Home  Wir über uns  Aktuelle Ausgabe  Leseproben  Archiv  Solidarität  Notizen  Termine  TV/Radio  Links   Bestellungen


Die Politik des Verschleierns
Das „Thema Argentinien“ auf der Aktionärsversammlung von DaimlerChrysler
 von Gaby Weber

Im Juni ist im Verlag Assoziation A das von der ila, dem Republikanischen Anwältinnen- 
und Anwälteverein (RAV) und dem Labournet Germany herausgegebene Buch „Die Verschwundenen von
Mercedes-Benz“ erschienen. In dem Buch untersucht Gaby Weber die Rolle und die Politik von Mercedes-Benz während der Militärdiktatur in Argentinien. Vor allem geht es um das „Verschwinden“ und die Ermordung von 14 unabhängigen Betriebsräten der argentinischen Niederlassung des Konzerns durch die Repressionskräfte. Gaby Weber hat recherchiert, wie die Gewerkschafter ins Visier der Todeskommandos des Militärs gerieten und welche Rolle das Mercedes-Management dabei spielte. Kurz vor Drucklegung des Buchs ergänzte die Autorin noch ein kurzes Kapitel zur diesjährigen Aktionärsversammlung von DaimlerChrysler am 11. April in Berlin, auf der sie zusammen mit den Kritischen AktionärInnen den Konzern-Vorstand mit ihren Recherchen konfrontierte.

Das „Thema Argentinien“ war schon bei der Hauptversammlung im April 2000 zur Sprache gekommen, als Henry Mathews von den „Kritischen Aktionären“ die Strafanzeige des Republikanischen Anwaltsvereins wegen Beihilfe zum Mord erwähnte. Damals behauptete der Daimler-Chef Jürgen Schrempp seinen Shareholdern gegenüber, dass die Staatsanwaltschaft Stuttgart die Ermittlungen eingestellt habe. Punkt und Schluss.Das war mehr als irreführend, es war schlicht die Unwahrheit. Denn Schrempp wusste zu jenem Zeitpunkt sehr wohl, dass die Staatsanwaltschaft Stuttgart zwar die Ermittlungen gegen das Mutterhaus eingestellt, aber das Verfahren nach Berlin zurückgegeben hatte. Das Verfahren lief. Aber Henry Mathews kannte den genauen Stand nicht und konnte deshalb nicht kontern.
 
Bei der Aktionärsversammlung am 11. April 2001 sollte sich Schrempp nicht so leicht aus der argentinischen Schlinge ziehen können. Ich traf mich mit den »Kritischen Aktionären« schon um acht Uhr morgens, zwei Stunden vor Eröffnung im ICC. Wer seine Fragen zuerst einreicht, hat gute Chancen, noch am Vormittag, vor dem Redaktionsschluss der Tageszeitungen, reden zu dürfen. Doch, so wurde ich vorgewarnt, Versammlungsleiter Kopper lässt die „Kritischen Aktionäre“ immer erst spät zu Wort kommen und auch mein Name dürfte ihm bekannt sein. Es war die erste Aktionärsversammlung, die ich besucht habe. Und so hatte ich mir das wirklich nicht vorgestellt. Das Internationale Congress Centrum quoll fast über. Fast 12 000 AktionärInnen waren erschienen. Es gab umsonst belegte Brötchen, Würstchen und alkoholfreies Bier und ein Hauch von Macht (wegen der Würstchen und dem Bier – d. Säz.) schwebte über dem ICC.

Normalerweise fallen die Abstimmungsergebnisse wie früher die Wahlen in der DDR aus: Es wird Einheit mit 99 Prozent der Stimmen erzielt. Von den 12 000 Erschienenen sind nur zwanzig wichtig, weil sie Stimmpakete besitzen: Banken, Fondsgesellschaften, Versicherungen. Die haben vorher mit dem Vorstand und dem Aufsichtsrat alle wichtigen Punkte abgeklärt und lassen dann nur noch die Versammlung über sich ergehen. Auch wir – die Kritischen Aktionäre und ich – sitzen dort vorne, als StimmrechtsvertreterInnen, zwischen den Banken. Doch im April 2001 war die Stimmung aufgeladen. Der Konzern befindet sich in der Krise, „feindliche Übernahme“ wurde schon gemunkelt und Schrempps Stuhl wackelt. Der Aktienkurs ist um fast die Hälfte gefallen und die Shareholder fühlen sich zu Recht enteignet. Und aus den USA braut sich ein Unwetter zusammen, das den Kurs noch einmal zu drücken droht:

Vor einem halben Jahr haben Kirk Kerkorian und seine Firma Tracinda vor einem Gericht in Delaware DaimlerChrysler und Jürgen Schrempp auf Schadenersatz wegen Irreführung der AktionärInnen verklagt. Der US-Finanzier ist nach der Deutschen Bank (12,9 Prozent) und Kuwait (7 Prozent) drittgrößter Anteilseigner (2,3 Prozent). Vor der Fusion war er größter Aktionär von Chrysler gewesen. Er habe, so steht in seiner Klage, nur aufgrund des ausdrücklichen Versprechens Schrempps, dass der Zusammenschluss der beiden Unternehmen eine „Fusion von Gleichen“ sein würde, dafür gestimmt. Es habe sich aber um keine Fusion, sondern um eine „feindliche Übernahme“ gehandelt, wie Schrempp später in einem Interview mit der Financial Times ausgeplappert hatte. Kerkorian fordert insgesamt neun Milliarden Dollar, zwei Milliarden für den direkten Schaden der Fusion, eine Milliarde für Verluste wegen des Kurssturzes der DaimlerChrysler-Aktie und sechs Milliarden als Strafe für die Irreführung der Shareholder. Seine Firma Tracinda will die Fusion rückgängig machen. Doch der Fall Kerkorian/Tracinda kam bei der Aktionärsversammlung nur am Rande zur Sprache. Die KleinaktionärInnen kennen ihn kaum, da sich die bundesdeutsche Presse mit Informationen zurückgehalten hat.

Um 15 Uhr kommen die „Kritischen Aktionäre“ dran. Holger Rothbauer fordert die Nicht-Entlastung des Vorstandes und des Aufsichtsrates. Er begründet das mit dem „Fall Argentinien“. Ich bin nach ihm dran und erkläre den Fall. Und plötzlich, so erzählen mir hinterher die „Kritischen“, wird es ganz ruhig im Saal. Ich stelle mich vor. Ich spreche hier nicht als Aktionärin, sondern als Journalistin, die von der Presseabteilung keine Antworten auf ihre Fragen erhält. An dieser Stelle hätte mich Hilmar Kopper abwürgen können, denn JournalistInnen besitzen kein Rederecht auf Hauptversammlungen. Er tat es aber nicht. So konnte ich in der schon auf fünf Minuten begrenzten Redezeit über die Ergebnisse meiner Recherche berichten: 
– wie sich Mercedes-Manager an der Entführung ihres Kollegen Heinrich Metz vermutlich bereichert und damit ihre Dividende geschmälert hatten
– wie der Kindesräuber und Folterer Rubén Lavallén Werkschutzchef in González Catán wurde
– wie mindestens vierzehn Betriebsräte nachts aus ihren Wohnungen verschleppt, gefoltert und ermordet wurden
– und wie, nach Aussage von Héctor Ratto, Produktionschef Juan Tasselkraut an zwei Polizisten die Adresse eines Arbeiters übergeben hatte, der in der gleichen Nacht verschleppt wurde und von dem bis heute jede Spur fehlt.
Die konsularischen Zeugenaussagen in der Deutschen Botschaft hatte ich in der Hand. 
Am Schluss forderte ich Jürgen Schrempp auf, sich im Namen von DaimlerChrysler beim argentinischen Volk zu entschuldigen.

Die Runde ging zu Ende, Schrempp musste antworten. Viel hatte er nicht zu sagen, er wird längst wissen, dass die Vorwürfe stimmen. Man werde mit der Justiz zusammenarbeiten, versicherte er, und wies darauf hin, dass ihm eine Aussage von Héctor Ratto vorliege, in der Tasselkraut entlastet werde. Hilmar Kopper ergriff das Wort und versicherte, dass DaimlerChrysler sich bemühe, die Menschenrechtsstandards für Großunternehmen zu respektieren. Er wirkte fast zerknirscht.

Falsche Auskunft vom Daimler-Chef

Dem Vorstand und dem Aufsichtsratsvorsitzenden war sicher bekannt, dass sich das Stuttgarter Unternehmen einen Monat später mit VertreterInnen von Amnesty International und den „Kritischen Aktionären“ treffen würde. Dabei geht es um die Begutachtung des Konzerns nach den ethischen Kriterien und der „Fall Argentinien“ steht einer akzeptablen Note im Weg.

Ich verließ den Saal und rief Héctor Ratto an seinem Arbeitsplatz an. Er bestätigte noch einmal seine Aussage: Tasselkraut hat den Polizisten die Adresse von Diego Núñez übermittelt. Kein Zweifel. Ich meldete mich erneut zu Wort. Um zwanzig Uhr durfte ich ans Mikrofon. Mit knappen Worten teilte ich mit, was mir Ratto am Telefon gesagt hatte, und bat den Vorstand, die Politik des Verschleierns aufzugeben. Die Presseabteilung erteilt in der Sache keine Auskünfte, und Firmenmitarbeiter, die mir unvorsichtigerweise Interviews gegeben haben, werden getadelt und zum Schweigen verdonnert. Selbst der entführte Heinrich Metz darf nicht reden. Ich forderte Schrempp erneut auf, sich zu entschuldigen. Aber damit ist wohl bei DaimlerChrysler nicht zu rechnen. Wer über so viel Macht verfügt, erachtet dies wohl für unnötig.

Auf jeden Fall war verhindert worden, dass der „Fall Argentinien“ auf der Hauptversammlung mit dem Mantel des Schweigens zugedeckt wurde. Um 23 Uhr – nach der Behebung eines mysteriösen Fehlers der Auszählungsanlage – wurde das Abstimmungsergebnis bekannt gegeben: 94 Prozent stimmten für die Entlastung des Vorstandes, 88 Prozent für den Aufsichtsrat. Die Machtverhältnisse waren wiederhergestellt. u

Der Text ist dem Buch „Die Verschwundenen von Mercedes-Benz“ entnommen s.u.. 

Die Verschwundenen  von Mercedes-Benz  Hrsg.: Informationsstelle Lateinamerika (ila) , Republikanische Anwältinnen u. Anwälte Verein (RAV) und Labournet. Verlag Assoziation A,  Juni 2001, 128 S.,  DM 19.80,   ISBN 3-922611-92-3   Hier klicken ! Bestellen!

 Zurück