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KLIMA
Editorial
ila 332 Februar 2010
Auf dem Kopenhagener Klimagipfel im vergangenen Dezember wurde der bolivianische Präsident Evo Morales von der Journalistin Amy Goodman gefragt, ob er es für eine Katastrophe halte, dass es bei den zu dem Zeitpunkt noch nicht abgeschlossenen UN-Verhandlungen über ein Folgeabkommen des Kyoto-Protokolls voraussichtlich zu „keinem Deal“ kommen werde. Nein, lautete seine knappe Antwort, die Verhandlungen seien sowieso Zeitverschwendung. Zynismus war das nicht, auch nicht Indifferenz gegenüber den Folgen des Klimawandels. Schließlich sind die Auswirkungen der Erderwärmung schon heute in verschiedenen lateinamerikanischen Ländern zu spüren, und dabei ist Lateinamerika die Region, die nach Afrika am wenigsten Treibhausgase ausstößt. Die Antwort des bolivianischen Staatsoberhauptes spiegelte vielmehr eine realistische Einschätzung der Situation wider. So wie sich der UN-Klimaprozess in diesen Tagen im Dezember entwickelte, hat er sich durch sein Scheitern selbst delegitimiert. Und das 1997 verabschiedete Kyoto-Protokoll enthält ja letztlich nur politische Regeln für das wirtschaftliche Management einer vom Kapitalismus verursachten Krise. Die wahren Herausforderungen der Klimakrise – den Verbrauch von fossilen Energieträgern drastisch einzuschränken, erneuerbare Energien massiv auszudehnen und neue Konzepte für Mobilität und Lebenswandel zu entwickeln – standen von Vorneherein nicht auf der Tagesordnung.
Nachdem dann tatsächlich auch kein Abkommen verabschiedet wurde, in dem sich die Hauptklimasünder zu substantiellen CO2-Einsparungen verpflichten, hat Evo Morales nun folgerichtig für April 2010 zu einem alternativen Klimagipfel in Cochabamba eingeladen, zur Conferencia Mundial de los Pueblos sobre el Cambio Climático y los Derechos de la Madre Tierra. Dort sollen u.a. Vorschläge für neue Verpflichtungen im Rahmen des Kyoto-Protokolls gesammelt werden (womit sich interessanterweise auf den UN-Prozess bezogen wird), eine „Allgemeine Erklärung der Rechte der Mutter Erde“ diskutiert und verabschiedet werden, ein weltweites Referendum zum Klimawandel eingeleitet sowie ein Aktionsplan für die Errichtung eines Tribunals für Klimagerechtigkeit entworfen werden.
Passend zum Nullergebniss war das harte Vorgehen der dänischen Polizei. Ihr willkürliches Wüten erschwerte die geplanten Protestaktionen unterschiedlichster Couleur. Anfang Februar 2010 befanden sich noch mehr als 15 KlimaprotestlerInnen in dänischer Untersuchungshaft. Ob die Erwartung der norddeutschen Gruppe „Avanti“, dass „die Bitternis sich jetzt eigentlich nur in Frustration oder Rebellion wandeln“ kann, erfüllen wird, bleibt abzuwarten. Sie jedenfalls denken: „Der Tisch für eine Radikalisierung der lokalen Kämpfe ist gedeckt.“
Keine Frage, das Klima verändert sich! Betrachten wir aber lange Zeitreihen, so stellen wir fest: Es hat sich immer schon gewandelt. Wo aber liegt dann das Problem? Die Erwärmung der Meere kann z.B. dazu führen, dass sich einige Pflanzen und Organismen besser ausbreiten als andere, Ökosysteme können dadurch verschwinden. Die Ozeane haben im Bezug auf das Klima aber noch eine weitere Funktion: Sie dienen als große Senken für CO2; bei steigenden Wassertemperaturen können sie nicht mehr so viel speichern. Durch diese Rückkopplung verstärkt sich der Wandel. Von diesen verstärkenden Mechanismen gibt es noch einige mehr: die Methangas freisetzenden Permafrostböden oder die bisher Sonnenlicht reflektierenden Eisschichten an den beiden Polen sind da nur die spektakulärsten Beispiele.
Das Thema ist also höchst komplex und die sogenannte „Staatengemeinschaft“ ist der letzte Akteur, auf den man sich verlassen könnte. Grund genug für die ila, die Klimaveränderungen und ihre Folgen in Lateinamerika genauer anzuschauen und zu fragen, wer die TrägerInnen des Wandels hin zur Klimagerechtigkeit sein könnten. Die Stimmen aus dem Süden waren in Kopenhagen schon besonders laut. Das zumindest freut uns.
Inhalt
Klima
4 Träge, aber gewaltig
Auswirkungen des Klimawandels auf Lateinamerika
/ von Irene Knoke
8 Die offenen Adern bluten immer noch
Der Klimawandel und die Linksregierungen Lateinamerikas
/ von Eduardo Tamayo G.
10 Die Debatte um das Öl im Yasuni-Nationalpark und die Umweltpolitik in Ecuador
/ von Frank Braßel
11 Spekulationsobjekte erster Güte
Der Handel mit Emissionszertifikaten
/ von Martin Bauhof
13 Keine Bewegung über den Wassergraben
Proteste und Polizeigewalt in Kopenhagen
/ von Oliver Powalla
16 Wir brauchen mehr Karawanen!
50 AktivistInnen aus dem Süden auf Tour durch Europa
/ von Friederike Habermann
18 Wir sind ein Teil der Lösung
Interview mit Giuseppe Villaluz von der Klimakarawane
/ von Laura Held
19 Hört auf mit der Ausbeutung der Erde!
Interview mit Leonor Vilora / von der Klimakarawane
/ von Laura Held
21 Nichts weiter als grüne Rhetorik
Der Auftritt Kolumbiens bei der UN-Klimakonferenz
/ von Tatiana Roa
23 Die Schrecken der Kohle
Kolumbianischer Gemeindeführer nach Europareise bedroht
/ von Bettina Reis
24 Ein weiter Weg von der Mine zum Kraftwerk
Umwelt- und Klimaschäden beim Transport von Kohle aus Übersee / von Heidi Wienand
25 Noch mehr Ungerechtigkeit
Auswirkungen des Klimawandels bei Indígenas in Panama /
von Laura Scheffler
27 Wir könnten das Saudi-Arabien grüner Energie sein
Brasiliens Wege in die Energiezukunft sind kaum nachhaltig /
von Tina Kleiber und Christian Russau
30 Nichts bleibt uns erspart
Interview mit der salvadorianischen Klimaexpertin Yvette Aguilar / von Javier Rivera
32 Ambitioniert ambivalent
Mexikos Positionen und Debatten zum Klimawandel
/ von Ingrid Spiller und Jorge Villareal
35 Leichtbau oder Beton?
Lokales Wissen und der Umgang mit Naturphänomenen
/ von Anna Theißen
37 Nach dem Scheitern des Kopenhagener Klimagipfels
Der Weg zu einer Naturrechte-Erklärung
/ von Norma Aguilar Alvarado
Berichte & Hintergründe
39 Wo
sollen wir denn hin?
Port-au-Prince nach dem Erdbeben
/ von Hans-Ulrich Dillmann
42 Herbeigeführtes Chaos
Wie eine militärische Invasion in Haiti gerechtfertigt wird
/ von José Luis Vivas
45 Ein Aktivist aus Honduras
Portrait des Gewerkschaftsführers und zurückgetretenen Präsidentschaftskandidaten Carlos H. Reyes
/ von Eduard Fritsch
48 Armut in Honduras
Ein kurzer Blick auf die soziale Lage in dem mittelamerikanischen Land
/ von Christian Beck
50 Das Original hat gesiegt
Wahlen in Chile
/ von Atilio A. Borón
52 Wahlgeschenke
An der Börse versilbert Sebastian Piñera seinen Wahlsieg
/ von Laura Held
53 Gegen die Zerstörung Amazoniens
Der Kampf der Ordensschwester Brunhilde Henneberger gegen den Bauxitkonzern ALCOA
/ von Alexander von Papp
Kulturszene
55 Einer von zweihunderttausend
Abschied von dem haitianischen Schriftsteller Georges Anglade
/ von Gert Eisenbürger
57 Zwei Bettler im Paradies
Eine Erzählung von Georges Anglade
Ländernachrichten/Poonal
58 Brasilien, Peru, Mexiko, El Salvador, Deutschland, Guatemala
Solidaritätsbewegung
61 Eigentlich fühle ich mich hier wohl
Alltagsrassismus in Deutschland. Buchbesprechung
/ von Sigrid Becker-Wirth
63 Who cares?
Spannender Schwerpunkt der feministischen Zeitschrift Olympe
/ von Gaby Küppers
63 Notizen aus der Bewegung, Impressum
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