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Antisemitismus

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  »Kein Frieden um Israel«  
Zur Rezeptionsgeschichte des Nahostkonfliktes 
durch die deutsche Linke
 
von Jörg Später  

Als der Fischer Taschenbuch Verlag im Jahr 1972 das Buch »Kein Frieden um Israel« von Walter Hollstein herausgab, sah er sich zu einer Rechtfertigung gezwungen: Durfte, konnte, sollte ein »Haus, das den Namen des jüdischen Verlegers Samuel Fischer trägt und dessen Geschichte selbst von der Vertreibung seiner Inhaber und der Unterdrückung der Werke jüdischer Autoren unter der Naziherrschaft mitbestimmt wurde«, ein Buch verlegen, das – wie der Verlag ankündigte – »sich kompromisslos kritisch mit der Geschichte und der Politik des Staates Israel beschäftigt«? Die Antwort war: Der Verlag glaubte zu müssen. Immerhin sei erstens seit der Gründung des Staates Israel in der bundes­republikanischen Öffentlichkeit ein Gefühl der »nachdrücklichen Sympathie und bewundernder Anteilnahme« für den Staat der Überlebenden des national­sozialistischen Ausrottungssystems entstanden und gewachsen; zweitens sei eine Generation herangewachsen, »die, unbelastet von der Generation des Mitschuldig­seins, jene Gefühle nicht mehr zum alleinigen Richtungsweiser nehmen kann und will«; und drittens beweise der Autor mit seiner »militanten Verachtung von Unterdrückung, Rassismus, Antisemitismus, Faschismus, Kolonialismus und Imperialismus« sowie seiner »sozialistischen Perspektive für eine Lösung des Nahostkonfliktes« eine ethische Orientierung, die ganz der humanistischen Tradition des Verlages entspreche.

Dreierlei ist an der Veröffentlichungsgeschichte des Buches interessant. Sie zeigt erstens eine Perspektivverschiebung im Blick auf den Nahostkonflikt an: Walter Hollstein hatte in den sechziger Jahren eine proisraelische Position vertreten und sah den jüdischen Staat bedroht und gefährdet. Auf einer Nahostreise anlässlich einer Reportage für die Neue Zürcher Zeitung begegnete er dem konkreten palästinensischen Flüchtlingselend. Nun sah er sich veranlasst, das gängige Bild vom israelischen David und arabischen Goliath zu hinterfragen und umzudrehen. Zweitens traf das Buch auf eine im Zuge des Vietnamkriegs entstandene anti­imperialistische Grundhaltung der Neuen Linken. Und darüber hinaus: Das Buch wurde ein Erfolg, die erste Auflage war in knapp fünf Monaten vergriffen, und im August 1975 stand es bereits in der vierten Auflage, und noch immer verkauften sich pro Monat rund 1.000 Exemplare. Drittens hatten Hollstein und der Fischer Taschenbuch Verlag einen genialen Titel gewählt, der nicht nur den Konflikt treffend als »never ending story« charakterisierte, sondern mehr noch seine Wahrnehmungsgeschichte in den kommenden drei Jahrzehnten in vier Worten antizipierte: »Kein Frieden um Israel« zeigte unbeabsichtigt an, dass der Staat der Juden in der deutschen wie in der Weltöffentlichkeit der Jude unter den Staaten bleiben oder – für die deutsche Linke – erst noch werden sollte.

Drei kurze Stichpunkte zur ungleichen Behandlung Israels mögen dies verdeutlichen. Erstens: Die Arabische Liga, die noch keine Zusammenkunft hat vergehen lassen, ohne eine strenge Verurteilung Israels zu formulieren, hat in ihrer Geschichte nicht eine Resolution erlassen, die sich mit dem Bürgerkrieg im teilweise arabischen, teilweise christlich-animistischen Sudan befasst hätte, einem Bürgerkrieg, dem mittlerweile ca. zwei Millionen Menschen zum Opfer gefallen sind. Zweitens: Es sind kaum zwei Jahre her, dass die UN-Konferenz gegen Rassismus in Durban, wie schon in den siebziger Jahren durch die UN-Vollversammlung geschehen, den Zionismus als eine Form des Rassismus gegeißelt hat. Derartiges ist noch keiner Ideologie einer nationalen Befreiungsbewegung widerfahren. Drittens schließlich – und darüber handelt diese Geschichte vornehmlich – wurde der Antizionismus zu einer Identitätsfrage der Neuen Linken in der Bundesrepublik Deutschland und einer spezifischen Art von »Vergangenheitsbewältigung«, die bis in die Gegenwart hinein­reicht.

Israel als Staat der Juden, aber auch der arabische und islamische Nahe Osten als »Orient« waren und sind bis heute Projektionsflächen. In Deutschland verschärfte der Hintergrund des Judenmordes und das Bedürfnis nach Entlastung die verzerrte, Reflexion entbehrende Wahrnehmung des Konfliktes zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn. Da es nach dem Massenmord an den Juden keine Antisemiten mehr gab, gedieh entweder Philo­semitismus, oder »die Liberalen, die ihre antiliberale Meinung sagen wollten« (Horkheimer/Adorno), mussten sich neue Wege suchen, um den Juden den Prozess zu machen. Der Antisemitismus in der Linken gerierte sich nach dem Sechs-Tage-Krieg – das bemerkte Jean Améry bereits 1969 in seinem Essay »Der ehrbare Antisemitismus« – als »Anti-Israelismus oder Anti-Zionismus«, der in Israel nichts anderes als einen »Verbrecherstaat« und »Brückenkopf des Imperialismus« sehen konnte. Das war zuvor anders gewesen: »Jahrelang hat man – um einmal von Deutschland zu reden – den israelischen Wehrbauern gefeiert und die feschen Mädchen in Uniform.« Tatsächlich bestand in der westdeutschen Linken bis 1967 ein israel­freundlicher Konsens mit zum Teil stereotyper Glorifizierung von Staat und Gesellschaft Israels. Die damalige Linke – SPD, DGB, SDS und Aktion Sühnezeichen – setzte sich für die Politik der »Wiedergutmachung« ein und forderte die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit dem Staat der Opfer des Holocaust. Als dies im Jahre 1965 geschehen war und darüber hinaus zwei Jahre später Israel im von der Springer-Presse als »Blitzkrieg« gefeierten Sechs-Tage-Krieg den Sinai, den Golan und die Westbank eroberte und eine erneute palästinensische Fluchtbewegung einsetzte, wendete sich die Stimmung. Vor allem die jüngere Generation, heute bekannt als »68er«, wandte sich gegen den Philo­semitismus, wie ihn der verhasste Axel Springer vorlebte. Ihre »Vergangenheitsbewältigung« suchte sich andere Formen: Sie initiierte eine »Faschismusdebatte«, deren Ausgangspunkt zunächst die sehr persönliche Abrechnung mit der Elterngeneration und mit der Kontinuität der Eliten des Nationalsozialismus war. Doch schon bald geriet die konkrete NS-Vergangenheit in den Hintergrund zugunsten eines immer abstrakteren und synthetischeren Begriffs von »Faschismus«, als dessen hervorstechende Kennzeichen nicht der Genozid an den Juden und überhaupt die Massenverbrechen des NS-Regimes angesehen wurden, sondern etwa – in der verbreiteten Trivialform der These – das Bündnis von Monopol­kapitalismus und Diktatur zur Ausschaltung der deutschen Arbeiterbewegung. Im Zuge der großen weltpolitischen Auseinandersetzung um den Vietnamkrieg und der antikolonialen wie antiimperialistischen Bewegungen in der Dritten Welt wurde der ubiquitäre Faschismusverdacht internationalisiert. Die neuen Nazis waren nun die Amerikaner – »USA-SA-SS« hieß die schrille Parole – und die israelischen Juden. Gerade über letztere empörte sich eine humanistische Linke, die glaubte, Auschwitz sei eine Besserungsanstalt gewesen. Nun entdeckte sie – wie Walter Hollstein während seiner Nahostreise – die »Opfer der Opfer« – die Palästinenser und den »Antizionismus«. An ihnen glaubte man, die Schuld der Eltern »wieder gut machen« zu müssen.

Historisch und geographisch ist unter »Antizionismus« Verschiedenes zu verstehen. Von Herzls Zeiten bis zur Staatsgründung Israels bezeichneten sich sozialistische jüdische Parteien und Gruppen wie der »Bund« als antizionistisch, weil sie damit ihre Gegnerschaft zum jüdischen Nationalismus betonen und ihre Überzeugung zum Ausdruck bringen wollten, dass die »Judenfrage«, die in Wirklichkeit eine Antisemiten-Frage ist, nur über die Revolutionierung der gesellschaftlichen Verhältnisse zu lösen sei. (Freilich hat keine dieser Parteien ein Ereignis wie die Vernichtungspolitik antizipieren können.) In Israel selbst bedeutete Antizionismus dann die Ablehnung aller Gesetze, Maßnahmen und Institutionen, welche die arabische Bevölkerung von der gleichberechtigten Teilnahme am Gemeinwesen ausgrenzen, oder – in der jüdisch-orthodoxen Variante – die Ablehnung der Gründung des Staates Israel durch Menschenhand vor der Rückkehr des Messias. Der Antizionismus der Neuen Linken war jedoch keineswegs eine bloße Kritik am israelischen Nationalismus, ein auf Israel angewandter Anti-Nationalismus, wie immer wieder versichert wurde, um den Antisemitismusvorwurf zu entkräften. Der Antizionismus war zum einen Teil eines antiimperialistischen Weltbildes, das unterdrückte von unterdrückenden Völkern trennte und gesellschaftliche Verhältnisse oft mittels Verschwörungstheorien simplifizierte und personalisierte. Zum anderen war er eine spezifische linke Vergangenheitsbewältigung, die entweder blind und indifferent gegenüber den konkreten Opfern des Nationalsozialismus oder dreist den systemoppositionellen »Antifaschismus« ausgerechnet am »bürgerlich-faschistischen Staat Israel« auszuleben gewillt war, um zu demonstrieren, dass die Juden auch nicht besser seien, schon gar nicht als das »andere Deutschland«.

Gestützt auf Lenins Imperialismustheorie deutete die »Neue Linke« den Nahostkonflikt. Lenin hatte im Ersten Weltkrieg alle verfügbaren Argumente und Theorien von Hobson, Hilferding und Luxemburg gegen den Imperialismus amalgamiert, den Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus gedeutet und einen Selbstbedienungsladen der Schlagworte für Revolutionäre jeglicher Couleur bereitgestellt. Mit seinem Plädoyer für die geschichtslosen Nationen und das Selbstbestimmungsrecht der Nationen hatte er darüber hinaus eine Brücke zwischen Sozialismus und dem erwachenden Nationalbewusstsein der unterdrückten Völker gebaut sowie eine sozialrevolutionäre Perspektive jenseits einer bloß proletarischen Revolution eröffnet. Der SDS beschwor erstmals 1967 diesen antiimperialistischen Kampf der arabischen Völker gegen den angloamerikanischen Imperialismus. Israel bezeichnete er dabei als Handlanger und Aggressor, als »Brückenkopf des westlichen Imperialismus in Arabien«. Die Fatah geriet infolge dieses ein­dimensionalen Weltbildes immer mehr zum avantgardistischen Subjekt sozial­revolutionärer Umwälzungsprozesse in der Dritten Welt. Angelehnt an das Vietcong-Konzept propagierte die Palästina-Solidarität innerhalb der Dritte-Welt-Bewegung den »Volksbefreiungskrieg«. Auch der bewaffnete Kampf stützte sich auf einen anti­imperialistischen Antizionismus. Die Terroraktion des »Schwarzen September« während der Olympischen Spiele 1972 in München lobte die RAF als »antiimperialistisch, antifaschistisch und internationalistisch«, als einen Akt der »Menschlichkeit, die von dem Bewusstsein bestimmt ist gegen dasjenige Herrschaftssystem zu kämpfen, das als das historisch letzte System von Klassenherrschaft gleichzeitig das blutrünstigste und abgefeimteste ist, das es je gab«. Israel sei ein »faschistischer Staat«, Golda Meir sei – wie der damalige Jargon lautete – eine »Charaktermaske des faschistischen Staates«, Moshe Dayan gar der »Himmler Israels«. Israel verheize seine Sportler »wie die Nazis die Juden – Brennmaterial für die imperialistische Ausrottungspolitik«.

Die Identifikation von Zionismus und Nationalsozialismus war der perfideste Akt dieser heute als unglaublich erscheinenden Umkehrung von Tätern und Opfern. Ob hier historische Amnesie oder der Wille zur Amnestie am Werke waren, lässt sich schwer und wahrscheinlich nur anhand persönlicher politischer Biografien entscheiden. Auf der Suche nach einer politischen Identität im Land der Nazi-Väter und eingesperrt in einer manichäischen antiimperialistischen Weltanschauung versuchte sich die deutsche Linke freizustrampeln von der Nationalgeschichte, die sie angeblich, wie sie selbst unermüdlich versicherte, doch gar nicht betraf, weil sie sich mit dem antifaschistischen Widerstand identifizierte. Und doch verstrickte sie sich geradezu zwanghaft in jenen von Améry kritisierten »ehrbaren Antisemitismus«. Die antizionistische Palästina-Solidarität in den siebziger Jahren – die Hauptträger der Bewegung waren das »Sozialistische Palästina-Komitee Heidelberg«, das Palästinakomitee Bonn, das Umfeld der DKP, maoistische Gruppen und die Evangelischen Studentengemeinden – fielen nicht nur durch sprachliche Anleihen am »Vor-Auschwitz«-Antisemitismus wie »Weltzionismus« oder »jüdisches Kapital« auf. Entscheidender war die exklusive Nicht-Anerkennung des staatlichen Existenzrechts Israels – in Anlehnung an das »DDR« der Springer-Presse setzte man den jüdischen Staat in Gänsefüßchen – und die Dämonisierung des Zionismus. Israel galt schnell als Ursache sämtlicher Missstände des Nahen Ostens: »Kausal basieren alle Probleme um Israel im Anspruch des Zionismus, auf arabischen Boden einen ›Judenstaat‹ (Theodor Herzl) zu errichten«, ließ beispielsweise Hollstein in seinem revisionistischen Buch wissen. Zionismus = Rassismus war eine Formel, in der sich linke Splittergruppen in der Bundesrepublik sogar von der UN-Voll­versammlung bestätigt sehen konnten, als sei nicht jeder Nationalstaat mit seinen Inklusions- und Exklusionsmechanismen im Sinne dieser weiten Definition »rassistisch«. Israel sei weiter ein »künstliches Gebilde« – eine wahrhaft deutsche Vorstellung, die das Gegenbild des »organischen Volksstaates« voraussetzt. Nicht zufällig wurde immer wieder die These bemüht, die Juden seien im Gegensatz zu der bodenverhafteten Abstammungsgemeinschaft der Palästinenser gar kein richtiges »Volk«. Vor allem aber wurde immer wieder versucht – um das zentrale Begründungsmoment für einen jüdischen Staat, die Erfahrung der Vernichtungspolitik, zu entkräften – die Zionisten als Kollaborateure und Profiteure der Nazis hinzustellen, ja, als mit ihnen wesensverwandt. Mit einem Wort: Die Zionisten waren wie vormals die Juden die Feinde der Menschheit; Linke mussten daher nicht nur Anti-Kapitalisten oder Anti-Imperialisten sein, sondern auch Anti-Zionisten. Antizionismus war eine Frage, ja ein Lackmustest für linke Gesinnung und Identität.

In der zweiten Hälfte der achtziger Jahre erreichte die Kritik des Antizionismus – zunächst formuliert durch die deutsch-jüdischen Publizisten Henryk M. Broder und Eike Geisel – auch die Linke. Wolfgang Pohrt bezeichnete etwa die Solidarität mit der PLO als eine Parteinahme für einen »großen militanten Heimatvertriebenenverband« und als Ausdruck des Bedürfnisses, die beschädigte nationale Identität wiederherzustellen. Der antizionistische Habitus der Linken diene der psychischen Entlastung von der Haftung für die nationalsozialistische Hypothek. In Hamburg und Freiburg stritt die Szene um ein in der Hafenstraße gemaltes Wandbild, das zum Boykott israelischer Waren aufrief, und um ein Flugblatt einer antiimperialistischen Kampfgruppe, in dem völlig unbekümmert die Beseitigung des »zionistischen Staatengebildes Israel« gefordert und ansonsten locker mit Formeln wie Antizionismus = Antifaschismus hantiert wurde. Es folgte eine überaus scharfe, den Vorwurf des Antisemitismus erhebende Polemik der Freiburger Initiative Sozialistisches Forum, die allerdings nicht nur gegen die einfältigen Gemüter der Autoren des »Kampfblattes« zielte, sondern auch an die Adresse der Freiburger Nahostgruppe gerichtet war. Diese distanzierte sich zwar von den gröbsten Plattheiten der Antiimps, doch auch sie versah zu jener Zeit das Wort Israel mit den berühmten zwei kleinen Anführungszeichen. Auch die Redaktion im iz3w meldete sich in diesem Streit mit zwei grundverschiedenen Papieren zu Wort. Das eine bestand auf dem »imperialistischen Charakter des zionistischen Staatengebildes«, das zu beseitigen wäre, ohne den Juden das Recht auf Heimat streitig zu machen. Diese Warnung an die Juden, sie sollten ihren Staat beseitigen, ansonsten verspielten sie auch ihr Bleiberecht, nannte der Autor eine »andere Palästina-Solidarität«. Ansonsten bemerkte er zum nun offenen Streit in der Linken: »Dem Staate Israel kann eine solche Auseinandersetzung nur recht sein, lässt sich doch mit dem Hinweis auf den deutschen Massenmord an den Juden und der angeblichen Geistes- und Tatverwandtschaft der Neuen Linken mit den Nazis und Neonazis das Erschlagen und Erschießen, das Foltern und Quälen von palästinensischen Kindern und Jugendlichen, das Knochenbrechen, die Willkürverhaftungen, die Kollektivbestrafungen, der Landraub, der Siedlungsbau ..., wenn nicht rechtfertigen, so doch in den Hintergrund drängen und die Frage nach Solidarität vergessen.« Wer also über Antisemitismus und Vernichtungspolitik nicht schweige, spiele den Imperialisten direkt in die Hände, lautete der Verrat-Vorwurf. Dagegen bezichtigte eine konträre Position im iz3w die Antizionisten der historischen Amnesie: »Nach Auschwitz kann keinem Juden in der Welt eine Haltung verwehrt werden, die Dan Diner protozionistisch genannt hat: Die Betrachtung Israels als Rückversicherung, als potenzielles Asyl für den Fall neuer Pogrome, wo auch immer in der Welt.« Dieses erfordere keine Demutshaltung gegenüber Israel, sei aber als Bestandteil inter­nationalistischer Solidarität zu akzeptieren.

Während des Golfkriegs eskalierte der linke Streit um Israel erneut. Im Januar 1991 befand sich Deutschland im Ausnahmezustand. Die Angst vor einer weltweiten Eskalation des Krieges und vor einer ökologischen Apokalypse, aber auch ein diffuses Verlangen nach Frieden ließ eine längst tot geglaubte Friedensbewegung urplötzlich wieder erstehen. Erinnerungen an Bombennächte à la Dresden mischten sich mit pazifistischen Überzeugungen und der Kritik einer irgendwie imperia­listischen Weltordnung. »Kein Blut für Öl« – auf diese simplifizierende Parole einigten sich die Friedensbewegten mit den Linken. Diese bemühte erneut das anti­imperialistische Weltbild. Wieder hieß es »Nieder mit Imperialismus, Zionismus und Faschismus«. Die »Völker« aber sollten in zärtlicher Solidarität gegen die Herrschenden zusammenhalten, zu denen auch das angegriffene Israel gezählt wurde. Der linke grüne Bundestagsabgeordnete Christian Ströbele sah etwa die irakischen Raketenangriffe auf die mit Gasmasken ausgestattete israelische Zivilbevölkerung als logische Konsequenz der israelischen Besatzungspolitik. Nicht selten schwang in der Klage über den Krieg eine verstohlene Solidarität mit Saddam Hussein trotz aller gegenteiliger Beteuerungen mit. Jedenfalls nahm die Friedensbewegung das terroristische und aggressive Baath-Regime nicht als Bedrohung für die irakische Bevölkerung und die Region wahr.

Manche traten vom nationalistischen, antiamerikanischen und antisemitischen Einschlag der Antikriegsbewegung angewidert aus der Linken aus. Jan Philipp Reemtsma zum Beispiel räsonnierte über die Frage, wer im Golfkrieg der Gute sei: »Die Wirklichkeit macht uns kein überzeugendes Angebot, Bush oder Saddam Hussein zum ›Guten‹ zu erklären, und die Geschichtsphilosophie, mit deren Hilfe wir uns hätten überreden können, es doch zu tun, ist abhanden gekommen. Wer ist im Libanon ›der Gute‹? Wer in Peru? Wer in Serbien? Es mag der Blick auf die Weltgeschichte dem ähnlich werden, den man durch die Seiten eines Geschichts­buches auf die Kriegs- und Verwüstungszüge des Dreißigjährigen Krieges tut: Man möchte schreien, dass sie nur ein Ende mit dem machen sollen, was sie da tun, egal, wer gewinnt.« Manche befürworteten gar den Krieg. Vor allem der Herausgeber der Zeitschrift konkret, Hermann L. Gremliza, irritierte manche Genossen, als er konstatierte, mit dem Krieg gegen den Irak geschehe »aus den falschen Gründen das Richtige«. Manche Altlinke wurden schlicht hysterisch: Hans Magnus Enzensberger sah in Saddam Hussein den Wiedergänger Hitlers, und Pohrt empfahl, wenn auch womöglich in satirischer Absicht, die BILD-Zeitung zu lesen und auf Bagdad eine Atombombe zu werfen.

Wie auch immer die Positionen der linken Renegaten, Bellizisten oder Narren zu bewerten sind – es war ihre Sorge um Israel bzw. die Kaltschnäuzigkeit und Feindseligkeit der radikalen Linken gegenüber dem Staat der Juden, die ihre innerhalb der Linken dissidente Haltung begründete. Die zunächst unverstandene und angefeindete Attitüde zeigte jedoch nachhaltige Wirkung. Zum einen wurden die alten antiimperialistischen Gewissheiten in Frage gestellt. Thomas Haury stellte etwa hinsichtlich der »Logik des bundesdeutschen Antizionismus« fest: »Das antiimperialistische Weltbild macht keine Fehler, das antiimperialistische Weltbild ist der Fehler – und mehr als nur das«, es weise nämlich strukturelle Affinitäten mit dem antisemitischen Weltbild auf. Zum anderen hatte auch die Linke während der achtziger Jahre – wie die bundesdeutsche Öffentlichkeit infolge der »Holocaust«-Fernsehserie Ende der siebziger Jahre – »Auschwitz« entdeckt. Insbesondere der Historikerstreit von 1986 sowie die Debatten um den Besuch des Soldatenfriedhofs von Bitburg (auf dem sich auch Gräber von SS-Soldaten befinden) durch Bundes­kanzler Kohl und US-Präsident Reagan und der Streit um das Fassbinderstück Der Müll, die Stadt und der Tod beförderten eine Sensibilität gegenüber der gegenwärtigen Vergangenheit und insbesondere dem Antisemitismus. Innerhalb der radikalen Linken bildete sich nun, nach dem Golfkrieg, eine Strömung, die sich »antideutsch« zu nennen pflegte.

Damit standen sich innerhalb der Linken in den neunziger Jahren zwei Perspektiven gegenüber, die Gesellschaftskritik und linke systemverändernde Politik exklusiv für sich beanspruchten und auch – wie für die deutsche Linke üblich – hermetisch auf den Konflikt um Israel anwendeten. Auf der einen Seite lebte der Antiimperialismus fort. Die knallharten »Antiimps« waren dabei – analog zur Selbstauflösung der RAF – mehr eine bedrohte als eine bedrohliche Art. Populärer war die Suche nach einem »neuen Antiimperialismus«. »Imperialismus« war nun nicht mehr allein das letzte Stadium des Kapitalismus, sondern auch ein mindestens 500 Jahre altes rassistisches und patriarchales Projekt des »Weißen Mannes«. Der Palästina-Konflikt wurde dabei weiterhin durch die »Nord-Süd-Brille« betrachtet. Aus anderer Perspektive kamen Studien aus dem Umfeld des Postkolonialismus zu einem ähnlichen Ergebnis. Der nach seinem »Entdecker« Edward Said benannte »Orientalismus« ist demnach ein interessengestütztes Konstrukt, das in monologisierender Form die essentielle Andersartigkeit, oft sogar die Minderwertigkeit des Fremdkulturellen bekräftigt und daraus häufig politische Herrschaftsansprüche, mindestens aber die kulturelle Hegemonie des Westens ableitet. Der »Orient« sei erst durch den Westen erfunden und als solcher geformt worden, um ihn als »das Andere« des Westens beherrschen zu können. Er sei ein Produkt des kulturalistischen Rassismus. Auch in dieser Perspektive eines postmodern gewendeten Antiimperialismus, der den alten antiimperialistischen Täter-Opfer-Dualismus reproduziert und die Analyse ökonomischer und materieller Prozesse durch eine von sprachlich-diskursiven und kulturellen Hervorbringungen ersetzt, bleibt Israel aber vor allem ein Teil des hegemonialen Westens, der Vorposten eines globalen rassistischen Herrschaftsprojekts. Bei Said – anders als bei anderen postkolonialen Theoretikern wie Homi Babha – wurde der oftmals blinde positive Bezug des traditionellen Internationalismus bzw. Antiimperialismus auf Kategorien wie nationale Identität nicht wirklich aufgebrochen. Seine aktuellen politischen Äußerungen machen das immer wieder deutlich, aber auch schon im Orientalismus-Buch sprach er von einem »Kampf zwischen Arabern und dem israelischen Zionismus«, als würden sich hier Menschen und dort eine Ideologie gegenüberstehen. Bis heute berufen sich internationalistische Linke – vor allem die mit der islamwissenschaftlichen Zunft verbundenen wie das Zeitschriftenprojekt Inamo oder der Palmyra-Verlag –, die das »Feindbild Islam« (natürlich zu Recht) bekämpfen und sich für die Rechte der Palästinenser engagieren, auf dieses Grundlagenwerk der Kritik des rassistischen Eurozentrismus. Vom Antisemitismus in den arabischen Gesellschaften will man in diesen Kreisen allerdings wenig wissen. Israel und die USA stehen nach wie vor im Fadenkreuz der Kritik – auch nach dem 11. September hat sich hieran nichts geändert –, und in von der Islamwissenschaft gewohnter, paternalistischer Manier werden radikale, reaktionäre und terroristische Erscheinungen des Aufbegehrens gegen die westliche Dominanz heruntergespielt.

Dieser »Metropolenlinken« stand die – wie sie sich nicht ohne Stolz nannte – »antideutsche Restlinke« gegenüber. Sie interessierte, nachdem sie »Auschwitz« endlich als das zentrale Ereignis des 20. Jahrhunderts, der bürgerlichen Gesellschaft oder der deutschen Geschichte entdeckt hatte, »was deutsch ist« (Joachim Bruhn), nämlich »ein Mensch, der keine Lüge aussprechen kann, ohne sie tatsächlich zu glauben« (Adorno). Hier trafen sich zeitweilig die wertkritische Linke, die an die staaten- und klassenlose Weltgesellschaft glaubte, und andere undogmatische Linke, die »etwas Besseres als die Nation« suchten und vor allem die antisemitischen und völkischen Kontinuitäten der deutschen Gesellschaft kritisierten. Moishe Postones Nationalsozialismus und Antisemitismus (1982) wurde zum Basistext der Antideutschen, weil er programmatisch erklärt hatte, die Ausrottung des europäischen Judentums sei das entscheidende Moment des Nationalsozialismus (und nicht, wie in den siebziger Jahren behauptet, sein »faschistischer« Charakter), und weil er theoretisch den Antisemitismus als notwendig falsches Bewusstsein der kapitalistischen Gesellschaft ins Zentrum der Gesellschaftskritik gerückt und damit gezeigt hatte, warum der Deutsche seine eigene Lüge glaube. Daniel Jonah Goldhagens Hitlers willige Vollstrecker und seine These vom »eliminatorischen Antisemitismus« der Deutschen während des Nationalsozialismus verschaffte der antideutschen Position gesellschaftliche Relevanz. Nun begann auch eine längst überfällige Suche nach Antisemitismus in der Linken und in der linken Geschichte, in der Form allerdings nicht unähnlich der Selbstüberprüfung des »weißen Mannes« ob seines Rassismus und Sexismus.

Die Kritik des Antizionismus als eine linke Variante des Antisemitismus nach Auschwitz wurde mehrheitsfähig, wenn auch die »Antideutschen« selbst, die jene Kritik als erste innerhalb der Linken formuliert hatten, durch politischen Fanatismus und absurde Positionen zum eigentlichen Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern ins Abseits geraten sind. Sie deuten den Konflikt seit dem 11. September als einen zwischen »Islamfaschismus« und einem noch zu schaffenden »Kommunismus«, dessen Symbol Israel sei. Diese esoterisch anmutende Deutung hat durchaus einen guten Gedanken als Kern: Der Antisemitismus gilt als Signum des Scheiterns bürgerlicher Emanzipation, der unbefreiten kapitalistischen Gesellschaft und Israel als Metapher ihrer Überwindung. Das Problem ist, wie so oft, die konsequente und hermetische Übertragung dieser Prämisse auf einen realen und nicht nur symbolischen Konflikt zwischen zwei Nationen und zwei Nationalismen. Der Nahostkonflikt ist eben nicht auf den Antisemitismus zu reduzieren (freilich ist er auch nicht ohne ihn zu denken); weder Islamismus noch arabischer Nationalismus sind Wiedergänger des Nationalsozialismus (gleichwohl auf palästinensischer Seite die Hauptkräfte, die einer Friedenspolitik entgegenstehen); und Israel ist nicht – wie die Zeitschrift Bahamas verkündet – der »Kristallisationspunkt eines weltweiten Kampfes gegen den barbarischen Antikapitalismus« (wenn auch ein nach wie vor bedrohter und gefährdeter Staat). Das Bedürfnis nach Identifikation mittels Projektion spricht auch aus dieser linken, dem antiimperialistischen Antizionismus vermeintlich diametral entgegenstehenden Position: War früher Israel das Bollwerk des Kapitalismus und Imperialismus, so soll es heute eines des Kommunismus sein, waren die Zionisten früher das Krebsgeschwür, so sollen sie heute das Heilmittel sein. Wenn deutsche Linke über Israel reden – so darf man festhalten –, wird es immer grundsätzlich, geht es immer ums Ganze. Nuancieren und die Anerkennung verschiedener Perspektiven und Kontexte gelten als bürgerlich, pluralistisch, kompromisslerisch, und verächtlich wird der »Jargon der Differenziertheit« als angepasstes Soziologen-Gequatsche diffamiert. (Es gehört nebenbei zum unbedingten linken Ton, dass die Anti-Antisemiten die Anti-Orientalisten als antisemitisch und die Anti-Orientalisten die Anti-Antisemiten als rassistisch beschimpfen.) So bekommt der Satz »Kein Frieden um Israel« eine weitere Dimension: Normalität, Gewöhnlichkeit, Banalität wird Israel und den Juden nach wie vor verweigert – von seinen tatsächlichen Feinden wie seinen negativ deutschtümelnden Freunden.

Die hier vorgetragene Kritik an der Projektionsgeschichte der deutschen Linken im Umgang mit Israel vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte soll freilich nicht bedeuten, dass »Erinnerung« und der reale gegenwärtige Konflikt einfach zu trennen seien. Im Gegenteil: Sie thematisiert vielmehr die auch in Israel und Palästina noch immer fortbestehende Weigerung, zur Kenntnis zu nehmen, dass Israel sowohl der bis heute angefeindete Staat der Überlebenden der deutschen Vernichtungspolitik ist als auch der Staat, der die Palästinenser verdrängt, vertrieben, besiegt und unterdrückt hat. Die Vergangenheit, die negativen Gründungsmythen um Holocaust und »Nakba« (die Flucht und Vertreibung der Palästinenser im Zuge der israelischen Staatsgründung 1948) konstituieren den Konflikt noch immer. Um so wichtiger sind entweder die gegenseitige Anerkennung der Leidensgeschichte des jeweils anderen oder die ebenfalls beidseitige Bereitschaft, die Suche nach der »ursprünglichen Gewalttat« des Konfliktes als inzwischen irrelevant anzusehen, nachdem ein Berg von Gewalt, Gegen-Gewalt, Gegen-Gegen-Gewalt usw. sich aufgetürmt hat.

Für die deutsche Linke ist in diesem Konflikt weder eine erfahrungsfreie Identifikation mit dem Symbol »Israel« angebracht noch eine naive bedingungslose Solidarität mit den »wirklich« Unterdrückten, den sozial und politisch diskriminierten Palästinensern. Solidarität sollte nicht einem mit bestimmten Eigenschaften imaginierten Kollektiv gelten, sondern politischen Überzeugungen und Handlungen, die sich der Logik des Vergeltungskrieges entgegenstellen (die übrigens in der israelischen Gesellschaft weitaus stärker präsent sind als in der palästinensischen). Jenseits der Vorstellung von einem antisemitischen palästinensischen Mordkollektiv im Geiste des »Jihadismus« sollte darüber hinaus nach wie vor jedem Versuch entgegengetreten werden, den Antisemitismus kleinzureden oder ihn ursächlich auf die Besatzungs­politik und den Zionismus zurückzuführen. Der Zionismus ist umgekehrt historisch wie aktuell eine Reaktion auf den Antisemitismus, er wurde historisch durch den Holocaust bestätigt. Der palästinensische antizionistische Nationalismus ist sicherlich wie der Zionismus selbst ein sekundärer Nationalismus. Er ist ein »gereizter« Nationalismus, und zwar in doppelter Hinsicht: Er ist eine Reaktion auf den historischen europäischen Nationalismus und Imperialismus sowie aktuell auf vermeintliche wie tatsächliche Begehrlichkeiten »Amerikas« in der Region; und als reaktiver Nationalismus der Ohnmächtigen ist er voller Ressentiments. Als Gemeinschaftsideologie im Kriegszustand duldet er keine Abweichung und keinen Widerspruch: Wer gegen den Patriarchen ist, ist »unpatriotisch«. Mit seiner konkreten Konfrontation zuerst mit dem Zionismus und dann mit Israel hat er das bereits in Europa bestehende antisemitische Weltbild entschlossen in sich aufgesogen. Zweifellos haben sich die antisemitischen Stereotypen vom konkreten Nahostkonflikt abgekoppelt. Das gilt vor allem in den Ländern und Regionen, in denen die Menschen mit den Auseinandersetzungen zwischen Israel und den Palästinensern gar nicht direkt konfrontiert sind, aber mit den Palästinensern »leiden«, als ob sie unter israelischer Besatzung stünden. Auch der palästinensische soziale und politische Widerstand gegen die Besatzungspolitik Israels hat sich hier mit antisemitischen Vernichtungsphantasien und Terror verbunden. Der Nationalismus ist in der Tat die Pathologie der Region: Er konstituiert und präformiert alle Wahrnehmungen und Bewusstseinsformen ideologisch. Und doch – anders können auch Ideologien nicht überzeugen – hat er eine reale Erfahrungsgrundlage, nämlich die ungelöste nationale Frage der Palästinenser. Könnte es zu einem historischen, nachhaltigen Kompromiss zwischen Israel und den Palästinensern kommen, würden der Nationalismus – und mit ihm der Antisemitismus – nicht unbedingt verschwinden, wohl aber seine »gereizte« Form eingedämmt.

Die aus dem Antisemitismus erwachsene Bedrohung erfordert eine Solidarität mit Israel, die nicht von einer spezifischen Regierungspolitik abhängig gemacht wird. Sie sollte aber auch nicht im Zuge eines linksfundamentalistischen Ableitungs­fetischismus, nach dem »der Kapitalismus« immer, überall und vor allem unter Arabern und Deutschen den Antisemitismus gebiert, verabsolutiert und fest­geschrieben werden. Palästinenser können auch anders, vor allem, wenn sie ein zufriedenes Leben führen dürfen. Daran, dass sie es nicht können, ist allerdings nicht alleine und schon gar nicht »ursächlich« – wie Walter Hollstein 1972 zu zeigen bemüht war – »der Zionismus« schuld.

Der Antizionismus in Deutschland war kein Antinationalismus, sondern eine spezifische Form, sich mit der deutschen Vergangenheit und dem vor allem durch den Vietnamkrieg deutlich gewordenen »Imperialismus« auseinander zu setzen. Er war als antifaschistischer und antiimperialistischer Ansatz zunächst indifferent gegenüber dem Antisemitismus und hat sich allmählich zu einem linken antisemitischen Nationalismus entwickelt. Dem heutigen antideutschen Pro-Israelismus kommt das historische Verdienst zu, diesen Antizionismus als Antisemitismus bloßgestellt zu haben. Dem binären Denken des Antiimperialismus und dem projektiven Blick auf den Nahostkonflikt ist er gleichwohl auf der Suche nach der »Ursache« allen Übels und dem Objekt der bedingungslosen Identifikation treu geblieben. Die antideutsche Pro-Israel-Position interessiert sich letztendlich nicht für den realen Konflikt und seine friedliche Beilegung, sondern betrachtet ihn durch die Brille ihrer autoritär vertretenen materialistischen Gesellschaftskritik und ihrer politischen negativen Deutschtümelei. Sie verwechselt Empathie für die konkreten Opfer von Antisemitismus, die Juden und den Staat Israel, mit Identifikation mit einer Regierung, der Scharon-Regierung, die sie im militärischen Kampf gegen die barbarischen, eben »deutschen« Auswüchse von »Staat« und »Kapital« wähnt. Dass es nach wie vor »kein Frieden um Israel« in der deutschen Linken gibt, mag unter anderem mit dieser Begierde nach Letzt­begründungen und Übersichtlichkeit zusammenhängen. Der Verzicht darauf, den israelisch-palästinensischen Konflikt grundsätzlich, grundlegend und mit revolutionärer Perspektive zu betrachten, mag vielen bürgerlich erscheinen. Ich halte ihn schlicht für vernünftig und die Linken, die anderes behaupten, für vor-bürgerlich und in ihrer Kompromissfeindschaft selbst für sehr »deutsch«. Die Erkenntnis der Revolutionären Zellen bei ihrer Selbstabwicklung im Jahre 1991 ist banal, aber – vielleicht wegen ihrer Banalität – bei vielen Linken noch nicht angekommen: »Wo zwei ethnische Gemeinschaften Ansprüche auf dasselbe Stück Land erheben, gibt es keine revolutionären Lösungen.« Solange in israelischen Cafés Bomben explodieren und achtzehnjährige Israelis palästinensische Teenagern als Besatzer mit Panzern und Gummigeschossen gegenübertreten, werden Hass und Wut regieren und mit ihnen Nationalismus, Antisemitismus und Rassismus. Unter solchen Bedingungen kann man nicht rational denken und schon gar keine demokratische Gesellschaft aufbauen oder bewahren, von linken Projekten oder »sozialistischen Perspektiven« – wie sie einst Walter Hollstein vorschwebten – ganz zu schweigen.  

Aus BUKO (Hg.): radikal global. Bausteine für eine internationalistische Linke. Für die Bundeskoordination Internationalismus (BUKO) Herausgegeben von Theo Bruns, Moe Hierlmeier, Alexander Schudy und Markus Wissen. Assoziation A, Berlin/Hamburg 2003, S. 245-259.

Literatur:

Améry, Jean: Der ehrbare Antisemitismus (1969), in: ders.: Widersprüche, München 1990 (1971), S. 214-220
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