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Brasiliens Neutralität auf dem
Prüfstand ?
Reaktion auf den Anschlag vom 11. September 2001 Seit dem
11.September verändert sich auch in Brasilien die politische Debatte. Im
Mittelpunkt stehen das Entsetzen über die Attentate und mögliche
Reaktionen der USA. Alle politischen Parteien und sozialen Bewegungen haben
die Anschläge sofort scharf verurteilt. Ob Cardoso, Lula oder Stedile, der
Koordinator der Landlosenbewegung, bis in Künstlerkreise hinein ist man
sich einig. Präsident Cardoso begnügte sich nicht mit einer Verurteilung
der Geschehnisse, sondern lud noch am 11.09. die Presse ein, ihn bei der
Beobachtung der Fernsehübertragung zu fotografieren und seine Kommentare
über eine feiernde Palästinensergruppe aufzunehmen.
Zwei Tage später gab Außenminister Celso Lafer bekannt, dass man das
Inkrafttreten des TIAR (Interamerikanischen Beistandspakt) beantragen werde.
Der TIAR ist ein strategischer Vertrag, der 1947 zur "Abwehr des
Kommunismus" ins Leben gerufen wurde und vorsieht, dass alle Mitglieder
der OAS (Organisation amerikanischer Staaten) im Falle einer Aggression dem
bedrohten (amerikanischen) Land beistehen müssen. Auf der Versammlung der
OAS am 19.09.01 wurde der Bündnisfall festgestellt, für den Außenminister
eine Bestätigung der Führungsrolle der brasilianischen Regierung.
Der Ton konservativer Zeitungen, die anfangs die Regierungspolitik
weitgehend befürworteten, wurde nach einigen Tagen zurückhaltender,
vermutlich auch beeinflusst durch Umfrageergebnisse (siehe unten). Auch
Cardoso wurde vorsichtiger: Bei seinem Kondolenzbesuch in der US-Botschaft
sprach er von einem "besonderen Kriegsfall, der sich nicht gegen ein
Volk, eine Religion oder –zumindest bislang nicht- gegen einen Staat"
richte. Gleichzeitig sichert er aber immer wieder den USA seine volle
Unterstützung zu – dies verdeutlicht den Zwiespalt, in dem er sich
befindet.
Am Rande sei bemerkt, dass ein Bruder Bin Ladens in Saudi Arabien
brasilianischer Honorarkonsul ist und die Regierung Cardoso bestätigte,
dass es derzeit keinen Anlass gebe, ihn abzusetzen. Befürchtet wird der
Verlust der brasilianischen Neutralität – auch deshalb berichten die
Medien ausführlich über den zwei Wochen nach den Anschlägen angelaufenen
Einsatz des FBI im Drei-Länder-Dreieck Brasilien, Paraguay und Argentinien.
Die US-amerikanischen Agenten nahmen mehrere der Geldwäsche verdächtigte
Personen fest und rechtfertigten ihren Einsatz damit, dass es
terroristische Zellen in dem Gebiet gebe (Folha, 28.09.01). Auch in Bezug
auf den "Plan Colombia" kann die Politik der Nichteinmischung
Brasiliens auf dem Spiel stehen (Globo, 26.09.01). Die USA stuften drei
kolumbianische Gruppen als terroristisch ein und planen einen breiten
Feldzug mit voller Unterstützung ihrer Verbündeten – Brasilien
befürchtet, dass die USA direkte Unterstützung erwarten.
Fest steht, dass die brasilianische Initiative in der OAS das Land stärker
an die USA bindet als alle anderen Maßnahmen der letzten Jahre. Seit dem
Grenzkrieg mit Nachbarländern 1875 fand auf brasilianischem Boden kein
Krieg mehr statt. In internationalen Gremien und Foren sprach sich Brasilien
stets gegen kriegerische Maßnahmen aus und vermittelte z.T. auch bei
Konflikten wie beispielsweise in den ehemaligen portugiesischen Kolonien in
Afrika. Die Entscheidung der Militärregierung in den 70ern, die
"besonderen Beziehungen" zu den USA aufzuweichen und auch eine
Annäherung an Europa und die Nicht-Alliierten zu suchen, verstärkte diese
neutrale, oft pazifistische Tradition der Brasilianer. Im Unterschied zur
neueren Politik der Regierung ist die Bevölkerung in ihrer Ablehnung
jeglicher kriegerischer Handlungen nach wie vor eindeutig: Nach einer
repräsentativen Umfrage von datafolha, die am 23.09.01 veröffentlicht
wurde, sind 79% der Brasilianer (Frauen 85% und Männer 73%) gegen einen
Angriff der USA auf das Land, das die Verantwortlichen für die Attentate
beherbergt. 74% sprechen sich für eine Festnahme und Übergabe an ein
Gericht aus, nur 10% für einen wirtschaftlichen Boykott als politischem
Druckmittel.
Die sozialen Bewegungen und Nichtregierungsorganisationen (NRO), die sich
anfangs nur zaghaft zu Wort meldeten, wurden mittlerweile aktiv. Die erste
Demonstration gegen die Attentate und gegen militärische Gegenangriffe
wurde vom MST (Bewegung der Landlosen) vor der US-Botschaft durchgeführt,
es folgten weitere auf Initiative der Kirchen und etlicher NRO in den
großen Städten im Süden Brasiliens. Am 30.09. begann eine Veranstaltung
des nationalen Komitees des Weltsozialforums mit dem Titel "Eine Welt
ohne Kriege ist möglich", in Anlehnung an das Motto des
Weltsozialforums "Eine andere Welt ist möglich". Nach dem
zunächst der Schock über die Attentate alle Gefühle dominierte, kommen
mehr oder minder latente anti-us-amerikanische Gefühle der Bevölkerung
wieder deutlicher an die Oberfläche. Offensiv vorgetragene Forderungen der
USA, dass sie derzeit von Lateinamerika mehr als Rhetorik erwarten,
verstärken die Ablehnung einer in Lateinamerika immer wieder als arrogant,
selbstgerecht und interventionistisch erlebten Machtpolitik der USA.
Wirtschaftlich treffen die Attentate und die Reaktionen darauf Brasilien
schwer. Schon vor den Anschlägen waren die Exporte insgesamt
zurückgegangen, es bahnte sich eine Währungskrise an – diese Gefahren
haben sich nun verstärkt.
Auch droht ein deutlicher Rückgang der in den letzten Monaten rasant
gestiegenen Exporte in den Nahen Osten (Verdoppelung in den ersten sieben
Monaten im Vergleich zum Vorjahr), auf die zum Ausgleich des
Außenhandelsdefizit gesetzt wurde. Es existiert allerdings die
einigermaßen zynische "Hoffnung" auf Rückkehr zur
herausgehobenen Rolle, die Brasilien bis vor ein paar Jahren als wichtiger
Rüstungsexporteur in den Nahen und Mittleren Osten spielte. Der Real fiel
in den ersten beiden Wochen nach dem Attentat von 2,66 auf 2,84 Real pro
Dollar. Sollte die Tendenz anhalten, werden die geringen Reserven der
Regierung eine Abwertungsspirale nicht aufhalten können. Experten
befürchten bereits, dass neue Verhandlungen mit dem IWF über weitere
Kredite folgen. Laut IWF (27.09.01) wurde die Wachstumsprognose von
ursprünglich 4,5% auf 2,2% reduziert. In den USA beträgt der erwartete
Rückgang laut IWF nur 0,2%.
Gleichzeitig analysieren die Zeitungen, dass Lateinamerika in Zukunft für
die USA irrelevant werden könnte, was angesichts der bedrohlichen
Wirtschaftslage, auch im Nachbarland Argentinien, auf Unverständnis
stößt. Auch die Zukunft der ALCA, der geplanten gesamtamerikanischen
Freihandelszone, erscheint jetzt ungewiss. Ob angesichts der im Herbst 2002
in Brasilien anstehenden Präsidentenwahlen die sozialen Bewegungen und die
Linke unter stärkeren Druck geraten werden, bleibt abzuwarten.
Anti-arabische Ressentiments scheinen zu wachsen, wie einigen Reaktionen der
arabischen Bevölkerungsgruppen zu entnehmen ist. Keiner weiss bislang,
welche mittel- und langfristigen Konsequenzen die Ereignisse vom 11.09.01
für Brasilien haben werden. Es ist noch zu früh, über den Einfluß von
neuen geo-politischen Konstellationen, die sich ergeben können, zu
spekulieren.
Karin Urschel, Rio de Janeiro 29.09.01
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