus, der den alten
antiimperialistischen Täter-Opfer-Dualismus reproduziert und die
Analyse ökonomischer und materieller Prozesse durch eine von
sprachlich-diskursiven und kulturellen Hervorbringungen ersetzt,
bleibt Israel aber vor allem ein Teil des hegemonialen Westens,
der Vorposten eines globalen rassistischen Herrschaftsprojekts.
Bei Said – anders als bei anderen postkolonialen Theoretikern
wie Homi Babha – wurde der oftmals blinde positive Bezug des
traditionellen Internationalismus bzw. Antiimperialismus auf
Kategorien wie nationale Identität nicht wirklich aufgebrochen.
Seine aktuellen politischen Äußerungen machen das immer wieder
deutlich, aber auch schon im Orientalismus-Buch sprach er von
einem »Kampf zwischen Arabern und dem israelischen Zionismus«,
als würden sich hier Menschen und dort eine Ideologie gegenüberstehen.
Bis heute berufen sich internationalistische Linke – vor allem
die mit der islamwissenschaftlichen Zunft verbundenen wie das
Zeitschriftenprojekt Inamo oder der Palmyra-Verlag –, die
das »Feindbild Islam« (natürlich zu Recht) bekämpfen und sich
für die Rechte der Palästinenser engagieren, auf dieses
Grundlagenwerk der Kritik des rassistischen Eurozentrismus. Vom
Antisemitismus in den arabischen Gesellschaften will man in diesen
Kreisen allerdings wenig wissen. Israel und die USA stehen nach
wie vor im Fadenkreuz der Kritik – auch nach dem 11. September
hat sich hieran nichts geändert –, und in von der
Islamwissenschaft gewohnter, paternalistischer Manier werden
radikale, reaktionäre und terroristische Erscheinungen des
Aufbegehrens gegen die westliche Dominanz heruntergespielt. Dieser
»Metropolenlinken« stand die – wie sie sich nicht ohne Stolz
nannte – »antideutsche Restlinke« gegenüber. Sie
interessierte, nachdem sie »Auschwitz« endlich als das zentrale
Ereignis des 20. Jahrhunderts, der bürgerlichen Gesellschaft oder
der deutschen Geschichte entdeckt hatte, »was deutsch ist«
(Joachim Bruhn), nämlich »ein Mensch, der keine Lüge
aussprechen kann, ohne sie tatsächlich zu glauben« (Adorno).
Hier trafen sich zeitweilig die wertkritische Linke, die an die
staaten- und klassenlose Weltgesellschaft glaubte, und andere
undogmatische Linke, die »etwas Besseres als die Nation« suchten
und vor allem die antisemitischen und völkischen Kontinuitäten
der deutschen Gesellschaft kritisierten. Moishe Postones Nationalsozialismus
und Antisemitismus (1982) wurde zum Basistext der
Antideutschen, weil er programmatisch erklärt hatte, die
Ausrottung des europäischen Judentums sei das entscheidende
Moment des Nationalsozialismus (und nicht, wie in den siebziger
Jahren behauptet, sein »faschistischer« Charakter), und weil er
theoretisch den Antisemitismus als notwendig falsches Bewusstsein
der kapitalistischen Gesellschaft ins Zentrum der
Gesellschaftskritik gerückt und damit gezeigt hatte, warum der
Deutsche seine eigene Lüge glaube. Daniel Jonah Goldhagens Hitlers
willige Vollstrecker und seine These vom »eliminatorischen
Antisemitismus« der Deutschen während des Nationalsozialismus
verschaffte der antideutschen Position gesellschaftliche Relevanz.
Nun begann auch eine längst überfällige Suche nach
Antisemitismus in der Linken und in der linken Geschichte, in der
Form allerdings nicht unähnlich der Selbstüberprüfung des »weißen
Mannes« ob seines Rassismus und Sexismus. Die
Kritik des Antizionismus als eine linke Variante des
Antisemitismus nach Auschwitz wurde mehrheitsfähig, wenn auch die
»Antideutschen« selbst, die jene Kritik als erste innerhalb der
Linken formuliert hatten, durch politischen Fanatismus und absurde
Positionen zum eigentlichen Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern
ins Abseits geraten sind. Sie deuten den Konflikt seit dem 11.
September als einen zwischen »Islamfaschismus« und einem noch zu
schaffenden »Kommunismus«, dessen Symbol Israel sei. Diese
esoterisch anmutende Deutung hat durchaus einen guten Gedanken als
Kern: Der Antisemitismus gilt als Signum des Scheiterns bürgerlicher
Emanzipation, der unbefreiten kapitalistischen Gesellschaft und
Israel als Metapher ihrer Überwindung. Das Problem ist, wie so
oft, die konsequente und hermetische Übertragung dieser Prämisse
auf einen realen und nicht nur symbolischen Konflikt zwischen zwei
Nationen und zwei Nationalismen. Der Nahostkonflikt ist eben nicht
auf den Antisemitismus zu reduzieren (freilich ist er auch nicht
ohne ihn zu denken); weder Islamismus noch arabischer
Nationalismus sind Wiedergänger des Nationalsozialismus
(gleichwohl auf palästinensischer Seite die Hauptkräfte, die
einer Friedenspolitik entgegenstehen); und Israel ist nicht –
wie die Zeitschrift Bahamas verkündet – der »Kristallisationspunkt
eines weltweiten Kampfes gegen den barbarischen Antikapitalismus«
(wenn auch ein nach wie vor bedrohter und gefährdeter Staat). Das
Bedürfnis nach Identifikation mittels Projektion spricht auch aus
dieser linken, dem antiimperialistischen Antizionismus
vermeintlich diametral entgegenstehenden Position: War früher
Israel das Bollwerk des Kapitalismus und Imperialismus, so soll es
heute eines des Kommunismus sein, waren die Zionisten früher das
Krebsgeschwür, so sollen sie heute das Heilmittel sein. Wenn
deutsche Linke über Israel reden – so darf man festhalten –,
wird es immer grundsätzlich, geht es immer ums Ganze. Nuancieren
und die Anerkennung verschiedener Perspektiven und Kontexte gelten
als bürgerlich, pluralistisch, kompromisslerisch, und verächtlich
wird der »Jargon der Differenziertheit« als angepasstes
Soziologen-Gequatsche diffamiert. (Es gehört nebenbei zum
unbedingten linken Ton, dass die Anti-Antisemiten die
Anti-Orientalisten als antisemitisch und die Anti-Orientalisten
die Anti-Antisemiten als rassistisch beschimpfen.) So bekommt der
Satz »Kein Frieden um Israel« eine weitere Dimension: Normalität,
Gewöhnlichkeit, Banalität wird Israel und den Juden nach wie vor
verweigert – von seinen tatsächlichen Feinden wie seinen
negativ deutschtümelnden Freunden. Die
hier vorgetragene Kritik an der Projektionsgeschichte der
deutschen Linken im Umgang mit Israel vor dem Hintergrund der
deutschen Geschichte soll freilich nicht bedeuten, dass »Erinnerung«
und der reale gegenwärtige Konflikt einfach zu trennen seien. Im
Gegenteil: Sie thematisiert vielmehr die auch in Israel und Palästina
noch immer fortbestehende Weigerung, zur Kenntnis zu nehmen, dass
Israel sowohl der bis heute angefeindete Staat der Überlebenden
der deutschen Vernichtungspolitik ist als auch der Staat, der die
Palästinenser verdrängt, vertrieben, besiegt und unterdrückt
hat. Die Vergangenheit, die negativen Gründungsmythen um
Holocaust und »Nakba« (die Flucht und Vertreibung der Palästinenser
im Zuge der israelischen Staatsgründung 1948) konstituieren den
Konflikt noch immer. Um so wichtiger sind entweder die
gegenseitige Anerkennung der Leidensgeschichte des jeweils anderen
oder die ebenfalls beidseitige Bereitschaft, die Suche nach der »ursprünglichen
Gewalttat« des Konfliktes als inzwischen irrelevant anzusehen,
nachdem ein Berg von Gewalt, Gegen-Gewalt, Gegen-Gegen-Gewalt usw.
sich aufgetürmt hat. Für
die deutsche Linke ist in diesem Konflikt weder eine
erfahrungsfreie Identifikation mit dem Symbol »Israel«
angebracht noch eine naive bedingungslose Solidarität mit den »wirklich«
Unterdrückten, den sozial und politisch diskriminierten Palästinensern.
Solidarität sollte nicht einem mit bestimmten Eigenschaften
imaginierten Kollektiv gelten, sondern politischen Überzeugungen
und Handlungen, die sich der Logik des Vergeltungskrieges
entgegenstellen (die übrigens in der israelischen Gesellschaft
weitaus stärker präsent sind als in der palästinensischen).
Jenseits der Vorstellung von einem antisemitischen palästinensischen
Mordkollektiv im Geiste des »Jihadismus« sollte darüber hinaus
nach wie vor jedem Versuch entgegengetreten werden, den
Antisemitismus kleinzureden oder ihn ursächlich auf die
Besatzungspolitik und den Zionismus zurückzuführen. Der
Zionismus ist umgekehrt historisch wie aktuell eine Reaktion auf
den Antisemitismus, er wurde historisch durch den Holocaust bestätigt.
Der palästinensische antizionistische Nationalismus ist
sicherlich wie der Zionismus selbst ein sekundärer Nationalismus.
Er ist ein »gereizter« Nationalismus, und zwar in doppelter
Hinsicht: Er ist eine Reaktion auf den historischen europäischen
Nationalismus und Imperialismus sowie aktuell auf vermeintliche
wie tatsächliche Begehrlichkeiten »Amerikas« in der Region; und
als reaktiver Nationalismus der Ohnmächtigen ist er voller
Ressentiments. Als Gemeinschaftsideologie im Kriegszustand duldet
er keine Abweichung und keinen Widerspruch: Wer gegen den
Patriarchen ist, ist »unpatriotisch«. Mit seiner konkreten
Konfrontation zuerst mit dem Zionismus und dann mit Israel hat er
das bereits in Europa bestehende antisemitische Weltbild
entschlossen in sich aufgesogen. Zweifellos haben sich die
antisemitischen Stereotypen vom konkreten Nahostkonflikt
abgekoppelt. Das gilt vor allem in den Ländern und Regionen, in
denen die Menschen mit den Auseinandersetzungen zwischen Israel
und den Palästinensern gar nicht direkt konfrontiert sind, aber
mit den Palästinensern »leiden«, als ob sie unter israelischer
Besatzung stünden. Auch der palästinensische soziale und
politische Widerstand gegen die Besatzungspolitik Israels hat sich
hier mit antisemitischen Vernichtungsphantasien und Terror
verbunden. Der Nationalismus ist in der Tat die Pathologie der
Region: Er konstituiert und präformiert alle Wahrnehmungen und
Bewusstseinsformen ideologisch. Und doch – anders können auch
Ideologien nicht überzeugen – hat er eine reale
Erfahrungsgrundlage, nämlich die ungelöste nationale Frage der
Palästinenser. Könnte es zu einem historischen, nachhaltigen
Kompromiss zwischen Israel und den Palästinensern kommen, würden
der Nationalismus – und mit ihm der Antisemitismus – nicht
unbedingt verschwinden, wohl aber seine »gereizte« Form eingedämmt.
Die
aus dem Antisemitismus erwachsene Bedrohung erfordert eine
Solidarität mit Israel, die nicht von einer spezifischen
Regierungspolitik abhängig gemacht wird. Sie sollte aber auch
nicht im Zuge eines linksfundamentalistischen Ableitungsfetischismus,
nach dem »der Kapitalismus« immer, überall und vor allem unter
Arabern und Deutschen den Antisemitismus gebiert, verabsolutiert
und festgeschrieben werden. Palästinenser können auch anders,
vor allem, wenn sie ein zufriedenes Leben führen dürfen. Daran,
dass sie es nicht können, ist allerdings nicht alleine und schon
gar nicht »ursächlich« – wie Walter Hollstein 1972 zu zeigen
bemüht war – »der Zionismus« schuld. Der
Antizionismus in Deutschland war kein Antinationalismus, sondern
eine spezifische Form, sich mit der deutschen Vergangenheit und
dem vor allem durch den Vietnamkrieg deutlich gewordenen »Imperialismus«
auseinander zu setzen. Er war als antifaschistischer und
antiimperialistischer Ansatz zunächst indifferent gegenüber dem
Antisemitismus und hat sich allmählich zu einem linken
antisemitischen Nationalismus entwickelt. Dem heutigen
antideutschen Pro-Israelismus kommt das historische Verdienst zu,
diesen Antizionismus als Antisemitismus bloßgestellt zu haben.
Dem binären Denken des Antiimperialismus und dem projektiven
Blick auf den Nahostkonflikt ist er gleichwohl auf der Suche nach
der »Ursache« allen Übels und dem Objekt der bedingungslosen
Identifikation treu geblieben. Die antideutsche
Pro-Israel-Position interessiert sich letztendlich nicht für den
realen Konflikt und seine friedliche Beilegung, sondern betrachtet
ihn durch die Brille ihrer autoritär vertretenen
materialistischen Gesellschaftskritik und ihrer politischen
negativen Deutschtümelei. Sie verwechselt Empathie für die
konkreten Opfer von Antisemitismus, die Juden und den Staat
Israel, mit Identifikation mit einer Regierung, der
Scharon-Regierung, die sie im militärischen Kampf gegen die
barbarischen, eben »deutschen« Auswüchse von »Staat« und »Kapital«
wähnt. Dass es nach wie vor »kein Frieden um Israel« in der
deutschen Linken gibt, mag unter anderem mit dieser Begierde nach
Letztbegründungen und Übersichtlichkeit zusammenhängen. Der
Verzicht darauf, den israelisch-palästinensischen Konflikt grundsätzlich,
grundlegend und mit revolutionärer Perspektive zu betrachten, mag
vielen bürgerlich erscheinen. Ich halte ihn schlicht für vernünftig
und die Linken, die anderes behaupten, für vor-bürgerlich und in
ihrer Kompromissfeindschaft selbst für sehr »deutsch«. Die
Erkenntnis der Revolutionären Zellen bei ihrer Selbstabwicklung
im Jahre 1991 ist banal, aber – vielleicht wegen ihrer Banalität
– bei vielen Linken noch nicht angekommen: »Wo zwei ethnische
Gemeinschaften Ansprüche auf dasselbe Stück Land erheben, gibt
es keine revolutionären Lösungen.« Solange in israelischen Cafés
Bomben explodieren und achtzehnjährige Israelis palästinensische
Teenagern als Besatzer mit Panzern und Gummigeschossen gegenübertreten,
werden Hass und Wut regieren und mit ihnen Nationalismus,
Antisemitismus und Rassismus. Unter solchen Bedingungen kann man
nicht rational denken und schon gar keine demokratische
Gesellschaft aufbauen oder bewahren, von linken Projekten oder »sozialistischen
Perspektiven« – wie sie einst Walter Hollstein vorschwebten –
ganz zu schweigen. Aus BUKO (Hg.): radikal global. Bausteine für eine internationalistische Linke. Für die Bundeskoordination Internationalismus (BUKO) Herausgegeben von Theo Bruns, Moe Hierlmeier, Alexander Schudy und Markus Wissen. Assoziation A, Berlin/Hamburg 2003, S. 245-259. Literatur: Améry,
Jean: Der ehrbare Antisemitismus (1969), in: ders.: Widersprüche,
München 1990 (1971), S. 214-220 |